Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst

- aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.
Elias Canetti (1905 - 1994)


"Sittin' By The Fireplace"

Schmöker für lange Winterabende

Aus England und den Vereinigten Staaten kennen wir die "coffee table books", großformatige und teure Bildbände, die auf einem kleinen Tisch (dem coffee table) neben dem Sofa liegen, um Gäste zu unterhalten.

Oder um anzugeben, wie manche Leute behaupten.

 

Die von mir so benannten "fireplace books" (Kaminbücher) sind da harmloser: meist dicke und fantasievolle Schmöker, die man an langen Winterabenden genießen sollte. Möglichst am prasselnden Kamin und bei einem Getränk seiner Wahl.

Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

 

Eigentlich will Harold Fry nur einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und aus der Stadt hinaus und immer weiter. 87 Tage, 1000 Kilometer, vom Süden Englands bis an die schottische Grenze.

 

Die Geschichte erinnert an den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg". Wer diesen Roman mit viel Spaß gelesen hat und hier etwas Ähnliches erwartet, der wird jedoch enttäuscht:

skurril wird die Geschichte nur für kurze Zeit und erst ab Seite 259 ('Harold und der Mitläufer'); bis dahin schleppt sie sich recht ereignislos dahin.

Und wer aufgrund der England-Karte mit der eingezeichneten Strecke darauf hoffte, etwas über die durchwanderte englische Landschaft zu erfahren, der hofft auch vergebens.

 

Wer sich aber mit Harold auf das Abenteuer "der Weg ist das Ziel" einlassen will, dem hat das Buch einiges zu erzählen: über Geheimnisse, besondere Momente und zufällige Begegnungen, die uns von Grund auf verändern können.

 

Schade nur, dass die Sprache bzw. Übersetzung oft ärgerlich nachlässig ist:

"er schüttelte tragisch den Kopf", "der Kirchturm schlug drei Uhr" …

Isabel Coe: La Dolce Vita

"Death by Chocolate" wäre auch ein guter Titel für dieses Taschenbuch gewesen, denn was da an mehr als 50 schokoladigen Rezepten angeboten wird – von der Schokolade-Mandel-Torte über Grandmas geheimen Schokoladenstrudel bis hin zu Schokoladen- und Pistazien-Biscotti, zu Semifreddo mit Halbbitterschokolade, Nüssen und Honig und zu Safran-Mendiants mit zerstoßenem Pfeffer und essbarem Blattgold – das sind viele "tödliche" essbare Abenteuer, kalorienhaltig, aber leicht nachzumachen.

 

Dabei geht es in dem Buch nicht vorrangig um die Rezepte, sondern um die Kindheitserinnerungen der Autorin, die geprägt sind von den Koch- und Backkünsten ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter – und von ihrer aller Hingabe an die Schokolade. Vier Generationen von bemerkenswerten Frauen, die das stürmische Schicksal von Isabel Coes Großfamilie prägten, und denen sie in dieser bewegenden Familiengeschichte ein Denkmal setzt.

 

Dafür öffnet sie auch ihr Fotoalbum und vor allem ihre reich gefüllte Schatzkiste sorgsam gehüteter Familienrezepte rund um die Schokolade, die in guten wie in schweren Zeiten stets Genuss und Trost schenkte …

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Allan Karlsson wird hundert Jahre alt. Eigentlich ein Grund zum feiern, aber er steigt kurzerhand aus dem Fenster des Altersheims und verschwindet - und schon bald steht das ganze Land wegen seiner Flucht auf dem Kopf.
Ein herrlich komischer "road movie" und zugleich die irrwitzige Lebensgeschichte eines Mannes, der sich zwar nicht für Politik interessiert, in den letzten hundert Jahren aber trotzdem immer in die großen historischen Ereignisse verwickelt war.
Der wunderbar verrückte Roman war ein großer Überraschungserfolg in Schweden und das beliebteste Buch des Jahres. Ein skurriles Lesevergnügen nach dem Motto: "Forrest Gump meets Monty Python".

Walter Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

Ein Blaubär, wie ihn keiner kennt, entführt die Leser in eine Welt, in der die Phantasie und der Humor abenteuerlich außer Kontrolle geraten sind: den Kontinent Zamonien, wo die Intelligenz eine übertragbare Krankheit ist und die Sandstürme viereckig sind, wo hinter jeder Idylle eine tödliche Gefahr lauert und all jene Wesen hausen, die aus unserem alltäglichen Leben verbannt sind. In 13 ½ Lebensabschnitten kämpft sich der Held durch ein märchenhaftes Reich, in dem alles möglich ist – nur nicht die Langeweile.

702 Seiten Seemannsgarn vom Feinsten.

Nicolas Dickner: Nikolski

Der kanadische Autor Nicolas Dickner (geb. 1972) ist „ein Freak, der Landkarten, Nachschlagewerke und mathematische Formeln liebt“. Anstatt aber Wissenschaftler zu werden, steckte er all sein Nerdwissen über Archäologie, über indianische Geschichte, Fischkunde und antiquarische Bücher in seinen Debütroman:

 

In verschiedenen Winkeln Kanadas wachsen drei Jugendliche auf, die ein und derselben Familie angehören. Als ihre Lebensträume sie nach Montreal verschlagen, kreuzen sich ihre Wege, doch davon ahnen sie nichts. Was sie allerdings verbindet, ist ein Kompass, der nicht nach Norden weist, sondern stur auf den winzigen, auf den Aleuten gelegenen Ort Nikolski, ein Dorf mit 36 Einwohnern und 5000 Schafen ...

 

„Nikolski“ (Copyright der Originalausgabe 2005) war einer der größten Bestsellererfolge Kanadas und gilt heute als Klassiker der neueren kanadischen Literatur. Der Roman, der mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurde, bietet mit seinen vielen skurrilen Begebenheiten einen unkonventionellen Lesegenuss. Unbedingt lesenswert!

Jostein Gaarder: Sofies Welt

Bereits 1991 erschienen „Sofies Welt“. In dem als Jugendbuch deklarierten Roman geht es um die Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Es geht um zwei ungleiche Mädchen, um einen geheimnisvollen Briefeschreiber und um das Abenteuer des Denkens und die großen Fragen der Menschheit.

Dazu die Amazon.de-Redaktion: „Viele Leser werden den fetten Schmöker erst dann aus der Hand legen, wenn sie Sofies Welt erkundet haben.“

 

Für mich eine der schönsten Aussagen in dem Buch:

„Man kann nicht erleben, dass man existiert, ohne auch zu erleben, dass man sterben muss …

Und es ist genauso unmöglich, darüber nachzudenken, dass man sterben muss, ohne zugleich daran zu denken, wie fantastisch das Leben ist.“

Catherine Clément: Theos Reise

Ging es in „Sofies Welt“ um Philosophie, so geht es in „Theos Reise“ aus dem Jahr 1998 um die Religionen der Welt.

Der vierzehnjährige Theo wird von seiner reichen und etwas schrägen Tante Marthe zu einer Weltreise eingeladen, die ihn zu den Entstehungs- und Wirkungsstätten der Weltreligionen führt, unter anderem nach Jerusalem und Kairo, nach Rom, Delhi, Jakarta und New York. Überall trifft Theo auf kundige Führer, die ihm die Religionen erklären und auf seine kritischen und oftmals altklugen Fragen antworten.

Nicht ganz so stimmig wie „Sofies Welt“ und an manchen Stellen recht langatmig, insgesamt aber eine Möglichkeit für den Leser, mit Theo in die Welt des Judentums einzutauchen, in die des Christentums, des Islam, des Buddhismus, Konfuzianismus, Schamanismus und andere mehr.

Elizabeth Gilbert: Eat - Pray - Love

Sowohl beim Buch als auch bei der Verfilmung mit Julia Roberts scheiden sich die Geister: entweder Frau findet’s ziemlich dämlich (Mann meist sowieso!) oder arg gut. In dem preisgekrönten (?), internationalen Bestseller geht es um den Selbsterfahrungstrip einer Frau Anfang 30. Essen, Beten, Lieben …das braucht der Mensch zum Glücklichsein. Und so beschließt die New Yorkerin Elizabeth nach der Trennung von ihrem Mann und nach vielen tränenreichen Nächten, eine lange Reise anzutreten: in Italien lernt sie die Kunst des Genießens kennen, in einem indischen Ashram alle Regeln der Meditation und auf Bali erfährt sie die Balance zwischen innerem und äußerem Glück.

Leider bleibt unklar, wie weit das Buch autobiografisch bzw. was reine Fantasie der Autorin ist, aber viele Leserinnen scheinen sich mit der Heldin identifizieren zu können.

Mein Eindruck: leicht zu lesendes, ganz nettes und recht unterhaltsames "Frauen-Buch" für lange Winterabende. Am besten irgendwo leihen anstatt kaufen, denn ich z. B. kann mir nicht vorstellen, es noch einmal lesen zu wollen. Aber ich bin ja auch nicht mehr Anfang 30 …

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

„Eine literarische Sensation“ nannte der Guardian das Werk, und Die Zeit schrieb: „… das Porträt zweier alternder Männer, jeder auf seine Weise einsam; und ein wunderbar lesbarer Text voller gebildeter Anspielungen und Zitate und versteckter Kleinode.“

 

Mit hintergründigem Humor schildert der Autor das Leben zweier Genies, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der Naturforscher und Geograph Alexander von Humboldt und der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß. Der eine ein eleganter preußischer Freiherr, der sein Leben lang reist und forscht, und der andere ein Stubenhocker, der ungerne reist, häufig schlechte Laune hat und Probleme mit Frau und Kindern.

Kehlmann beschreibt die Sehnsüchte und Schwächen der beiden und ihre Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, zwischen Scheitern und Erfolg. Ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Fantasie, Kraft und Brillanz.

 

„Die Vermessung der Welt“ (Copyright 2005) ist einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur.

Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger

Der Roman erzählt eine unerhört komische und weise Geschichte, die viele Herzen im Sturm erobert: Pi Patel, der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim erleidet mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem 450 Pfund schweren, bengalischen Tiger namens Richard Parker Schiffbruch. Bald stehen sich nur noch zwei gegenüber – der Tiger und Pi. Alleine treiben sie in einem Rettungsboot auf dem Ozean, und eine wundersame, abenteuerliche Odyssee beginnt …

 

Man muss sich einlassen auf dieses Buch, das u. a. den Booker Prize 2002 gewann. Aber es lohnt sich, denn es ist "fantastisch, verwegen, atemberaubend und wahnsinnig komisch". Mehrere Wochen stand es auf Platz 1 der Bestsellerliste im "Spiegel", der da schrieb: "Ein gewitztes, höchst lehrreiches Buch."

 

 

NACHTRAG, Dezember 2012:

"Life of Pi", der Roman des kanadischen Schriftstellers Yann Martel, galt eigentlich als unverfilmbar. Oscar Preisträger Ang Lee (Brokeback Mountain) wagte dennoch das vermeintlich Unmögliche. Sein Film "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" feierte am 26. Dezember 2012 seine deutsche Uraufführung:

 

Meine Meinung:

streckenweise besser als die Buchvorlage und unbedingt sehenswert:

großartige Bilder, atemberaubende Effekte und die begnadete Neuentdeckung Suraj Sharma, dazu

"die Magie von 3-D … brillant wie selten zuvor" ("stern" 52/2012) .


... hier weitere Schätzchen, die (wieder) entdeckt werden wollen: