The difference between landscape and landscape is small,

but there is a great difference in the beholders.

Ralph Waldo Emerson (1803-1882)

Den Indianersommer er-fahren

Bilder einer Herbstreise durch Ost-Kanada

„Indian Summer“, unter diesem Begriff versteht man in Nordamerika anders als bei uns nicht die herbstliche Laubfärbung, sondern eine trockene und warme Wetterperiode im späten Herbst. Die Zeit also, die wir in Deutschland so uncharmant als „Altweibersommer“ bezeichnen.

 

Dieses Jahr machten wir uns auf, ihn in Kanada im wahrsten Sinne des Wortes zu er-fahren und legten dabei in dreieinhalb Wochen per Auto und Eisenbahn über 5.500 Kilometer zurück.

 

Karte: RAND McNALLY Atlantic Canada. Canada de l'atlantique

 

Das schon mal vorab: für einen Urlaub mit Kindern würde ich diese Reise nicht empfehlen, denn Ende September / Anfang Oktober werden die meisten Einrichtungen geschlossen:

in den Nationalparks sind Besucherzentrum und Serviceeinrichtungen zu, und es finden weder Führungen noch Beschäftigungsprogramme statt. Viele preiswerte Familien-Motels, Campingplätze und Restaurants machen dicht, und sogar Museen und Aquarien beenden ihre Öffnungssaison. Selbst an einigen öffentlichen Toiletten hängt nun ein Schild „CLOSED“ bzw. „FERME“ oder „FERMÉE“ – je nachdem, in welcher Provinz Ostkanadas man sich befindet.

 

Aber dafür ist der Eintritt in die Nationalparks jetzt kostenlos, in den Hotels kann man sich ohne Vorbuchung die schönsten Zimmer aussuchen, und beim Unterwegs-Sein mit vielen Senioren und einigen jungen Familien und Studenten geht es recht entspannt zu, sei es auf einer Fähre, bei Sehenswürdigkeiten oder im Restaurant.

 

1. Nova Scotia: Canada’s Ocean Playground

Halifax

Für die ersten beiden Übernachtungen haben wir ein Hotel vorgebucht; konnten gegen einen Aufpreis von 10 Euro sogar ein Zimmer mit Blick auf den Hafen bestellen. Aber welch eine Enttäuschung, als wir um elf Uhr abends ankommen und aus dem Fenster schauen: Halifax hat gar keinen Hafen! Es regnet in Strömen, und hinter alten Lagerhäusern erblicken wir dort, wo Wasser und Lichter sein sollten, nur eine dunkelgraue Nebelwand. Wir sehen es als ein Zeichen, das uns auf die folgenden Tage einstimmen soll: zum Herbst gehören auch in Kanada nicht nur sonnige und bunte Tage.

 

Unsere Einsicht und Geduld werden belohnt. Nach einem großartigen Frühstück am nächsten Morgen (Unmengen von Kaffee, Cornflakes mit Joghurt und Obst, vegetarisches Omelett mit Bratkartoffeln und Ketchup, Rye Toast mit Erdnussbutter und Blaubeermarmelade … Hurra! Amerika hat mich wieder!) lichtet sich der Nebel, und wir unternehmen eine kleine Stadtrundfahrt: vorbei an der Zitadelle, an der Old Town Clock (dem Wahrzeichen der Stadt) und an den Friedhöfen, auf denen vor genau 100 Jahren viele Opfer des „Titanic“-Untergangs bestattet wurden.

Uns zieht es an die Waterfront und auf den über einen Kilometer langen Halifax Harbourwalk, diesen breiten Holzsteg mit seinen schön restaurierten historischen Hafenanlagen und dem maritimen Museum, mit Ausflugsbooten, fliegenden Händlern, Andenkenläden und Frittenbuden - und mit dem berühmten Pier 21, an dem in den Jahren zwischen 1928 und 1971 über eine Million Immigranten an Land gingen und heute die Kreuzfahrtschiffe anlegen.

 

Und dann sitzen wir bei 23 Grad Celsius auf einer Bank, ein Eis in der Hand und lassen die Seele baumeln …

 

(Hinweis: die Fotos können durch Anklicken vergrößert werden!)

 

Peggy’s Cove

Das kleine Fischerdorf mit seinen bunten Holzhäusern und dem idyllischen Hafen kann sich rühmen, Kanadas am häufigsten fotografierten Leuchtturm zu besitzen. Malerisch auf einem Felsmassiv gelegen, drängeln sich hier selbst in der Nachsaison die Besucher. Wir kommen morgens nach 9 Uhr an und müssen uns den Platz mit den ersten Bustouristen teilen. Aber dafür sorgen auch schon ein Dudelsackspieler im Kilt und eine Lady mit Harmonika für mehr oder weniger passende Atmosphäre.

 

Der Souvenirshop am Parkplatz quillt über vor Kitsch, doch es gibt einen recht ordentlichen Coffee to go hier und eine Autokarte. Autokarten … Dank Navi sind sie leider vom Aussterben bedroht und in Buchläden oder an Tankstellen kaum mehr zu finden. Dabei sind sie unentbehrlich, wenn man nicht nur von A nach B reisen möchte, sondern sich zu Umwegen auch auf kleineren Straßen inspirieren lassen will. Und mit Hilfe eines Markers kann man auf ihnen wunderbar die gefahrene Route dokumentieren.

Lunenburg

Aus dem Reiseführer “Kanada. Maritimes“ von Mechtild Opel; Seite 145:

 

„Lunenburg, eine bezaubernde Stadt voller Farbe, Kultur und Geschichte, liegt an einem schönen Naturhafen. 1753 wurde sie von vorwiegend deutschen und Schweizer Siedlern gegründet, die von den Briten nach Nova Scotia geholt worden waren. Zuverlässig, arbeitsam und zielstrebig sollten die foreign protestants das Land erschließen, besser als die bis dato nach Übersee verbrachten trinkfesten Lumpenproletarier aus Londons Vorstädten.“

Besser kann man das nicht ausdrücken.

Wir logieren uns im „Topmast Motel“ am Golfplatz ein und haben damit einen schönen Blick auf den Hafen und die bunten, gepflegten Holzhäuser, die teilweise noch aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen und der Grund sind, dass der Kern des 2800 Einwohner-Städtchens zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde.

 

Auf unserer Weiterreise am nächsten Tag verlassen wir bei Liverpool die „Lighthouse Route“, die von Halifax längs der Südwestküste bis nach Yarmouth führt und fahren abseits der üblichen Touristenroute quer durchs Land und in den



Kejimkujik National Park

Nur etwa ein Fünftel des 380 km² großen Parks ist per Fahrzeug zugänglich, aber dafür bietet er eine ziemlich unberührte, bewaldete Seenlandschaft mit ruhigen Flüssen und Riedgrassümpfen, in denen sich Biber und Eistaucher wohl fühlen. Ein Paradies für Kanusportler und Angler.

 

Wir entscheiden uns für eine Kurzwanderung mit mittäglichem Picknick ab Jakes Landing und sind dankbar, dass die Wanderwege gepflegt und die Strecken ausgeschildert sind, denn ohne dies käme hier wohl nur ein Mi’kmaq durch.

 

Das zu den First Nations gehörende Volk der Mi’kmaq (Mic Mac) bewohnte einst die maritimen Provinzen Kanadas: Nova Scotia, Prince Edward Island, Teile von New Brunswick und die Gaspé-Halbinsel in Québec. Aus ihrer Sprache stammt auch der Name des Parks, der da „Kleine Feen“ bedeutet.

Den Mi‘kmaq und ihrem Schöpfergott, dem mächtigen Glooscap, sollen wir in den nächsten Wochen noch öfter begegnen.



Digby und Digby Neck

Das Städtchen Digby mit seinen 2350 Einwohnern ist Heimathafen einer der größten Kammmuschel-Fangflotten der Welt; die scallops stehen hier in fast jedem Restaurant an erster Stelle der Speisekarte.

  

„Außerordentlich reizvoll ist ein Tagesausflug zum Digby Neck, einer 74 km langen Nehrung mit malerischen Fischerorten …“ steht in unserem Reiseführer, und so beschließen wir, zwei Tage in Digby zu bleiben, ehe wir per Fähre nach New Brunswick weiterfahren.

 

Für zwei Übernachtungen sollte es schon eine richtig nette Unterkunft mit Blick aufs Wasser sein, und so vertrauen wir uns dem örtlichen Visitor Centre an. Die nette Lady hinterm Tresen hat dann auch den passenden Tipp für uns, das „Come from Away B&B“, zudem auch gleich den Besitzer desselben an der Strippe. Der meint zwar, er müsse jetzt für einige Stunden weg, aber wir sollten uns in der Zwischenzeit mal sein schönstes Zimmer ansehen, die Nummer 3. Er werde es offen lassen, und wenn es uns gefiele, sollten wir einfach einziehen. Typisch Kanada! Wir sehen das Zimmer, sind begeistert und bleiben.

 

Weniger begeistert waren wir dann von der Tour auf das „abgelegene Kleinod“ (ein anderer Reiseführer) Digby Neck. Im Sommer mag es hier ja noch ganz nett sein und die Halbinsel ein idealer Ausgangspunkt für Walbeobachtungstouren, aber jetzt sieht rechts und links der Straße alles einfach nur trist aus, geschlossen, vergammelt und vollgemüllt.

Einziger Lichtblick: die Zapfsäule Nummer 1374 von West Nova Fuels und der dazu gehörende, freundlich gelb gestrichene Tante-Emma-Laden. Dort gibt es alles, was man auf Digby Neck so brauchen könnte, von Lebensmitteln über Schreibwaren und Medikamente bis hin zu Werkzeug und Gummistiefeln. CDs und Videos ausleihen kann man auch. Über der Theke sind an einer Wäscheleine Zettel mit den neuesten Veranstaltungshinweisen festgeklammert, und im hinteren Teil des Lädchens gibt es sogar einen Automaten, an dem sich die örtliche Briefträgerin gerade einen heißen Kaffee zapft. Highlight: der freundliche und redselige Besitzer. Der sich über jeden Fremden freut, der noch zu dieser Jahreszeit Abwechslung und neue Geschichten mitbringt, und der mir großzügig erlaubt, ihn und sein Reich zu fotografieren.



Am nächsten Morgen leichter Wind und Wolken, aber zum Glück kein Regen. Kurz nach sieben Uhr stehen wir in der Warteschlange für die Fähre, die um acht Uhr ablegen soll. Wir haben weder Reservierung noch Tickets, aber das ist Ende September auch nicht mehr nötig. Und so schippern wir kurze Zeit später über die Bay of Fundy nach Saint John in New Brunswick, neuen Abenteuern entgegen …



Fähre von Digby nach Saint John