In Indien fühlt man sich ganz einfach menschlich - und sterblich; man begreift, dass man auch nur Statist ist in einem großen, absurden Schauspiel.

Tiziano Terzani (1938-2004)

Incredible !ndia. Erlebnisse einer Alleinreisenden

Ich liebe Indien! Meine vierte Tour durch das Land sollte etwas ganz Besonderes werden, und so reiste ich im März 2007 alleine, aber komfortabel von Delhi nach Varanasi: Bahnfahrt, Flug, Hotels und sogar ein privater Fahrer waren vorgebucht. Dass eine solche Reise dann doch nicht ganz ohne Komplikationen verläuft und recht unterhaltsam werden kann, das zeigen die Auszüge aus meinem Reisetagebuch. 

10. März: mit dem Nachtzug von Delhi nach Varanasi

Reisegefährte im Zug

Prüde Inder? Von wegen! Als ich mein Vierer-Abteil betrete, sitzt da schon ein vergnügter älterer Herr. Er ist Arzt in Varanasi und eine Art Respektsperson hier im Shiv Ganga Express. Unzählige jüngere Inder kommen herein und begrüßen ihn ehrfürchtig, indem sie mit den Händen seine nackten Füße berühren. Ich habe da weniger Ehrfurcht sondern freue mich vielmehr über die guten Kontakte des Doktors zum Speisewagen-Personal und damit über jede Menge köstlichen und kostenlosen chai masala für uns beide.

 

Also keine Trennung nach Geschlechtern in diesem indischen Zug, wohl aber nach Alter, das auffällig auf den Fahrkarten vermerkt ist. Mir mit meinen 55 Jahren traut man wohl eine gewisse Charakterstärke zu, und so dürfen dann noch zwei weitere männliche Wesen an unserer Party teilnehmen. Nachdem uns ein Bahnangestellter die Betten aus sauberen Laken und einigermaßen sauberen Decken gebaut hat begeben wir uns zur wohlverdienten Nachtruhe. Etwa 12 Stunden Fahrt liegen vor uns 

11. März: Varanasi

mein "Palace on Ganges"

Mein Kauderwelsch-Sprachführer ist der Bringer hier! Sitze unter einem alten Baum am Assi Ghat mit Blick auf den Ganges und verblüffe die jugendlichen Bewohner der Stadt mit meinen Hindi-Lesekünsten. Dass ich den Text dabei von der darunter stehenden Lautschrift ablese müssen die Jungs ja nicht wissen! Auch mein Armband mit der indischen Flagge und dem Om-Zeichen vereinfacht die Konversation ungemein und macht großen Eindruck auf zwei Sadhus, die sich zu uns gesellen. Erholsame Stunden mit Plaudern und Schäkern und Beobachten.

 

Abends im Speisesaal meines Hotels war’s weniger gemütlich: erst fand ich ihn nur mit Hilfe des Hotelpersonals, denn er befindet sich hinter einer geschlossenen und unbeschrifteten Tür, und dann war er eiskalt und wies nur leere Tische auf. Dafür gab es um mich herum drei unbeschäftigte Musiker und zwei unmotivierte Kellner. Zu allem Überfluss tropfte es auch noch aus der Klimaanlage auf meinen Arm … genug Gründe, diesen kalten Ort nach dem fast ebenso kalten Reis mit Paneer Matar möglichst rasch zu verlassen.

12. März: Varanasi

5.45 Uhr Fahrt zum Dashaswamedha Ghat, dem Haupt-Ghat von Varanasi. Auf der schmalen Straße zum Ganges haben bereits um diese frühe Stunde die Händler ihre Stände mit den Kitsch-Devotionalien, dem Schmuck und dem anderen Souvenirkram geöffnet. Auf kleinen Tischen sind 10-er Stapel von Ein-Rupien Münzen zum Kauf aufgereiht, die ich dann in die Bettelschalen der zahlreich hier versammelten Bedürftigen fallen lasse: pling – pling – plong … kleine „Schrecksekunde“ bei dem Bettler und bei mir; da ist mir doch tatsächlich eine 5-Rupien-Münze aus der Hosentasche unter die Einer geraten! Den Bettler freut’s, und bestimmt verbessert es jetzt mein Karma um ein Vielfaches.

 

Bei einem kleinen Mädchen erstehe ich für 5 Rupien eine „candle“, ein aus Blättern gebasteltes kleines Rundboot, gefüllt mit Blumenköpfen und einer kleinen Kerze. Das Mädchen ist so aufgeregt angesichts ihrer merkwürdigen europäischen Kundin, dass es schon nach 4 abgezählten Rupien weglaufen will und ich ihr die letzte Münze nachtragen muss. Dafür bekomme ich dann auch noch eine Packung Streichhölzer. Später im Boot auf dem Ganges werde ich die Kerze anzünden und die Opfergabe an Mutter Ganga zu Wasser lassen. Nicht ohne mir dabei etwas zu wünschen.

 

Am anderen Ufer des breiten Stromes geht zwischen Wolken eine fahle Sonne auf, und über den uralten Pilgerherbergen hüllt sich der Himmel in ein unwirkliches, mystisch-dunkles Licht. Erste Blitze zucken,  und ein Gewitter braut sich über der heiligsten Stadt der Hindus zusammen.

 

Gerade wieder dem Boot entstiegen bricht das Unwetter los und Unmengen von Regen überfluten die engen Gassen der Altstadt. Mit meinem lady guide Bina rette ich mich in einen der zahlreichen kleinen shops, wo wir das Unwetter abwarten und - im wahrsten Sinne des Wortes - Tee trinken. Dass ich während dieser Zeit lediglich ein Teegewürz und eine DVD über Varanasi kaufe führe ich auf mein immer besser werdendes Verhandlungsgeschick zurück.

 

Unser Rückweg zum Auto ist nicht ganz ungefährlich aber sehr malerisch: heruntertropfender Regen verursacht auf den maroden und mit viel Vertrauen auf Shiva zusammengestoppelten Stromleitungen ein lustiges Knistern und Funken-Sprühen. Irgendjemand wird die ganzen Kurzschlüsse schon irgendwann beheben ...

13. März: Varanasi

Das Internet-Café von Varanasi ist ein zur Straße hin offener Schuppen, bestückt mit vier ziemlich mitgenommenen PCs. Ab und zu kommt eine heilige Kuh oder ein Straßenhund vorbei und sieht sich fachmännisch an, was die Traveller dort so veranstalten. Zweimal bricht meine Leitung zusammen, und ein Fachmann muss kommen um die blank liegenden Drähte der Kabel neu zu verbinden. Da zudem viele tippende Finger auf der (amerikanischen) Tastatur meines Gerätes die Buchstaben fast zur Gänze ausgelöscht haben und ich damit blind schreiben muss, gebe ich irgendwann genervt auf.

14. März: Flug von Varanasi nach Khajuraho

Der junge Mann von der indischen travel agency ist rührend besorgt um mich und überprüft vor der Abfahrt zum Airport, ob ich auch die richtigen Flugtickets einstecken habe. Am Airport selbst kauft er sich eine Art Bahnsteigkarte um das Gebäude betreten zu können, platziert mich auf einen Sessel und schärft mir ein, hier sitzen zu bleiben und mich nicht zu bewegen. Derweil erledigt er mein Check-in und übergibt mir meine boarding card erst, als es Zeit zum Einsteigen in den Flieger ist. Er scheint Grandma Beate für sehr schusselig zu halten!

 

In Khajuraho gebe ich mich dann dem Luxusleben hin; Motto: mein Chauffeur ... mein Auto … mein Palast.

 

Mein private driver heißt Sharma und ist ein stets gut gelaunter, höflicher und hilfsbereiter Brahmane aus Jaipur. Mein Auto ein alter aber gepflegter Ambassador, Verbrauch laut Fahrer „ein Liter Diesel auf 15 Kilometer“. Ein linker Außenspiegel existiert nicht, der rechte ist wegen der oft engen Gassen ständig zugeklappt, und am Rückspiegel baumelt ein Bild von Lord Ganesha, dem Beseitiger von Hindernissen. Na, dann kann ja nichts mehr schief gehen!

 

Ausführliche Besichtigungstour in der Tempelanlage von Khajuraho. In weiser Voraussicht (?) hat man mir als Führer einen älteren Herrn zugeteilt, der es wunderbar versteht, auch die erotischsten Fresken sehr dezent und ohne Anzüglichkeiten zu erklären.                                                                                         

 

Zum Abschluss des Tages gönne ich mir dann die sound- und light Show, die in der Tempelanlage aufgeführt wird. Nicht schlecht, aber noch viel besser ist der fantastische Sternenhimmel darüber!

15. März: Fahrt nach Orchha

Rush Hour in Orchha

Schöne Fahrt durch ländliches Gebiet. Sauberer, viel sauberer ist es hier – und grün. Auch die Tiere sehen besser aus als z. B. in Varanasi, haben etwas zu fressen und stehen teilweise sogar auf Stroh.

 

Die Weizenernte hat größtenteils schon angefangen, und am Dorfbrunnen füllen Frauen in weinroten Saris ihre Messing- und Alugefäße. In den Dörfern winken die Kinder, und eine Frau mit einem flachen Flechtkorb auf dem Kopf führt ihre drei Ziegen am Strick nach Hause.

 

In Orchha selbst dann die Überraschung: das Hotel Amar Mahal ist ein Palast! Und ich bewohne eine Suite mit Sitzecke und Frisiertisch, mit Himmelbett, Schreibtisch und einem riesigen Bad. Warum allerdings der Esstisch für 4 Personen gedeckt ist, das wird wohl ewig eines der Geheimnisse Indiens bleiben.                                    

 

Aber keine Rose ohne Dornen: an der Rezeption empfängt mich mein lokaler Führer, der mir von Anfang an unsympathisch ist. Lustlos schleppt er mich in einen Tempel und erklärt mir, dort gäbe es eigentlich nichts zu sehen, und kein Inder würde sich das antun. Anstatt mir etwas zu erklären unterhält er sich dann im Palast lieber mit seinen Kumpels und schäkert mit den Frauen, die hier mit Renovierungsarbeiten beschäftigt sind. Er schickt mich allein in die oberen Stockwerke („die Aussicht ist schön!“) und während ich mich durch enge und dunkle Treppenhäuser die steilen Stufen hoch taste, sitzt er in der Sonne auf einer Bank und kaut den von mir geforderten Kaugummi.

Gipfel von allem: er gibt mir mein Eintrittsticket und meint, den Rest der Sehenswürdigkeiten könne ich mir später dann alleine ansehen.

Stattdessen ziehe ich es jedoch vor, bei einer Flasche Cola im Zentrum des Örtchens das Leben desselben zu beobachten und an mir vorbei ziehen zu lassen.

16. März: Fahrt über Datia nach Gwalior

Fort von Gwalior; Detail

Fahrt durch ein riesiges Armee-Gelände: auf dem Golfplatz grast eine Kuh, und vor einer Kaserne sitzen Soldaten in voller Montur auf weit auseinander stehenden Stühlen und kritzeln etwas auf ein Blatt Papier. Sieht schwer nach einer Prüfung aus!

 

Besichtigung des Palastes in Datia: im Eiltempo sieben Etagen hoch, Foto machen ... und sieben Etagen wieder runter; das hätte ich mir sparen können!

 

Hinter Datia beginnt die Gegend, in der die „Banditen-Königin“ Phoolan Devi in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts mit ihrer Räuberbande unterwegs war. Kann man sich gut vorstellen, denn die umliegenden Berge bieten ideale Versteckmöglichkeiten. Auch heute noch ist es hier gefährlich, und man sollte darauf achten, das Gebiet vor Einbruch der Dunkelheit verlassen zu haben.

 

Bei Einbruch der Dunkelheit bin ich jedoch schon längst in Gwalior, der Stadt mit den urigsten Karren. Eine davon, eine Art Tuk Tuk, heißt „Tempo“ und ist angeblich ein deutsches Fabrikat.                                                          

 

Das Hotel „Central Park“ ist allerdings nicht urig, sondern einfach nur heruntergekommen. Das einzig Neue in meinem Zimmer ist der Brausekopf der Dusche. Die ich nach der stundenlangen und staubigen Besichtigungstour durch Fort, Palast und Tempel auch ausgiebig benutze.

17. März: Rückfahrt nach Delhi

Stau auf der indischen A 2

Ich habe Geburtstag! Genieße mein Frühstück mit Toast, mit Butter und einem Tässchen warmem Wasser, in dem ein Teebeutel schwimmt. Und wähle statt der in Plastiktütchen abgepackten Marmelade lieber die Bananen-Belag-Variante. Mein zweiter Vorname ist nicht immer „Grautvornix“!

 

Als hätte Sharma etwas geahnt: in Agra kauft er mir eine große Schachtel giftgrüner aber köstlich schmeckender „sweets“. Die werde ich auch bald als Nervennahrung brauchen, denn zwischen Agra und Delhi geraten wir in einen traffic jam.

 

Irgendwo findet ein religiöses Fest statt, und schätzungsweise eine Million Menschen wollen gleichzeitig per Auto, per Lastwagen, Motorrikscha, Moped und zu Fuß über den Highway zum Lunch. Ein kilometerlanger Stau, der aber die örtliche Polizei nicht interessiert: vor ihrem Revier sitzen zwei feiste Diener der Öffentlichkeit und scheren sich einen Dreck darum, ob der Verkehr geregelt wird oder nicht. Verschwenden keinen Blick auf die Straße, auf der aus 2 jetzt 4 bis 5 Spuren geworden sind, und das in beide Richtungen. Ihnen sind ihr Lunch und die Morgenzeitung bedutend wichtiger.

 

Stunden später (ich bin mittlerweile ausgestiegen und auf dem Highway zu einem Restaurant gelaufen, wo ich mir in klimatisierten Räumen einen indischen Snack gegönnt habe) geht’s dann langsam weiter, allerdings ohne erkennbaren Links- oder Rechtsverkehr:

dieses wunderbare indische Chaos, dem eine geheime Ordnung innewohnt!

18. März: mein letzter Tag in Delhi

Ich verbringe ihn in dem altehrwürdigen englischen Hotel „Oberoi Maidens“ aus dem Jahr 1903 - mit Faulenzen am Pool, mit Lesen, Packen, Essen und als Zaungast einer indischen Hochzeit.

Dieses Relaxen habe ich mir nach dem gestrigen Tag verdient! Und dass die Air Condition trotz zweimaliger Reklamation nicht auszustellen war und ich zwei sehr laute Nächte in meiner Suite verbrachte, das schreibe ich jetzt hier nicht!

19. März: Rückflug Delhi - München - Düsseldorf

5.45 Uhr Abfahrt vom Hotel. Mein chinesischer Assistent von „Go India“ ist weder wach noch besonders freundlich. Schickt mich zum Einchecken alleine ins Terminal und meint, ich solle nach Erledigung aller Formalitäten mit der Bordkarte wieder zu ihm raus kommen … warum? Damit er mir die erklärt? Hab’ das schlichtweg abgelehnt und den Kollegen zurück in sein Bett geschickt; schließlich bin ich schon ein großes Mädchen und bin bis jetzt noch immer ganz gut alleine zurecht gekommen!                                                                                               



 

 

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