Slums und Kinderarbeit

Leben in einer indischen Stadt

 

Solange die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln.

Sind sie älter geworden, gib ihnen Flügel.

indisches Sprichwort


Unter "Slum" versteht man heute nicht mehr ausschließlich die wilden Ansammlungen von Blechhütten und Unterkünften aus Plastikplanen, sondern jede Siedlung, in der die Einwohner unter unzumutbaren Umständen (mangelnder Wohnraum, fehlende Elektrizität, ohne sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen) leben.

In einem dieser Armenviertel von Firozabad besuchte ich im März 2007 mein Patenkind Shobha und seine Familie, um mehr über sie und ihr Leben zu erfahren.

Shobha

Trotz ihres dicken Rollkragenpullovers zittert die Kleine als sie vor mir steht, um meine Geschenke anzunehmen: Buntstifte, Zeichenblock, ein paar Haarspangen. In einigen Wochen wird Shobha 13, wirkt aber auf mich viel jünger. Seit 2 Jahren schon haben wir Fotos und Briefe hin- und hergeschickt, und trotzdem weiß ich nicht viel über sie und ihr Umfeld. Die Familie ist vor einiger Zeit von einer Lehmhütte in ein Haus umgezogen, wo Shobha jetzt mit ihrer Mutter Munni Devi und dem 17jährigen Bruder Amit lebt. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Rashmi wohnt meist bei einer Tante, und der Vater ist im letzten Dezember verstorben. Er arbeitete zeitweise als Motorrikscha-Fahrer und war Gewohnheitstrinker. Wie so viele Männer hier im Slum.

 

Mit einer Handvoll anderer Paten aus Deutschland sitze ich auf dem Dach eines kleinen Büros, in dem das Entwicklungshilfeprojekt "Disha" untergebracht ist. Ein leichtes Lüftchen macht die Hitze erträglich, und aufgehängte bunte Tücher schützen uns gegen zu starke Sonneneinstrahlung und neugierige Blicke aus der Nachbarschaft.

 

Am Morgen schon hatten uns Mitarbeiter des Projekts und einige Vertreter der Community willkommen geheißen, uns Kränze aus orangefarbenen Tagetes umgehängt, ein rotes Tilaka auf die Stirn getupft und kleine selbstgebundene Blumensträuße überreicht. Freundlich servierten sie anschließend Tee mit Keksen und informierten uns erst einmal über die Stadt und ihr Projekt.

Die Stadt Firozabad mit ihren etwa 300.000 Einwohnern liegt im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh, etwa 40 Kilometer von Agra mit seinem berühmten Taj Mahal entfernt. Von frühester Zeit an war Firozabad berühmt für seine Glasindustrie; 2/3 aller Glaswaren Indiens werden hier in "Glass City" hergestellt.

 

90% der Slumbewohner Firozabads arbeiten in der Glasfabrikation, verdienen damit aber so wenig, dass sie teilweise hoch verschuldet sind bei den Glasfabrikbesitzern oder lokalen Kredithaien. Es gibt kaum sanitäre Einrichtungen, über 70% der Kinder sind unterernährt und die Tuberkulose ein weit verbreitete Krankheit.

 

Die größten Probleme, mit denen die Stadt zu kämpfen hat, sind Kinderarbeit, Analphabetentum und Umweltverschmutzung.

 

Kinderarbeit spielt in der Glasindustrie eine wichtige Rolle. Seit 20 Jahren verbietet zwar das indische Gesetz die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren, aber es lässt sich leicht umgehen, denn statt in den Fabriken arbeiten die Kinder zum großen Teil in Heimwerkstätten, die keinerlei staatlichen Kontrolle unterliegen.

Genau hier setzt das Projekt Disha an. "Disha" ist ein Hindi-Wort und bedeutet "Richtung", und richtungweisend ist auch das Programm mit seinen Zielen: Abschaffung der Kinderarbeit, Verbesserung der sozio-ökonomischen Verhältnisse der Familien, bessere Gesundheits-versorgung, Verbesserung der schulischen Ausbildung und praktische Berufsausbildung.

 

Nun also dürfen wir "unsere" Kinder kennen lernen, und es dauert einige Zeit, bis die Schüchternheit auf beiden Seiten überwunden ist. Die ersten Kleinen bestaunen die mitgebrachten Geschenke, fangen an zu strahlen, und die ganz Kessen singen ein Liedchen oder führen sogar ein kleines Tänzchen für ihre Besucher auf.

Nicht so Shobha. Nach wie vor bewegt sie keine Miene, und auch ihre Mutter steht mit verschränkten Armen und traurigem Blick daneben. Wer weiß, was die beiden mitgemacht haben mit ihrem alkoholkranken Familienoberhaupt und nach seinem kürzlichen Tod?

Munni Devi hat als Witwe ein sehr trauriges Los. Zwar werden Witwen in Indien nicht mehr verbrannt, aber man hält sie noch immer für "wertlos" und ächtet sie als Unglücksbringer. Die Frauen verlieren dadurch auch noch das letzte Selbstwertgefühl und begehen aus Verzweiflung

oft Selbstmord. Das wird hier in Firozabad nicht anders sein.

Kamerafrau Shobha; Foto: Thea

Endlich etwas Entspannung in unsere Begegnung bringt die Idee, Shobha meine Kamera in die Hand zu drücken und mit viel Pantomime deren Funktion zu erklären. Da taut die Kleine auf und zeigt das pfiffige Mädchen, das eigentlich in ihr steckt. Von jedem der Anwesenden wird ein Porträt gemacht und herumgezeigt; Mutter und Patentante sind stolz.



Nachdem mir Shobha zum Abschied mit einem ersten scheuen Lächeln ein vor Aufregung total zerdrücktes Gummibärchen in die Hand gedrückt hat, führt man uns durch einige Bezirke Firozabads. Insgesamt 35 Slums und zwei so genannte "scavanger areas" (übersetzt: das Gebiet derer, die in Abfällen wühlen) profitieren von dem Projekt "Disha"; das sind etwa 41.000 Menschen.

 

Einige davon lernen wir im kleinen Gemeindezentrum kennen. Mitglieder des Elternkomitees beantworten unsere zahlreichen Fragen, und eine Gruppe von Schwangeren erzählt, was sie schon alles über Ernährung, Medizin und Hygiene gelernt haben.

Anschließend führt uns eine Jugendgruppe ein selbst geschriebenes Stück vor. Das so genial ist, dass wir es auch ohne ein Wort Hindi zu sprechen von Anfang bis Ende verstehen können.

 

Wir besuchen die kleine Bücherei der Community und den Kindergarten. In einem Raum wird mit behinderten Kindern gearbeitet. Wobei "Arbeit mit" vielleicht der falsche Ausdruck ist; es sieht so aus, als würden sie hier lediglich (wenn auch liebevoll) beschäftigt mit Puzzles u. ä. Was aber immer noch tausendmal besser ist als die bisher praktizierte Unsitte, behinderte Kinder einfach zu Hause einzusperren.

 

Viel Arbeit wird hier im Slum geleistet, aber bis jetzt geht noch nicht einmal der Hälfte der Kinder zur Schule. Angesichts der Not und der Unmengen von Bedürftigen scheint die Hilfe nur ein Tropfen auf einen heißen Stein zu sein. Allerdings ein sehr wichtiger erster Tropfen.

Am meisten beeindruckte mich die Begegnung mit einer Frauen-Selbsthilfegruppe.

Diese Frauen zahlen Kleinstbeträge auf ein gemeinsames Sparkonto, aus dem sie dann Mikrokredite erhalten können, um ein kleines Geschäft mit einer Milchkuh oder mit einem Obst- und Gemüsestand aufzubauen.

Gemeinsam wird entschieden, wer von ihnen den nächsten Kredit erhalten soll, und man bürgt gegenseitig füreinander. Stolz zeigt uns die Vorsitzende der Gruppe eine riesige Kladde, in der sämtliche Transaktionen peinlich genau festgehalten werden.

Diese Frauen können in der Tat stolz sein auf das, was sie aus eigener Kraft und oft gegen den Widerstand des Ehemannes erreicht haben. 

 

"Früher habe ich mich kaum auf die Straße getraut", meint eine junge Frau im blauen Sari zu unserem Dolmetscher, "aber seit ich mein eigenes Geld verdiene bin ich viel selbstbewusster geworden und traue mich, den Mund aufzumachen. Sag ihnen das!"

 

Ihre Augen blitzen bei diesen Worten, und die anderen Frauen nicken bestätigend.

 

Nachdenklich und peinlich berührt sind wir schon alle, als wir am nächsten Morgen nach einem opulenten Frühstück aus unserem Luxushotel in Agra zu einem zweiten Besuch des Slums aufbrechen.

Heute werden wir den Einladungen folgen und unsere Patenkinder zu Hause besuchen; auf die Schnelle zusammengesammelte Hotelseifen und –shampoos als weitere Gastgeschenke im Handgepäck.

 

Shobha und ihre Familie wohnen in einer kleinen Gasse in einem Backsteinhaus. Ein offener Durchgang führt von der Straße in einen sauberen Innenhof, den sich die Shankvars mit mehreren Familien teilen. Von hier aus sind auch die zwei Zimmer zugänglich, die meine Familie bewohnt.

Shobha und ihre Mutter haben zur Feier des Tages ihre besten Kleider angelegt, im Hausdurchgang Plastikstühle für uns aufgestellt und ein kleines Tablett mit Keksen vorbereitet. Dann verschwindet die Mutter in einem der Räume, um für uns chai masala, einen indischen Gewürztee mit Milch, zuzubereiten. Gerne würde ich mir den Raum ansehen, aber Munni Devi macht keine Anstalten, mich zum Eintreten zu ermutigen. Das muss ich wohl leider akzeptieren.

 

Andere Gastfamilien sind da nicht so zurückhaltend und zeigen sich selbstsicherer; Patin Annette darf sogar in die Küche ihrer Gastfamilie sehen, in der die Frauen des Hauses Unmengen von Samosas und Pakoras für die Besucher zubereiten.

Mit breitem Grinsen stürmt ein Teenager ins Haus. Amit, der Bruder von Shobha, hat wohl bis jetzt gearbeitet, zieht sich in Windeseile frische Klamotten an, begrüßt uns fröhlich und freut sich offensichtlich über die aus Deutschland mitgebrachte Basecap, die er erst einmal mit ein paar geübten Handgriffen in die richtige Form bringt. Amit scheint keine Berührungsängste zu haben. Klar, er ist ja auch ein Junge, und die haben es bedeutend leichter in Indien als die Mädchen.

 

Eigentlich wollten wir im Anschluss an den Besuch bei den Familien auch noch eine der Glasfabriken Firozabads besichtigen, aber "die eine" hatte angeblich geschlossen. Das glaube ich bis heute noch nicht sondern vermute, dass man uns diesen Anblick einfach vorenthalten oder auch nur ersparen wollte.



Diese Fabriken sind wahrlich kein Vorzeige-Objekt, und aus einem Bericht unserer Patenschaftsorganisation ChildFund wissen wir:

die Luft ist erfüllt von Hitze, Chemikalienausdünstungen, Ruß und Kohlenstaub, der Boden ist bedeckt mit Glasscherben. Noch immer arbeiten hier Kinder, lassen Glasschmelze aus Öfen mit Temperaturen bis zu 1.800 Grad Celsius ab, wobei ihre Arme fast den Ofen berühren. Barfuss tragen sie die glühend heißen Glasklumpen mit Hilfe von Eisenstäben hin und her.

Nach Schätzungen der UN sind von den 250.000 Arbeitern in der Branche etwa ein Fünftel (also 50.000!) sechs bis vierzehn Jahre alt, und sie verdienen nur halb so viel wie die Erwachsenen.

Unzählige Kinder schuften in Heimwerkstätten, die gleichzeitig das Zuhause der Familien sind. In diesen kleinen, oft nur aus Pappe und altem Blech gebauten Hütten fügen die Kinder Glasreifen zusammen und verschmelzen sie über einer Kerosinflamme. Schon der kleinste Luftzug kann die Flamme auslöschen, deshalb sind die Räume schlecht oder gar nicht belüftet.

Andere pinseln heißen Lack auf die fertigen Armreifen und tauchen sie anschließend in Säurelösung zum Fixieren.

 

Bevor ein reich verzierter gläserner Armreif irgendwo in Indien für eine Rupie (etwa 2 Cent) verkauft wird, durchläuft er etwa 40 Produktionsstufen, an denen meist Kinder beteiligt sind. 4.500 mal dieselben Handgriffe, 12 Stunden lang, oft ohne Pause.

Kopfweh, Atembeschwerden, Gliederschmerzen und eine extrem niedrige Lebenserwartung sind die Folge …

 

Als Ersatz für die entgangene Fabrikbesichtigung zeigt man uns zwei der Heimwerkstätten, in denen Dank des Projekts seit einiger Zeit bessere Arbeitsbedingungen herrschen. Die Werkstätten sind zwar sehr klein, aber sauber und belüftet. Zwei Jugendliche in blitzsauberen Klamotten demonstrieren für uns das Zusammenschmelzen der Glasreifen. Wenn die westlichen Besucher wieder gegangen sein werden, sieht es hier wohl auch nicht mehr so perfekt aus. Aber garantiert immer noch bedeutend besser als in den Tausenden von Werkstätten, die wir nicht gesehen haben.

Aus Shobhas Briefen weiß ich, dass ihre Mutter und die Geschwister auch für die Glasfabrik arbeiten, und dass sie die Einzige der Familie ist, die zur Schule gehen darf.

Dieser Schulbesuch ist Bedingung bei "Disha" und Voraussetzung dafür, dass Familien in das Projekt aufgenommen und unterstützt werden.

Ich bin sicher, das ist ein guter Weg im Kampf gegen die Kinderarbeit.

gläserne Armreifen als Geschenk; Foto: Jürgen

Nachtrag vom Mai 2011:

 

Herr Schaal, der für Fundraising und Kommunikation zuständige Mitarbeiter von ChildFund Deutschland bat mich, für den Jahresbericht 2010 ein kurzes, persönliches Testimonial zu schreiben, das dann auch auf Seite 19 erschien.

 

Zum Nachlesen des Jahresberichts mit der Doppelseite zum Projekt "Disha" in Firozabad

 

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