Ich hatte mich auf eine Reise rund um den Globus katapultiert, aber ich schien auch auf einer anderen Reise zu sein, auf einer großen Entdeckungsreise in mein Unterbewusstsein. Und ich zitterte ein weng bei dem Gedanken, auf welche Ungeheuer ich dort vielleicht stoßen würde.

Ted Simon (* 1931) in "Jupiters Fahrt"



In 66 Tagen um die Welt

Teil 1: Deutschland bis Indonesien

Vorbemerkung: ich bitte, die schlechte Qualität der Fotos zu entschuldigen. Aber es handelt sich um Scans von Papierabzügen von Dias ... zudem stammen sie aus dem vorigen Jahrhundert ;-))

mit dem Camper durch Neuseeland

 

ER wollte nach Neuseeland, ICH unbedingt nach Indonesien. Was lag also näher, als einmal um den Globus zu reisen? Über 25 Jahre ist das jetzt her, aber so einige Highlights vergisst man wohl nie ...

Stationen unserer Reise:

1. Frankfurt am Main

Am Frankfurter Flughafen halte ich meine Bordkarte ganz fest in der Hand. Die gebe ich nicht mehr her; war nervig genug, an das Ding ranzukommen! Zwei Tage vor Abreise erst haben wir unsere Tickets nach Belgrad erhalten, und das kleine Reisebüro, bei dem wir die Flüge gebucht hatten, ging ziemlich zeitgleich damit in Konkurs. Woran ich mich allerdings in keiner Weise schuldig fühle!

 

Also noch einmal Zittern bis Belgrad. Dort erst bekamen wir unsere restlichen Flugtickets ausgehändigt; bei 26 Starts und Landungen ein richtiges kleines Buch.

2. Singapur

Singapur Anno 1984

Zwei Tage waren für Singapur eingeplant. Zeit genug, meinem Begleiter die Stadt zu zeigen und an der Long Bar im Raffles einen Singapore Sling zu trinken. Oder zwei.

 

Vor drei Jahren war ich schon einmal hier und ganz fasziniert von der „Stadt des Löwen“, vor allem auch vom alten chinesischen Viertel und den Dschunken am Singapore River. Und jetzt? Die Dschunken verschwunden, viele Häuser abgerissen und stattdessen erste Hochhäuser und jede Menge Baukräne; der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.

 

Und wieder einmal fühlen wir uns als echte Glückspilze: nach der Aufregung mit dem deutschen Reisebüro dürfen wir uns jetzt mit der französischen Fluggesellschaft UTA herumschlagen. Die nämlich bekommt nicht besonders viel gebacken; wen wundert’s da, dass sie 5 Jahre später von der Air France übernommen wurde?!

 

Einen Tag und eine Nacht lässt uns die UTA auf dem Changi Airport vertrödeln, tröstet uns mit immer neuen Abflugzeiten auf der Anzeigetafel und mit Essenbons. Dann die Erleichterung: wir dürfen einchecken! Genauer gesagt: unser Gepäck darf das. Uns selbst teilt man mit, dass der Flug jetzt doch erst morgen gehe und karrt uns großzügigerweise um drei Uhr Morgens in ein vornehmes Hotel, Gutscheine fürs Frühstück und das nächste Mittagessen inklusive. Wir sind begeistert! Sind in einem noblen Hotel, während frische Klamotten und Zahnbürste in unserem Koffer irgendwo beim Zoll auf dem Flughafen herumstehen.

 

Nächster Tag: einen Stadtbummel könnten wir jetzt trotz unseres mittlerweile abenteuerlichen Aussehens machen, hier kennt uns eh’ keiner! Geht aber auch nicht, weil wir im Hotel ständig präsent sein müssen, um einen etwaigen Anruf der Fluggesellschaft annehmen zu können.

 

Ganze zwei zusätzliche Tage hingen wir so wegen der UTA in Singapur fest; leider genau die beiden Tage, die uns später für einen Besuch Balis fehlen sollten.

 

Ach ja, die Abkürzung UTA stand für „Union de Transports Aeriens“. In Singapur benannten wir sie um in „Unexpected Travelling Adventures“.

3. Indonesien: Yogyakarta – Borobudur – Bandung

In Jakarta wollen wir nicht lange bleiben, deponieren die Hälfte unseres Gepäcks im freundlichen Hotel „Wisma Indra“ und machen uns so „erleichtert“ auf zur Erkundung der Insel.

 

Per Nachtzug geht’s erst nach Yogyakarta und in ein freundliches Guesthouse. Mit einem netten deutschen Ehepaar sitzen wir auf der lauschigen Terrasse und genießen den hervorragenden Java-Kaffee, der hier in gläsernen Bierhumpen mit Plastikdeckeln kredenzt wird.

 

Gegen 23 Uhr beginnt dann unsere gemeinsame abendliche Küchenschaben-Vernichtungsaktion. Die Teile werden groß hier, mindestens 10 Zentimeter. Bevorzugter Aufenthaltsort: unter meiner Matratze! Das kann ich natürlich nicht zulassen, und so rücken wir mit Pantoffeln und dem hauseigenen Spray „Baygon“ den Kameraden zu Leibe: zwei tapfere deutsche Männer, der Hotelbesitzer und seine Frau  kriechen um und unter meinem Bett herum, zwei deutsche Frauen sehen dabei aus respektvoller Entfernung zu, orten die Überlebenden, geben gute Ratschläge und halten sich die Ohren zu. Abwechselnd.

Zwei Tage später beginnt unser Feiertagsprogramm:

Gamelan-Orchester

Heiligabend.

Wir beschließen, uns hier im Zentrum der javanischen Kultur etwas Besonderes zu gönnen. Eine Wayang-Kulit Vorstellung soll es sein! Wayang Kulit ist ein Schattentheater mit zweidimensionalen Marionetten aus Leder; begleitet wird das Ganze von einem Gamelan-Orchester, in dem Gongs, Trommeln und Xylophon die Hauptrolle spielen.

 

Mit einer Becak also zum Ort der Aufführung. Becak heißen hier die Fahrrad-Rikschas. Im Unterschied zur indischen Variante sitzen die Fahrgäste jedoch nicht hinter dem Fahrer, sondern auf einer Bank vor ihm.

Zwei Stunden lang erfreuen wir uns an den dargestellten Szenen aus dem indischen Nationalepos Mahabharata, genießen die Musik und trödeln nach Ende der Vorstellung noch etwas herum. Das hätten wir nicht tun sollen! Schon während der Vorstellung hatte es draußen vorsichtig angefangen zu regnen, und jetzt stürzt eine wahre Sintflut vom Himmel herab.

 

Und alle Becaks sind bereits besetzt! Alle? Nein! Genau eine steht noch da! Wir haben beim Anblick von Gefährt und Fahrer, einem spindeldürren alten Mann, so unsere Zweifel ob wir wirklich Becak fahren wollen. Doch der Fahrer beruhigt uns und meint gestenreich, es sei nun wirklich kein Problem uns beide zu transportieren.

Also zwängen wir wagemutig unsere dreieinhalb Zentner Lebendgewicht samt Tasche auf die schmale Bank. Der Fahrer tritt in die Pedale, und unter krächzendem Protest setzt sich unsere Becak auf der mittlerweile völlig durchweichten Straße in Bewegung. Ganze acht Meter kommen wir vorwärts. Plötzlich: ein Krach, die Achse bricht! Und dann, wie in Zeitlupe: Becak kippt seitlich nach vorne, Fahrer rutscht aus dem Sattel, ich segle in den Matsch auf der Straße, kann gerade noch die Tasche mit der Kamera vor dem Zeug retten. Nur der beste Reisegefährte von allen ist auf seinem Sitzplatz und damit sauber geblieben. Hält sich links unten und rechts oben am Rahmen der Becak fest und hängt darin wie in einem Rhönrad.

 

Total peinliche Situation, nicht nur für uns, sondern vor allem für den armen Fahrer. Er hat jetzt sein Gesicht verloren und steht total bedröppelt neben seiner vorübergehend vernichteten Existenzgrundlage. Eine Bezahlung wenigstens des Fahrpreises lehnt er strikt ab, aber wir dürfen ihm dann doch helfen, die Becak von der Straße zu zerren. Gipfel von allem: ein Traveller, der gerade vorüber geht, erst das kaputte Beförderungsmittel und dann uns ansieht und nur lakonisch meint: „Ah … too heavy!“

Indonesische Fähre

1. Weihnachtsfeiertag.

Den wollen wir am Strand von Parangtritis feiern, mieten uns ein Motorrad und brettern los. Rechts und links der Straße Reisfelder. Bauern mit spitzen Reisstroh-Hüten stapfen hinter ihrem Ochsenpflug durch den Matsch oder baden ihre Büffel im grau-braunen Bach. An der Straße trocknen auf Strohmatten Reis und pinkfarbene Kartoffelchips. Strohhütten und schwarze Hühner unter Bananenstauden.

 

In Parangtritis ist die Hölle los: Fressbuden, Souvenirstände und Tausende von Javanern, die wie wir hier für 200 Rupien Eintritt das Ostende Javas genießen wollen. Im Meer baden ist an dieser Stelle anscheinend gefährlich, aber niemand kann uns erklären warum; auf Englisch kennt man hier nur die Wörter für Speisen und Getränke und die Preise.

Muscheln finden wir auf unserer kleinen Strandwanderung leider keine, sehen dafür aber am Himmel Berge von schwarzen Wolken, die damit drohen uns ziemlich bald ziemlich nass machen zu wollen.

 

Also zurück Richtung Yogya. Nicht wieder über die lange Schotterpiste, diesmal nehmen  wir die Abkürzung. Die Abkürzung heißt Fähre und besteht aus einigen Bambusstangen, zusammengehalten durch ein kleines Stück Blech. Eine Handvoll Einheimischer, ein Käfig mit Hühnern und drei Körbe voll Kokosnüsse warten schon darauf, ans andere Ufer gestakt zu werden.

Diesem unseriösen Teil die Honda und vor allem unser Leben anvertrauen? Niemals!

Der Fährmann sieht das anders. Flugs organisiert er einige der herumstehenden Zuschauer, die unser Transportmittel auf die schwankenden Bambusstangen hieven. Sein junger Gehilfe schwingt sich voller Stolz auf den Sattel und hält unser Motorrad in der Waagerechten, indem er seine Füße links und rechts am Bootsrand abstützt.

Nachdem dann auch noch wir, zwei weitere Fahrgäste und ein Fahrrad an Bord sind, geht die Fahrt los durch die braunen Fluten. Und wir erreichen tatsächlich das andere Ufer. Zwar mit nassem Hosenboden, aber ansonsten unversehrt.

Borobudur

2. Weihnachtsfeiertag.

Aus Erfahrung wird man klug. Und so nehmen wir uns - nachdem wir von Muntilan kommend aus dem Bus ausgestiegen sind - diesmal je eine (!) Becak zum Borobudur.

 

Der Borobudur, eine der größten buddhistischen Tempelanlagen Südostasiens, wurde vermutlich um das Jahr 800 herum erbaut. Nachdem er in Vergessenheit geraten war und von vulkanischer Asche und Vegetation begraben, wurde die Anlage Anfang des 19. Jahrhunderts wieder entdeckt und in den Jahren 1973 bis 1984 aufwändig restauriert.

 

Vor uns sehen wir eine 33,5 Meter hohe Stufenpyramide mit 9 Stockwerken, die auf einer quadratischen Basis steht. Auf vier Galerien zeigen Flachreliefs Szenen aus dem Leben Buddhas, und darüber erheben sich drei Terrassen mit insgesamt 72 Stupas, die die Hauptstupa umgeben. Der ganze Aufbau und jedes Detail dieses Bauwerks hat seine eigene Bedeutung. Treffend beschrieben in meinem Reiseführer als „ein mythisches Abbild des Kosmos als magisches Diagramm“.

 

Auf der obersten Stufe dieses magischen Diagramms fallen wir einer indonesischen Schulklasse und ihrem Lehrer in die Hände. Es ist noch sehr früh am Morgen, und wir die einzigen westlichen Besucher weit und breit. Und so wetzen die lieben Kleinen ihr neu gelerntes Englisch an uns, stellen – vom Lehrer dazu ermuntert – tausend Fragen, und Herr Lehrer macht tausend Fotos von den orang jerman und seinen Musterschülern. Tausendmal müssen wir auch unsere Adresse auf den mitgebrachten Schulheften notieren, und alle, wirklich alle wollen uns jede Menge Briefe schreiben …

... und Abhängen in Bandung

Zum Vulkan Tangkuban Perahu, der nur 20 Kilometer nördlich von Bandung liegt, und den wir uns eigentlich ansehen wollten, fuhr kein Bus. Wir fanden auf die Schnelle keine Mitfahrgelegenheit, und auf die fünfstündige Taxifahrt wollten wir in Anbetracht unserer Reisekasse dann doch lieber verzichten. Also Abhängen in Bandung.

Bandung hatte nicht viel Sehenswertes – außer der „French Bakery“, in die wir schon am ersten Tag einfielen.

 

In der blitzsauberen Vitrine lacht mich ein großer, kastenförmiger Hefekuchen an. So hat ihn meine Oma immer gebacken, davon muss ich jetzt unbedingt ein Stück haben! Da mein Bahasa Indonesia, wie die Landessprache heißt, ziemlich dürftig ist, versuche ich es ohne Worte.

Ich zeige mit dem Finger auf das Objekt meiner Begierde, um dann mit der Handkante eine vertikale, (ab)schneidende Bewegung zu vollführen. Halte dann einen Finger hoch und mache ein freundliches Gesicht.

Meine Zeichensprache ist eindeutig: von diesem Teil sollen sie mir bitte ein Stück abschneiden!

Ich verstehe nicht, wieso die Mädels hinter der Theke so kichern, als sie mir zu verstehen geben, wir sollen uns schon mal einen Platz suchen, den Tee und den Kuchen würden sie dann an den Tisch bringen.

Was sie auch brav taten, allerdings nicht ohne weitere Heiterkeitsausbrüche. Der Grund zeigte sich dann, als die Köstlichkeiten endlich vor uns standen: zwei Tassen Tee und ein ganzer Kastenkuchen, fein säuberlich in Scheiben geschnitten …

Reisterrassen

 „Rokok … rokok … rokok“ klingen die Rufe der Zigarettenhändler und verbinden sich mit dem Rattern der Räder über die Schienen zu einer eindringlichen Melodie, die tagelang nicht mehr aus dem Kopf geht. Wir befinden uns im Zug und fahren „rokok … rokok“ zurück nach Jakarta.

Über Schwindel erregend hohe Brücken und durch eine Orgie in Grün geht die Fahrt: Bambus, Palmen und jede Menge unbekannte tropische Gewächse, in der Ferne Teeplantagen und unter uns Sawahs (Reisterrassen), umsäumt von Bananenstauden. Im meinem Handgepäck als Reiseproviant noch immer Reste des Hefekuchens ...

Kleines Intermezzo:

Mitgenommen: mein Reisetagebuch

Einchecken in Jakarta Anno 1984


Auf dem Flughafen in Jakarta sehen die männlichen Angestellten alle wie kleine Generäle aus: graue Uniformen, über und über dekoriert mit Fantasieorden und Litzen, mit Abzeichen und Tressen.

 

Die check in-Zeremonie nimmt ihren Lauf:

 

1. Ein General untersucht mit einer ominösen Sonde unser Fluggepäck, klebt ein pinkfarbenes Schildchen drauf. Drei Generäle sehen zu.

2. Am Schalter: Pass vorzeigen, ein General füllt Bordkarten aus, ein anderer klebt ein orangefarbenes Schildchen der Airline und ein grün-weißes für Sydney.

3. Durch die Trennwand. General Nummer 7 knipst das lila Schildchen auf der grünen Bordkarte, damit wir es auch ja nicht mehr benutzen können.

4. Passkontrolle: drei Generäle thronen hinter hohen, undurchsichtigen Holzbarrieren und verlangen Bordkarte und Reisepass. Fummeln - für den Delinquenten unsichtbar - herum und schieben dann die Formulare über den Tresen zurück. Beide haben jetzt dreieckige Ausreise-Stempel!

5. Bei der anschließenden Handgepäckkontrolle begutachten General Nummer 11 und General Nummer 12 das Innenleben unserer Umhängetasche.

 

So viel Arbeit, so viel Kontrolle - und als wir dann durch das Tor mit den Metalldetektoren gehen, ist das Teil nicht eingeschaltet. Jede Menge Waffen hätten wir am Körper versteckt ins Flugzeug schmuggeln können!