Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß,

der hat Schönheit genug für sein halbes Leben gesehen.

Stefan Zweig (1881-1942)

 

Kleiner brasilianisch-argentinischer Bilderbogen

1. Rio de Janeiro

 

Rio. Wahrzeichen Zuckerhut, die Christusfigur auf dem Gipfel des Corcovado und der Strand von Copacabana … manche zählen die Stadt zu den schönsten der Welt. Meine Seele hat sie leider nicht berührt, und das lag definitiv nicht an dem regnerischen Wetter, das bei unserem Besuch vorherrschte.

 

Zwar hat man vom Corcovado einen wundervollen Blick auf die Stadt an der Guanabara-Bucht mit dem Zuckerhut, aber er wurde mir ziemlich verleidet durch Hunderte von Touristen, die primär daran interessiert sind, Selfies zu machen und sich in der Pose von "Christus dem Erlöser" mit ausgebreiteten Armen vor der Statue aufnehmen zu lassen. Wie muss das erst bei schönem Wetter hier zugehen!?

 

Aber vielleicht bin ich mal wieder zu intolerant; den 30 Meter hohen Stahlbeton-Christus auf seinem Sockel kann so etwas nicht erschüttern; seit 1931 blickt er mit unbewegter Miene über das Volk hinweg und denkt sich seinen Teil.

 

2. Nationalparks Iguaçu (Br) und Iguazú (Ar)

 

Die Iguaçu-Fälle, ein großartiges Naturschauspiel, bei deren Anblick Eleanor Roosevelt nur "Poor Niagara!" gesagt haben soll. Der Breite nach sind die Wasserfälle an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien die größten der Welt: auf einer Ausdehnung von 2,7 Kilometern bestehen sie aus 20 größeren und 255 kleineren Wasserfällen. Auf der brasilianischen Seite hat man den besseren Überblick, die argentinische Seite dahingegen ist schöner und spektakulärer.

3. Salvador da Bahia

 

Das Volk ist stärker als die Armut. Auch wenn das Überleben vor lauter Schwierigkeiten fast unmöglich erscheint, das Volk lebt, kämpft, lacht und gibt nicht auf. Sie feiern ihre Feste, tanzen ihre Tänze, singen ihre Lieder und lachen ihr befreites Lachen.

Jorge Amado (1912-2001) über die Baianos

 

 

 

Spät in der Nacht kommen wir im "schwarzen Herzen Brasiliens" an, und während uns ein freundlicher Taxifahrer über das holprige Pflaster der Altstadt zu unserer Pousada fährt, bekommen wir einen ersten Eindruck davon, wie man hier in der drittgrößten Stadt Brasiliens lebt: da werden mit Anbruch der Dämmerung rote Plastiktische und -stühle einfach auf die Straße gestellt, es wird gegessen und getrunken, geklönt und gelacht. Von irgendwoher dringt Trommelmusik. Und während unser Chauffeur sein Auto gekonnt zwischen den Tischen mit Feiernden hindurchschlängelt, geht es mir durch den Kopf, wie es hier wohl an einem Dienstag (dem traditionell belebtesten Tag der Woche) aussehen muss.

Wenn auf den Plätzen Capoeira aufgeführt wird, diese aus Afrika stammende brasilianische Kampfkunst oder wenn die afro-brasilianischen Candomblé-Zeremonien stattfinden.

 

Es lässt sich nicht übersehen: mehr als 80% der Einwohner Salvadors sind afrikanischen Ursprungs. Ihre Vorfahren wurden im 17. Jahrhundert als Sklaven hergebracht, um auf den Zuckerrohrplantagen des Hinterlandes zu schuften. Millionen waren es, die auf dem Sklavenmarkt in Pelourinho, dem historischen Zentrum Salvadors, ankamen. Pelourinho heißt Schandpfahl, und der Name weist darauf hin, dass hier Sklaven an den Pranger gestellt und ausgepeitscht wurden.

 

Im starken Kontrast dazu stehen für mich die 412 Kirchen der Stadt; an erster Stelle die Igreja e Convento São Francisco, die im Auftrag (ausgerechnet!) des Bettelordens der Franziskaner errichtet wurde. Beim Eintritt in diese protzige Orgie aus Schnitzwerk und Blattgold dreht es mir schier den Magen um … 

 

Was die Augen nicht sehen

fühlt das Herz nicht.

brasilianisches Sprichwort

 

4. Manaus

 

An der Mündung des Rio Negro in den Amazonas gelegen und 1669 als kleines portugiesisches Fort gegründet, erhielt Manaus am 24. Oktober 1848 den Stadtstatus. Lebten hier im Jahr 1914 noch 50.000 Menschen, so beherbergt die Stadt im Regenwald heute schon fast 2 Millionen Einwohner. Seine Blütezeit erlebte Manaus während des Kautschukzapferbooms Ende des 19. Jahrhunderts; aus dieser Zeit stammt auch das weltberühmte Opernhaus "Teatro Amazonas".

 

Unser Hotel, das "Tropical Manaus Ecoresort" am Praia da Ponta Negra. Fünf Sterne, eine riesige Anlage (609 Räume und Suiten auf nur drei Etagen) mit Blick auf den Rio Negro, mit großartiger Poollandschaft inklusive Wasserfall und Schildkrötenbecken, dazu hoteleigener Zoo, Orchideengarten, eigene Bootsanlegestelle und und und.

 

Ich mache es kurz: das "most luxurious of hotels in Brazil" (Eigenwerbung), das der bankrottgegangenen brasilianischen Fluggesellschaft Varig gehörte, hat seine besten Zeiten längst hinter sich. Um seine leerstehenden Zimmer voll zu bekommen, gibt es anscheinend jede Menge Sparangebote, und so ist es jetzt fest in der Hand von brasilianischen Großfamilien und Angelvereinen, die das einzige noch geöffnete Restaurant der Anlage mit einer Geräuschkulisse von schätzungsweise 100 Dezibel versorgen. Von internationalen Gästen kaum eine Spur; das erklärt auch, dass das unmotivierte und mit sich selbst beschäftigte Personal in der Lobby-Bar kein Wort Englisch spricht. Einziger erhältlicher vegetarischer Snack: Pommes mit Parmesan. Ich erhielt sie ohne Parmesan …

Kommentare

Diskussion geschlossen
  • Tina (Samstag, 14. November 2015 18:07)

    Herrlich, deine Impressionen!!

    Der Einfluss der afrikanischen "Zuwanderer" in Salvador macht sich übrigens auch in dem Bild mit den Flaschen bemerkbar: im Hintergund sieht man Hustenbonbons der Marke Halls..die ich bisher immer
    nur in Südafrika gesehen habe..Die Welt ist klein ;-)

  • Hedi (Montag, 16. November 2015 11:08)

    Liebe Beate,
    dein Bilderbogen berührt mich so sehr, dass ich mehrere Kommentare hintereinander loswerden muss.
    Der Christus als Werbeträger - wundervolles Bild - und Selfie-Hintergrund. So ist es. Das Staunen ist verloren gegangen.Was geht in den Köpfen vor? "Ich mache ein Selfie, also bin ich?"
    Nein, Rio wäre auch nichts für mich gewesen.
    Ganz anders die Fälle von Iguazú. Davon habe ich bestimmt schon tausend Fotos gesehen, war ja auch selbst da - lang, lang ist's her - und zwar auf der argentinischen Seite. Es schneite im Juli, die
    Kolibris flogen, und der Inhaber des einzigen kleinen Hotels mit etwa 30 Betten (!!) servierte heißen Tee mit Rum gegen die Kälte...
    Du schaffst es trotzdem, den Catarátas deinen individuellen fotografischen Stempel aufzudrücken. Ich habe deine Bilder sehr genossen.
    Und dann Bahía! Bei den Nachkommen der Sklaven fällt mir ein, dass bald jeder Zweite dort entweder "da Costa" oder "da Silva" heißt, also "von der Küste" oder "aus dem Urwald". Wie praktisch!
    Ein bunter Bilderbogen. Man merkt, dass dir diese Stadt viel besser gefallen hat als Río.
    Mein Bild von Manaus rührt von dem Aguirre-der Zorn Gottes Film her. Öh, ja. du hast es nun korrigiert. Das Theater ist wahrhaftig wundervoll.
    Deine Bilder sind - fast unnötig, es zu erwähnen - leuchtend und aussagekräftig. Ganz hervorragend.
    Danke!

  • Ildiko (Montag, 16. November 2015 11:21)

    Chapeau für's Absetzen der rosaroten Urlaubsbrille - aber das kennen wir ja von dir und aufgrund dieser Ehrlichkeit schätze ich deine Berichte so sehr!
    In wenigeen Worten und guten Bildern dokumentierst du hier die extreme Kluft zwischen Arm und Reich, die sich ja in vielen von uns allen geschätzen Reiseländern auftut.
    Danke für's nachdenklich machen...

  • Zypresse (Montag, 16. November 2015 16:15)

    Kurz und prägnant die Texte, gespickt mit Information und Meinung. Gut so!
    Bunt, detailgetreu, mit dem Blick fürs Typische die Fotos - ein Genuss.
    Zusammen: ein wunderbarer Eindruck Eurer Reise. Danke fürs Mitnehmen.

  • Anni (Samstag, 21. November 2015 18:13)

    Hallo Beate,
    ich mußte mir ein bisschen Zeit nehmen, bevor ich Dein Fotoalbum Brasilien & Argentinien voll mit meinen Sinnen aufnehmen konnte. (Dazu kommt: An meinem PC muss ich immer jedes Foto -unter
    Chrome- einzeln laden, dann wieder schließen, etc, ... warum auch immer!)
    Ich glaubte immer, der Zuckerhut und die Christusfigur wären ein besonderes Highlight. Deine Beschreibung sagt etwas anderes und ist aufgrund Deiner Eindrücke wohl auch realistisch. Ganz toll fand
    ich Deine Fotos von den Iguaçu-Wasserfällen, obwohl sie fast nur "schwarz/weiß" wirken .
    Beeindruckend Dein Bericht über Bahia. Die Lebensfreude der Einheimischen dort ist wohl (hoffentlich) ansteckend, und man spürt sie gut bei Deiner Beschreibung heraus. Ich mußte kurz schlucken, als
    von den 412 Kirchen in der Stadt las! Kirchen sind für mich interessante Architekturobjekte.
    Ich hätte natürlich versucht, viele dieser Gotteshäuser aus Neugierde zu besichtigen. (Auf der Insel Gotland/Schweden habe ich 25 von 100 "geschafft". In dem Ort Tavira/Portugal werde ich in
    absehbarer Zeit hoffentlich auch einige der 37 Kirchen besuchen können.)
    Und wie ich feststelle, hast du den Aufenthalt in dem "most luxurious of hotels in Brazil" sehr gut überstanden, lach. Und das alles "ohne Parmesan" auf den Pommes!

  • Anne (Sonntag, 31. Januar 2016 15:28)

    Dein Bilderbogen ist wieder mal lesenswert, da informativ und aufs Wesentliche beschränkt. Dein Stil liegt mir sehr. Die Fotos der Iguaçu-Fälle - super!

 

 

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