Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.

Mark Twain (1835 - 1910)


Memento mori. Der Frankfurter Hauptfriedhof

Engel auf dem Friedhofsportal

Der Herbst ist eine gute Jahreszeit, um alte Friedhöfe mit historischen Grabstätten zu besuchen, und so machen wir uns auf zu einem kleinen Spaziergang über den Frankfurter Hauptfriedhof.

 

In seinem Werk „Theorie der Gartenkunst“ (1779 - 1785) nennt Christian Cay Lorenz Hirschfeld den Friedhof einen „melancholischen Garten“. Nie trifft dieser Begriff mehr zu als im Winter, wenn die Grabstätten unter einer dicken Schicht Schnee ruhen. Melancholisch kann es aber auch schon im Herbst sein, wenn eine tief stehende Sonne auf verwitterte Grabsteine scheint, wenn die letzten Rosen blühen und Rosskastanien ihre stachelig verpackten Früchte über Wege und Grünflächen verteilen.

 

Geschichte und ein paar Zahlen

Der Frankfurter Hauptfriedhof ist einer der wenigen deutschen Friedhöfe, die Anfang des 19. Jahrhunderts eröffnet wurden und noch immer benutzt werden. Monumentale Portalbauten, Grabdenkmäler aus über 180 Jahren, Grabstätten zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten und nicht zuletzt die Gartenarchitektur machen ihn zu einem äußerst sehenswerten Stück Frankfurt.

 

Heute umfasst der Friedhof eine Fläche von 70 Hektar - oder anschaulicher: seine Ausdehnung misst ca. 1,4 km auf 0,9 km und wird erschlossen durch ein 64 Kilometer langes Wegenetz, auf dem man die insgesamt 40.000 Wahlgräber, 20.000 Reihengräber und 17.000 Kriegsgräber besuchen kann.

 

Mut zur Lücke ist damit angesagt, denn selbst wenn man das Areal stundenlang durchwandert und sich auf den ältesten Teil beschränkt, kann man von den allein 900 denkmalgeschützten Gräbern nur einen Bruchteil sehen.

Nicht zu übersehen ist bei einem solchen Rundgang jedoch die Friedhofsmauer mit ihren Gedenksteinen und Grabstellen. Sie wurde zum Teil erst im Jahr 1939 und aus einem ungewöhnlichen Material erbaut, nämlich mit Abbruchsteinen von im Jahr zuvor zerstörten Frankfurter Synagogen.

 

Gruftenhalle

Gruftenhalle

Dem Alten Portal gegenüber liegt das zweite große Gebäude des ursprünglichen Friedhofs, die 176 Meter lange Gruftenhalle. Sie war Frankfurter Patrizierfamilien zugedacht, aber bei diesen nicht sehr beliebt, da die Käufer selbst für die Errichtung aufkommen mussten. Wegen des hohen Grundwasserspiegels waren die 57 Grüfte zudem ständig feucht, so dass sich die Metallsärge sehr rasch zersetzten und die Gebeine der Toten sichtbar auf dem Boden lagen. Viele Frankfurter zogen es unter diesen Umständen vor, im „schönen Garten“ beigesetzt zu werden.

Im Jahr 1944 wurde der südliche Teil der Halle von Bomben getroffen und zahlreiche Grüfte zerstört.

 

Drei bemerkenswerte Grabstätten

1. Mausoleum Gans

Die größte Grabstätte ist das Mausoleum Gans, das der Industrielle Friedrich Ludwig von Gans im Jahr 1909 nach dem Vorbild eines römischen Tempels erbauen ließ. Im Jahr 1932 wurde die Grabstätte vom Frankfurter Verein für Feuerbestattung übernommen und wird bis heute für die Beisetzung von Urnen genutzt.

 

2. das meist besuchte Grab

Eines der wohl meist besuchten Gräber ist das von Pauline Schmidt. Sie war das Vorbild für die Figur des Paulinchen aus dem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ von Dr. Heinrich Hoffmann, dessen Familiengrab sich in einiger Entfernung an der alten Friedhofsmauer befindet.

Durchaus nicht unüblich ist es, dass sich Besuchergruppen vor dem Grab von Paulinchen einfinden, um aus dem „Struwwelpeter“ zu lesen und an Pauline zu denken. Die allerdings nur Namensgeberin für Hoffmans Geschichte war und keineswegs verbotenerweise mit Streichhölzern spielte und dabei verbrannte.

 

3. „Ein Hauch von Leben“

„Ein Hauch von Leben“ nennt sich eine Gedenkstätte, die im Jahr 2002 geweiht wurde. Hier wurden seit 1999 bisher über 250 totgeborene Kinder anonym beigesetzt.

 

Berühmte Namen

Liest man die Namen auf Grabssteinen und Familiengrabstätten, so findet man viele, die wir schon von Frankfurter Straßennamen her kennen wie z. B. Adickes, Bockenheimer, Feuerbach und Gutzkow. Bei Bethmann dagegen denken wir sofort an Bank und bei Binding an Brauerei.

 

Josef Neckermann liegt hier, Alexander Mitscherlich, Theodor W. Adorno, Arthur Schopenhauer, Ricarda Huch und Liesel Christ, die berühmte „Mama Hesselbach“. Und leider viel zu früh fanden hier z. B. auch Albert Mangelsdorff, F. K. Waechter und Robert Gernhardt ihre letzte Ruhe.

 

Symbolik

Ein Friedhof war und ist zu allen Zeiten ein gesellschaftliches Spiegelbild, und der Frankfurter Hauptfriedhof macht da keine Ausnahme. So spiegelt er nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern darüber hinaus auch die Geschichte unseres Denkens.

 

Herrschten noch im 17. und frühen 18. Jahrhundert Reliefs von Skeletten und Totenschädeln als Symbole der Vergänglichkeit auf Grabsteinen vor, so änderte sich diese düstere Symbolik mit dem Zeitalter der Aufklärung. Der Tod galt nun nicht mehr als der Sensenmann und Triumphator über das Leben, sondern er bekam tröstliche, fast heitere Züge.

 

1828 eröffnete der Frankfurter Hauptfriedhof, und die Menschen des 19. Jahrhunderts waren allem Symbolhaften zugetan. So finden wir auf dem Friedhof zum Beispiel Statuen von Thanatos, dem Gott des sanften Todes. Wir finden Urnen mit Trauerflor, abgebrochene Säulen und nach unten gedrehte Fackeln. Auffallend ist die Vielzahl von (anonymen) Frauenstatuen und daneben die Porträtmedaillons von würdigen Herren.

 

Neben der christlichen Symbolik tauchen auch immer wieder andere Bilder auf:

die Rose für die Liebe der Hinterbliebenen und der Kranz aus Rosen für die Tugend, Mohnkapseln als Sinnbild des Schlafes, Efeu und Immergrün als Symbole für Unsterblichkeit und Auferstehung. Schmetterlinge deuten auf die unsterbliche Seele hin und die Schlange, die sich in den Schwanz beißt erinnert an den Kreis des Lebens.

 

Es würde zu weit führen, diese umfangreiche Symbolsprache darzustellen. Allen Interessierten möchte ich daher an dieser Stelle das Buch „ Der Melancholische Garten“ von Ebba D. Drolshagen empfehlen.

 

Vandalismus - Diebstahl - Zahn der Zeit

kopflos

Besonders der alte Teil des Friedhofs veränderte sich in den letzten zwanzig Jahren dramatisch. Wer mit offenen Augen dort spazieren geht, sieht überall die Spuren von Fehlendem und Verfall. Der Verfall geschieht auf eine natürliche Art: Metall korrodiert, Steine verwittern, Kreuze und andere Schmuckelemente lösen sich aus ihren Verankerungen und stürzen zu Boden.

 

Nicht natürlich dagegen ist der Vandalismus (die Grabschändung). Grabschändung bezeichnet das mutwillige Zerstören oder Beschädigen von Gräbern und ist in Deutschland nach § 168 des Strafgesetzbuches (StGB) als Störung der Totenruhe eine Straftat. Auch der Versuch ist bereits strafbar.

Was aber leider nicht jeden davon abhält, Grabschändungen zu begehen, und der Frankfurter Hauptfriedhof scheint mir davon besonders betroffen zu sein. Ich erinnere mich noch an das Jahr 1981, als 37 Grabsteine umgestoßen wurden; im Jahr darauf wurden sogar 150 Gräber verwüstet und figürliche Darstellungen beschädigt. Im Dezember 2006 verwüsteten Unbekannte historische Gräber wie z. B. das der Familie Bethmann. Und dieser Vandalismus geht weiter …

 

Diebstahl ist ein anderes großes Problem des Friedhofs. So scheinen es einige Zeitgenossen als Kavaliersdelikt zu betrachten, Blumen von Gräbern zu stehlen und Pflanzen auszugraben. Und wo der Vandale wahllos draufhaut, Hände von Statuen abhackt und Köpfe, da wählt der Dieb mit Bedacht: Metallteile werden wegen eines geringen Schrottwerts gestohlen, Urnen und Kränze als aparter Gartenschmuck verhökert. Selbst tonnenschwere Galvanofiguren wurden mit Kränen abtransportiert, und die Friedhofsverwaltung sieht sich außerstande, etwas dagegen zu tun.

 

Friedhofsmauer

Doch lassen wir unseren Spaziergang versöhnlich ausklingen: es gab und gibt auch positive Veränderungen. So steht der Friedhof als Ganzes bereits seit 1972 unter Denkmalschutz, und seit 1999 liegt zwar kein Katalog der schützenswerten, wohl aber der geschützten Grabmale vor. Alleine das war schon eine gewaltige Arbeit, wie das großformatige Buch deutlich zeigt, ist es doch 450 Seiten dick und 2 Kilo schwer. Und über 100 Frankfurter machen bereits von der Möglichkeit Gebrauch, die Patenschaft für ein unter Denkmalschutz stehendes Grabdenkmal zu übernehmen und so bei der Erhaltung mitzuhelfen.



Wer jetzt neugierig geworden ist und noch mehr über den Hauptfriedhof in Frankfurt am Main erfahren möchte, dem empfehle ich die ausgesprochen gut gemachte (private) Seite

 

 

sowie die Seite „Hauptfriedhof Frankfurt“ bei Wikipedia, die in die Liste der „exzellenten Artikel“ aufgenommen wurde                                                       > > >

"Famous Last Words":

 

Was der Sinn des Lebens ist, weiß keiner genau.

Jedenfalls hat es wenig Sinn,

der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.

Sir Peter Ustinov