Land of my high endeavour,

Land of the shining river,

Land of my heart for ever,

Scotland the brave.

 

aus dem Refrain von "Scotland the Brave",

der inoffiziellen Nationalhymne Schottlands

Mein Schottland – ein Tartan Plaid

(Liste der schottischen Tartans: aufs Foto klicken!)

Was fällt uns zuerst ein, wenn wir an Schottland denken …? Genau: das Monster von Loch Ness, Hochlandkühe und Schafe, Whisky, Shortbread und Dudelsackmusik. Und nicht zuletzt das "Schottenkaro", jenes Muster, das uns überall im Land begegnet: als Kilt und Krawatte, auf Verpackungen und Briefpapier. Oder als

Tartan Plaid, die karierte Wolldecke:

Die Winter im schottischen Hochland sind kalt, und so webten die Clan-Frauen aus Schafwolle dicke Schlafdecken von etwa 1,50 auf 4,50 Meter Länge. In Falten gelegt und mit einem Gürtel zusammengehalten wurde aus diesen Plaids am nächsten Morgen die Tageskleidung gebastelt, wobei das über die linke Schulter geschlagene restliche Stoffstück mit einer Brosche an dem groben Leinenhemd (dem einzig anderen Kleidungsstück der Highlander) befestigt wurde. Fertig war das "Belted Plaid".

Die ersten Plaids hatten wahrscheinlich die Farbe der Schafwolle, aber die Frauen lernten diese Wolle zu färben, wobei sie Pflanzen für die grüne Farbe nahmen und Rinde oder Baumwurzeln für das Braun. Die selteneren Töne von Pink und Lila wurden aus Flechten und Heidekräutern gewonnen, und in Ermangelung von einem chemischen Fixativ wie beispielsweise Alaun behalfen sich die pfiffigen Damen mit abgestandenem Urin.

Das Wort "Tartan" für das Schottenmuster tauchte erstmals im Jahr 1538 auf, und bald hatte jeder Clan sein eigenes Design, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

 

Ein Hochlandbewohner in seinem Belted Plaid erweckte Neugier in den Straßen von Glasgow und Edinburgh, und auf die feine Gesellschaft der Lowlander machte er in diesem fremdartig und unzivilisiert wirkenden Gewand garantiert einen ziemlich verdächtigen Eindruck.

 

Nach der verlorenen Schlacht von Culloden im Jahr 1746 wurde den Highlandern im sogenannten "Disarming Act" verboten, eine Waffe mit sich zu führen, Dudelsack zu spielen oder ein Plaid zu tragen – eine besonders perfide Strafe, da die Clan-Mitglieder kein anderes wärmendes Kleidungsstück besaßen.

1782 wurde das Verbot aufgehoben, und das Tartan Plaid konnte seinen Siegeszug um die Welt antreten – als Reisedecke und als schottisches Nationalgewand in der modernen Form eines Faltenrocks, des uns allen bekannten Kilts.

 

Schottland-Klischee am Eilean Donan Castle

 

Ich weiß nicht, ob sich die Weberinnen vor mehreren hundert Jahren schon Gedanken über die Bedeutung der Farben machten, aber wenn ich mir die verschiedenen Tartans heute so anschaue, dann sehe ich das Grün der Wiesen und Wälder Schottlands vor mir, das Blau der Lochs und das Gelb von Raps und Stechginster am Wegrand. Ich sehe den grauen Himmel an einem Regentag, das Schwarz der Kohle und das Braun des Torfs. Dazu rot blühende Mohnfelder und fliederfarbene Rhododendronbüsche, die ganze Hänge bedecken. Später im Jahr wird noch das kräftige Lila und Purpur von wilden Disteln und Erika hinzukommen ...

 

Die kleinen und großen Karos liegen neben- und übereinander, mal als Block und mal als zarte Streifen. Für mich symbolisieren sie die Highlights einer 14tägigen, eindrucksvollen Reise: von Edinburgh über Glasgow und Zentralschottland in die Highlands und auf die Isle of Skye.

Get what you can and keep what you have - that's the way to get rich.

Schottisches Sprichwort

Schlösser und Burgen

Die Zahl der schottischen Castles geht in die Hunderte; die “Scottish Castles Association“ schätzt die Gesamtzahl der befestigten Gebäude im Land sogar auf etwa 1400, denn ihre Zählung umfasst auch solche Burgen, von denen nur noch spärliche Überreste vorhanden sind.

 

Wir sahen uns etwa ein Dutzend Burgen und Schlösser - von Balmoral bis Stirling - mehr oder weniger ausführlich an und fanden, dass jedes anders und etwas ganz Besonderes ist.

 

Glamis Castle

Hamish, ein weißhaariger Gentleman in Karohose, führt uns durch den mächtigen, mittelalterlichen Turmbau, der im 11. Jahrhundert als Jagdsitz errichtet wurde und mit seinen später angefügten Ecktürmen und Zinnwehren irgendwie an ein Loire-Schloss erinnert.

 

Das Castle ist seit Jahrhunderten Stammsitz der englischen Königsfamilie; Queen Mum verbrachte hier ihre Kindheit, und ihre Tochter Prinzessin Margaret wurde 1930 hier geboren.

In den Räumen, die wir besichtigen, sind Unmengen von kostbaren Gemälden, Teppichen, Möbeln und Porzellan aus fünf Jahrhunderten zu bestaunen. Leider darf man in den Innenräumen des Schlosses wie in den meisten noch bewohnten Castles nicht fotografieren, aber Hamish macht das wett mit den Geschichten, die er zu berichten weiß.

 

Viele Sagen ranken sich um das Schloss. So soll beispielsweise "Duncan’s Hall", der älteste Raum des Castles, Schauplatz des Königsmords in Shakespeares Drama "Macbeth" gewesen sein.

 

Angeblich sind am Schloss auch von außen mehr Fenster zu sehen als von innen. Die Erklärung: es gibt da in der stellenweise fünf Meter dicken Außenmauer einen geheimen Raum. Von diesem secret room existieren mehrere Geschichten, aber Hamish erzählt uns die von dem berühmt-berüchtigten Alexander Earl of Crawford, genannt Earl Beardie:

Eines Nachts spielte er im Schloss Karten, wobei er ziemlich hoch verlor. Seine Freunde rieten ihm, mit dem Spielen aufzuhören, aber Earl Beardie, der wohl auch etwas zu tief in den Becher geschaut hatte, rastete aus und grölte, er werde bis zum Jüngsten Gericht weiterspielen. In diesem Moment erschien der Teufel in ihrer Mitte, und mit einem hellen Blitz verschwanden der Raum und alle, die sich darin aufhielten.

Niemand weiß genau, wo sich der geheime Raum befindet, aber sollte er jemals gefunden werden, so sitzen da garantiert noch Earl Beardie und seine Freunde und spielen Karten mit dem Teufel.

 

Jedes ordentliche schottische Schloss hat seinen Geist, aber Glamis Castle gilt als dasjenige, das am meisten von Gespenstern heimgesucht wird. Das bekannteste ist die Graue Lady, der Geist von Lady Janet Douglas, die 1537 in Edinburgh als Hexe verbrannt wurde. Hamish weiß, dass sie vor allem in der kleinen Kapelle erscheint, und ist fest überzeugt davon, dass auch er sie eines Tages sehen wird ...

 

Urquhart Castle

Die imposante Burgruine Urquhart Castle liegt direkt am Loch Ness, und wie alle Eroberer nähern wir uns ihr vom Wasser aus. Unser Schiff trägt den bezeichnenden Namen "Jacobite Warrior".

 

Erste Besiedlungsspuren des Ortes gehen auf die Pikten in der Zeit um das 6. Jahrhundert zurück. Die Burg selbst, die um 1230 erbaut wurde, zählte in ihrer Blütezeit zu den größten in Schottland. Sie erlebte eine wechselvolle Geschichte voller Eroberungen, Zerstörung und Wiederaufbau und stand abwechselnd unter schottischer und englischer Kontrolle.

Im Jahr 1692 verließen die letzten Soldaten die Burg, sprengten das Eingangsgebäude in die Luft und überließen alles dem Verfall.

Aber selbst als Ruine ist Urquhart Castle noch eine beeindruckende Festung, von deren Turm aus man einen wunderbaren Blick auf Loch Ness und das Great Glen hat. Seit 1913 unter staatlicher Verwaltung zählt Urquhart heute zu den meistbesuchten Castles in Schottland.

 

Inverary Castle

Als "Dornröschenschloss hinter Rhododendron-Hecken" habe ich das Castle in meinem Reisetagebuch beschrieben. Mein VIS-À-VIS-Reiseführer sieht das prosaischer und meint: "Der turmbewehrte pseudogotische Palast gehört dem mächtigen Campbell-Clan, der seit 1701 die Dukes von Argyll stellt. Er wurde 1745 … über den Ruinen eines Schlosses aus dem 15. Jahrhundert erbaut."

 

Unsere Führerin durch den Palast ist die deutsche Historikerin Monika, die sich der Geschichte der Argylls verschrieben hat. Entsprechend ausschweifend sind dann auch ihre Erläuterungen der prächtigen Innenräume, die jede Menge an Schätzen beherbergen: von Regency-Möbeln über eine Porzellansammlung, wertvolle Gemälde und die Waffenkammer bis hin zum Dolch von Rob Roy.

 

Und wen die ganzen Details nicht so interessieren, der fotografiert nach Herzenslust, denn das ist hier erlaubt:

 

Cawdor Castle

Mit seinem zentralen Turm, der Zugbrücke und dem Wallgraben ist Cawdor Castle wohl eines der romantischsten Schlösser der Highlands. Es rühmt sich die Heimat von Shakespeares Macbeth zu sein, der von König Duncan zum Thane of Cawdor ernannt wurde. Historisch bewiesen ist dies nicht, aber bis heute wohnen die Thanes of Cawdor hier zwischen seltenen Wandteppichen und Chippendale-Möbeln, zwischen Silber und wertvollen Porträts. In diesem Schloss wird tatsächlich gelebt, das verraten die zahlreichen in der Fußbodenleiste angebrachten Steckdosen und das relativ moderne Telefon auf einem antiken, zierlichen Tischchen sowie die gepflegten Gärten und der Neun-Loch-Golfplatz auf dem Gelände des Schlosses.

 

Gastfreundlich waren die Schlossbesitzer allerdings nicht immer. Neben dem Eingang versteckt befindet sich eine Falltür, durch die ungebetene Besucher direkt in den darunter liegenden Kerker befördert wurden.

 

In den alten Gewölben des Kellers ist auch der Stamm einer Stechpalme zu finden, der nach der Radiokarbondatierung etwa aus dem Jahr 1372 stammt.

Eine Sage erzählt, dass der Thane William of Cawdor, der ein kleines Schloss in der Nähe besaß, einen massiven Wehrturm bauen wollte. Er folgte den Anweisungen, die er in einem Traum erhalten hatte, lud einen Koffer voll Gold auf einen Esel und ließ diesen einen Tag lang frei auf dem Gelände herumlaufen: wo auch immer sich das Tier abends zur Rast hinlegen würde, dort sollte sein neues Schloss stehen und auf ewig gedeihen. Der Esel legte sich unter den oben erwähnten Baum, und somit begannen hier die Bauarbeiten.

 

Im Jahr 1684 erfolgte der Umbau zu einem komfortablen Wohnsitz. Der fünfzehnte Thane of Cawdor baute zwei zusätzliche Flügel an, um weitere Bedienstete und seine neun Kinder unterzubringen. Zudem wurden die Fenster vergrößert, womit Cawdor Castle den Status eine Verteidigungsanlage verlor und endgültig zum Schloss wurde.

 

nhs, der National Health Service

Eines der Karos meiner imaginären Schottlanddecke steht für die Begegnung mit dem nationalen Gesundheitsdienst des Landes. Auch wenn meine Erfahrungen durchaus positiv waren, so hätte ich doch gerne darauf verzichtet.

 

Es geschieht spät am Abend auf dem Rückweg zu unserem Hotel in Aviemore. Mit der Freundin herumgealbert und dabei nicht auf den leicht abfallenden Schotterweg geachtet. Ausrutschen … umknicken … hinfallen … es geht alles rasend schnell. Die Innenseite meiner rechten Hand ist tief aufgeschürft, schmutzig und blutet, und am nächsten Tag werden sich noch weitere Schürfwunden und blaue Flecken zeigen. Aber nach einem längeren Marsch endlich im Hotelzimmer angekommen, macht sich erst einmal der linke Fußknöchel unangenehm bemerkbar; er tut arg weh und ist doppelt so dick wie normal. Mindestens.

 

Nach einer ziemlich durchwachten Nacht mit kalten Umschlägen hat sich an dieser Situation leider nichts geändert, und die Wunde an der Hand nässt auch. Also ist ein Arztbesuch angesagt. Am Telefon gibt sich die Rezeption hilfsbereit, sucht nach Adresse und Sprechzeiten des ortsansässigen Arztes und stellt mir für den Weg dorthin sogar den hoteleigenen Range Rover samt Fahrer zur Verfügung. Letzterer, ein korpulenter junger Mann, ist davon leider "not amused", befördert mich wortkarg zu der angegebenen Adresse, wendet umgehend und fährt wieder in sein gemütliches Hotel zurück.

Und da stehe ich nun im Nieselregen vor dem Ärztehaus (wunderbar; es gibt sogar mehrere Ärzte hier!), mitten in der Pampa. Es ist etwa 8.10 Uhr, und von dem großen Schild neben dem Eingang erfahre ich, dass die Praxis erst um neun Uhr öffnet, und die Notaufnahme seit 8 Uhr geschlossen hat. Na prima! Ich mache es kurz: natürlich meldete sich auch niemand unter den angegebenen Notfall-Rufnummern. Aber immerhin erscheint gegen halb Neun die erste nurse zur Arbeit. Ob ich ein appointment habe. Einen Termin …? Natürlich nicht! Ich zeige meine kaputte Hand und den dicken Knöchel als Eintrittskarte zur Behandlung und darf mich vorzeitig ins warme und trockene Wartezimmer setzen.

Später erscheint eine weitere Krankenschwester, nimmt meine Personalien auf und meint fröhlich, ich sei jetzt "on the system". Ich stelle mich schon auf eine längere Wartezeit ein (schließlich kenne ich den NHS aus England), aber dann geht es doch ziemlich schnell:

 

ein lady doctor sieht sich meinen dicken Knöchel an (die Hand interessiert sie nicht) und meint, der könne gebrochen sein, und sie würde ihn vorsichtshalber gerne röntgen lassen. Am schnellsten gehe das im etwa 70 Kilometer entfernten Krankenhaus von Inverness. Nach der Übergabe eines Begleitschreibens für ihre Kollegen ("so geht das alles etwas schneller") und einer freundlichen Verabschiedung überlässt sie mich dann einer nurse, die erst einmal entscheidet, meine Hand zu baden, mit einem Jodpflaster zu versehen und zu verbinden. Dann packt sie meinen Fuß dick in Watte, zieht einen weiten, elastischen Schlauch darüber und ruft ein Taxi, das mich nach Inverness bringen soll.

Ich schildere jetzt nicht die Beförderung zum Taxi in einem uralten und sperrigen Rollstuhl und auch nicht mein unwürdiges Gehüpfe auf einem Bein oder gar das unelegante Plumpsen auf den Rücksitz, dabei mit einer Hand meine Tasche, die Jacke und den linken Schuh samt Socke haltend.

 

Der Taxifahrer hat von meiner reizenden, energischen Krankenschwester die Instruktion bekommen, mich am Zielort in einen Rollstuhl zu packen, in die Notaufnahme zu karren und dort für möglichst baldige Weiterbehandlung zu sorgen. Was er auch tut, und so taucht bald ein kleiner, dicker Krankenpfleger in einem blauen Kittel auf ("Hello Bietie!"), schiebt mich in einen Raum und schneidet erst einmal den schönen Verband auf; den brauche ich jetzt nicht mehr. Etwa eineinhalb Stunden vergehen, in denen ich auf den verschiedenen Fluren der Ambulanz im Rollstuhl sitzend meinen entgangenen Schlaf nachhole, um dann endlich in den Röntgenraum gerollt zu werden.

 

Und dann heißt es wieder auf den Arzt warten, der das Röntgenbild mit mir besprechen will. Eine junge Frau neben mir schaut sich meinen unförmigen Fuß voller Mitleid an und fragt, ob es weh tue.

- "Ja, aber nur bei Berührung."

- "Oh, das kenne ich! So war das auch bei meiner Mutter. Ihr Knöchel war gebrochen."

Na prima! Eine solche Aufmunterung kann ich jetzt echt brauchen!

Zehn Minuten später kommt die Mutter der jungen Frau und erfährt von meinem Missgeschick. Auch sie sieht sich den Knöchel fachmännisch an, meint, der sei garantiert gebrochen, und ich bekäme jetzt wie sie damals auch einen Gips und Krücken. Aber ich soll mir keine Sorgen machen; in ein paar Monaten sei alles wieder gut. Dabei hüpft und tanzt sie auf dem Krankenhausflur umher, um mir zu zeigen, wie gut alles bei ihr verheilt sei. Hilfe! Ich bin in einem Irrenhaus!

 

Zum Glück taucht endlich mein freundlicher kleiner Krankenpfleger wieder auf, und es stellt sich heraus, dass er Arzt ist. Er erklärt mir anhand meines Röntgenbilds, dass kein Knochenbruch zu erkennen ist. Erleichterung! Und er gibt mir noch einige gute Ratschläge mit auf den Weg, so zum Beispiel, nach einem Tag der Ruhe herumzulaufen und Stretchübungen zu machen. Das werde alles schon wieder, höre ich mit Freude.

Auch mein Taxifahrer, der mir fürs Warten und die Rückfahrt einen speziellen Preis gemacht hat, freut sich ehrlich, als er mich zwar humpelnd, aber ohne Gips und Krücken erblickt.

 

Von Aviemore nach Inverness

 

Nachtrag: Andere Länder, andere Sitten

 

Keinen Penny hat mich die ganze Behandlung gekostet, denn der nhs bietet Reisenden aus der EU im Notfall kostenlose medizinische Versorgung.

 

Leider wurde die Schwellung an meinem Knöchel eher schlimmer als besser, und so suchte ich nach Rückkehr aus dem Urlaub meinen Hausarzt, einen ausgebildeten Sportmediziner, auf. Der schüttelte nur den Kopf darüber, dass seine schottischen Kollegen an einen Bruch, nicht aber an eine eventuelle Bänderverletzung gedacht hatten.

So, und jetzt darf ich keine Dehnübungen mehr machen, sondern muss zwei Wochen lang Tag und Nacht eine Schiene tragen, um den Knöchel ruhigzustellen. Dazu ist Lymphdrainage angesagt und Krankengymnastik. Mir auch egal; Hauptsache, es hilft!

Rentiere

"Let’s go!" fordert Ranger Ann auf und schultert den Sack mit dem Trockenfutter.

 

Wir befinden uns mitten im Cairngorms National Park, dem mit 3.800 km² größten Nationalpark des Vereinigten Königreichs. Er wurde im September 2003 gegründet und wird geprägt von den Bergen der Grampian Mountains, auf denen jetzt (es ist Ende Juni) noch immer Schneefelder zu erblicken sind.

Die wilde Landschaft, die in weiten Teilen verkehrstechnisch nicht erschlossen ist, bildet mit ihren alten Wäldern, mit grünen Tälern, unzugänglichen Mooren und mit heidebewachsenen Bergen eine einzigartige Naturkulisse. Rothirsche fühlen sich hier wohl, Wildkatzen und Auerhühner. In den Flüssen leben Fischotter, und Fischadler holen sich ihre Beute aus den Lochs des Parks.

 

Hier in Glenmore wollen wir die Rentiere besuchen. Auf den britischen Inseln starben sie vor rund 10.000 Jahren aus, aber im Jahr 1952 wilderte der schwedische Rentierhirte Mikel Utsi in dieser Region die ersten 29 Tiere aus. Die heutige Rentierherde umfasst 150 Tiere, die überwiegend frei in den Bergen leben. Dabei kennen die Ranger jedes einzelne, und unter ihrer Aufsicht darf man die zahmen und freundlichen Tiere besuchen, streicheln und füttern.

 

Ann führt uns auf diesem täglich stattfindenden "hill visit" durch eine malerische Landschaft auf einem schmalen Weg erst in ein Tal hinein, dann über einen Bach und auf der anderen Seite des Tals wieder hoch auf ein ziemlich feuchtes und unebenes Hochmoor. Kein schwieriger Weg, aber mit meinem verstauchten Knöchel nicht unbedingt ein Vergnügen. Doch ich werde für jeden Schritt entschädigt, als sich die ersten Tiere auf uns zu bewegen. Ziemlich zerzaust sehen sie aus, da sie gerade dabei sind, ihr dickes Winterfell zu verlieren. Bald werden sie wieder ausgesprochen elegant aussehen in ihrem kurzen, dunklen Sommerfell und mit dem samtigen Geweih.

 

Die Tiere genießen das Gekrault-Werden offensichtlich, aber kraulende Hände und Kameraobjektive werden schlagartig nebensächlich, als Ann den Jutesack öffnet. Da ist es mit der Zurückhaltung vorbei, es beginnt ein sanftes Drängeln mit Geweihstangen, und den Gesichtern ist abzulesen: "Was? Du hast kein Futter in der Hand? Dann bist du für mich uninteressant!"

Und ich frage mich, warum ich an dieser Stelle an einen kleinen Vierbeiner aus Ungarn denken muss …

 

 

Mehr über die schottischen Rentiere:

... und was man noch alles im Cairngorms NP unternehmen kann:

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