Ja, es ist ein wunderbares Land, wie geschaffen, sich darin zu verlieren.

In Australien verloren zu sein gibt einem ein wunderbares Gefühl der Sicherheit.

Bruce Chatwin (1940 - 1989) in "Traumpfade"

 

SONGLINES. Fortsetzung

Kata Tjuta (Olgas)

Kata Tjuta; drei von "vielen Köpfen"

32 Kilometer westlich des Uluru befinden sich die 36 steilen und zerklüfteten Inselberge der Olgas, die die Anangu „Kata Tjuta“, die „vielen Köpfe“ nennen.

 

Der „Valley of the Winds Walk“ ist acht Kilometer lang und führt durch verschiedene Felstäler, die der Regen vor einer Woche in einen Blütenteppich aus Wildblumen verwandelt hat. Wir durchwandern diese spektakuläre, felsige Landschaft und wissen, dass wir auch hier auf heiligem Gebiet der Ureinwohner sind und den ausgeschilderten Weg nicht verlassen dürfen.

 

Bei den Anangu gibt es Kulte und Orte, die für Männer verboten sind und solche, die bei Strafe nicht von Frauen angesehen werden dürfen.

Die Kata Tjuta und ihre Schöpfungsgeschichte sind das Geheimnis der Väter und Söhne, und das Besteigen der Kuppeln ist für Frauen und Fremdlinge verboten. Hier halten die Männer ihre Initiationen ab, bei denen ihnen die Lieder gegeben werden. Diese Lieder sind oft mehr als 100 Strophen lang, und es gilt als Verbrechen, auch nur eine davon zu vergessen oder in der falschen Abfolge zu singen.  

 

So sind viele dieser teils schmerzhaften Initiationen und etwa 30 bis 40 Jahre nötig, bis ein Kind zum Wissenden wird.

 

Und nur wer das richtige Lied am richtigen Ort und in der richtigen Weise anstimmt, der kann in die Traumzeit eintreten.

Kings Canyon

Billabong im Kings Canyon

Im Watarrka Nationalpark, etwa 300 Kilometer nördlich von Uluru und Kata Tjuta liegt der Kings Canyon, die größte und bizarrste Schlucht des Landes.

 

Auf zwei Wanderrouten kann man diesen „Grand Canyon Australiens“ besichtigen: der „Kings Canyon Walk“ ist 6 km lang und geht über einige Plateaus um den Canyon herum. Am Beginn der Strecke ist ein steiler Anstieg zu überwinden, der sich als „Heartattack Hill“ einen Namen gemacht hat.

Nicht deswegen, sondern natürlich nur wegen der Temperaturen und der Tageszeit entscheiden wir uns für die zweite Variante, den „Kings Creek Walk“. Dieser Wanderweg hat eine Länge von 2,6 km und führt durch das Bachbett des Kings Creek im Canyon.

 

Für das Volk der Luritja, die Hüter des Nationalparks, ist der Kings Creek ein ganz besonderer Platz. Wir wandern auf dem „cat dreaming track“ durch das Tal und folgen damit den Songlines der Kuningka (Katzenmenschen), die während der Traumzeit längs des Baches wanderten und am Fuße des Wasserfalles ihre Zeremonien abhielten.  

Die Bäume hier sind heilig und dürfen nicht angerührt werden; nie käme ein Aboriginal auf die Idee, ihre Früchte zu ernten oder gar einen Coolamon daraus zu fertigen.

 

Auch für uns hat dieser Weg etwas Magisches: durch das Spiel von Licht und Schatten in der Schlucht führt er vorbei an versteckten Billabongs (Wasserlöchern) und den weißen Stämmen der Ghost Gums, einer Eukalyptusart. Neben uns zerklüftete und bis zu 300 Meter hohe rote Sandsteinwände, und ganz oben der stahlblaue Himmel.

Mereenie Loop Road

Down Under wörtlich genommen

Für den Rückweg nach Alice wählen wir die Mereenie Loop Road. Diese etwa 200 km lange Schotterstraße führt über das Gebiet der Aboriginals und ist nur mit der Erlaubnis der Ureinwohner zu befahren.

Die Piste ist gut gepflegt, aber stellenweise sehr sandig. Da wir erfahren haben, wir sollen möglichst nicht aussteigen und schon gar nicht über das Land der Aboriginals laufen (und damit in ihre Privatsphäre eindringen), genießen wir einfach die Fahrt und schauen, was es am Wegesrand so zu sehen gibt: fünf Kühe, eine kleine Herde Brumbies (wilde Pferde), ein Schrottauto und ab und zu ein Schild „Reduce Speed“. Woran wir uns leider nicht immer halten können, denn es macht ungeheuren Spaß, auf der menschenleeren Straße eine riesige Staubfahne zu erzeugen und hinter sich her zu ziehen.

Finke Gorge Nationalpark, Palm Valley und Hermannsburg

Palm Valley

Kurz vor Hermannsburg gelangen wir an die Abzweigung zum Palm Valley, das wir uns unbedingt ansehen wollen. Die 16 Kilometer lange Strecke führt zunächst durch das sandige und zurzeit ausgetrocknete Flussbett des Finke River. Je näher wir aber dem Tal kommen, umso felsiger und rauer wird die Piste; eine echte Herausforderung für Fahrer und Allradfahrzeug.

 

Doch die großartige Landschaft mit ihren vielen seltenen Pflanzenarten entschädigt für alle Mühen. Hier in der „Wüstenoase“ am Palm Creek scheint die Zeit stehen geblieben zu sein; die Red Cabbage Palmen, die dem Tal seinen Namen gaben, zeugen von einer feuchteren Klimaperiode vor etwa 20.000 Jahren und haben nur in diesem Tal überlebt.

 

Am Ende der befahrbaren Strecke gibt es einen Parkplatz und einen einfachen, aber herrlich gelegenen Campground. Wir träumen davon, hier eine Nacht zu verbringen und am nächsten Morgen einen der beiden Wanderwege auszuprobieren, die um das Tal herum führen.

 

Leider müssen wir das eindrucksvolle Tal ziemlich bald verlassen, denn es ist schon spät und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Dieser Weg führt an Hermannsburg vorbei, einer Aboriginal-Gemeinde mit etwa 200 Einwohnern. In dieser ersten Missionsstation im Northern Territory sollten die Ureinwohner zivilisiert und christianisiert werden, wovon heute noch einige restaurierte historische Gebäude und die alte lutherische Kirche zeugen.

Auf uns wirkt der ganze Ort einfach nur verwahrlost und deprimierend, deshalb ersparen wir uns eine eingehendere Besichtigung und fahren auf dem asphaltierten Larapinta Drive zurück nach Alice. Wo wir nach insgesamt 10 Stunden Fahrt bei Dunkelheit und in strömendem Regen ankommen.

Zurück in Alice Springs

Für die letzten Stunden in „The Alice“ steht wieder Shoppen auf dem Programm; Tante und Nichte wollen als Andenken an die Tour unbedingt ein „Dot Painting“ der Anangu mit nach Hause bringen.

Da wir keine Lust auf Fälschungen aus China haben, begeben wir uns in die „Mbantua Gallery“. Hier wird nicht nur verkauft, sondern auch in verschiedenen Ausstellungen über das Leben der Ureinwohner informiert. Die Besitzer der Galerie kennen ihre Künstler persönlich und arbeiten eng mit ihnen zusammen.

Angesichts der Preise entscheiden wir uns für je ein kleines gerahmtes Gemälde und erhalten dazu noch ein Foto und Informationen über den Künstler. Mein Bild ist von Maggie Dixon Penangke, die mit ihren zwei Söhnen und einer Tochter nordöstlich von Alice lebt.

Ich sehe ein grafisches Muster aus roten, weißen, gelben und orangefarbenen Punkten vor einem blauen Hintergrund und lese, dass Maggie beim Malen von einer Zeremonie der Frauen „geträumt“ hat …

Maggie. Scan von einem Flyer der Mbantua Galerie

Unser Zugbegleiter, der reizende Nathan, reißt mich aus meinen Erinnerungen an das Red Centre und bittet zum Sunset Dinner in den vornehmen Speisewagen, wo Getränke und Speisekarte vom Feinsten sind. Leider steht auf der Karte kein vegetarisches Gericht, aber ich bin ja ein pflegeleichter Vegetarier und bitte das Personal um einen Teller mit Beilagen. Woraufhin der Koch in seiner kleinen Bordküche extra für mich einen fantastischen Gemüseteller mit Süßkartoffeln zaubert: perfekt gegart, liebevoll arrangiert - und das beste vegetarische Essen, das ich in ganz Australien hatte.

 

Noch 12 Stunden bis Adelaide.

 

Nachwort

 

Leider können viele indigene Australier schon lange nicht mehr so leben wie hier beschrieben. Etwa die Hälfte der 500.000 Aboriginals leben unter oft erbärmlichen Umständen in Städten und deren Umgebung. Die sozialen Probleme sind gewaltig: Alkoholismus und Arbeitslosigkeit, häusliche Gewalt, schlechte Bildungschancen und eine niedrige Lebenserwartung kennzeichnen den Alltag dieses Volkes, das durch die Entfremdung von dem Land und der Lebensweise seiner Vorfahren zutiefst verunsichert und traumatisiert ist.

 

Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Australiens Regierung erstmals bei den Ureinwohnern für das ihnen zugefügte Leid.

Wenn dieser „Sorry“-Rede jetzt auch Taten folgen, dann kann das ein guter erster Schritt auf dem Weg zu einer ehrlichen Versöhnung mit den Aboriginals sein und eine Verbesserung ihrer Lebensumstände bedeuten.

 

zum Weiterlesen:

 

 

... und weitere Fotos aus Down Under                       > > >