There are no foreign lands. It is the traveler only who is foreign.

Robert Louis Stevenson (1850-1894)


Den Indianersommer er-fahren

2. New Brunswick: Be…in this place • Être…ici on le peut

 

Drei Stunden sind wir mit der „Princess of Acadia“ unterwegs, und es kommt ein ziemlich kräftiger Wind auf, der netterweise bald die Nebelwolken vertreibt.

 

Jetzt könnten sich in der Bay of Fundy bitteschön mal einige Wale zeigen. Buckelwale, Finnwale und Zwergwale sind hier wegen des reichhaltigen Nahrungsangebotes an Plankton und Fischen recht häufig, und man sagte uns, dass wegen der ungewöhnlich milden Temperaturen eine Sichtung auch zu dieser Jahreszeit noch möglich sei. Also bleibe ich mit einigen anderen Optimisten während der gesamten Überfahrt an Deck und bin froh, mir am Vortag in Digby noch diese gefütterte, windfeste und regendichte Jacke gekauft zu haben; die darf sich gleich einmal bewähren.

Was sie dann auch tat, aber ein Wal ließ sich leider nicht blicken.

 

Saint John mit seinen unübersehbaren Industrieanlagen reizt uns nicht, deshalb fahren wir nach Ankunft der Fähre gleich weiter Richtung Osten und durch den Fundy National Park, wo wir zu meinem Entzücken die ersten „richtig bunten“ Blätter finden.

Eigentlich wollten wir hier am Rand des Parks im kleinen Fischerort Alma übernachten, aber die hiesige touristische Infrastruktur hat für dieses Jahr bereits geschlossen. So bewundern wir nur den kleinen Hafen und halten erst wieder in Hopewell Cape, um uns in einem Motel mit Blick auf die Bay einzuquartieren. Uns rufen die

 

Hopewell Rocks

Zweimal täglich veranstalten die Kräfte der Natur in der Bay of Fundy ein außergewöhnliches Schauspiel. Hauptdarsteller: der Pegelunterschied zwischen Ebbe und Flut, der bis zu 16 Metern beträgt und damit den höchsten Tidenhub der Welt darstellt. Schuld daran ist die trichterförmige Beschaffenheit der Bucht, in der sich die gigantischen Wassermassen stauen, die vom Atlantik in die Bay drücken.

 

Oder war hier vielleicht auch Glooscap am Werk? Nach dem alten Glauben der Mi’kmaq war Glooscap riesengroß und besaß magische Kräfte. Er formte Landschaften wie beispielsweise das fruchtbare Annapolis Valley östlich von Digby. Auf einer Biberjagd schuf er mit einem Paddelschlag das Minas Basin am östlichen Ende der Bucht, und die Five Islands entstanden dadurch, dass er eine Handvoll Erde nach einem Biber warf.

 

Wie auch immer: eines der eindrucksvollsten Ergebnisse der Gezeiten in der Bay of Fundy sind die Hopewell- oder Flowerpot Rocks. Die in Jahrtausenden aus dem Fels gewaschenen Steinskulpturen sind mit Sträuchern und Bäumen bewachsen und erinnern in der Tat an Blumentöpfe. Bei Ebbe hat man die Möglichkeit, zwischen ihnen spazieren zu gehen, und wenn bei Flut nur noch ihre Spitzen wie kleine Inseln aus dem Wasser ragen, kann man sie per Kajak umrunden und sogar durchfahren.

 

Wir kommen bei Ebbe an und erfahren im Besucherzentrum, dass es heute keinen geführten Low Tide Walk mehr gibt, also erkunden wir auf eigene Faust den Meeresboden.

Auszug aus meinem Reisetagebuch: „Rotbrauner Schlick und rotbraunes Wasser; das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Wahrscheinlich sind alle Fotos, auf denen blaues Wasser zu sehen ist, nachträglich bearbeitet. Der Satz ‚Fotos lügen nicht‘ gilt schon lange nicht mehr!“

 

Ja, die Technik hat auch in den Nationalparks Einzug gehalten! Während der ausgesprochen lehrreichen High Tide-Wanderung am nächsten Tag zeigt uns Annie auf ihrem iPad wie es hier im Winter aussieht und wie ein Fels in die Bay abstürzt. „In echt“ hätten wir das alles an einem Tag natürlich nie erleben können, und mit nur zwei weiteren Teilnehmern an der Führung gab es auch kein Gerangel um den besten Blick auf die Videos und die Fotos von den hier horstenden Adlern.

Aber das Eichhörnchen war echt!

Ab jetzt hangeln wir uns immer weiter längs der Akadier-Küste nach Norden, wo wir kurz hinter Moncton einen Stopp einlegen, um uns auf einem ganz besonderen Holzsteg die Füße zu vertreten.



La Dune de Bouctouche

Die 12 Kilometer lange Sanddüne an der Bucht von Bouctouche wurde seit der letzten Eiszeit unablässig von Wind, Meeresströmungen und Gezeiten geformt und bietet ein Rückzugsgebiet für eine Vielzahl von Küsten- und Zugvögeln.

Außer einer einsamen Joggerin sind wir die einzigen auf dem zwei Kilometer langen Holzsteg, der das Gebiet erschließt. Wir genießen die Sonne und können das Leben in der Düne und den Salzmarschen studieren ohne durch Herumlaufen dieses sensible Ökosystem zu gefährden.

Kouchibouguac National Park

„Fluss der langen Gezeiten“ heißt der Park in der Sprache der Mi’kmaq. Der hier mündende Kouchibouguac River ist recht breit, von Sandbänken durchzogen und von Salzmarschen umgeben, und an der Küste finden wir sandige Strände, Lagunen und Dünen. Andere Habitate dieses abwechslungsreichen Parks sind der „Acadian Forest“ genannte Mischwald aus Fichten und Laubbäumen wie Ahorn, Birke und Pappel, zudem Moore und Zedern-Sümpfe mit Moosen, Farnen und Orchideen.

 

Uns erscheint der Park mit seinen top gepflegten Anlagen und Wanderwegen irgendwie zu brav, aber jährlich besuchen ihn mehr als 230.000 Leute, um hier zu wandern, zu campen und zu schwimmen, um Vögel zu beobachten und Rad oder Kanu zu fahren.

 

Direkt am Eingang des Parks finden wir ein Motelzimmer im Kouchibouguac Resort. Etwas müde sieht das Resort aus, erschöpft von einer langen Saison und noch nicht gerüstet für die Winteraktivitäten. Aber der Chef ist ausgesprochen nett zu seinen einzigen Gästen, und ehe er ins Wochenende aufbricht, um irgendwo seine Quads abzuholen und fit zu machen („den Schlüssel lasst im Zimmer liegen, zieht einfach die Tür zu!“) bekommen wir noch einige gute Tipps: wo wir am nächsten Morgen frühstücken können, an welchem der Wanderwege in der Nähe ein verwilderter Apfelbaum mit wunderbar schmeckenden Früchten steht, und wo „some moose activities“ beobachtet wurden. Elche? Da müssen wir hin, lassen alles stehen und liegen und fahren auf die Suche nach den Schaufelträgern.

 

Eine der Legenden der Mi’kmaq erzählt davon, wie vor langer Zeit der weise Schöpfer Glooscap den damals gigantisch großen Elch schrumpfen ließ, um so Harmonie zwischen Tier und Mensch herzustellen. Leider bekommen wir keinen Elch zu Gesicht, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, ob Glooscap vielleicht seine magischen Kräfte in diesem Park zu übereifrig eingesetzt haben könnte …

Miramichi

Die 20.000 Einwohner zählende Stadt entstand 1995 durch den Zusammenschluss der Städte Newcastle und Chatham sowie einiger kleinerer Orte. Touristen hat Miramichi wenig zu bieten, aber wir haben Lust auf eine Kaffeepause und finden im Ortsteil Chatham in der historischen Water Street ein nettes „Cafe & Bakery“.

 

Seit wir in New Brunswick unterwegs sind, erwidert man auf mein englisches „Hello“ stets in französischer Sprache, und so schmettere ich jetzt beim Betreten der Örtlichkeit ein fröhliches „Bonjour!“ in die Runde der hier sitzenden älteren Herrschaften. Und die? Antworten mit einem lässigen „Hi!“ und sprechen breitestes US-Englisch.

 

Gemütlich ist das kleine Café mit den drei Tischen, dem Sofa in der Ecke, auf dem ein Teenager mit Handy am Ohr sitzt und mit den vergilbten Kinderzeichnungen in einer anderen Ecke. Und die große Kuchentheke ist der Hammer! Die unterschiedlichsten Leckereien lachen uns an, eine appetitlicher und verführerischer als die andere - und nicht zu vergleichen mit den Einheits-Muffins und -Bagels, die in den Bäckereiketten angeboten werden. Und während ich noch laut überlege, ob ich lieber ein Plunderstückchen nehme oder vielleicht doch ein Stück von dem Käsekuchen oder gar ein Trapper Square, ertönt die Stimme der zierlichen Frau hinter der Theke.

“Zwei Kaffee …?“ fragt sie, und es haut mich fast aus den Socken.

 

Frau Pesch heißt die freundliche Bäckersfrau, die vor 15 Jahren mit ihrem Mann Werner aus der Oberpfalz nach Miramichi kam. Er ist Konditormeister und hat bei einem hiesigen Backwettbewerb den ersten Preis gewonnen, wie ein Zeitungsartikel und eine Goldmedaille an der Wand eindrucksvoll belegen. Der Teenager am Handy ist Tochter Vanessa; von ihr stammen auch die alten Kinderzeichnungen.  

Frau Pesch meint, sie habe es noch nie bereut, nach Kanada ausgewandert zu sein, und beim Blick in ihre freudig strahlenden Augen glauben wir ihr das bedingungslos.

 

 

Ausgerüstet mit einer prall gefüllten Tüte voller Backwaren begeben wir uns wieder auf die Küstenroute, den Acadian Coastal Drive.

 

Die Akadier (englisch Acadians; französisch Acadiens), sie begegnen uns hier in New Brunswick auf Schritt und Tritt, und wir machen uns schlau:

 

Die Akadier sind Nachkommen von französischen Siedlern aus der Bretagne und der Normandie, die sich im 17. Jahrhundert vor allem in den Küstengebieten der damaligen französischen Kolonie Akadien niedergelassen hatten. Sie mussten eine wechselvolle Geschichte erleben, aber letztendlich wurden ihr Vieh und ihr Land von den Briten konfisziert, sie selbst deportiert. Viele Akadier, die 1755 aus Nova Scotia vertrieben wurden, flohen auf die abgeschiedene Acadian Peninsula, wo wir heute ihre Flagge, die französische Trikolore mit dem goldenen Stern im oberen Teil des blauen Feldes, von nahezu jedem Haus wehen sehen.

 

Caraquet

Zentrum der frankophonen Kultur ist heute das Städtchen Caraquet, und einige Kilometer außerhalb liegt das historisch detailgetreu nachgebaute „Acadian Historical Village“ mit seinen über vierzig Häusern. In diesem Museumsdorf bringen an die 100 „Einwohner“ in historischer Tracht dem Besucher das Leben der Akadier zwischen 1780 und 1890 näher.

 

Am Nachmittag des 29. September kommen wir in Caraquet an, freuen uns darauf, am nächsten Tag in dem Living Museum mehr über die Akadier zu lernen - und müssen erfahren, dass heute der letzte Öffnungstag für dieses Jahr war.

Dumm gelaufen.

 

Da zudem für den nächsten Tag ganz mieses Wetter vorhergesagt wird, machen wir das Beste aus der Situation und mieten uns gleich für zwei Nächte im ersten Haus am Platze ein, dem Hôtel Paulin.

 

Das aufwändig restaurierte Haus wurde 1891 im viktorianischen Stil erbaut und ist eines der ältesten familienbetriebenen Inns Akadiens. Seit 1972 wird es von Gérard Paulin und seinen Schwestern Gigi und Léola geführt. Vierte im Bunde ist Karen Mersereau, die Lebensgefährtin von Monsieur Paulin und Mutter des gemeinsamen Sohnes Jules Gérard. Die lebhafte Karen ist es dann auch, die uns die schönsten Zimmer des Hotels zeigt, unablässig plaudernd und uns Gaststätten-Tipps gebend. Das über die Stadt hinaus bekannte hauseigene Restaurant, in dem sie Chefin ist und eine regionale, leichte Küche anbietet, hat nämlich leider geschlossen.

 

Wir entscheiden uns für eine wunderbare Suite mit Blick auf die Chaleur Bay und genießen es, hier einen ganzen Tag lang abzuhängen mit lesen und schreiben, spielen und fernsehen. Andere Gäste gibt es nicht, und auch die Besitzer haben sich verabschiedet, um sich trotz des Wetters um ihre Apfelernte zu kümmern. Nur die gute, alte Léola ist uns geblieben, hat sich ans Klavier in der Lounge gesetzt und spielt ein paar entspannende, klassische Musikstücke. So, wie sie das schon seit 60 Jahren für Gäste tut, die ihr sympathisch sind.

 

Und wieder einmal wird unsere Ausdauer belohnt: als wir uns nach zwei Übernachtungen verabschieden, um in die Provinz Québec aufzubrechen, lacht die Sonne vom Himmel.