Tourists don’t know where they’ve been,

travelers don’t know where they’re going.

Paul Theroux (*10. 04. 1941)


Den Indianersommer er-fahren

3. Québec: Je me souviens

von New Brunswick nach Québec

 

"Sous le ciel de Paris" tönt es aus dem Autoradio, als wir bei Campbellton die Brücke von einer Provinz in die andere überqueren. Seit Tagen finden wir nur Sender in französischer Sprache, und in Gaststätten und kleinen Shops hören wir ständig Chansons und Oldies aus den 1960ern: Edith Piaf und Jacques Brel, Johnny Halliday, Michel Polnareff, Jacques Dutronc, Françoise Hardy, France Gall, Sylvie Vartan … bis hin zu Adamo; musikmäßig sitzen wir in einer Zeitmaschine.

 

"Obwohl in Kanada sowohl die englische Sprache als auch die französische Sprache Amtssprachen sind, ist die ausschließliche Amtssprache der Provinz Québec das Französische" weiß Wikipedia. Von wegen "Amtssprache"! Hier spricht jeder nur Französisch, und das Englisch beispielsweise von Gastronomen, Shopbesitzern und Kassiererinnen ist bedeutend schlechter als mein rostig gewordenes Französisch, so dass ich dieses jetzt wieder rauskrame.

 

3.1 Gaspésie

Gaspésie bedeutet in der Sprache der Mi’kmaq "Ende der Welt". Ein Name, der auch heute noch recht gut passt, denn das Innere der 30.000 km² großen Gaspé-Halbinsel ist ziemlich menschenleer und noch immer recht unzugänglich, das ideale Gelände für Wanderer und Trekker, Angler und Jäger. Nur wenig ausgebaute Straßen und einige Schotterpisten führen hier durch, denn die meisten Ortschaften liegen an der Küste.

 

Ohne große Zwischenstopps (die Chocolaterie in Bonaventure mit Kaffee und hausgemachtem Konfekt musste allerdings sein!) fahren wir auf der Küstenstraße durch eine großartige Landschaft nach

 

Percé

Der frühere Fischerort auf der Gaspé-Halbinsel ist heute ein geschäftiges Touristenzentrum mit zahlreichen Hotels und Restaurants, Souvenirshops und Kunstgalerien. Hauptattraktion von Percé ist der Rocher Percé, der durchbohrte Fels, der zum Wahrzeichen der gesamten Gaspésie wurde.

 

Vor 375 Millionen Jahren wurde der Monolith aus rosa Kalkstein mit seinem 20 Meter hohen Felsentor durch Sedimentablagerung geformt. Er ist etwa 90 Meter hoch, doch über seine Länge scheinen sich die Gelehrten noch nicht einig (deutsches Wikipedia: 438 m; englisches Wikipedia: 1.06 km!).

Egal; wir nutzen schamlos wieder die Vorteile der Nachsaison aus und suchen uns das Zimmer mit dem schönsten Blick vom Bett auf den Felsen. Von unserer Veranda haben wir sogar einen Überblick und die ganze Bucht und den Ort.

 

Der will jetzt gleich einmal erobert werden. Ich setzte meinen Reisebegleiter samt Lektüre in einem Café ab und mache mich voller Begeisterung auf, die zahlreichen Shops zu erkunden. Nach dem zweiten Laden gebe ich allerdings auf: so viel Kitsch auf einmal kann selbst ich nicht lange ertragen!


Am nächsten Morgen machen wir uns auf eine Bootstour zum gepiercten Felsen und auf die



Île-Bonaventure

Die 4 km² große Insel wird durch mehrere Wanderwege erschlossen und ist seit 1916 Vogelschutzgebiet, in dem geschätzte 250.000 Seevögel brüten. Unser Ziel ist die Basstölpel-Kolonie, mit rund 60.000 Exemplaren dieser ulkigen Gesellen die größte Kolonie in Nordamerika.

 

Unser Weg führt uns quer über die Insel durch einen feuchten und herbstlichen Urwald, der für mich irgendwie appetitlich nach Blueberry-Muffins riecht. Das soll sich jedoch ändern, je näher wir den Tölpeln kommen: schon aus einiger Entfernung kann man die Vögel riechen. Und hören. Dafür ist es mit dem Sehen schlechter bestellt, denn ziemlich dichter Nebel liegt über der Kolonie. Glücklicherweise kann und darf man hier aber recht nahe an die Tiere heran, so dass wir ihr Verhalten eingehend studieren können. Und schon nach den ersten Beinahe-Bruchlandungen dieser eleganten Flieger ist uns klar, wie die Vögel zu ihrem deutschen Namen kamen.

 

Was das Abendessen in Percé betrifft, hier ein kleiner Tipp für alle Vegetarier und diejenigen, die in den Maritimes einmal etwas Anderes essen möchten als täglich fangfrischen Fisch, Hummer und andere Meeresfrüchte:

Das Restaurant "Le Récif" direkt an der Straße Nr. 132 ist spezialisiert auf Pasta und macht diese auch richtig gut. Unbedingt als Vorspeise probieren sollte man den warmen Ziegenkäse, der da auf kleinen gerösteten Baguettescheiben kommt und mit einer kurz pochierten Birne an Balsamico.

Allerdings … die zahlreichen Tische stehen nah beieinander, und in der Hauptsaison wird es garantiert eng und laut hier. Adamo-kompatibel sollte man auch sein; bei unserem Besuch trällerte der belgische Sänger ziemlich intensiv aus dem Lautsprecher.

 

Forillon-Nationalpark

Der Forillon-Nationalpark liegt am östlichen Rand der Gaspésie, und mit Cap Gaspé an seiner Spitze haben wir tatsächlich "Land’s End" erreicht; ab hier fängt damit irgendwie auch unsere Rückreise an.

 

Obwohl der Park mit 244 km² vergleichsweise klein ist, bietet er landschaftlich viel: winzige Fischerdörfer, einsame und malerische Buchten mit Kiesstränden und steile Klippen, dazu pure Bergeinsamkeit mit bemerkenswerten Wanderwegen wie dem kanadischen Teil des internationalen Fernwanderwegs "Appalachian Trail".

In dem borealen Wald und auf den verlassenen landwirtschaftlichen Nutzflächen an seinem Rand fühlen sich Elche und Schwarzbären wohl, aber die hier am häufigsten anzutreffenden Säugetierarten sind Biber, Rotfuchs, Kojote und Luchs, Stachelschwein, Schneehase und Eichhörnchen.    

 

Quebecer wissen, wie man den Nationalpark am besten kennenlernt, wenn man nur einen Tag Zeit hat: man fährt mit dem Auto an der Küste um den Park herum, erkundet ein paar Strände zu Fuß, macht eine kleine Küstenkanuwanderung und beobachtet Wale.

Wir ersparen uns das Paddeln, und die Walbeobachtung fällt mangels Walen auch aus, aber ansonsten ziehen wir an einem wunderbaren, sonnigen Herbsttag das Programm gnadenlos durch, ergänzen es sogar noch um ein Picknick in einer einsamen Bucht. Inklusive Beobachtung von Seevögeln und einer einsamen Robbe, mit Besuch von einem Hermelin und unter den aufmerksamen Augen einer Krähe.

 

 

Nach einer Übernachtung in Gaspé verlassen wir die Küste und fahren quer über die Halbinsel. Mit einem Stopp im Bergarbeiterstädtchen Murdochville (großartige, saubere und beheizte Öffentliche Toiletten, fähiger kleiner Supermarkt) und durch das Wildreservat der Chic Chocs (endlich mal wieder Schotterpisten und fehlende Wegweiser!) erreichen wir den

Nationalpark Gaspésie

Hier konzentrieren sich die höchsten Berge der Gaspé, mehr als 25 davon über

1000 m. Manche von ihnen sind bis in den Juni hinein mit Schnee bedeckt wie beispielsweise der Mont Albert, nach dem auch die einzige Unterkunft im Park, das Gîte du Mont-Albert benannt wurde.

"Das Wegenetz für Wanderer ist 140 km lang und läuft durch dichten Wald über wilde Bäche vorbei an zahlreichen klaren Bergseen bis auf die Gipfel" schreibt unser Reiseführer, aber wir verzichten auf eine genauere Erkundung.

Nach der Abgeschiedenheit im Forillon NP erscheint uns selbst der Nachsaison-Betrieb hier zu quirlig, und wir begeben uns auf die Weiterfahrt.

Matane

Wir möchten uns auch die Nordküste des Sankt-Lorenz-Stroms wenigstens kurz einmal ansehen und befragen unsere Straßenkarte.

Ab Matane gehen zwei Fähren, die erste nach Baie-Comeau und die zweite nach Godbout. Was liegt also näher, als einen kleinen Tagesausflug zu machen? 2 Std 20 Min nach Baie-Comeau, etwa 60 Kilometer mit dem Auto (müsste reichen, um einen ersten Eindruck zu bekommen), und von Godbout dann wieder per Fähre zurück. Sicherheitshalber laden wir jedoch unsere gepackten Koffer in den SUV und checken aus unserem gemütlichen Hotel aus … man weiß ja nie!

 

vor unserem Hotelzimmer: "Le Fleuve" und der Hafen von Matane

3.2 Sankt-Lorenz-Strom

"Ah, le fleuve!" … die Quebecer lieben ihren Sankt-Lorenz (franz. Fleuve Saint-Laurent; engl.Saint Lawrence River), der die Großen Seen zum Atlantik entwässert und mit seinen rund 1200 km Länge bis heute auch das wirtschaftliche Rückgrat der Provinz Québec ist.

Tagebuchnotiz: "11.40 Uhr auf der Fähre über den St. Lorenz: kein Land mehr in Sicht. Nicht zu fassen, dass wir 'nur' einen Strom überqueren!"

 

Dann die erste Überraschung: es fängt an zu regnen; dabei wartet eine ganz besondere Straße auf uns, die

 

Route des Baleines

Der Straße Nr. 138, die 1000 km am Nordufer des Flusses entlang läuft, hat man den netten Beinamen Route des Baleines (Straße der Wale) gegeben. Sie führt uns durch eine wild-romantische Landschaft mit schroffen Felswänden und stillen Seen, später durch eine Tundra-ähnliche Vegetation mit Zwergsträuchern, Moosen und Rentierflechten. Die Foliage, die herbstliche Laubfärbung, ist hier schon weiter fortgeschritten, aber wir können sie wegen dichten Nebels mehr ahnen denn wirklich sehen.

 

Also geben wir der Landschaft noch eine Chance und fahren in den nächsten größeren Ort, das etwa 250 Kilometer entfernte Sept-Îsles, um dort zu übernachten und anderentags bei besserem Wetter zurückfahren zu können.

 

Am nächsten Tag, dem 6. Oktober, ist der Nebel tatsächlich verschwunden, aber dafür regnet es wie aus Kübeln. Dabei können wir noch froh sein: vor zwei Tagen hörten wir in den Nachrichten, in Manitoba und Ontario sei bereits der erste Schnee gefallen.

 

Neuer Plan: wir fahren zurück, aber über Baie-Comeau hinaus und nehmen die Fähre bei Forestville. Da der St. Lawrence dort schmaler ist, dauert die Überfahrt nach Rimouski auch nur 55 Minuten. Und Rimouski, das da "Land des Elchs" bedeutet, möchte ich mir unbedingt ansehen!

Ich mache es kurz: die Fähre hatte ihren Betrieb am 30. September eingestellt, und auch die nächste von Les Escoumins nach Trois-Pistoles war schon im Winterschlaf; das war weder aus unserer Straßenkarte ersichtlich, noch stand es im Reiseführer.

 

Aber dafür kam nach etwa 430 Kilometern Fahrt kurz vor Tadoussac die Sonne heraus, und wir beschlossen: hier bleiben wir!

Tadoussac

Der populäre kleine Ferienort liegt sehr fotogen in einer Felsenbucht. Sein Wahrzeichen, das Hotel Tadoussac mit seinem weithin sichtbaren roten Dach ist allerdings nicht ganz nach unserem Geschmack. So quartieren wir uns im freundlichen "Hôtel-Motel Le Béluga" ein und erkunden gleich einmal den Ort. Im Vergleich zu anderen ist hier erstaunlich viel los, überall spazieren Touristen herum, und sämtliche Shops haben geöffnet.

 

Die Erklärung für den Besucherandrang ist einfach: Tadoussac ist die Hochburg der Walbeobachtung in der Provinz Québec: im Sommer fressen die Tiere sich hier in der planktonreichen Mündung des Saguenay-Fjords die Bäuche voll, und eine Flotte von Ausflugsdampfern und Schlauchbooten transportiert täglich Tausende hinaus zu den friedlichen Meeressäugern.

 

In unserem Reiseführer haben wir gelesen, "dass der Rummel an der Oberfläche den Walen nicht gut tut: Die Walbeobachtung vom Boot aus verkürzt die Tauch- und damit auch die Fresszeiten. Dies wiederum wirkt sich negativ auf ihre Fortpflanzung aus. Wal-freundlich kann man die Kolosse der See jedoch auch von Land aus beobachten."

 

Das tun wir dann auch am nächsten Tag und fahren zum "Centre d’Interprétation et d’Observation" nach Grandes-Bergeronnes, wo uns ein kurzer Spaziergang auf eine felsige, weit in dem Strom ragende Landzunge führt. Im Sommer sollen die Wale hier bis auf 50 Meter herankommen, aber jetzt sind die letzten Tiere weit entfernt und nur mit dem leistungsstarken Fernglas des Rangers zu sichten. Trotzdem klettern wir mit einigen anderen Walfreunden auf den Felsen herum und genießen die Landschaft und die Sonne.


 

Etwa 50 Kilometer hinter Tadoussac finden wir in Saint-Siméon dann endlich auch eine Fähre, die uns vom Nordufer nach Rivière-du-Loup an der Südküste mitnimmt.

 

Rivière-du-Loup

Nach unserer "Extratour" gönnen wir uns eine kleine Auszeit und nisten uns wieder für zwei Tage ein, diesmal in einem netten, kleinen Chalet. Wir seien ihre letzten Gäste für dieses Jahr (wir ahnten es bereits!), erklärt die freundliche Lady an der Rezeption und drückt uns vier Kaffeeportionen und abgepackte Muffins für zwei Frühstücke in die Hand. Um gleich anschließend ein großes Schild rauszuhängen: "Ouverture May 2013".

Damit haben wir das ganze Motel und die Chalets für uns, dazu einen fehlenden Fön und einen fehlenden Wasserkessel zum Kaffee-Kochen. Und unser per Durchlauferhitzer erwärmtes Duschwasser braucht gefühlte 30 Minuten bis es so warm wird, dass man sich darunter stellen kann. Wir zeigen Pioniergeist und entwickeln Notlösungen – und freuen uns über die funktionierende Heizung und die Sonne, die am nächsten Tag wieder herauskommt.



 

Der nächste Tag ist der zweite Montag im Oktober und damit der kanadische Thanksgiving Day. Der Tag, an dem anscheinend auch die letzten Unterkünfte auf dem Land ihre Saison beenden. Auf unserem Ausflug nach Rimouski durchfahren wir ungewöhnlich menschenleere, verschlossen aussehende Orte, dafür kommen uns aber kilometerlange Autoschlangen entgegen; wahrscheinlich die ganzen Einwohner von Québec, die sich für ein langes Wochenende aufs Land begeben hatten und nun zurück müssen.

 

Die Landschaft mit ihren Kühen und Silos und Stoppelfeldern zeigt sich längst nicht so attraktiv wie die wilde Nordküste des Sankt Lorenz, aber dafür begegnen uns hier die ersten Kanadagänse, die sich in großen Scharen auf den Wiesen versammelt haben.

 

Auch sie scheinen das Thanksgiving-Datum im Blut zu haben, denn als wir später in der Nachmittagssonne vor unserem Chalet sitzen, ziehen erste Schwärme in V-Formation und laut schnatternd über uns hinweg in ihre Überwinterungsquartiere.

"Rak rak rak" rufen dabei die weiblichen Tiere und "rak rak ruk" die männlichen, das hat mein männlicher Reisebegleiter irgendwo gelesen. Und macht mich jetzt süffisant lächelnd darauf aufmerksam, dass eigentlich nur "Rak rak rak"-Rufe zu hören sind. Kein Kommentar.

 

Bis spät in die Nacht lauschen wir noch dem Schrei der Kanadagänse, deren Zug und die Rückkehr in die angestammten Brutreviere im Frühjahr in ganz Nordamerika Symbole für den Wechsel der Jahreszeiten sind.

In immer neuen Schwärmen fliegen die Wildgänse an den Fenstern unseres Chalets vorbei, und wir schicken ihnen unsere guten Wünsche mit auf den beschwerlichen Weg …