Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte,

solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.

Albert Einstein (1879-1955)

 

Kinderalltag in Kambodscha

Eine Begegnung im Jahr 2002

"One dola", "one dola", "one dola ..."

 

Kaum dem Bus entstiegen, umringen dich schon die kleinen Händler und wollen dir ihr selbst gebasteltes Spielzeug verkaufen. Einheitspreis: ein Dollar.

 

 

Wer kennt das nicht? Du bist kaputt von stundenlangen Besichtigungen in der Hitze, müde und verschwitzt. Willst dich nur noch auf einen möglichst bequemen Stuhl im Schatten setzen und ein eiskaltes Cola trinken.
Und dann kommen sie: Scharen von Kindern. Höchstens 8 bis 10 Jahre alt, ihre kleinen Geschwister im Schlepptau: "One dola", "One dola ..."

Du machst ein freundliches Gesicht, versuchst aber gleichzeitig die Kleinen erst einmal zu ignorieren und lässt dich stöhnend in den staubigen Monoblocksessel fallen, das Erfrischungsgetränk und den gebratenen Reis mit Gemüse schon vor Augen.

Aber die Kleinen lassen nicht locker: "what's your name?", "where you come from?" Ihnen geht es jetzt nicht mehr nur um den Verkauf, sondern vor allem um Konversation.
Lernbegierig sind sie, die Kleinen. Und sie haben viel nachzuholen.

 

Du erinnerst dich: im Jahr 1979 endete offiziell die Schreckensherrschaft der Roten Khmer, die mindestens 1,7 Millionen Kambodschaner das Leben kostete. Vor allem die gebildete Mittelschicht wurde fast zur Gänze ausgelöscht, Krankenhäuser und Schulen zerstört.
Die Wunden sind auch nach 30 Jahren noch nicht verheilt: zwar gibt es eine offizielle Schulpflicht, aber es mangelt noch immer an Schulen, an gut ausgebildeten Lehrern und an Lehrmaterial. 26 % der Bevölkerung Kambodschas sind Analphabeten, und vor allem auf dem Land leben die Menschen in bitterster Armut. Um zum Familieneinkommen beizutragen, müssen die Kinder auf dem Feld arbeiten, Reiseandenken verkaufen oder betteln gehen. Besonders Mädchen haben eine geringe Schulbildung, da ihre Mitarbeit zusätzlich im Haushalt gebraucht wird. Da bleibt wenig Zeit für die Schule.
Kambodscha ist das Land mit der höchsten HIV-Infektionsrate Asiens, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 59 Jahre, und die Kindersterblichkeit ist hoch. Im Jahr 2008 kam auf 16.365 Menschen ein Arzt.
Noch immer liegen 4 - 6 Millionen Landminen auf Wegen, Feldern und in der Nähe von Schulen in den Dörfern. Jeden Monat explodieren etwa 60 dieser Minen. Besonders Kinder sind bedroht, denn sie können die Gefahr durch die oft Spielzeug ähnelnden Sprengkörper nicht einschätzen. So ist jedes dritte Opfer ein Kind.
Last not least: der Kinderhandel, der seit Beginn der 1990er Jahre stattfindet. Jeden Monat verschwinden einige Hundert Kinder (12 Jahre und jünger) aus Kambodscha über die Grenze nach Thailand. Sie werden aus Armut verkauft oder verschleppt, als billige Arbeitskräfte oder Bettler missbraucht - oder landen direkt in den Bordellen Thailands ...

 

Plötzlich schmeckt dir dein Reis nicht mehr, und die Cola ist unwichtig geworden.
Du blickst in die Augen der Kinder, und aus der Meute von kleinen Nervensägen sind auf einmal lauter liebenswerte kleine Individuen geworden, die hart ums Überleben kämpfen müssen.
Und du kaufst freiwillig einen Stapel Kramas, wie die traditionellen Baumwolltücher hier heißen, zwei Zehnerpacks Postkarten und selbst gebasteltes Spielzeug.

(alle Fotos sind Scans von Papierabzügen von Dias; Text © 2009)