I came to London. It had become the center of my world and I had worked hard to come to it. And I was lost.

V. S. Naipaul (*17. 08. 1932)

Die Insel der Abenteuer. Eine Reise in den britischen Alltag 3

Samstag / 13. August 1994: THE DAY!!!

Umzugstag. Unsere Möbel aus Deutschland sind da!

 

12.15 Uhr: WOW, da sitze ich nun zwischen Unmengen von Umzugs-Kartons, die heute Morgen aus Deutschland angekommen sind! Die zwei Möbelträger waren zwar sehr nett und arbeiteten zügig, aber es ist (natürlich!) einiges schief gelaufen: die ganzen schwarzen Schlafzimmermöbel, die wir nicht in England haben wollten, hat die Spedition mitgeschickt, aber dafür fehlt mein Schreibtisch. Kann doch eigentlich nicht so schwer sein, das Eine vom Anderen zu unterscheiden! Und die Gartenstuhl-Auflagen habe ich auch noch nicht gesehen.

 

Doch wir haben liebe Freunde, die staubsaugten, Teppiche auslegten, Möbel rückten, das neue Bett zusammenbauten und in der Collins Street Heinzelmännchen spielten und das Geschirr wegspülten. Solche Gäste dürfen immer wieder kommen!

15. August 1994

Endgültiger Umzug. John machte in der Collins Street „Klar Schiff“, und ich in der Bromley Avenue. Und der plumber knöpfte uns rotzfrech für das Anschließen der Waschmaschine ₤ 40 ab; das hätten wir auch selbst hingekriegt!

Programm: ums Haus herum kehren, große Wäsche, Schränke auswaschen und einräumen. Der Kühlschrank ist hygienisch sauber, und wir sind stolze Besitzer einer neuen Gartenschere, eines Rasensprengers, eines Laubrechens und dreier Fußmatten.

16. August 1994

Ein 14-Stunden-Arbeitstag!

17. August 1994

6.25 Uhr: Wie schön! Eben schnürte ein Fuchs durch unseren Garten; er war recht groß und hatte eine weiße Schwanzspitze!


 

14 Uhr: meinen ersten Einkaufsbummel in Bromley (High Street und Shopping Centre „The Glades“) habe ich auch hinter mir und Tüten voller wichtiger Sachen wie Filtertüten, WC-Reiniger, Allzweckreiniger, Kleenex, Deo und Kaffee heimgeschleppt. Nächstes Mal traue ich mich, mit dem Auto zu fahren!

 

Ansonsten ist der Flur jetzt aufgeräumt, aber dafür wird der dining room (für den wir zum Glück noch keine Möbel haben) immer voller mit Sachen, die noch nirgendwo hingehören. Und Dank Johns gestrigen vergeblichen Bemühungen, Fernseher und Videorecorder anzuschließen und zum Laufen zu bringen, sieht’s im Wohnzimmer wieder aus wie bei Hempels.

Gemütliches Abendbrot bei Hempels mit Sandwiches und Fertig-Salaten.  

18. August 1994

Besuch von einer sehr hungrigen Füchsin, die an der Terrassentür stand, mir aufmerksam zuhörte und das ihr hingeworfene Brot verdrückte (den Rest holte sich der Rabe). Morgen werde ich eine Dose Corned Beef opfern; vielleicht schmeckt das Zeug Frau Reineke ja besser als uns!

 

Die eingebaute Spülmaschine ist eine Katastrophe; hoffentlich liegt das „stumpfe“ Ergebnis der heutigen Durchgänge nur am eventuell fehlenden Salz; der Klarspüler-Behälter ist nämlich proppevoll! Spüle ich also unsere 284.000 Gläser noch einmal per Hand … I LOVE IT!!!

 

Stunden später: Endlich hab‘ ich keinen Umzugskarton mehr in der Küche stehen, da klingelt’s, und Gilly steht in der Tür. Will mir nur schnell eine Kiste mit „stuff“ geben, der in die Küche gehört, und den sie irrtümlich eingepackt hat. Na super!

Gilly und Dick haben in ihrer neuen Bleibe schon alles ausgepackt und eingeräumt … Frust.

Ich vermute allerdings, dass unsere beiden Engländer schon deshalb mit allem fertig sind, weil die geniale Gilly unbekümmert ihr Geschirr aus den Umzugskartons direkt in die nicht noch einmal ausgewaschenen Schränke eingeräumt hat. Sie verriet mir übrigens auch, dass sie nichts mehr findet

… leichte Schadenfreude. 

20. August 1994

Haben uns einen Zweitfernseher gekauft, denn mit unserem können wir zwar ein Bild empfangen, aber keinen Ton. Dazu muss er erst quarzmäßig umgerüstet werden.

Auch die Geschichte mit dem Bettzeug ist nicht so einfach, denn in England gibt es ganz andere Maße als „auf dem Kontinent“.

Sonntag / 21. August 1994

Blöder Tagesanfang heute! Erst erschienen meine mittlerweile drei Füchse nicht, um sich ihre morgendliche Ration Corned Beef abzuholen; nicht einmal die liebenswert-schusselige Lady mit dem einen kaputten Auge! Und dann fand ich in einem Umzugskarton mit der Beschriftung „x-mas“ endlich unsere Gartenstuhlauflagen; leider ziemlich ramponiert durch eine Portion Duft-Petroleum aus der dazu gepackten Lampe. Wieder eines der Heldenstücke unserer deutschen Spedition, und natürlich merkte ich das Ganze erst, als ich mit den Auflagen auch noch die Wohnzimmercouch versaut hatte. - Was kommt als nächstes?

23. August 1994

Während ich heute Morgen im Bad war, schnappte sich Lady eine Sandale von John aus dem Wohnzimmer und spielte voller Freude im Garten damit herum. Natürlich nicht, ohne mit ihren spitzen Zähnchen niedliche Spuren ins Leder zu gravieren. Und jetzt liegt sie brav vor der Terrasse – als könne sie kein Wässerchen trüben!

 

20 Uhr: seit einigen Stunden sind wir stolze Besitzer einer Satellitenschüssel und zweier Receiver und können endlich wieder deutsche Sender empfangen. So habe ich denn heute auch nichts Anderes gemacht, als die Haare mit Henna gefärbt und in die Glotze geguckt.

 

Ach ja, und nette Nachbarn haben wir hier! Sie grüßen freundlich, und Jim und Lilian und Douglas (alle drei über 70) haben sich bereits vorgestellt und ihre Hilfe angeboten. Lieb!

Freitag / 26. August 1994

Mit dem Auto zum Bahnhof. Per British Rail zur Victoria Station. Per tube zum Green Park. Umsteigen zum Piccadilly Circus. Zu den Ständen mit dem Touri-Kitsch. Dann das Ganze wieder zurück … und alles nur, um meinem kleinen Freund Andreas bei meinem Deutschland-Besuch am Montag einen Bobby-Helm mitbringen zu können. Ich freu‘ mich jetzt schon auf meinen Urlaub!


Victoria Station 1994: mein Dreh- und Angelpunkt

Samstag / 27. August 1994

Tatort: rear garden

 

Shopping in Croydon und in Bromley. Statt mit dishwasher und freezer kamen wir jedoch mit Rasenmäher, Blumenkästen und mit vielen Ideen zurück.

Und in der Zwischenzeit hatte Nachbars Hund mitten auf unseren Rasen - sorry: geschissen!!!

Montag / 5. September 1994

Wieder zu Hause! Zwar ohne Koffer (den hat die Lufthansa irgendwo anders hingeschickt), aber mit vielen Eindrücken, schönen Erlebnissen und guten Wünschen unserer Freunde in Deutschland.

 

Nicht so schön, dass John heute zweimal wegen eines mini cabs anrufen und 55 Minuten warten musste, um beim dritten Anruf zu erfahren, es läge keine Bestellung vor. Auch ich hatte bei der Fahrt nach Heathrow Ärger mit dieser Gesellschaft, also streichen wir die „24 Hour Bromley Express Cars“ für immer aus unserem Telefonbuch. Nicht mit uns!

7. September 1994

Wie sich die Bilder gleichen! Heute kam ich statt mit Badematten, Tapeten und einem Colorwaschmittel mit Hähnchen, Keksen und vier Kaffeebechern von Debenham‘s aus Bromley zurück. Langsam bekomme ich Zweifel an meiner geistigen Gesundheit!

Zumal ich heute auch vergeblich versucht habe, in die Betriebsgeheimnisse unserer drei Herde einzusteigen: Grill, Convection (?), Microwave Oven von Sharp und dann dieser merkwürdige Doppelherd von Creda: alles Böhmische Dörfer!!!

8. September 1994

Im Moment nervt mich unsere Hütte etwas; irgendwie will’s nicht so recht vorangehen: die falsch gelieferten Möbel stehen noch im Esszimmer, mein fehlender Schreibtisch kann nicht eingeräumt werden, der HiFi Turm ist noch nicht installiert und die CD-Türme noch nicht zusammengebaut.

Und dann der ganze Kleinkram! Was ich mal wieder brauche, ist eine große Aufgabe!

Freitag / 9. September 1994

Küchenfronten abgewaschen; erst mit einem feuchten Tuch, dann mit heißem Seifenwasser, zuletzt mit dem Kratzeschwamm … im Laufe des Prozesses wird man mutiger! Und eines weiß ich genau: ich werde mir nie eine „country style“-Küche zulegen; da gibt’s einfach zu viele Ecken und Kanten und Geschnörksel! Wenn ich die Küche gleich noch mit Holzpflegemittel behandelt haben werde, ist der Tag wohl gelaufen. - Und ich wünschte mir gestern noch ein „große Aufgabe“!!!


unsere "country style"-Küche mit Blick in den utility room

12. September 1994

Hab‘ mich heute stundenlang alten Freunden gewidmet: Solitaire, Hearts, Minesweeper … was zeigt, dass endlich unser PC installiert ist!

14. September 1994

Der Meister über 2 Fernseher, 2 Video-Recorder, 2 Satelliten-Receiver, über schätzungsweise 124 verschiedene Stecker und kilometerlange Kabel sowie über 4685 nie passende Nägel, Schrauben und Dübel, die in 468 Plastiktüten an verschiedenen Orten aufbewahrt werden, dieser Meister hat heute wieder zugeschlagen! Hilfe, unsere Wohnung ist ein Trümmerfeld:

Kombizange auf dem Bett, Schrauben auf dem Boden, Schraubenzieher auf der Frisierkommode, dazu 135 Kartons und 380 Gerätebeschreibungen verteilt übers ganze Haus … und alle 20 Minuten die Frage: „Wo haben wir …?“

Gut, dass der Meister übermorgen mit Walfried und Johannes nach Chicago fliegt!

16. September 1994

Die Korbmöbel von „The Pier“ wurden trotz Zusage nicht geliefert, und Lady, meine Füchsin, hat heute in aller Herrgottsfrühe den drei Jungs gezeigt, wie schön sie mit einem aus dem utility room geräuberten gelben Gummihandschuh spielen kann!

19. September 1994

Seit zwei Tagen ist Petra da, und seit heute endlich auch die Möbel für unseren morning room! Großer Einkaufsbummel in der City: CDs bei HMV, Gewürze und biscuits bei Harrods.

22. September 1994

 

 

Petra hat bei unserem Besuch in den (Royal Botanic) Kew Gardens Narzissenzwiebeln gekauft, die wir heute gemeinsam im Garten verbuddelten.


Zur Belohnung gab’s später Chicken Tikka Nilgiri und mehrere Cobra Lager im „Tamasha“, dem besten Inder in Bromley

 

… und als Absacker a pint of bitter im „Swan & Mitre“ um die Ecke.

Sonntag / 25. September 1994

Hurra! Seit wir heute Nachmittag drei Grünpflanzen in den morning room gestellt haben, besitzen wir ein weiteres Zimmer! Und richtig gemütlich ist’s geworden mit Gillys Blümchentapete und unseren alten Billys voller Bücher und Spiele. Wen stört es da, dass in Ermangelung eines Kellerraumes der Heizkessel hier untergebracht wurde?!


morning room mit Heizkessel und Durchgang zur Küche

Montag / 26. September 1994

Was für ein erfolgreicher Tag! John hat noch Urlaub und der Toyota eine neue Antenne. Wir haben einen freezer und einen dishwasher gekauft, ich habe Tapeten für mein Zimmer gefunden - und im Kühlschrank brennt endlich wieder ein Licht!

Johns aus den Staaten mitgebrachtes Faxgerät funktioniert, und den kaputten Kaugummispender aus den Catskills haben wir auch wieder flott gekriegt! Großartig das alles; müsste ich nur noch meine schwarzen Reißbrettstifte finden!

Dienstag / 27. September 1994

Alles begann damit, dass ich einige verblühte Astern abschneiden wollte. Und dann wurden drei Stunden Gartenarbeit daraus, mit verdreckten Schuhen, zerschundenen Händen und einem Riesenberg abgeschnittener Blumen und Äste. Und was ich alles gefunden habe: Alupapier, Plastik, Legosteine, Folie, Wäscheklammern, einen Button, eine Batterie …

Samstag / 1. Oktober 1994

Endlich haben wir wieder einen Geschirrspüler! Es dauerte zwar mehr als vier Stunden, bis unser Handwerker ihn angeschlossen hatte, aber dafür hat er ausgezeichnete Arbeit geleistet, der Handwerker. Er war sogar extra eine passende Holzleiste besorgen, um die Lücke unter der Arbeitsplatte zu schließen und verlangte nur ₤ 46! John gab ihm dann auch ein fürstliches Trinkgeld!

Sonntag / 2. Oktober 1994

Wandlampen im Schlafzimmer angebracht (er) und Papiere sortiert (ich). Eigentlich wollten wir anschließend nur noch rumgammeln, aber dann fand John diese Anzeige:

 

So, und jetzt haben wir einen Esstisch gekauft, 6 Stühle, 1 Sideboard, 1 Coffee Table, 2 Ledersessel sowie eine schwere „Three-Piece Clock Garniture“ (also eine Uhr und zwei passende Kerzenleuchter) im Italian Style. Je mehr wir kauften, umso billiger wurde alles, wie auf einem Basar.

 

Zurück in Bromley gab’s zur Feier des Tages dann einen Martini à la maison, nämlich mit zwei Oliven und aus einem Weinglas.

Montag / 3. Oktober 1994

John hat sich einen day off genommen, und wir sind über sechs Stunden lang durch England gedüst auf der Suche nach Lampen; die nackten Glühbirnen wollen endlich ersetzt werden.

Nicht für alle Räume fanden wir etwas Passendes, und so müssen wir wohl demnächst noch einmal auf die Jagd. Auch eine Möglichkeit, das Land kennenzulernen!

4. Oktober 1994

Es wird Winter! Gestern Abend bereits sind wir näher zusammengerückt bei einem indischen Gewürztee, weil es so kalt war. Heute Morgen waren sämtliche Fenster beschlagen, Reif lag auf dem Rasen, und John musste Autoscheiben kratzen. Wird wohl Zeit, dass ich die Gartenstühle hereinhole und unsere Golden Delicious ernte!

5. Oktober 1994

Heute „The Glades“ in Bezug auf Martini-Gläser leergekauft, indem ich mir die einzigen vier vorhandenen Exemplare unter den Nagel riss. Und da ich schon mal beim „Auskaufen“ war, habe ich auch gleich die beiden letzten Flaschen australischen Cabernet Sauvignon bei Marks & Spencer erstanden. Wie ich die Engländer mittlerweile so kenne, wird es diesen Wein erst dann wieder geben, wenn alle anderen Rotweine verkauft sind!

Ach ja, und bei Hennes habe ich eine kleine, verschämte Ecke entdeckt, in der BIB-Konfektion angeboten wird: Big Is Beautiful …???

 

Zurück in Shortlands vergeblich versucht, diese kamerascheuen Füchse zu überlisten. Wenn nur meine Lady wiederkäme; die würde sich sicher gerne fotografieren lassen!

By the way: diese englischen Tiere sind irgendwie … anders. Die Raben fressen den alten Schinken für die Füchse, und die Füchse fressen die Erdnüsse, die ich fürs Eichhörnchen hingelegt habe.

Samstag / 8. Oktober 1994

Highlight des Tages: ein Typ vom Kaufhaus „Army & Navy“ rief an, um uns mitzuteilen, dass sie die bei ihnen bestellte Matratze am Donnerstag liefern können. Wenn wir denn vorher eine Anzahlung leisten. Unsere bereits geleistete Anzahlung sei irrtümlich nur für die Möbel verbucht worden (die übrigens am Dienstag geliefert werden sollen!), und daher sollen wir unbedingt jetzt noch einmal vorbeikommen und eine zweite Anzahlung leisten.

Hilfe!!! THESE BRITONS ARE CRAZY!!!

9. Oktober 1994

Laut BBC und ITV sollte es heute wettermäßig sehr schön werden, deshalb hieß es für mich wieder: auf in die City!

Merkwürdige Gegend rings um Waterloo Station: vergammelt bis finster und dreckig, dazwischen möchtegern-menschlicher sozialer Wohnungsbau mit bunten Balkongeländern und riesige Backsteinhäuser mit sauberen Spitzengardinen.

Vom Queens Walk schöner Blick über die Themse und auf St. Paul’s; am Geländer sitzt ein alter Mann und spielt Klarinette ...

Dienstag / 11. Oktober 1994

Wir besitzen ein möbliertes Gästezimmer!

13. Oktober 1994

Shopping in Beckenham. Nettes Örtchen mit schnuckeligen Geschäften und freundlichen Restaurants. – Beute: Sojabrot, Seidenblumen und Duftöle. Ich passe mich langsam an …

Samstag / 15. Oktober 1994

Im Garten das erste Herbstlaub zusammengerecht und –gefegt, und die schrecklichen Nachbarsjungs haben mit ihrem Luftgewehr eine unserer Weinbergschnecken erschossen. Und das Glasfenster der Gartenhütte, an dem das Tier hochkroch, gleich mit. Eine verwahrloste Katze, zwei kläffende Köter, eine keifende Mutter, laut tobende und schießwütige Jungs … es passt alles ins Bild! Dabei sind die anderen Nachbarn alle so nett!