"Es gibt mehr Dinge im Universum

als wir mit unserem Tricorder scannen können."

Lt. Chakotay, Raumschiff Voyager


SONGLINES. 1.718 Kilometer auf den Spuren der Aboriginals durchs Red Centre

 

Vorbemerkung:

Was den politisch korrekten Namen für die Ureinwohner Australiens betrifft, so habe ich mich an die englische Sprache gehalten:
der Name "Aborigines" gilt im Englischen als abwertend und wird durch "Aboriginal" ersetzt. Andere gängige Bezeichnungen sind "First Australians" und "Indigenous People".
In der Besucherbroschüre des Uluru-Kata Tjuta-Nationalparks wird nur von "Aboriginal" gesprochen, und unser guide Wally Jacob erklärte, dass sich die Ureinwohner selbst weder Aboriginals noch Aborigines nennen, weil sie kein einheitliches Volk sind. Die "ersten Australier" am Uluru z. B. bezeichnen sich selbst nur als Anangu.

Knotenpunkt der Songlines: der Uluru

"Songlines"

Wally vor den Zeichnungen seiner Ahnen

„Songlines“, das sind die Gesänge der Aboriginals, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und eine unsichtbare, mythische Landkarte Australiens ergeben.

 

Jeder Ureinwohner trägt diese detaillierte Karte des Landes und seiner Mythen mit sich, und nach sechs Tagen durchs Red Centre bewahre auch ich nun einen kleinen Teil von ihr im Kopf und vor allem im Herzen…

The Ghan

The Ghan

Auf dem Bahnhof von Alice Springs steht er vor uns, dieser legendäre Zug. Zwei Diesellokomotiven sind hintereinander gekoppelt und sollen die lange Schnur aus silbernen Waggons bis nach Adelaide ziehen.

 

1.420 Kilometer hat der Zug aus Darwin kommend bei seiner Durchquerung des Kontinents in Nord-Süd-Richtung schon hinter sich, und 1.559 Kilometer liegen nun vor uns. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 85km/h sind das etwa 20 Stunden.

 

Zeit genug, sich in das im Zug verteilte Magazin „platform“ zu vertiefen. Hier erfahren wir, dass der Name „The Ghan“ an die afghanischen Betreiber der Kamelkarawanen erinnern soll, die lange vor der Zeit der Motorisierung den Gütertransport im Inneren Australiens sicherstellten.

Der längste Zug, der jemals die Strecke befuhr, war mit zwei Lokomotiven und 45 Waggons ganze 1,2 Kilometer lang und transportierte 550 Fahrgäste.  

 

Pünktlich um 12.40 Uhr verlässt der Zug den Bahnhof von Alice, und wir beginnen unsere Fahrt durch die endlos weite Landschaft: rote Erde, ein paar grüne Büsche oder Bäume und darüber ein babyblauer Himmel mit einzelnen weißen Wölkchen. In der Ferne ab und zu eine Bergkette, und irgendwo ein Känguru und eine braune Kuh mit Kälbchen, just in the middle of nowhere.

 

Wir sind froh, dass wir nicht den preiswerteren „Red Kangaroo Daynighter Seat“ gewählt haben, sondern den „Gold Kangaroo Service“ mit seiner Zweibett-Kabine inklusive Nasszelle mit Toilette, Waschbecken und Dusche. Alles ist zwar etwas eng, und vor dem Duschen muss man erst einmal Toilette und Waschbecken hochklappen, aber immer noch bedeutend besser als auf den Sitzen die lange Nacht verbringen zu müssen.

 

 

"Landkarte" unseres Trips

Doch noch ist es nicht so weit: um 16 Uhr schon sitzen wir mit einigen anderen Gleichgesinnten in der Bar des Ghan und spülen den roten Staub des Outbacks mit einigen „Victoria Bitter“ hinunter.

Ich schlage mein Reisetagebuch auf, sehe meine Zeichnung und erinnere mich …

 

 

Alice Springs und die „School of the Air“

Blick auf Alice

Im Jahr 1872 nur eine Telegrafenstation und benannt nach einer Wasserstelle, entwickelte sich Alice Springs zu einer Stadt mit 28.000 Einwohnern. Als idealer Ausgangspunkt für Fahrten ins Red Centre bietet sie alles, was sich ein Reisender wünschen kann, sei er nun Backpacker oder Pauschaltourist.

 

Zu dritt sitzen wir am Pool des „Desert Palms Resort“ und schmieden Pläne für die nächsten Tage. Wir, das sind Onkel, Tante und Nichte. Carolin lebt seit einigen Monaten als Austauschschülerin in Brisbane und ist „mal eben“ nach Alice geflogen, um mit uns das Outback kennen zu lernen.

 

Wir holen unseren Toyota Landcruiser beim Vermieter ab und erkunden Alice mit dem trockenen Todd River und mit dem Anzac Hill, von dem man einen guten Überblick über die Stadt bekommt. Und müssen in ausnahmslos alle Shops der Todd Mall; schließlich sind wir mit einem Teenager unterwegs.

 

Die „School of the Air“ (ASSOA) rühmt sich das größte Klassenzimmer der Welt und ist es wohl auch. Seit den 1950er Jahren kümmert sich die Einrichtung um die schulische Erziehung von Grundschülern, die sehr isoliert auf Viehfarmen, in Aboriginal-Gemeinden oder in den Nationalparks im Outback leben.

 

Der Fernunterricht ging in den frühen Tagen der Schule nur mühsam und ziemlich einseitig per Radio bzw. Kurzwellenfunk vonstatten, ist aber seit dem Jahr 2005 Dank der Satelliten- und Computer-Technologie bedeutend einfacher geworden. IDE (Interactive Distance Education) heißt die Methode, nach der 120 Schüler in einem Gebiet von 1,3 Millionen Quadratkilometern heute unterrichtet werden. 

 

Philosophie der Schule bleibt jedoch, den Computer lediglich als Werkzeug zu sehen. Jeder der Schüler erhält pro Tag etwa eine Stunde Gruppen- oder Einzelunterricht, den Rest des Tages lernt er mit zugeschickten Materialien unter Anleitung von Eltern, Geschwistern oder Tutoren. Hausaufgaben werden per eMail an den Lehrer geschickt.

 

Im Besucherzentrum der ASSOA kann man sich einen Kurzfilm über die Geschichte der Schule ansehen, alte Fotos und Funkgeräte bestaunen und an Schultagen sogar „live lessons“ miterleben.

 

Besonders stolz scheint man hier darauf zu sein, einige Aboriginalkinder im Programm zu haben; mit 15% sind sie an der Gesamtschülerzahl beteiligt. Ich finde das ausgesprochen wenig, aber es ist immerhin ein Anfang … 

 

Nach einem frühen Dinner im „Keller’s“ (interessantes Restaurant, das eine gewagte Kombination aus australischen, indischen und Schweizer Gerichten anbietet) stimmen wir uns in der Show „Sounds of Starlight“ auf unsere morgen beginnende Tour ein.

 

Andrew Langford, der 1982 ins Outback kam ist ein Meister des Didgeridoos und entführt uns auf eine Reise ins Herzland Australiens.

Wir hören den prasselnden Regen, der in den Hügeln nördlich von Alice fällt und den Todd River anschwellen lässt, in einer „Indigo Night“ blicken wir in den unendlichen Sternenhimmel über der Wüste, und wir steigen mit der Musik und den gezeigten Dias hinab in den Kings Canyon. Wahrhaft eine Reise für die Sinne.

 

 

Henbury Meteoritenkrater und wilde Dromedare

wildes Dromedar

Erst noch auf dem Stuart Highway in südlicher Richtung unterwegs biegen wir nach etwa 200 Kilometern auf die Ernest Giles Road ab, eine wunderbare, rote Schotterstraße. Hier liegen etwas abseits der üblichen Touristenwege die Henbury Meteoritenkrater.

 

Das Kraterfeld besteht aus einem Dutzend Kratern, die den seltenen Regen im Outback sammeln und damit als wichtige Wasserquellen dienen. Aus ihren Songlines kennen die Aboriginals diesen Ort genau und nennen ihn „Sonne geht Feuer Teufel Felsen“ – ein Anzeichen dafür, dass der Fall und die Explosion des Meteoriten vor etwa 4700 Jahren von ihren Ahnen schon

beobachtet und registriert wurde.

 

Hier begegnen wir auch unseren ersten wild lebenden Dromedaren, die sich aber bis auf ein besonderes mutiges Exemplar ziemlich scheu im Hintergrund halten.

 

Im Jahr 1840 wurden die ersten dieser einhöckrigen Kamele als Packtiere für eine Expedition eingeführt, und später machten sie sich bei der Erschließung des Kontinents und dem Bau der Eisenbahn verdient.

 

Kamele fressen nahezu alles und finden in den australischen Halbwüsten eine ausgezeichnete Nahrungsgrundlage. Da sie zudem keine natürlichen Feinde haben, vermehren sie sich ziemlich rasant. Alle 8 Jahre verdoppelt sich die Population, so dass heute große Herden wilder Dromedare durch die Steppen des Landes ziehen.

Die australische Regierung schätzt die Zahl der Tiere auf 750.000, und bald wird die Million erreicht sein.

 

Damit bedeuten die Kamele natürlich ein großes Problem für das Land: Wasserlöcher werden verschmutzt, und durch Überweidung werden die Tiere in nicht zu ferner Zeit das Land von einer Halbwüste in eine richtige Wüste verwandeln. Zudem sind sie zu einer rechten Plage geworden, da sie auf der Suche nach Wasser großen Schaden in den Siedlungen anrichten. Wenn die Meldung in der Zeitung stimmt, dann sind diese Kamele überhaupt nicht dumm und haben es teilweise schon gelernt, Wasserhähne an Hauswänden aufzudrehen oder zu zerstören, um an das begehrte Nass zu kommen.   

 

Tausende von Tieren werden jährlich nach Hongkong, Israel und Ägypten exportiert, denn das australische Kamelfleisch gilt dort als sehr gesund und seuchenfrei. Allerdings ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und auch ein geforderter Kamelschutzzaun brächte auf Dauer wohl keine große Erleichterung.

Der einzige Ausweg scheint wirklich leider nur der zu sein, die Tiere in großer Zahl zu erschießen. Um die Population erfolgreich zu begrenzen, müssten Zehntausende von Kamelen getötet werden.

 

Hierin scheinen die Aboriginals eine Chance zu sehen und hoffen, das Problem für sich nutzen zu können. Die Arbeitslosigkeit im Outback ist besonders hoch, aber für die Tötung so vieler Tiere und für einen verstärkten Export von Kamelfleisch und lebenden Kamelen werden viele Arbeitskräfte benötigt.

 

Uluru (Ayers Rock)

Wir sitzen am Fuße des heiligen Berges und schauen auf die Gegenstände, die man zum Überleben im Busch braucht: zwei Steine, ein Stock und ein Gefäß.

 

Wally Jacob hat uns her geführt. Der „Senior Guide“ ist Anangu, wie sich die Aboriginals hier selbst bezeichnen und gehört zum Volk der Pitjantjatjara, dem das Land im Uluru-Kata Tjuta-Nationalpark gehört. Wobei „gehört“ nicht das richtige Wort ist; die Anangu sehen sich als Hüter des Landes, und für sie ist Besitz das, was man mit sich tragen kann.

 

Die Besitztümer der Männer sind Speer, Beil, Schild und Bumerang, die der Frauen der Grabstock und eine Holzschale.

 

Den Grabstock benutzen sie zum Ausgraben von nahrhaften Wurzeln und Knollen, und die „Coolamon“ genannte Schale ist ein wahrer Alleskönner. Aus Hartholz oder Baumrinde gefertigt, kann man ihn als Kochgerät benutzen, als Schöpfeimer und Regenschirm. Als Babykörbchen wird der Coolamon unter dem Arm getragen und zum Transport von gesammelten Früchten und Nüssen auf dem Kopf. Für besseren Halt sorgt dabei ein aus Menschen- oder Opossumhaar geflochtener Ring, der den Trog in der Waagerechten hält.

 

Während die Männer Känguru- und Emufleisch erjagen, sind es die Frauen, die die meiste Zeit des Jahres die Hauptversorgung sichern. Sie beschaffen etwa die Hälfte des Kalorienbedarfs eines Clans, in wildarmen Regionen sogar bis 80%. Durchschnittlich sieben Stunden am Tag wenden die Frauen dabei für das Sammeln und Zubereiten der Nahrung auf.

 

Die Speisekarte ist sehr umfangreich, und das „Bush Tucker“ bietet neben Früchten wie wilder Feige, Buschpflaume und Quandong (Santalum acuminatum) auch Wurzeln und Zwiebeln, Maden, Honigameisen, nektarreiche Blüten sowie kleine Reptilien und Säugetiere.

 

Bei den Anangu im Red Centre spielen in der täglichen Ernährung vor allem Akazien- und Grassamen von bis zu 45 Pflanzenarten eine große Rolle. Nachdem die äußeren Hülsen und Spelzen entfernt worden sind, werden die Samen zwischen zwei Steinen zu Mehl zerrieben und mit Wasser vermischt zu „Damper“ gebacken, den berühmten Fladen des Outbacks.

 

Wir sind beeindruckt von dem schier unerschöpflichen botanischen Wissen der Anangu und von ihren genauen Kenntnissen über die Erntefrüchte eines Standortes zu den jeweiligen Jahreszeiten.

Tjukurpa, die Traumzeit

Wally erklärt uns alte Felsmalereien und führt uns in die Lehre von Tjukurpa ein, dem uralten Gesetz und der Schöpfungsgeschichte der Anangu, von der wir schon als „Traumzeit“ gehört haben.

 

In der Vorstellung der Ureinwohner Australiens war das Land schon immer da und lag flach dort, bis die Wesen der Tjukurpa sie durchstreiften. Diese Wesen waren Heroen mit menschlichen oder tierischen Zügen, wie z. B. die Regenbogenschlange, die jetzt an einem See nördlich des Uluru lebt. Und sie wanderten quasi die Welt ins Leben.

 

Die Landschaft ist ein Produkt dieser Reisen, denn beim Wandern warfen die Urwesen Berge auf, schufen Wasserlöcher und Flüsse und ließen Felsbrocken fallen. Die Wesen erschufen aber auch die Menschen, gaben ihnen das Wissen und die Gesetze.

 

Für die Aboriginals ist Zeit eine Illusion, und so existiert die Traumzeit in der Realität neben der unsrigen und ist damit eine Art Paralleluniversum, in dem die Erde entstand, war, ist und sein wird.

Das Wissen von Tjukurpa wird in Erzählungen und Gesängen weiter gegeben. Nur eingeweihte Frauen und Männer beherrschen die Sprache der Songlines oder Traumpfade, die sozusagen gesungene Landkarten sind und so detailgetreu, dass man sich bei Wanderungen an ihnen orientieren kann.

 

Hier am Uluru befinden wir uns am Knotenpunkt dieser unsichtbaren Songlines, die den Spuren der Schöpferwesen folgen. Und wir versuchen, diese komplexe spirituelle Welt wenigstens ansatzweise zu verstehen.

 

 

The Climb

"Ameisen" am Uluru

Zwar ist es nicht verboten den Uluru zu erklimmen, aber die Anangu bitten darum, dies nicht zu tun. Für sie hat die Aufstiegsroute („the climb“) große spirituelle Bedeutung, denn ihre Ahnen nahmen diesen Weg, als sie zum Uluru kamen.

 

Hinzu kommt, dass Laut Tjukurpa die Anangu verpflichtet sind, Besucher ihres Landes vor Gefahren zu schützen. Der Aufstieg ist nicht ungefährlich, vor allem in der Hitze und bei starkem Wind. Viele Kletterer verletzen sich, und obwohl der Climb bei ungünstigen Wetterbedingungen gesperrt wird, sind bis jetzt bereits 35 Menschen gestorben bei dem Versuch Uluru zu ersteigen.

Das macht die Hüter des Landes sehr traurig; irgendwie scheinen sie sich als Versager oder gar als Gesetzesbrecher zu fühlen, wenn einem ihrer Besucher etwas zustößt.

 

Die schlimmste Vorstellung für uns alle ist jedoch, dass es auf der Strecke keine Toiletten gibt und sich damit zumindest einige der vielen Besucher auf dem heiligen Berg erleichtern müssen. Und dass diese Hinterlassenschaften mit jedem Regen in die (Trink-) Wasserlöcher gespült werden …