Die Musik ist die Stenographie des Gefühls.

Leo Tolstoi (1828 - 1910)


2. Musik in ISRAEL: See Genezareth

mit Ben am Berg der Seligpreisungen

„In vierzehn Tagen sind wir Freunde geworden. Ich liebe euch“ hat Ben gesagt, und jedem Einzelnen von uns dabei in die Augen geblickt, „aber ich hasse euch auch. Obwohl ich nicht Opfer bin und ihr nicht Täter ...“

 

Ben ist Jude, geboren und aufgewachsen im hessischen Marburg. Fast seine gesamte Familie wurde im Holocaust ausgelöscht. Nach langen Auslandsaufenthalten zog er vor einigen Jahren endgültig nach Tel Aviv und machte sich dort selbständig mit einem kleinen Ein-Mann-Reisebüro. Jetzt führt er Touristen durch Israel und den Sinai.

 

Zwei Wochen lang sind wir schon mit Ben unterwegs, vom Hula-Reservat im Norden bis zum Ramonkrater im Süden.  Wir haben auf Kamelrücken die Nabatäer Gewürzstraße erkundet und in der Wüste unter freiem Sternenhimmel geschlafen. In Tel Aviv haben wir stundenlang vor Bens Lieblingscafé gesessen, geredet und gelacht, und in der Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ haben wir zusammen geweint ...

 

Freitag, und da wir Freunde geworden sind, möchte Ben mit uns Nichtjuden heute Schabbat feiern. Traditionell beginnt dieser am Freitagabend, und so führt uns Ben am späten Nachmittag auf den Berg der Seligpreisungen am See Genezareth. Unter einer schon tief stehenden Sonne liest er aus den Psalmen („Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns frohlocken und seiner uns freuen!“), und mit melodischer Stimme intoniert er anschließend einen Psalm in hebräischer Sprache.

Keiner von uns ist besonders religiös, aber wir alle haben ein Gänsehaut-Gefühl; selbst der Sprücheklopfer unserer Gruppe schweigt nachdenklich …

 

Nach dem Besuch des Gottesdienstes zelebrieren jüdische Familien den „Kiddusch“, bei dem ein Becher Wein und ein Laib Brot mit einer gesungenen Lobpreisung gesegnet und dann mit einem Dank an Jahwe getrunken und gegessen werden.

 

Zurück in Tabgha segnet auch Ben Wein und Brot, um beides anschließend mit uns zu teilen. Bens Freund Ami ist zur Feier gekommen, und gemeinsam kochen wir in der großen Küche unserer Pilgerherberge ein einfaches aber köstliches Essen.

 

Nach dem abendlichen Schabbatmahl werden in jeder ordentlichen jüdischen Familie Lieder gesungen, und so packt auch Ami nun seine Gitarre aus. Mit einer Flasche Wein suchen wir uns ein gemütliches Plätzchen am See Genezareth und singen: deutsche Lieder, italienische, französische und natürlich englische. Alles was uns so einfällt, von Dylan bis Donovan und von der Baez bis zu den Beatles.

 

Als die ersten jiddischen Lieder erklingen, wundere ich mich, wie viele von uns doch „Zupfgeigenhansel“ kennen.

Zupfgeigenhansel: Jiddische Lieder

„Zupfgeigenhansel“, das ist eine Musikgruppe, die 1974 gegründet wurde und mit ihren Liedern eine Alternative zur konservativen Volksmusik brachte. Die beiden Musiker Thomas Friz und Erich Schmeckenbecher prägten damit maßgeblich die Folkmusikbewegung Ende der 1970er Jahre.

 

Viel beachtet wurde ihre Platte „’ch hob gehert sogn“, die 1979 erschien, und auf der traditionelle jiddische Lieder zu hören sind, Partisanenlieder und Lieder aus den Ghettos.

Auch der bekannte Hit „Donna Donna“ von Donovan ist ursprünglich ein jiddisches Lied und kommt aus dem Warschauer Ghetto.

 

Und wenn Donovan singt:

 

„Stop complaining!“ said the farmer,

“Who told you a calf to be?

Why don’t you have wings to fly with

Like a swallow so proud and free?”

 

... dann klingt das auf Jiddisch so:

 

Schrejt dos kelbl, sogt der pojer,

wer-ssche hejst dich sajn an kalb?

Wolst gekent doch sajn a fojgl,

wolst gekent doch sajn a schwalb.

 

Der Schriftsteller Jtschak Katsenelson (1886-1944) schrieb dieses Lied vom Kälbchen und der Schwalbe unter dem Eindruck der Deportation seiner Frau und seiner beiden Söhne aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Auschwitz.

 

Und wenn auch die Lieder aus dem Ghetto von Armut und Elend berichten, so sind sie doch voller Hoffnung und Lebensfreude, die auf den Hörer ansteckend wirken.

 

Mittlerweile ist es dunkel geworden auf dem See; nur von Tiberias flackern noch einige Lichter herüber, und über uns funkeln die Sterne. Und wir erheben zum letzten Mal unsere Gläser:

 

„LE CHAIM! Auf das Leben!“