Ruf des Regenwaldes

 

Es war einmal ein kleines Mädchen von etwa 10 Jahren, das alles las, was ihm in die Hände kam. Am liebsten waren ihm dabei die Geschichten, in denen es um Reisen und um fremde Länder ging.

Eines Tages nun fiel dem Mädchen ein "Kosmos"-Heft in die Hände, in dem ein Bericht über den Amazonas-Regenwald stand. Das Mädchen war wie elektrisiert: hier öffnete sich eine Welt voller Exotik und Abenteuer, mit unbekannten Pflanzen, Tieren und Menschen. Und in diese Welt konnte man reisen!

Fortan war das Mädchen ständig auf der Suche nach Büchern und Artikeln über das Amazonasgebiet und den Regenwald, und stundenlang saß es an Mutters Küchentisch, um immer wieder neue Bilder zu malen: von riesigen Bäumen, von Lianen und Bromelien, Orchideen und Schmetterlingen, Faultieren, Affen und Schlangen.

Der Amazonas blieb in unerreichbarer Ferne, geriet irgendwann sogar ganz in Vergessenheit, denn das Mädchen wurde größer, und seine Interessengebiete änderten sich.

 

Ein halbes Jahrhundert später: aus dem kleinen Mädchen ist mittlerweile ein "Golden Girl" geworden, das viele fremde Länder gesehen und viel erlebt hat. Da erinnert es sich wieder an seine alten Träume vom Regenwald …

 

© ANT

 

 

 

 

 

Die Welt gehört denen,

die zu ihrer Eroberung ausziehen,

bewaffnet mit Sicherheit und guter Laune.

Charles Dickens (1812-1870)

 

Reise ins Herz Amazoniens. Eine Bootstour auf dem Rio Negro anno 2015

 

5.20 Uhr. Jemand klopft an die Kabinentür. Da heißt es aufstehen, Katzenwäsche und rein in Shorts, T-Shirt und Sandalen. Etwa 10 Minuten später sitze ich mit meinen 16 Mitreisenden im Salon und schlürfe den ersten Kaffee. Maniok-Porridge hat Köchin Vilma auch für uns zubereitet, aber den überlasse ich zu dieser frühen Stunde großzügig den Anderen. Sie kommen aus Deutschland und aus Österreich, aus Belgien, Portugal, Schweden und England. Bordsprache ist Englisch.

5.50 Uhr. Wir steigen in eines der beiden Beiboote, und während hinter einer schmalen Flussinsel die Sonne aufgeht, fahren wir unter dem Gekrächze eines Papageienschwarms unserem ersten Abenteuer entgegen.

 

6.12 Uhr am Rio Negro

 

 

Entfernungen und Zeiten spielen am Amazonas keine Rolle. Alles dauert so lange, bis es fertig ist, und jedes Ziel ist so weit entfernt, bis man es erreicht hat.

Lutz Herbert in "Auf dem Amazonas"

 

 

Unser Schiff

 

Gestern haben wir uns in Manaus auf der Motorjacht "Tucano I" eingeschifft, um den Rio Negro flussaufwärts zu fahren, über 300 Kilometer nach Nordwesten bis zum Rio Jaueperi.

24 Meter ist das Schiff lang und hat eine maximale Breite von 6,7 Metern. Mit seinen drei Decks, den 9 Kabinen und einem "Salon" wird es für die nächsten 7 Tage und 6 Nächte unser Zuhause sein.

 

Im Stil der Amazonas-Dampfschiffe des späten 19. Jahrhunderts komplett aus Hartholz gebaut (Stapellauf 1997), hat die Tucano einen Tiefgang von nur 1,50 Metern und bietet damit die Möglichkeit, weiter als jedes andere Schiff in die Wildnis vorzudringen und kleine Flüsse zu erforschen.  

Dunkelbraun lackierte Täfelung, poliertes Messing sowie gerahmte botanische Prints und antike Karten verleihen dem Schiff den eleganten und luxuriösen Touch längst vergangener Zeiten. Trotzdem mangelt es nicht an modernem Komfort: unsere samt Bad etwas über 9m² große Kabine besitzt eine Klimaanlage, die sie bei 27 Grad Celsius zu einem angenehm kühlen Ort macht, wenn man der Sonne und den 37 Grad Außentemperatur entfliehen will. Alternativ sind die vier großen, unverglasten Fenster zu öffnen, um den Fahrtwind hereinzulassen und den Regenwald hören und riechen zu können.

 

Wir haben kein Radio, kein TV und so gut wie kein Handynetz. Aber ganz gleich, wo sich das Schiff befindet, ist es stets durch sein modernes Navigations- und Kommunikationssystem mit der Außenwelt verbunden.

 

Die Crew

"Come with us for the most exceptional, extraordinary experience in the Amazon" heißt es in den Unterlagen, und das tun wir sehr gerne. Vertrauen uns der achtköpfigen Crew an, die da besteht aus Captain Milton, aus dem Mechaniker Francisco, den Matrosen André und Paquito, dem Roomboy Edison, der Köchin Vilma – und last not least den Guides Souza und Edivan.

 

Die beiden arbeiten seit 17 Jahren zusammen und sind ein eingespieltes Team, das den Regenwald und den Rio Negro wie seine Westentasche kennt. Edi wurde in Manaus geboren und Souza "auf dem Land". Er ist Caboclo, also ein Mischling aus Indios und Europäern, seine Biographie die eines wissbegierigen Jugendlichen, dem es irgendwann mit List gelingt, seinem behüteten Zuhause zu entkommen und in der großen Stadt Manaus sein Glück zu suchen und sich fortzubilden.

Viele Berufe übte Souza aus, ehe er anfing, als Guide zu arbeiten. Wenn er nach dem Dinner  mit unglaublicher Gestik und Dramatik seine Geschichten aus dem Regenwald erzählt, von Curupira, dem Geist des Waldes oder von der verfressenen Anakanoda, dann kann es passieren, dass ich zu einem kleinen Mädchen des Ticuna-Volkes werde, das am Feuer sitzt und atemlos den Erzählungen eines Onkels lauscht. Magie des Regenwaldes.

 

Milton - Vilma - Edison - André - Francisco - Paquito
Edi und Souza mit der Dorfchefin von Bacaba

 

Zwischen 8.30 und 9.00 Uhr kommen wir von unserer ersten Ausfahrt zurück, und uns erwartet ein "full breakfast": Kaffee, Tee, Säfte, Brot, Rührei, Schinken und Käse, immer wieder andere Maniok-Kuchen und jede Menge Obst. Manchmal finden wir auch Würstchen oder Tapioka-Pfannkuchen vor. Vilma weiß, wie man hungrige Forschungsreisende bei Laune hält.

 

 

Eine Flusskreuzfahrt ist eine beschauliche, entspannte Angelegenheit mit viel Zeit zum Relaxen? Nicht auf der Tucano! Da gibt es täglich volles Programm; ähnlich aber gleichzeitig immer wieder neu. Selbst einige Kajaks führt unser Schiff mit sich, um damit für noch mehr Abwechslung und sportliche Betätigung zu sorgen.

 

6 Uhr: Frühsport auf dem Rio Negro

 

Um 10.00 Uhr findet bereits die nächste Exkursion statt, zum Beispiel der Besuch eines Dorfes, einer verlassenen Kautschukzapfer-Siedlung oder auch ein "forest walk".

Es ist alles so grün, so dicht, so gedrängt, so erdrückend lebendig,

so leer und doch offensichtlich bewohnt.

Christopher Isherwood (1904-1986) über den Regenwald

 

Mein erster forest walk

In der Broschüre, die wir alle zu Beginn der Reise erhalten haben, stehen ganz genaue Anweisungen, wie man sich auf einer Wanderung durch den Regenwald zu verhalten hat:

 

  • Leise wandern: nicht viel sprechen, dafür horchen.
  • Fokussiert sein: auf den Waldboden und die Baumwipfel schauen, mit den Augen nach Bewegungen "scannen" und auf leise Geräusche hören.
  • Darauf achten, wohin man seine Hände tut. Man kann sich zwar an Stämmen und Ästen festhalten, sollte sich diese zuvor aber genau ansehen. Viele Pflanzen haben Dornen, oder auf den Stämmen klettern Ameisen herum.
  • Über liegende Baumstämme steigen und nicht darauf treten, denn oft sind sie rutschig.
  • Viel Wasser trinken und vor der Wanderung zusätzlich Bananen essen!
  • Wenn irgendetwas sein sollte: immer den Guide informieren!
  • Den Guide immer vorausgehen lassen, denn er hat mehr Erfahrung, um interessante Sachen zu entdecken. Und er kennt die Gefahren. Die häufigste Gefahr bilden die Wespen, nach deren versteckten Nestern der Guide ständig Ausschau hält. Wenn er "Wasps!" sagt, heißt es, sofort zurückzugehen und dabei den Pfad nicht zu verlassen. Dieser "verschwindet" nämlich oft, wenn man sich auch nur einen Meter von ihm wegbewegt. Selbst so erfahrene Waldläufer wie Souza haben sich schon mal verirrt und merkten irgendwann, dass sie im Kreis liefen.

Und dann ist da ja auch noch Curupira mit den roten Haaren, der kleine Beschützer von Wald und Tieren. Er verfolgt und bestraft alle, die die Natur nicht achten, und mit seinen verkehrt herum angewachsenen Füßen hat er schon oft falsche Spuren gelegt und beispielsweise Jäger und Wilderer in die Irre gelockt, die dem Wald mehr als nur das Lebensnotwendige entnehmen wollten oder Wild jagten, das gerade Jungtiere führte. Der Waldgeist kann Illusionen hervorrufen und Töne von sich geben, die sein Opfer zu Tode ängstigen und in den Wahnsinn treiben. Curupira ist auch oftmals daran schuld, wenn ein Mensch im Wald verschwindet und nie wieder auftaucht, und so halten wir uns auch an die nächste Anweisung:

  • Bei der Gruppe bleiben.

Angemessene Kleidung für einen Ausflug in den Regenwald ist selbstverständlich: feste Schuhe und eine lange Hose, deren Beine in die Socken gesteckt werden. Darüber kommen die sogenannten "snake protectors", Gummi-Gamaschen, die vor Schlangenbissen schützen sollen. Ein Hemd mit langen Ärmeln muss sein und eventuell Insektenschutzmittel auf den letzten freien Hautflächen. Dazu trägt jeder einen Rucksack oder eine Kameratasche, Kamera, Fernglas, eine Plastiktüte zum Schutz der Ausrüstung und vielleicht einen Poncho für den oft plötzlich einsetzenden Regen sowie mindestens eine Flasche Wasser.

So ausgerüstet fühle ich mich ziemlich sicher, schwitze aber vom ersten Augenblick an noch mehr als üblich. Den meisten meiner Gruppe geht es ebenso.

 

Souza zeigt uns seinen Wald. Er ritzt Bäume an, damit wir den austretenden weißen und süßlich schmeckenden Saft probieren können, er lässt uns bittere Blätter kosten, die die Indios und Caboclos gegen Malaria kauen, er weist uns auf einen Gürteltierbau hin, erklärt Bäume und Früchte.

Mit seiner Machete haut er uns wenn nötig den Weg frei und streicht damit an einem Baumstamm auf und ab. Das lockt riesige, schwarze Ameisen an, die bis dato unsichtbar in einem Nest am Fuße des Stammes saßen; einen gebührenden Abstand hatten wir glücklicherweise schon vorher einnehmen müssen. Im Laufe der Wanderung bekommen wir so einen ersten Eindruck vom Leben und Überleben im Regenwald.

Als ich ziemlich erschöpft bin und denke, ich kann nicht mehr weiter, erkenne ich in etwa drei Metern Entfernung zwischen dem Unterholz eine Wasserfläche und unser Beiboot. Gerettet! Und nachdem wir alle in das motorisierte Kanu geklettert sind, verteilt unser zweiter Begleiter zu unserer Überraschung und großen Freude eisgekühlte, nasse Gesichtstücher. Obrigado, Paquito!

 

Danke auch an die Crew, die nach jedem Landgang unsere Schuhe säubert, damit wir nicht etwa im Profil der Sohlen kleine Würmer und ähnliches Getier an Bord schleppen.

Dafür setzen wir nach Rückkehr auf das Schiff auch die letzten beiden Anweisungen sofort in die Tat um:

  • Kleidung wechseln und mit viel Seife duschen. Zusammen mit den anderen Vorsichtsmaßnahmen sollte das gegen die chiggers helfen, sehr unangenehme, beißende Milben. Zudem erfrischt das dunkle, lauwarme Wasser des Rio Negro, das aus dem Brausekopf kommt, nach einer anstrengenden Tour. Regenwalddusche im wahrsten Sinne des Wortes.
  • Kleidung trocknen. Dazu eignen sich die auf dem Top Deck gespannten Leinen hervorragend, und die im Fahrtwind flatternden Hemden und Hosen verleihen unserer Tucano einen verwegen-abenteuerlichen und lässigen Touch.
unsere Tucano im Abenteuer-Modus

Dorfbesichtigungen

In der Amazonasregion leben etwa 22 Millionen Menschen, von denen circa eine Million einem der vielfältigen indigenen Völker in der Region angehören. Allein im brasilianischen Teil der Amazonasregion werden 150 verschiedene indigene Völker unterschieden; dort leben auch einige der letzten sogenannten unkontaktierten Völker.

 

ANT (Amazon Nature Tours), die Betreiber der Tucano, und jedes einzelne Crewmitglied haben sich dem Umweltschutz und einem nachhaltigen Ökotourismus verschrieben. Das heißt für die Dorfbesichtigungen beispielsweise, dass wir keine Siedlungen besuchen, in denen sich die Bewohner in  Baströckchen werfen müssen, damit Touristen "exotische" Fotos schießen können. Das heißt, dass wir gebeten werden, keine Fotos zu machen, sollte sich einer der Bewohner mit einem Faultier oder einem anderen gefangen gehaltenen Wildtier im Arm zeigen. Und das heißt, dass auf den Bootstouren nicht immer die gleichen Dörfer aufgesucht werden. Aber alle haben ihre Besonderheiten wie beispielsweise die Spezialisierung auf Maniokverarbeitung oder Bootsbau.

 

Für Dorfbesichtigungen gilt die gleiche Kleiderordnung wie für die forest walks, denn im Grasland der Siedlungen lauern besonders gerne chiggers und andere unangenehme Insekten und Würmer.

 

Im ersten Dorf, das wir besuchen, wohnen 32 Familien. Die Frau des Dorfgründers führt uns unter viel freundlichem Geplauder mit den Guides über das Gelände, und wir bekommen eine Ahnung davon, wie eine neue Gemeinde im Urwald entsteht: man findet einen passenden Platz am Wasser mit einer Anlegestelle für Boote und ansprechender Vegetation und baut seine Hütten. Die Entstehungsgeschichte des von uns besuchten Dorfes ist vielleicht gar nicht so einmalig, wie sie uns anmutet: erst wurde der Fußballplatz angelegt, dann die Tanzhalle gebaut, anschließend die Kirche und als Letztes die Schule.

... anderer Tag, anderes Dorf:

Das zweite Dorf, das wir besuchen, hat sich auf Maniokanbau und -verarbeitung spezialisiert. Leider ist bei unserer Ankunft die Anlage nicht in Betrieb, so dass wir uns diesen aufwändigen Prozess (Schälen, Mahlen, Auspressen und Rösten der Maniokknollen zu dem Stärkemehl "Tapioka") nicht ansehen können. Auch sonst macht die Siedlung einen ziemlich ausgestorbenen und nicht so gepflegten Eindruck wie das erste Dorf. Eine Handvoll Erwachsene, einige herumlaufende Hühner und magere Hunde sind zu sehen, aber ungewöhnlicherweise nur drei Kinder. Es sind Kinder aus der Stadt, die hier bei Verwandten einige Ferientage verbringen, erfahren wir. Vielleicht sind die Dorfkinder ja zu scheu und haben sich versteckt, als wir mit 19 Personen in ihr ruhiges Dorf eingefallen sind …

 

12.30 Uhr: Lunch. Und wieder einmal muss ich die Kochkunst von Vilma bewundern. Diese kleine, bescheidene Frau zaubert nicht nur hervorragende Fleisch- und Fischgerichte in ihrer Kombüse, sondern sie hält auch stets Alternativen für die Vegetarier bereit. Selbst mit den Lebensmittelunverträglichkeiten einiger Gäste an Bord kommt sie klar und kocht spezielle Gerichte, ohne Gewürze oder lactosefrei.

 

13.00 – 15.30 Uhr: der heißeste Teil des Tages. Zeit, um auszuspannen. Und während das Schiff am Flussufer längs tuckert und unsere Guides in ihren Hängematten schlummern, können wir dasselbe in der Kabine tun. Oder auf dem Beobachtungs-Deck sitzen und mit einem Fernglas den langsam vorbeiziehenden Wald beobachten und die rosafarbenen Botos (Amazonasdelphine), die um das Schiff herumschwimmen. Wir können klönen, spielen, den Bücherschrank im Salon durchforsten oder einfach nur träumen. Wenn denn nicht der Crew einfällt, irgendwann an einer Sandbank anzuhalten, damit wir schwimmen gehen können.       

                   

15.30 Uhr: Während die Tucano vor Anker liegt, geht es per Boot zur Nachmittagsexkursion. Wir entdecken immer wieder neue Vogelarten und schippern durch die unterschiedlichsten, fantastischen Wasserlandschaften. Auch jetzt (es ist September und damit Trockenzeit) steht der Uferwald des Rio Negro teilweise noch meterhoch unter Wasser, und so paddeln und treiben wir mit dem Kanu zwischen exotischen Bäumen herum und halten an, um den Geräuschen des Waldes zu lauschen oder über uns in den Baumkronen turnende Kapuzineraffen zu beobachten.

Ich erlebe das Ganze wie im Lehrbuch beschrieben; Auszug aus meinem Reisetagebuch:

Stufe 1: Etwas plumpst ins Wasser; bestimmt eine Frucht, die ein Affe fallen gelassen hat

Stufe 2: Äste knacken

Stufe 3: Zweige bewegen sich

Stufe 4: wir sehen die Affen, die auf der Suche nach Nahrung mit ziemlicher Geschwindigkeit im Gewirr der Äste über uns herumhangeln.

 

Und nach unseren Touren vergisst der gewissenhafte Edivan nie die von uns besuchten Orte auf einer großen Tafel zu notieren, dazu die Namen von sämtlichen gesehenen Pflanzen, Säugetieren und Vögeln.

 

Der Amazonas Regenwald

Das größte Regenwaldgebiet und damit die größte Wildnis der Welt finden wir im Amazonasbecken, von dem mehr als die Hälfte zu Brasilien gehört. Über die Zerstörung dieses tropischen Regenwaldes und die Bedrohung der indigenen Bevölkerung brauchen wir nicht diskutieren; beides besteht und ist erschreckend. Zuletzt in GEO H.7/2015 zu lesen: "Jede Minute gehen 35 Fußballfelder Regenwaldfläche verloren" und "Coca Cola und Diabetes sind ebenso [im Xingu NP] eingezogen wie Telenovelas und eine Sehnsucht nach iPads."

 

Doch darüber möchte ich jetzt nicht schreiben. Wir sahen zwar beim Überfliegen des 6 Millionen km² großen Regenwaldes auch einige Brandrodungen, aber hier am entlegenen und dünn besiedelten Rio Negro ahnt man nichts davon.

 

Flora und Fauna der Amazonasregion zeichnen sich durch ihre große Biodiversität (biologische Vielfalt) aus, so sind beispielsweise auf einem Hektar Land um die 250 verschiedene Baumarten anzutreffen, und man geht von insgesamt 18.000 Pflanzenarten aus.

Die Anzahl der tatsächlich vorkommenden Pflanzen- und Tierarten ist schwer zu schätzen, da erst ein Bruchteil von ihnen entdeckt und beschrieben wurde; Fachleute sprechen von einer Zahl zwischen fünf und zehn Millionen Arten.

Die Dichte ihres Vorkommens ist jedoch gering, und so sind einige Besucher dann auch enttäuscht, wenn sie beispielsweise die gleiche Menge Säugetiere einer Spezies hier anzutreffen glaubten wie in einem afrikanischen Park. Aber den Amazonas-Regenwald besucht man nicht, um etwa Herden von Tapiren zu beobachten oder ganze Jaguar-Familien. So etwas gibt es hier nicht, auch finden sich nicht auf jedem zweiten Baum in fotografisch günstiger Entfernung ein Faultier oder eine Affenhorde. Die Schönheit dieses Lebensraums besteht darin, wie Pflanzen und Tiere sich auf teilweise bizarre Art angepasst haben, um hier in der Wildnis zu gedeihen. Wer den Regenwald unter diesem Aspekt besucht, wird ihn als das erleben, was er in Wirklichkeit ist: ein wahres Schatzkästlein und Geschenk der Natur.

Die Sache mit dem Kautschuk

Kautschuk wird aus Latex, dem Milchsaft des Kautschukbaums (Hevea brasiliensis) gewonnen und wurde von den indigenen Völkern Amazoniens bereits in präkolumbianischer Zeit in vielfältiger Weise genutzt.

 

Als im Jahr 1839 Charles Goodyear das Verfahren der Vulkanisation erfand,  durch das der plastische Kautschuk in elastisches Gummi umgewandelt werden kann, boten sich viele neue Anwendungsmöglichkeiten, und in der Amazonasregion brach der Kautschukboom aus. Die Stadt Manaus wurde zur reichsten Brasiliens; Wohnhäuser der Kautschukbarone und das "Teatro Amazonas", das berühmte Opernhaus, das am Silvestertag 1896 eingeweiht wurde, künden noch heute davon. So wurden alle Materialien für das Theater aus Europa herangebracht, alles nur vom Feinsten: vom Marmor aus Carrara über die Spiegel aus Venedig bis zu den 19500 bunt glasierten Kuppelkacheln aus dem Elsass und den Pflastersteinen aus Portugal, die auf dem weiten Vorplatz verlegt wurden. Das verarbeitete Holz für Gestühl und Parkett kam zwar aus dem heimischen Wald, wurde aber nach Europa verschifft, dort bearbeitet und wieder nach Manaus zurückgesandt. Geld spielte keine Rolle.

 

Dabei war das Kautschukzapfen ein ziemlich mühseliges Geschäft; denn auf einem Hektar Land stehen nur zwei bis drei Kautschukbäume, und die Zapfer mussten täglich lange Wege durch den Busch laufen, um das Latex zu sammeln, das aus den leicht schräg in die graue Rinde geschnitzten Ritzen tritt.

Über Jahrzehnte hielt Brasilien das Weltmonopol, aber dann brachten die Briten Kautschuksamen außer Landes, und es entstanden erste Plantagen in Malaysia, die ihre Produkte ab 1905 auf den Weltmarkt brachten. Mit dem brasilianischen Kautschukboom war es 1910 dann endgültig vorbei.

 

Am Anfang glaubte ich noch, ich würde um die Kautschukbäume kämpfen, dann dachte ich, ich  wolle den Regenwald Amazoniens retten. Mittlerweise weiß ich, dass mein Kampf dem Überleben der Menschheit gilt.

Chico Mendes, Kautschukzapfer, Gewerkschafter und Umweltschützer (1944-1988)

 

 

Impressionen aus einem verlassenen Kautschukzapfer-Dorf, in dem nur noch ein Seringuero die Stellung hält und nach dem Rechten sieht:

 Rio Negro

Mit einer Länge von 2.253 Kilometern belegt der Rio Negro Rang 60 unter den längsten Flüssen der Erde, unter den wasserreichsten steht er jedoch auf Platz 6. Er entspringt im Bergland von Guayana und fließt dann, den Äquator querend, in südöstlicher Richtung durch Brasilien, um unterhalb von Manaus in den bis zu dieser Stelle Rio Solimões  genannten Amazonas zu münden. Diese Mündung, bekannt als Encontro das Aguas (Treffen der Wasser) ist spektakulär:

hier trifft das Schwarzwasser des Rio Negro auf das lehmgelbe Wasser des Amazonas. Beide Flüsse vermischen sich jedoch nicht sofort, sondern fließen gut sichtbar über  30 Kilometer nebeneinander her.

 

Der Rio Negro erscheint wegen seines hohen Gehaltes an verschiedenen Säuren, die vom Regen aus den schon ziemlich ausgelaugten Böden gewaschen werden, schwarz. Dieses Schwarzwasser ist zwar stark gefärbt, aber durchsichtig und nährstoffarm. Das bedeutet, dass es kaum Pflanzenwuchs im Wasser gibt und wir auf dem Rio Negro beispielsweise keine Schwimmpflanzen wie Wasserhyazinthen oder Wassersalat finden. Dafür gibt es hier aber auch kaum Mückenlarven und damit praktisch keine Malaria.

 

"Encontro das Aguas"

Piranhas

Igapó nennen die Brasilianer den immergrünen, tropischen Überschwemmungswald, der in den Auen entlang der Schwarzwasserflüsse Amazoniens (also auch am Rio Negro) anzutreffen ist. In manchen Gegenden können die Bäume bis zu 6 Monate in Jahr versunken sein; bei unserer Reise stehen sie etwa bis zur Hälfte unter Wasser. Und jedes Mal, wenn wir mit dem Kanu zwischen den Baumstämmen herummanövrieren, verfallen wir aufs Neue dem Zauber dieser fantastischen Pflanzenwelt.

 

Einen der Nachmittage nutzen wir, um im Igapó Piranhas zu angeln, diese kleinen Biester mit dem unglaublich scharfen Gebiss und dem schlechten Ruf. Eine einfache Bambusrute mit Schnur, Haken und einem Stück Fleisch dran genügen, und auch die Technik ist einfach: mit der Rute auf dem Wasser plätschern (was wohl ein ins Wasser gefallenes Tier nachahmen soll), dann den Köder tief im Wasser versenken und warten ...

 

"Die Gefährlichkeit der Piranhas für den Menschen ist sehr umstritten und keineswegs erwiesen, und zu den meisten Verletzungen mit den Raubfischen kommt es zumeist nicht im, sondern eher außerhalb des Wassers, wenn etwa versucht wird, einen gefangenen Piranha unsachgemäß vom Angelhaken zu lösen" ist bei Wikipedia zu lesen. Das scheint zu stimmen, denn unsere Begleiter bestehen darauf, dass nur sie selbst die gefangenen Tiere vom Haken abmachen. 

Wie kräftig und scharf das Gebiss der Fische ist zeigt Souza uns, indem er eins der Tiere quasi als Heckenschere benutzt. Da werden kleine Äste präzise, schnell und glatt durchgebissen, und wir können uns lebhaft vorstellen, was mit unseren Fingern samt Knochen passieren kann.

 

Trotzdem begnadigen wir einen der Gefangenen und unter Katrins Schlachtruf "Free Willy!" setzt Souza ihn wieder im Rio Negro aus.

  

 

18.00 Uhr: Rückkehr zu unserem riverboat, wo auf dem Beobachtungsdeck die appetizer (Käse und Oliven, Popcorn oder Maniok-Chips, an einem Tag auch gebratene Piranhas) schon auf uns warten. Und wo zum Sonnenuntergang Bierdosen knackend und zischend geöffnet und geleert werden: Antarctica, Brahma, Skol und Itaipava.

 

19.00 Uhr: Dinner. Bei dem wir nach einem aufregenden und interessanten Tag jedes Mal die Schüsseln und Platten nahezu leeren und die Vorräte an Säften, Bier und Wein, die die Tucano mit sich führt, weiter dezimieren.

 

20.00 Uhr: Souza hat verschiedene unbekannte Früchte und Nüsse gesammelt, die er uns zeigt. Oder wir liegen auf dem Rücken an Deck, und Edi erklärt den südlichen Sternenhimmel. Oder die Beiboote werden noch einmal klar gemacht, und wir brechen zu einer Nachtpirsch auf. Wo uns wieder ganz andere Bewohner des Regenwaldes erwarten: Frösche, Schlangen und Kaimane.

 

Am letzten Abend unserer Tour mixen wir zum Abschied eine ganze Batterie von Caipirinhas, ein Gitarrenspieler kommt an Bord, es wird gesungen, getanzt und gelacht:

 

"Yo no soy marinero, yo no soy marinero, soy capitan, soy capitan ..."

 

 

 

Ich hoffe, meine Erzählungen aus dem Regenwald haben euch gefallen und sind vielleicht sogar eine Anregung für eine nächste, großartige und abenteuerliche Reise.

 

Kommentare

Diskussion geschlossen
  • Wolfgang & Barbara Schriddels (Mittwoch, 23. Dezember 2015 10:23)

    Liebe Beate,
    wieder ein schöner Reisebericht, diesmal aus Weltgegend die wir noch nicht kennen, das hört sich alles sehr gut an.
    Schon bald ist auch das Jahr 2015 Geschichte.
    Unser Leitspruch für das neue Jahr 2016 lautet: „In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast“ (Mark Twain)
    In diesem Sinne wünschen wir Dir und Deiner Familie ein frohes Weihnachtsfest und schon jetzt einen guten Rutsch ins neue Jahr, mögen alle eure Wünsche in Erfüllung gehen.
    Wolfgang & Barbara

  • Gerhard Dolaa (Sonntag, 20. Dezember 2015 14:27)

    Wir wünschen Euch zur Weihnachtszeit
    viel Gesundheit, Glück und Zufriedenheit.
    Und hoffen dann, dass es so bleibt.
    Bis bald und eine gute Womo Zeit!
    Frohe Weihnachten wünschen,
    Ingrid und Gerhard Dolata

  • Schalimara (Sonntag, 22. November 2015 19:43)

    Hallo Beate,
    jetzt habe ich schon wieder über zwei Stunden auf Deinen Seiten verbracht :-) Deine Schilderung über den Regenwald fand ich faszinierend. Danke, das ich mit Dir in Gedanken "Fernreisen" kann.

    LG Verena

  • Tina (Donnerstag, 29. Oktober 2015 15:45)

    Hallo Beate!
    Du kannst wirklich fesselnd erzählen!! Aber in diese Region locken mich auch deine wunderbaren Schilderungen nicht....Im Gegenteil: ich bin froh, dass ich dort nicht hinreisen muss, denn nun weiß ich
    ja, was mich erwarten würde und muss es nicht selber erkunden ;-)

    Gruss, Tina

  • Hedi (Donnerstag, 29. Oktober 2015 09:54)

    Wundervoll wie die meisten deiner Reiseberichte, nur diesmal noch etwas wundervoller.
    Eine Reisewoche auf der Tucano reicht für Jahre der Erinnerung!
    Trotzdem bin ich froh, dass ich aus der Ferne mitreisen durfte - ich habe nur zu gut noch die Hitze, Feuchtigkeit, die vielen Beiß- und Krabbelsinsekten des Amazonasgebietes Ecuadors und auch den
    Krach, den der Dschungel nachts veranstaltet, in Erinnerung.
    Die Fotos sind - wie immer - einfach hinreißend. Merkwürdigerweise gefallen mir die mit den Spiegelungen besonders gut. :-) Und die aus der verlassenen Kautschuksiedelung, und die... na, eigentlich
    alle.
    Ich habe gehört, dass du Caipis mixen kannst?? Freue mich schon auf unser nächstes Treffen! :-)
    Herzlichst, Hedi

  • Bianka (Montag, 26. Oktober 2015 06:10)

    Hallo Beate, sehr gelungener Reisebericht. Wir sind derzeit im Regenwald von Tasmanien unterwegs. Hier gibt es glücklicherweise nicht so viele Krabbeltiere, aber die Natur ist ebenfalls großartig. Es
    ist toll, solch unberührte Landstriche zu bereisen!
    Viele Grüße von Bianka

  • Anne (Donnerstag, 22. Oktober 2015 16:05)

    Liebe Beate,

    ich bin immer wieder beeindruckt von Deinem kurzweiligen unterhaltsamen Schreibstil. Es macht so Spaß bei Dir zu lesen und ich müsste einfach noch mehr Zeit haben. Übrigens die Fotos vom Rio Negro
    haben es mir sehr angetan.

    Liebe Grüße
    Anne

  • Anne Dorothee (Donnerstag, 22. Oktober 2015 13:32)

    Ein typischer Tagesablauf an Bord der TUCANO I, ergänzt durch viele persönliche Eindrücke und Fotos sowie wissenswerter Info über den Naturraum Amazonien. Ein weiterer gelungener Reisebericht. Das
    "Golden Girl" kann schreiben:-)
    LG Anne Dorothee

  • Katrin (Sonntag, 18. Oktober 2015 07:42)

    Liebe Beate, ein toller Bericht! Schön, dass wir das erleben durften, diese Eindrücke werden für immer in uns sein. Liebe Grüße auch an John, deine Mitreisende

  • Doris (Samstag, 17. Oktober 2015 15:13)

    Liebe Beate,
    Dein Bericht ist wie immer sehr interessant und so lebhaft geschrieben, dass mir fast scheint ich sei dabei gewesen. Nur eine Frage habe ich noch: warum soll man Bananen vor einer Wanderung durch den
    Regenwald essen?
    Liebe Grüße (noch) aus Hainhausen
    Doris

  • Jutta (Donnerstag, 15. Oktober 2015 14:48)

    Ich fühle mit dem kleinen Mädchen und bei deinen Erzählungen kommt eine Gänsehaut nach der anderen über mich. Auch Bewunderung, denn so ganz ungefährlich war die Reise ja auch nicht, die man übrigens
    nur auf einem Schiff namens "Tucano" machen sollte... Lang lebe der Regenwald!

    Ich freue mich schon darauf noch mehr Photos während meines Besuches zu sehen.
    Hasta luego - Juanita :-))

  • Anita und Dieter (Mittwoch, 14. Oktober 2015 11:00)

    Wieder so ein typischer Beate-Bericht: aussagekräftig, ja aussagestark, witzig, humorvoll, detailgetreu...Was fallen mir noch für Adjektive ein, die Deine Berichte, liebe Beate, zutreffend
    beschreiben könnten. Man fängt an zu lesen, meint dann, man ist selber mitten im Geschehen und liest bis zum Ende durch. Ich kann nur sagen, großes Lob für Deine Amazonas-Erinnerungen, die Sehnsucht
    wecken, auch mal so was zu erleben! Danke!
    Liebe Grüße
    Anita und Dieter

  • Anni (Dienstag, 13. Oktober 2015 15:39)

    Hallo Beate,
    ein besonderes Dankeschön für Deinen aussagekräftigen Bericht über Deine/Eure Fußkreuzfahrt auf dem Rio Negro.
    Erst kürzlich auf Spitzbergen gewesen und jetzt am anderen Ende der Welt in Brasilien angekommen. Tolle Leistung!
    Aber wen wundert's bei Deiner Abenteuerlust! Aber hätte ich Dich nicht noch vor den Schlagen, Piranhas und sonderbare Flugobjekte (chiggers) warnen sollen, lach?
    Man spürt, dass Du mit Herz und Seele die Reise erlebt hast! Neidvoll habe ich deinen Bericht gelesen und nur gestaunt, wenn es heißt: Frühsport auf dem Rio Negro, Full Breakfast (hm!), Einsatz einer
    Machete, gebratene Piranhas, Amazonasdelphine, Kapuzineraffen, Regenwalddsuche, Maniokanbau,... Es war fast so, als wäre ich dabei gewesen. War ich aber nicht. Stattdessen sitze ich an meinem
    Schreibtisch und träume nur von der weiten, fernen, großen Welt. Gibt es 'ne Fortsetzung? GlG Anni

  • Ildiko (Dienstag, 13. Oktober 2015 12:08)

    Amazonas und Orinoco waren auch solche Sehnsuchtsziele meiner Jugend. Aus deinem Bericht sprechen so viele positive Emotionen und Erfahrungen, dass diese Sehnsucht wieder aufflackert. Die Bilder tun
    das Ihrige dazu.Ja, liebe Beate, das war mehr als nur eine Anregung für eine nächste großartige und abenteuerliche Reise...
    LG Ildiko

  • Zypresse (Dienstag, 13. Oktober 2015 12:04)

    Hach... wie wunderbar erzählt, liebe Beate.

    Ja, das wäre eine tolle Anregung für eine Reise. Nur: mir bricht schon jetzt der Schweiß aus, wenn ich an den Amazonas Urwald, die Temperaturen und die Luftfeuchtigket denke. Ich glaub, ich bin mehr
    der Wüsten-Typ.

 

 

Mehr über Amazon Nature Tours und die Motor Yacht Tucano: 

 

 

 

Zum Weiterlesen:

 

s. dazu auch meine "Bücherkiste"