Moderne Zeiten

In Afrika und Asien beobachtet von Beate und Ildiko

 

Wer immer tut, was er schon kann,

bleibt immer das, was er schon ist.
Henry Ford (1863-1947)

 


Eskimos leben in Iglus, fahren auf Hundeschlitten übers Eis, fangen von ihrem Umiak aus Wale und essen am liebsten Blubber. Die Mongolen leben als Hirtennomaden fernab jeglicher Zivilisation in der asiatischen Steppe, wohnen in Jurten und ernähren sich von den Produkten ihrer Yaks. Und die nordamerikanischen Indianer tragen Federschmuck auf dem Kopf und reiten auf Mustangs über die endlosen Prärien Nordamerikas, wenn man sie denn nicht schon in einem Reservat zusammengepfercht hat.

 

So und ähnlich lernte ich das als Kind, und so und ähnlich können wir es teilweise heute noch lesen. Für mich erschreckend, wie sich diese veralteten und falschen Informationen auch im Internet des 21. Jahrhunderts noch halten und Dank "Copy & Paste" sogar noch weiter verbreiten.

 

Jeder, der auch nur etwas nachdenkt, muss darauf kommen, dass die Globalisierung auch vor den entferntest lebenden Völkern keinen Halt mehr macht. Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber darf diskutiert werden. Fakt und total menschlich ist jedoch, dass fast jeder am Fortschritt teilhaben möchte, in die Schule gehen, vielleicht Jeans tragen oder einen Fernseher besitzen …

 

Wir sollten endlich unsere kindlich-naiven Vorstellungen vom Leben der verschiedenen Völker und Stämme begraben, zumal der "Edle Wilde" auch in der modernen Ethnologie ein längst überholtes Denkmodell ist.

"MENSCHENRASSEN". Illustration aus "Meyers Konversations-Lexikon" von 1893

1. Beispiel Indien

Maharajas: moderne Businessmen im Anzug und mit Handy am Ohr

Wer einmal in Rajasthan war und auch nur einen Teil der dortigen Paläste mit ihren Schätzen besichtigte, der dürfte einen kleinen Eindruck davon haben, wie die Maharajas früher lebten:

zwischen 1858, als Königin Viktoria die britische Verwaltungshoheit über Indien proklamierte, und 1947, als der Subkontinent unabhängig wurde, waren die Maharajas der Inbegriff von Reichtum, Pomp und maßloser Verschwendung.

Der Reisende erinnert sich an festungsähnliche Paläste, an Garagen voller gepflegter Oldtimer und prächtiger Kutschen, an prunkvolle Thronräume, vergoldete und bemalte Decken, Kristallbrunnen, Spiegelsäle und Pfauenmosaiken und kann die ganzen Gold-, Silber- und Edelsteinschätze nur ahnen. Die Feste in den Hallen mit venezianischen Lüstern und Fußböden aus Carrara-Marmor müssen legendär gewesen sein.

Smalltalk mit dem Maharaja von Karauli

Auf mehreren Reisen nach Indien hatte ich die Gelegenheit, einige der ehemals privilegierten Herrscher kennenzulernen:

die Söhne des Maharajas von Bharatpur zum Beispiel liefen schon 1996 als moderne, junge Geschäftsleute mit ihrem mobile am Ohr herum, unterbrachen ihre Gespräche aber höflich, um ein paar Worte mit uns, ihren zahlenden Gästen, zu wechseln.

 

Der Maharaja von Karauli, auf dessen Landsitz wir 1999 übernachteten, kam uns da schon etwas stilechter von seinem Morgenausflug entgegen: in Jodhpurs und Tropenhelm hoch zu Ross, begleitet von seinen beiden Doggen. Auch er ließ sich zu einem höflichen Smalltalk mit seinen Gästen herab, um sich anschließend im Schatten der Terrasse seinen Geschäften zu widmen: ohne Fleiß keinen Preis.

 

Am 17. April 2011 starb Sawai Bhawani Singh Bahadur, und am darauffolgenden Tag war in der FAZ zu lesen: "Nun ist der letzte, der 40. Maharadscha von Jaipur, im Alter von 79 Jahren gestorben - und eine mehr als tausendjährige Geschichte endet."

 

Bereits der Vater von Bhawani Sing, Sawai Man Singh II (1912-1970) hatte zum Entsetzen seiner drei Gattinnen den Palast der Familie in ein Hotel verwandelt, weil ihm das Geld ausging.

Damit waren endgültig die glorreichen Zeiten vorbei, als Man Singh II. und seine dritte Gemahlin Gayatri Devi zum Beispiel noch mit Königin Elisabeth II. und ihrem Mann Philip auf Tigerjagd gehen konnten.

"Rambagh Palace" ist schon lange ein Luxus-Hotel, ebenso wie Jag Niwas, das heutige "Lake Palace Hotel" in Udaipur, einer der Drehorte des James Bond-Films "Octopussy".

Jedes Ding hat seine Zeit. Das wusste schon Shakespeare.

2. Beispiel Afrika

2.1 MASSAI (Kenya und Tanzania): Urvolk im Umbruch

Die Massai sind ein ursprünglich nomadisch lebendes Hirtenvolk in Ostafrika. Sie waren als „wilde Barbaren“ gefürchtet, die um 1850 ihre Raubzüge auf Karawanen bis in die Küstengebiete ausgedehnt und in zahlreichen Kriegen ganze Landstriche entvölkert hatten – was ihr bis heute bestehendes Image als kriegerisches Volk begründete.

 

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts starben große Teile der Bevölkerung durch eine verheerende Hungersnot und durch die Pocken, und die Rinderpest dezimierte die Herden der Massai, womit sie ihres Wohlstandes beraubt waren.

Enteignung sowie die Einrichtung von Jagdrevieren und später von Nationalparks während der britischen Verwaltungszeit taten ein Übriges und verkleinerten das Stammesgebiet der Massai immer mehr. Darüber hinaus wurden sie über Jahrzehnte diskriminiert und ihr gesellschaftlicher Einfluss beschränkt.

Besuch im Massai-Dorf anno 1976

Im Jahr 1976 bekam ich in Kenya einen kleinen Einblick in das Leben der Massai, die schon damals nicht mehr das Urvolk waren, als das sie teilweise heute noch beschrieben werden.

 

An riesige Rinderherden erinnere ich mich und an wunderschönen Perlenschmuck. Und an die Geschäftstüchtigkeit der Massai: jedes Foto kostete Geld, und wenn man nicht bezahlen wollte, flogen schon mal Steine; angeblich wurden in einem solchen Fall auch gerne Autoreifen aufgeschlitzt. Aber das halte ich mehr für Vorurteile unseres Fahrers Majorio, einem total netten und hilfsbereiten Kerl, der aber als Kikuyu mit Schulbildung seine Überheblichkeit dem Hirtenvolk gegenüber nicht verbergen konnte.

Aber wir befinden uns im 21. Jahrhundert. Die Massai sind längst keine Analphabeten mehr, ihre Kinder gehen in Jeans zur Schule und halten per Handy Kontakt zu den Stammesältesten und zu ihrer Familie.

Fotografieren lassen sich die Massai allerdings auch heute noch nicht gerne. Was nicht an ihrer Technik-Feindlichkeit liegen kann, denn Ildiko berichtete über ihren Massaiguide Daniel in Tanzania: Er war ständig mit dem Handy am Ohr unterwegs, ich hab‘ mich aber gescheut, ihn dabei zu fotografieren weil ich weiß, dass die Massai das nicht mögen.

Massai zwischen Tradition und Moderne Foto:Ildiko M.

Ildiko schreibt weiter:

 

Unser Freund Daniel hat in Arusha Elektriker gelernt. Auch in der großen Stadt, weit weg vom Stammesgebiet der Massai, trägt er Shuka und Stock bei der Arbeit. Er besitzt Handy und E-mail, wie viele andere seines Volkes. Sein großer Traum ist es, sein abgelegenes Heimatdorf per Generator mit Strom zu versorgen. Wir wünschen ihm, dass er sich und seinen Leuten diesen Traum erfüllen kann - und dass die Massai den Spagat zwischen Tradition und Moderne schaffen. Wir werden es mit Interesse verfolgen.

Der ganze, sehr interessante Bericht von Ildikos Besuch in Tanzania im Jahr 2010 ist hier zu lesen:

"Mehr als Ngorongoro. Im Hochland der Riesenkrater"

 

Zum Schluss noch ein Auszug aus dem 1976er Reisetagebuch einer von Kenya und den Massai sehr beeindruckten 25jährigen. Sie schreibt von den alten, wilden Kriegstänzen, die die Massai im "Namanga River Hotel" im Amboseli NP aufführten und davon, dass sie anschließend an der Bar noch einen Whisky zu sich nahm:

 

"Ein Massai sitzt neben mir, trinkt nichts, zählt nur Schillinge. Er sieht wild aus und riecht streng, aber eben hat er am Kamin auf einer langen Holzflöte wunderschöne Lieder gespielt. Traurige, leise Melodien. Vogelgesang bei untergehender Sonne."

2.2 HIMBA (Namibia): Häuptling als Dokusoap-Held

Spiel mit meiner Sonnenbrille

Im Juli 2008 besuchte ich in Namibia eine kleine Gruppe von Himba; meine Eindrücke von dieser Begegnung sind nachzulesen in den "REISEGESCHICHTEN"

 

… und dann kam

Dienstag, der 13. Juli 2010, 20.15 Uhr:

 

Auf Kabel 1 läuft eine Doku-Serie mit dem Titel "Die strengsten Eltern der Welt". Da werden renitente deutsche Teenager für 14 Tage zu irgendwelchen ganz strengen Gasteltern geschickt, mucken erst auf - und kommen wohl immer geläutert zu ihren Eltern zurück.

 

Ziemlich konstruiert und auch nicht unbedingt mein Interessensgebiet, aber diesmal waren die Gasteltern Himba. Das musste ich sehen! Gastmutter Calista, angeblich in Namibia geboren und bei Adoptiveltern in Deutschland aufgewachsen spricht natürlich fließend Deutsch – und Gastvater Jotty soll in Deutschland studiert haben, spricht aber nur Englisch. Wie auch immer …

 

Schöne Landschaft, lachende Himbakinder, Ziegen und Kühe - und die deutschen Teenager benehmen sich wie in der Serie vorgeschrieben. Der "Kral", der sich in der Nähe von Opuwo befinden soll, wird gezeigt und viele Frauen. Männer sind so gut wie nicht vorhanden, aber das kennen wir ja schon.

Und dann haut es mich fast aus dem Fernsehsessel: den Häuptling kenne ich! Das ist der "Chief", dessen Foto ich aus einem Bericht in der GEO RC kenne, und dessen Gesicht in verschiedenen Webalben auftaucht. Selbst die "Ringelmütze" trägt er noch! Die eingeblendeten Daten weisen ihn aus als Thoapi Bingue, 55 Jahre alt, 3 Frauen und 10 Kinder. Scheint ein sehr geschäftstüchtiger Himba zu sein, der Reisende und die Medien als Brötchengeber entdeckt hat; wer will es ihm verdenken?

Allerdings: Himba als Fernsehstars in deutschen Doku-Soaps, da weiß ich wirklich nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll …

2.3 ZULU (Südafrika): Blick zurück in Shakaland

Wer einen Einblick in die traditionelle Lebensweise der Zulus bekommen möchte, der sollte das Museumsdorf "Shakaland" in der Nähe von Eshowe besuchen. Es ist das älteste "Zulu Cultural Village" in der Provinz KwaZulu-Natal und wurde ursprünglich als Kulisse für den Film "Shaka Zulu" errichtet.

Auf geführten Touren lernt man die Bräuche der Zulus kennen, kann ihr selbst gebrautes Bier kosten und die energiegeladenen Zulu-Tänze erleben.

Um das ganz deutlich zu machen: bei den gezeigten Tänzen handelt es sich nicht um das VORFÜHREN der Zulus vor Touristen, sondern um eine AUFFÜHRUNG in einem Freilichtmuseum, wie dies z. B. auch in Deutschland und den USA üblich ist.

 

Viele Zulus sind stolz darauf, in diesem living museum ihre Kultur bewahren zu können und sie darüber hinaus den Fremden zeigen zu dürfen.

Das Museumsdorf samt angeschlossenem Hotel ist zudem der einzige Arbeitgeber in weitem Umkreis, und so sehen andere Zulus das Ganze lediglich als Job. Eine Verdienstmöglichkeit, die ihnen erlaubt, einigermaßen gut zu leben und die Kinder in die Schule zu schicken.

Gerne habe ich daher auch voller Respekt und mit gutem Gewissen meine Touri-Dollars hier gelassen. Für Eintritt und für jede Menge selbst gebastelten Perlenschmucks.

 

Mehr über Shakaland:

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3. Beispiel Nepal

zwischen Achttausendern: Fernsehen - Internet - Mobiltelefon

Meine Freundin Ildiko hat Nepal viele Male bereist, sie hat viele Freunde dort und kennt sich im Alltagsleben der Bevölkerung aus. Deshalb bat ich sie, hier das moderne Nepal vorzustellen.

 

Ildiko schreibt:

In den 90er Jahren schossen sie aus den Dächern wie Pilze aus dem Boden, die Satellitenschüsseln in Kathmandu. Allesamt ausgerichtet gen Bollywood. Lange dauerte es nicht, bis sie den Weg in die abgelegenen Täler fanden - wer etwas auf sich hielt und Geld besaß, an Strom kam, der musste ein Fernsehgerät haben.

Ausländische Touristen missbilligten diese Entwicklung und warnten vor den unguten Einflüssen, den unerfüllbaren Wünschen und Gelüsten, die nun geweckt wurden. Nicht zu Unrecht natürlich - aber wer gibt uns das Recht, den Menschen in Nepal, Tibet und anderen Himalayaländern Information, Unterhaltung und Zeitvertreib abzusprechen nur weil es nicht in unser Bild vom mittelalterlich-romantischen Dorfleben im Himalaya passt? Uns, die wir einen riesengroßen Teil unserer Freizeit vor dem Bildschirm verbringen?

 

Die Solarpaneele im tiefsten Kali Gandaki Tal sorgen für ausreichend Strom für ungetrübten TV-Genuss. Unvorstellbar, das Happy-End eines Bollywoodstreifens aufgrund mangelnder Energieversorgung zu versäumen!

Ansonsten gilt für dieses Dorf wie fast fürs ganze Land abseits der Städte: die Menschen sind Selbstversorger, es gibt etwas Handel und eine Primary School, keinerlei ärztliche Versorgung, Zukunftsperspektiven erträumt man sich in Bollywood...

 

Facebookfreunde.

Namche Bazar im Everestgebiet.

Die nächste Straße ist 7 Tagesmärsche entfernt, die Hauptstadt Kathmandu ein exotisches Fernziel für die Dorfbewohner. Die ärztliche Versorgung ist immer noch katastrophal, es gibt zwar Krankenhäuser, aber die behandeln vorzugsweise höhenkranke Trekker gegen bare Dollar. Schulen sind für viele Kinder nur nach stundenlangem Fußmarsch zu erreichen, zusätzlich sind hunderte Höhenmeter zu bewältigen. Menschen nicht nur auf dem Dach der Welt, sondern am Ende der Welt, ein Land ganz "unten" im internationalen Ranking.

Aber die Bedürfnisse der Bergtouristen haben das Internet in die Region gebracht - und damit die ganze Welt. Nicht nur gefilterte Informationen wie übers TV kommen ins Haus, jetzt kann sich jeder alles holen, was er möchte. Der Spagat der Menschen zwischen Wirklichkeit und Wunschtraum ist riesengroß und es bleibt zu hoffen, dass die Erkenntnis der eigenen Situation nicht in Resignation endet.

In einem Punkt gibt es hier keinen Unterschied mehr zwischen den Kindern des Ostens und des Westens: das Internet ist zur Selbstverständlichkeit geworden und stellt einen riesigen Anreiz zum Lesen- und Schreibenlernen dar - und über Facebook können solche Freundschaften wie im Bild erhalten werden.

 

Internet war vor dem Handy im Land, und zu guter Letzt die Smartphones. Spät aber gewaltig - auf meiner letzten Reise waren wir viel in sog. "remote areas" unterwegs: gekocht wird auf dem Lehmherd aber Handyempfang ist überall! Und jeder hat eins!



Die Dame im Lamjung Himal verkaufte uns kühle Getränke am Wegrand der Trekkingstrecke und organisierte nebenher ihren Haushalt per Handy. Frauen sind auf der ganzen Welt multitaskingfähig.



So weit Ildikos Eindrücke aus dem Alltagsleben in den Städten und Dörfern Nepals. Natürlich macht die Modernisierung auch vor dem religiösen Leben nicht halt, wie sie weiter zu berichten weiß:

Auch die Sadhus, die "Heiligen Männer" Nepals und Indiens, sind im neuen Jahrtausend angekommen. Sie entsagen zwar fleischlichen und anderen weltlichen Genüssen, die Benutzung eines Handys lässt sich aber augenscheinlich mit den Anforderungen der Askese vereinbaren.

Hoch oben im Annapurnagebiet, fast an der tibetischen Grenze, liegt Muktinath, ein sowohl von Hindus als auch von Buddhisten verehrtes Heiligtum. Jahrhunderte lang diente es einer besseren Wiedergeburt, hier hinauf zu steigen und Opfer darzubringen. Seit wenigen Jahren wird der Straßenbau im Kali Gandaki Tal vorangetrieben, nun reisen die Pilger aus Indien und Nepal im Bus bis ans Talende und dann mit dem Jeep die Serpentinen den Berg hinauf. Für die Fußlahmen (und alle weiteren, die es sich leisten können) stehen für die letzten 100 Höhenmeter Jungs aus den umliegenden Dörfern mit ihren Mopeds bereit.

Das lauffreudigste Volk der Welt auf dem Weg in die Moderne...

 

alle Fotos aus Nepal: (c) Ildiko M.

 

 

... und wer jetzt neugierig auf die Reiseberichte Ildikos aus Nepal und anderswo geworden ist, dem sei ihre Seite bei der GEO-Reisecommunity empfohlen. Bitte aufs Foto klicken   > > >

 

Leben ist kein Stillleben.
Oskar Kokoschka (1886-1980)