Die Heimat des Abenteuers ist die Fremde.

Emil Gött (1864 - 1908)


Die Insel der Abenteuer. Eine Reise in den britischen Alltag 4

Fundstück aus meinem Tagebuch: die Ansichtskarte "Bromley, High Street at Night" ... no comment!

18. Oktober 1994

Heute im Schweiße nicht nur meines Angesichts alle Räume im Parterre gestaubsaugt, wobei der dining room mit seinen zahlreichen Flusen von Johns Teppich-Flickaktion besonders viel Freude machte. Wie auch der neue Miele Staubsauger, der alle 10 Minuten glaubte, sich wegen Überhitzung ausschalten und ruhen zu müssen. Und was macht da eine ordentliche Hausfrau? Sie führt die ganze Prozedur ein zweites Mal durch, diesmal mit dem guten, alten, schweren Vorwerk-Staubsauger, dessen Tüte bald voll ist (die Ersatztüten lagern noch bei der Spedition in Deutschland!).

Was wir hier unbedingt brauchen, ist eine Teppichklopfer-Düse für den Miele, aber die müssen wie beim Werk bestellen, da die Stausauger-verkaufenden Geschäfte in England kein Zubehör verkaufen. HELP!!!

19. Oktober 1994

Seit Anfang des Monats ist hier bereits das Weihnachtsgeschäft in Gang mit Karten, Dekorationen und crackers, und die shops beginnen jetzt damit, ganze Abteilungen leer zu räumen, um sie mit potenziellen christmas presents zu füllen, und da gibt’s keinen Kitsch, den es nicht gibt!

 

Was ich allerdings vergeblich suchte, das war ein warmer Schlafanzug: in der Damenabteilung gab’s nur Witze in Rosa oder Tartanhemdchen mit Polyester-Spitzen, und die Pyjamas der Herren sind aus dünner Baumwolle. Ansonsten scheint der englische Gentleman Nachthemden (auch dünn, oft kurzärmlig) zu bevorzugen. Ich frage mich, wie die Engländer im Winter schlafen: unter Bergen von Decken, mit Unmengen von Wärmflaschen, vorm Kamin …? Strange!

Samstag / 22. Oktober 1994

So, unsere falsch gelieferten Möbel sind wieder auf dem Weg zurück nach Deutschland, und der freezer soll heute auch geliefert werden.

Montag / 24. Oktober 1994

9.50 Uhr, und wieder einmal sitze ich hier und warte auf den Tapezierer, der sich schon seit Wochen und mehrmals angekündigt hat, aber nie erschienen ist. Dabei haben wir die Tapeten schon längst bezahlt! ICH BIN SO SAUER!!!

Aber wenigstens waren eben die Müllmänner noch mal da und haben unsere Müllsäcke mitgenommen, die sie letzte Woche haben stehenlassen.

 

Stunden später: meine Geduld war am Ende, und so habe ich den decorator aufgesucht, ihm den Auftrag entzogen und die Tapeten abgenommen. Er schien irgendwie erleichtert, und ich darf mir jetzt einen neuen paperhanger suchen.

Und in „The Glades“ steht der erste Weihnachtsbaum!

27. Oktober 1994

Hurra! Seit gestern ist unsere Bude voll mit Leben: Karola und Christian sind da, haben auch gleich die beiden Kinder und die Oma mitgebracht. Die Oma darf ins neue Gästezimmer, und für die anderen haben wir in meinem Büro einen Gemeinschaftsschlafsaal mit Ausziehcouch und Matratzenlager errichtet. Zum Glück sind alle Fünf pflegeleicht.

Gemütliches Frühstück in unserem noblen dining room an Campingtischen und auf Gartenstühlen und anschließende Fahrt nach London (das sich von seiner sonnigsten Seite zeigte) mit Wachablösung am Buckingham Palace, mit Big Ben, einer Bootstour zur Tower Bridge und … und … und ...


LONDON ANNO 1994:

28. Oktober 1994

John muss arbeiten, und unsere Gäste sind aufgebrochen, um sich in London Town weiterhin in die Kultur zu stürzen. Womit ich richtig schön Zeit habe, mich dem aus Deutschland mitgebrachten Lesestoff zu widmen.

29. Oktober 1994

Camden Town, Wachsfigurenkabinett, Planetarium, National Gallery … heute durfte jeder wieder das machen, wozu er am meisten Lust hatte.

Und nach dem chinesischen Take Away (incl. christmas crackers!) gestern Abend gab es heute ein multikulturelles, kaltes Abendbrot mit englischen pork pies und aus Deutschland mitgebrachtem Bauernbrot und Schwarzwälder Schinken.

Sonntag / 30. 10. 1994

In aller Frühe die Rasselbande zum Gatwick Airport kutschiert, und jetzt regnet’s cats and dogs. Ein guter Grund, mich mit Kakao, scones mit Marmelade und „Schlaflos“ von Stephen King im morning room in die Nähe des Heizkessels zu kuscheln … gemütlich!

1. November 1994

Also, von Halloween hab‘ ich in unserer braven Bromley Ave gestern nichts gemerkt: wären da nicht die unsäglich gruselig-kitschigen Accessoires in den Geschäften gewesen und die beiden maskierten youngsters, die bereits vor einigen Tagen an unserer Tür klingelten … das „Fest“ wäre spurlos an uns vorübergegangen!

2. November 1994

„Oh baby, baby it’s a wild world“!!! Als Cat Stevens diesen Song schrieb, muss er gerade versucht haben, sich in England bei einem Arzt registrieren zu lassen. Diese registration ist notwendig, um überhaupt in den Genuss medizinischer Leistungen zu kommen, aber man darf sich beileibe nicht bei jedem general practitioner registrieren lassen, sondern nur bei einem, der in der Nähe wohnt und für die Adresse auch zuständig ist.

 

Unser GP heißt Dr. S. Chelvan, praktiziert in der Highland Road und ist ein freundlicher Inder. Aber nach der Registrierung wollte er John und mich nicht gehen lassen, ohne uns eine Tetanus-Spritze verpasst zu haben.

 

Dummerweise sah ich erst später auf unseren Impfausweisen, dass wir erst vor zwei Jahren eine 10 Jahre gültige Tetanus-Auffrischimpfung in Deutschland bekommen haben; das hatten wir komplett vergessen. Was passiert jetzt mit und in unseren Körpern …?


meine Mitgliedskarte des "National Health Service"

Samstag / 5. November 1994

Schwerstarbeit geleistet, um unser double bed und das king size bed zu beziehen: englische Betten, deutsche Bettdecken und schwedische Bezüge (von Ikea) … nichts ist kompatibel!

Dafür ging’s dann Abends in unser erstes London Musical („Phantom der Oper“: nicht so ans Herz gehend wie „Cats“ in Wien oder so mitreißend wie „Starlight Express“ in Bochum, aber eine großartige Bühnentechnik)

- und anschließend in den „Blue Elephant“:

Ein Augen- und Gaumenschmaus, dieses Thai-Restaurant auf dem Fulham Broadway! Wir speisten in einem tropischen Garten mit Wasserfall und Teich, in dem Zierkarpfen schwimmen, und über den eine kleine Holzbrücke führt. Und unter dem Duft exotischer Blüten und Gewürze ließen wir uns von dem aufmerksam-freundlichen Personal mit köstlichen Speisen verwöhnen. Die Radieschen sahen wie Lotosblumen aus, und zum Abschied gab’s Orchideen für die ladies!

7. November 1994

Hab mich von dem bereits herrschenden Weihnachtsrummel anstecken lassen (man sollte wirklich nicht so viel lesen!) und mich drei Stunden lang durch The Glades und die High Street gewühlt: Weihnachtspapier, Christmas Crackers, gift tags, die ersten Geschenke …

8. November 1994

Über Victoria zur Euston Station gefahren, um in der Zentrale von Dillon’s bookshop in der Gower Street ziemlich viel Geld auszugeben. Eine wahre Fundgrube, der Laden!

 

Anschließend durch Harrods treiben lassen; gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit ist das Warenhaus eine SUPER-Show: überall rot-grün-goldene Dekoration mit Unmengen von tartan ribbons and bows: it’s Highland Christmas! Lediglich im zweiten Stock, in der speziellen „christmas decorations“-Abteilung wurd’s mir zu viel vor lauter jingle bells.

Aber dafür der „Egyptian Room“: ein arabischer Märchentraum! 1001 Nacht! Aladins Schatzkammer!

 

In einer Seitenstraße bei mildem Wetter vor einem netten Bistrot mit Blick auf einen Teil der sagenhaften Weihnachts-Schaufenster von Harrods einen Cappuccino getrunken und einer Stretch-Limousine beim Einparken zugesehen; leider hatte ich keine Geduld, um abzuwarten, welche VIP denn da abgeholt wurde.

9. November 1994

Bei uns im Garten ist der Frühling ausgebrochen. Wenn der kahle Birnbaum nicht wäre, könnte man glatt meinen, es sei März oder April: blühender Lavendel, Nelken, Ringelblumen … und auch Büsche und Sträucher haben Blüten angesetzt; dabei ist in zweieinhalb Wochen der erste Advent!

Donnerstag / 10. 11. 1994

Wochenlang tut sich nichts, und nun überschlagen sich die Ereignisse: gegen Mittag sollen unsere Restmöbel (die schon seit zwei Wochen irgendwo in England herumlungern) geliefert werden, und am Samstag das neue Esszimmer. Keine Ahnung, wo ich das ganze Zeugs unterbringen soll!

 

Stunden später:

heute ist nicht mein Glückstag! Die Jungs von der Spedition haben gerade mal schlappe acht Kartons angeschleppt (in einem war sinnigerweise neben einer Wanduhr und einem Papierkorb auch ein Brett und zwei Schubladen von Johns Büromöbeln!) und den weißen Kleiderständer. Nichts weiter, kein Dhurrie (wie versprochen) und vor allem: KEIN SCHREIBTISCH FÜR BEATE!

 

Aber dafür besitze ich jetzt wieder einige Bücher und Fotoalben, nutzlose Nachttischlampen, eine Verlängerungsschnur, meinen Staubfeudel und eine Schreibtischlampe mit kaputter Glühbirne. Und dagelassen haben mir diese Prolos auch noch einen (trotz ausgelegter Kartons) verdreckten Teppichboden voller Fußspuren und ein verpinkeltes Klo. – Great!

11. 11. 1994

Na toll! Vor fünf Minuten bin ich mit Ausräumen und Staubsaugen unseres Esszimmers fertig geworden, da ruft mich eine Lady an, unsere Möbel seien leider noch nicht komplett, und daher würden sie erst morgen ausliefern!

 

Und mein Bügeleisen und ich haben uns heute auch nicht verstanden; Leidtragende: Johns Hemden.

Samstag / 12. November 1994

John ist nach Deutschland geflogen, und ich hatte nichts Besseres zu tun, als trotz Regen die gesamte High Street runter bis zur South Station und wieder rauf shoppingmäßig abzuklappern, und das mit 15 Pfund in der Tasche!

– Als ich endlich eine cash machine gefunden hatte, hatte ich keine Lust

 

Ziemlich geschafft in der Bromley Avenue angekommen; wenigstens hier ist’s schön ruhig!

 

 

 

 

 

 

 

Öffnungszeiten im Einkaufszentrum „The Glades“; davon können wir in Deutschland nur träumen!

14. 11. 1994

aus irgendeiner englischen Frauenzeitschrift; das Rezept habe ich nicht aufgehoben ;-))

Unverständlich, so manche englischen Sitten: wenn man sich beim Friseur anmeldet, benennt man nicht seinen Lieblingsfriseur, sondern den Preis, den man für den Schnitt zahlen möchte (bei Tony & Guy auf der High Street 26, 28 oder 30 Pfund *), und die

 

christmas cakes werden mit Stoffbändern und –schleifen sowie mit Zimtstangen und angelica [Engelwurz]-Stäbchen dekoriert. Ich frage mich, ob und wie man so etwas isst!

 

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* Ende 1994 war 1₤ etwa 2,50 DM wert

Dienstag / 15. 11. 1994

17.03 Uhr: Hurra! Seit etwa fünf Minuten besitzen wir unser erstes Esszimmer! Zwar haben die carvers den falschen Bezug, und es fehlen zwei Schlüssel zum sideboard sowie das Untergestell für den coffee table, aber man wird ja so bescheiden: ich freue mich über die funktionierende Uhr und die heil und unzerkratzt gelieferten Möbelstücke!

dining room mit fireplace, picture rail und bay window. Aber mit den falschen Stühlen.

16. 11. 1994

Trotz schätzungsweise 86 stationery shops in The Glades gab es nirgendwo Briefumschläge im A6-Format (mein A4-Briefpapier passt einfach nicht in die erhältlichen „imperial size“-Umschläge); aber ich wurde in einem post shop fündig!

 

Und im „La Senza“ fand ich endlich einen schönen, warmen (!!!) Schlafanzug für mich! Die Verkäuferin freute sich mit mir und meinte, mein Mann würde bestimmt viel Freude an seinem neuen Freizeitanzug haben …

18. 11. 1994

Wenn ich hier in England eines hassen gelernt habe, dann sind es die beiden Wörter „double glazing“. Die Telefonverkäufer der verschiedensten Firmen, die spätestens alle drei Tage hier anrufen, um uns doppelt verglaste Fenster anzudrehen sind wirklich ausgesprochen penetrant! Heute sah ich mich sogar dazu gezwungen, mitten in einem unverschämten Gespräch den Telefonhörer aufzulegen. Nachbarin Lilian fand das überhaupt nicht unhöflich und bestätigte mir, dass diese Kerle „a pest“ seien. Erleichterung; ich habe keinen Fauxpas begangen!

21. 11. 1994

181 Piccadilly, Kaufhaus „Fortnum & Mason“, das angeblich großartigste der Welt. Na ja, mein Eindruck war nicht ganz so doll: das Kaufhaus ist im Vergleich zu anderen sehr klein, und nur in der Lebensmittelabteilung im Parterre ist Betrieb: hier scheint halb London die weihnachtsüblichen Leckereien und essbaren Geschenke einzukaufen: chutneys und preserves, toffees, mincemeat, special mustard, pickles und brandy butter.

In den anderen Etagen: vornehme Leere (eigentlich recht erholsam!); das Personal vergnügt sich mit seinesgleichen und ist überhaupt nicht daran interessiert, die wenigen Kunden zu bedienen. Dafür ist das Angebot exquisit, von der Kleidung über Wedgwood-Porzellan, Lalique-Glas und edles Schreibzeug bis hin zum kleinsten Schnickschnack … kein Wunder, dass die Angestellten das Zeug lieber behalten und weiter bestaunen wollen!


London at Night; Schnappschuss durch die Frontscheibe meines Vitara

24. November 1994

Nach fast sieben Monaten im UK gestern zum ersten Mal etwas Heimweh.

Das erste Mal richtig zu Hause fühlte ich mich hier, als ich an einem sonnigen Herbstnachmittag mit den Frankfurter Freunden auf der Tower Bridge stand. Die Themse glitzerte in der Sonne, der Tower schaute hinter Unmengen von grünem Laub und roten Weinblättern hervor, in der Ferne winkten die Docklands mit dem Canada Tower … und über allem ein hellblauer Himmel mit einzelnen weißen Wölkchen.

In der U-Bahn hatte ich dieses „Ja, hier gehöre ich hin und hier fühle ich mich wohl“-Erlebnis noch einmal und (erstaunlicherweise) auf der Bromley High Street, als unter Tschingderassabum und Dudelsackgequäke eine schottische Band vorbeimarschierte.

Mittwoch / 30. November 1994

Hurra! Wir scheinen unseren decorator gefunden zu haben! Er hört auf den ziemlich unaussprechlichen Namen Thwaites und scheint noch Zeit zu haben, demnächst mein Zimmer zu tapezieren. Sollte das wirklich passieren, könnte ich endlich meine Schränke und Regale einräumen und brauchte nicht mehr aktenmäßig aus vier Umzugskartons zu leben. Was stört mich da mein noch fehlender Schreibtisch!

 

Und noch eine gute Nachricht: nächste Woche sollen die beiden falsch gelieferten Esszimmerstühle gegen die richtigen carvers ausgetauscht werden! Allerdings scheint es da noch ein Problem zu geben: die Firma will die noch fehlende balance in Höhe von ₤ 150 haben, dabei habe ich nur ₤ 100 zurückbehalten. Die Engländer können noch schlechter rechnen als ich, das stelle ich immer wieder fest. Mal gespannt, wie wir das wieder lösen werden!

1. Dezember 1994

Bei herrlichstem Sonnenschein ein Riesen-Spaziergang zum und durch den Beckenham Place Park. Jetzt weiß ich endlich auch, warum es keine Tannen- und Fichtenzweige zu kaufen gibt (na, ja, bis auf den einen, sauteuren Zweig Edeltanne, den ich nach langem Stöbern bei einem florist gefunden habe): hier wächst so etwas nicht; es gibt nur Laubbäume und Unmengen von holly und ivy! Dazwischen hundert Eichhörnchen und oben auf einem kahlen Ast zwei Raben.

5. Dezember 1994

Die ersten 23 Weihnachtskarten geschrieben (schließlich will ich „Antwortkarten“ haben, die ich auf das mantelpiece stellen kann!), während oben in meinem Zimmer zwei Malermeister still und ordentlich arbeiten.

Hoffe ich.

Nikolaus 1994

Die Vinyltapete und der angestrichene Untergrund müssen eine Woche lang trocknen, und ich darf keine Möbel an die Wand stellen oder Bilder aufhängen. Und Durchzug sollen wir auch machen; Ergebnis: im ersten Stock ist’s saukalt!

8. Dezember 1994

Seit gestern ist Adelheid zu Besuch und konnte gleich das englische Organisationstalent hautnah miterleben: diesmal brachte der Mann von „Top Range Furniture“ gleich sechs (!!!) falsche Esszimmerstühle!

9. Dezember 1994

Stadtrundfahrt mit Adelheid. Aber nicht im Touristen-Bus, sondern mit der Linie 15, die fast alle Sehenswürdigkeiten der Stadt passiert: Piccadilly Circus, Trafalgar Square, St. Paul’s, Tower und Tower Bridge … und zurück mit kurzem Blick auf Westminster und Big Ben, durch die Regent St und die Oxford St bis zum Marble Arch. Und das alles bei winterlichem Sonnenschein und in der ersten Reihe auf dem Oberdeck eines roten Busses!


Linie 15 am Piccadilly Circus