If you reject the food, ignore the customs,

fear the religion and avoid the people,

you might better stay at home.

James Michener (1907-1997)



Den Indianersommer er-fahren (Fortsetzung Provinz Québec)

Kamouraska - Saint-Jean-Port-Joli - Montmagny

Am nächsten Tag fahren wir weiter den St. Lorenz stromaufwärts – und mit uns ziehen Tausende von Schneegänsen, sich am blauen Band des Stromes orientierend. Die neben der Kanadagans in Nordamerika am häufigsten vorkommende Gänseart brütet in Grönland, in Sibirien und im nördlichen Kanada und verbringt als Zugvogel den Winter weiter südlich, vor allem in den USA.

 

Wir halten in Kamouraska, einem Ort mit rund 700 Einwohnern, der zu einem der schönsten Dörfer der Provinz Québec gewählt wurde. Was uns auch nicht wundert, denn seine gepflegten alten Holzhäuser harmonieren hervorragend mit der sie umgebenden Natur.

An der kleinen Uferpromenade laden bunte Bänke zum Verweilen ein, die Sparkasse hat sich mit Kürbissen geschmückt, und in dem mit Bergen von handgemachten Seifen, mit Flaschen, Tiegelchen und Töpfchen dekorierten kleinen Verkaufsraum der Savonnerie steht eine freundliche, kleine Frau hinter der Theke. Liebevoll tütet sie die von mir einzeln ausgesuchten, hübsch verpackten Badepralinen ein, dabei die Vorzüge einer jeden preisend. Natürlich in Französisch. Ich verstehe zwar nur die Hälfte, aber ich bedanke mich artig und verlasse den Laden in dem Wissen, dass Probieren schon immer über Studieren ging.

 

der Sankt-Lorenz-Strom bei Kamouraska

 

Das Oberammergau der Provinz Québec ist das Holzschnitzer-Städtchen Saint-Jean-Port-Joli; hier ist von der traditionellen Marienstatue bis hin zu avantgardistischen Kreationen aus Holz alles zu haben, was das Herz eines Sammlers erfreuen könnte. Alles eine Frage des Geschmacks sage ich mir, ignoriere die Staubfänger und kaufe einen Berg Modeschmuck aus Abalone-Perlmutt. Ich frage nach Mengenrabatt, aber der freundliche Ladenbesitzer, der zuvor noch unbedingt sein kürzlich erlerntes Deutsch („wegen der Touristen; es fördert den Verkauf!“) an mir wetzen wollte, versteht unter verschmitztem Lächeln plötzlich weder Englisch noch Französisch. Auch gut; einen Versuch war es immerhin wert, denke ich und gönne mir in dem charmanten kleinen Café „Libellule“ nebenan mit meinem Begleiter einen kleinen Snack und mehrere Refill-Tassen Kaffee“.

 

Wir übernachten in Montmagny. Im Zentrum des Ortes stehen noch viele schöne Häuser aus dem ancien régime, in denen sich Cafés, Restaurants und nette kleine Boutiquen eingemietet haben. Der hauptsächliche Grund für einen Besuch des 12.000 Einwohner-Städtchens ist jedoch ein anderer: Vogelfreunde wissen, dass der hiesige Küstenstreifen auf der Flugroute der Schneegänse liegt und von diesen als Rastplatz genutzt wird; zu Hunderttausenden fallen die Vögel im Frühjahr und Herbst hier ein.

 

Ein großes, gut ausgestattetes Besucherzentrum informiert über den Vogelzug, und überall in den Straßen müssen die Gänse als Werbeträger herhalten. Zwei Tage vor dem alljährlichen Schneegans-Festival (und nachdem wir uns das Programm des Spektakels durchgelesen haben) verlassen wir allerdings ohne Bedauern den umtriebigen Ort. Auf uns wartet Québec City.  



3.3 Québec City

Die „Wiege der französischen Kultur“ in Nordamerika gilt als eine der schönsten Städte auf dem Kontinent. Als einzige nordamerikanische Stadt besitzt Québec eine ummauerte Altstadt mit immer noch intakten Festungsanlagen, die 1985 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

 

Von der Zitadelle hat man einen hervorragenden Blick über die Stadt und den Sankt Lorenz. Vom Strom aus nähern wir uns dann auch der Stadt, indem wir die Autofähre (die wievielte eigentlich …? wir haben aufgehört zu zählen) von Lévis aus nehmen. So kommen wir in den Genuss der Skyline von Quebec, die von dem weltberühmten Hotel „Château Frontenac“ mit seinem Kupferdach dominiert wird.

 

Québec besteht aus einer Oberstadt und einer Unterstadt, und man sollte schon gut zu Fuß sein, um es zu erkunden. Wer steile Straßen und viele Treppen scheut, der kann für 2 CAD die „Funiculaire“ benutzen, eine Zahnradbahn. Sowohl der Einstieg als auch der Ausstieg befinden sich in einem kleinen Shop mit Getränken und Souvenirs – eine geniale Geschäftsidee.

 

Auch wir benutzen das Gefährt, dessen historischer Vorgänger aus dem Jahr 1879 stammt. Während der Fahrt beginnt es zu regnen, und als wir in der Oberstadt ankommen, werden wir von einem Graupelschauer begrüßt. Eine gute Gelegenheit, einige der sehr geschmackvollen Modegeschäfte Québecs anzusteuern und mir eine Wollmütze zu kaufen.

 

Derart perfekt ausgerüstet machen wir einen kleinen Rundgang, bewundern die Halloween-Dekoration vor dem Rathaus, stöbern in der Rue du Trésor in den am Straßenrand ausgestellten Gemälden von einheimischen Künstlern – und landen schließlich in einem urgemütlichen, freundlichen Pub mit hervorragenden Snacks.

 

Ein absoluter Glücksgriff ist unser Hotel, das „Auberge Saint-Antoine“ in der Unterstadt, das ich bereits in den Reisetipps beschrieben habe.

 

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In Kanada geht es überall zwanglos zu; selbst am Abend und in Restaurants mit weißen Tischdecken genügt sportliche Kleidung. Und so schleppen wir nun schon seit drei Wochen unsere Lackschuhe und den feinen Zwirn umsonst durch das Land. Ein Zustand, der sich im Panache, dem hauseigenen Restaurant des Saint-Antoine, hätte ändern können. Wenn wir uns denn nicht für die Bar und den Room Service entschieden hätten.



Lieber als Kirchen, Denkmäler und Museen sehen wir uns in fremden Städten an, wie und wovon die Einheimischen leben. Und so finden wir uns dann auch wieder im Marché du Vieux-Port de Québec, dem Markt der Bauern aus dem Umland. Kartoffeln und Kürbisse sind im Angebot, Möhren, Äpfel und Cranberries. Daneben auch selbstgemachte Marmelade und Gebäck, eingelegtes Gemüse und - nicht zu vergessen: der unentbehrliche Ahornsirup.

Mein absolutes Highlight aber finde ich in einer Ecke des Marktes, das „Epicerie fine exotique“. In diesem bis unter die Decke vollgestapelten Feinkostgeschäft mit den engen Gängen gibt es von den Gewürzen dieser Welt bis hin zu den verschiedensten Kochgeräten einfach alles, was man für ein exotisches Essen benötigt. Nur schwer kann ich mich losreißen.

 

Und an einem sonnigen Oktobernachmittag schlendern wir durch den Parc des Champs-de-Bataille mit seinem alten Baumbestand und den unermüdlichen Joggern und beobachten zwei städtische Angestellte, die die letzten Picknicktische zusammenräumen und auf einem Anhänger verstauen. Saisonende.

 

4. Ontario: Yours To Discover

Nach 4.132 gefahrenen Kilometern durch „the Maritimes“ und am Sankt-Lorenz entlang steigen wir am frühen Morgen in Québec in den Zug und fahren in 10 Stunden über Montreal nach Toronto. Und dort, auf dem CN Tower und in 351 Metern Höhe, finden wir dann endlich auch Bären und Elche.

Aber das ist eine andere Geschichte …



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