"I have a dream ..."

 

Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu leben

oder als Narren unterzugehen.

Martin Luther King (1929-1968)

 

Ockerfett und Lederschurz. Zu Besuch bei den Himba

Die Veränderungen sind nicht aufzuhalten, und lange wird es sie leider nicht mehr geben, die Kultur der Himba. Mit ein Grund für mich, einige dieser Viehzüchtenden Halbnomaden im Nordwesten Namibias zu besuchen.

 

 

09. Juli 2008:


Lausig kalt ist es, als wir in der ersten Morgendämmerung von der Palmwag Lodge aufbrechen, um die Himba zu suchen. Das heißt, „suchen" ist eigentlich das falsche Wort: unsere Fahrer wissen genau, wo sie zu finden sind.
In der letzten Saison hat es hier in der Gegend ziemlich viel geregnet, so dass die Himba bis jetzt keinen Grund hatten, ihr provisorisches Dorf zu verlassen.

 

Wir wickeln uns also in die Decken, die fürsorglich im Jeep bereit liegen und ziehen uns Mützen und Schals tief ins Gesicht, denn selbst mit Fleecejacke wird es bei Fahrtwind ziemlich frisch in dem offenen Fahrzeug.

Erst noch auf der Teerstraße biegen wir ziemlich bald ins offene Gelände ab. Fahren vorbei an kleinen Gehöften, aus deren Gärtchen uns Kinder zuwinken und durch einen kleinen Fluss. Auf den Steinen am Ufer liegen Schildkröten, wärmen sich auf in der Morgensonne. Der Fluss ... ist es schon der Hoanib? Oder einer der kleineren Nebenflüsse? Wir haben die Orientierung verloren. Selbst ein GPS würde uns hier nichts nützen, ist es doch ziemlich unwahrscheinlich, dass es ein Ziel mit Namen „Himba" finden könnte.

 

unterwegs zu den Himba

 

Die Himba sind ein Volk von Vieh züchtenden Halbnomaden, das hauptsächlich im bisher schwer zugänglichen Gebiet des Kaokovelds im Nordwesten Namibias lebt und in dieser Abgeschiedenheit seine ethnische Eigenart und Kultur zum großen Teil bewahren konnte.


Ein halbnacktes kleines Kind springt auf unseren Jeep und strahlt uns an. An den beiden ins Gesicht fallenden Zöpfen erkennen wir, dass es sich um ein Mädchen handelt. Wenn es in die Pubertät kommt, wird es wie seine großen Schwestern die Haare in viele kleine Zöpfe flechten und mit einer roten Paste eincremen, die aus Butterfett und rotem Ocker gemischt wird.
Diese Paste schmückt nicht nur, sondern sie ist auch äußerst nützlich und für die Körperpflege unentbehrlich: als Schutz gegen Sonne und Insektenstiche reiben die Himbafrauen und -mädchen mit ihr den ganzen Körper ein, samt Lederschurz und Schmuck.

Die anderen Himba sind schüchterner, kommen erst nach und nach aus ihren Lehmhütten. Aber sie wissen, was von ihnen erwartet wird: als sie unsere Kameras sehen, stehen sie stramm. Mit unbewegtem Gesicht. Das sind nun aber genau die Fotos, die wir nicht machen wollen. Also ist unser Einsatz gefragt: Herumalbern mit den anfänglich zurückhaltenden Kindern und Reden mit Händen und Füßen. Zudem ist da ja auch noch unser Fahrer, der die Sprache der Himba versteht und unsere Fragen übersetzen kann.

 

Langsam tauen die Frauen auf, sichtlich erleichtert, dass sie nicht nur posieren müssen sondern wir uns tatsächlich für ihr Leben interessieren.

Die Frauen zeigen uns, dass die kleinen Ziegen über Nacht in einem Kral aus Baumstämmen untergebracht werden, wie man Feuer in einem Weidenkörbchen transportieren und im Nu aus einem Teil des ledernen Lendenschurzes einen „Rucksack" fürs Baby basteln kann.

 

Babytrage

 

Und wir bewundern ihre Haartracht und den Schmuck, die beide den sozialen Status der Trägerin zeigen. Schon kleine Kinder besitzen Halsketten und Gürtel aus Perlen, Arm - und Beinreifen.
Verheiratete Frauen tragen die Eremba, ein Krönchen aus Ziegenleder, auf dem Kopf. Ähnlich ungewöhnlich ist der schwere Beinschmuck aus vielen kleinen Metallkugeln, die auf einem breiten Leder befestigt sind. Als kostbarstes Schmuckstück gilt jedoch die Ohumba, eine weiße Muschel. Sie stammt von der Küste Angolas, wird oft über Generationen von Mutter auf Tochter vererbt und hebt sich sehr dekorativ vom Ockerrot der Körper ab.

 

 

Mir hat man meine Neugierde wieder einmal stark angesehen, und so werde ich in eine der kleinen fensterlosen Hütten eingeladen. Etwa zwei auf zwei Meter groß ist der Raum, birgt aber mit einer kleinen Feuerstelle, einer Decke und an der Wand aufgehängten Utensilien ziemlich alles, was man für ein bescheidenes Leben braucht.

Eine junge Frau greift nach einem Gefäß, das aus einem Rinderhorn gefertigt wurde und entnimmt ihm einige Kräuter, die sie auf die winzige Flamme des Feuers streut. Ein bisschen pusten, kräftiger Rauch entwickelt sich, und dann lerne ich, wie sich ein Himba wäscht. Der mit Kräutern und Rindenstücken aromatisierte Rauch wird dabei an jede Stelle des Körpers geleitet und ersetzt damit das Wasser bei der Körperpflege.
In der Enge der Hütte ist dieser Rauch recht aufdringlich, und ich bin froh, als ich wieder heraustreten darf.

 

Schmuckverkauf

 

Mittlerweile sind aus den vier bis fünf umliegenden Hütten einige weitere Frauen gekommen und haben auf dem Boden ihren selbst gebastelten Schmuck zum Kauf ausgebreitet. Die Kettchen sind längst nicht so schön und fantasievoll wie diejenigen, die wir am Vortag einigen Herero-Frauen an der Straße abgekauft haben, und von den aus Plastikrohren gefertigten Armreifen haben wir in den Geschäften in Swakopmund auch schon schönere gesehen.
Aber was soll's? Das alles ist immerhin viel besser als die Unsitte, den Himba ihren traditionellen Schmuck quasi vom Körper weg zu kaufen. Und so erstehen wir einige der Teile; wir müssen sie ja nicht unbedingt täglich tragen ...

Wir hatten schon erfahren, dass wir in diesem „Dorf" nur Frauen und Kinder antreffen würden; die Männer seien mit den Rinderherden unterwegs. Mag zum Teil ja auch gestimmt haben; wir vermuten jedoch eher, dass die Männer sich zu unserem angekündigten Fotoshoot ganz einfach aus dem Staub gemacht haben. Während nämlich die Frauen noch stolz auf ihre traditionelle Kleidung sind, tragen die Männer meist Jeans und T-Shirt und haben garantiert schon die Erfahrung gemacht, dass weiße Besucher sie so nicht unbedingt fotografieren wollen.

 

Rinderhirt am Uniab

 

Als wir die Himba verlassen - nicht, ohne einen Sack Maismehl dagelassen zu haben - werden wir nachdenklich:

Wo geht dieses Volk hin? Droht ihm dasselbe Los wie anderen „Naturvölkern"?

In Opuwo, der einzigen Stadt des Kaokovelds, sind die Anfänge des Untergangs wohl schon auszumachen, die Himba hier haben kaum mehr eine Chance gegen die westliche Welt, gegen Konsum, Alkohol und Aids.

 

Es gibt heute noch etwa 7000 traditionell lebende Himba, und teilweise scheinen sie eine Wende eingeleitet zu haben: Hegegemeinschaften bestimmen über das Vieh und auch über den Tourismus, es gibt eine medizinische Grundversorgung und erste mobile Schulen, in denen die Kinder Schreiben, Lesen und Englisch lernen.

 

Die Ethnologin Margaret Jacobsohn, die lange bei den Himba lebte und später verschiedene Projekte im Kaokoveld leitete, meint dazu:

„Vielleicht wird man in fünfzehn Jahren keine ockergefärbten und mit einem Lederschurz bekleideten Himba mehr sehen, doch das sind Äußerlichkeiten. Die Himba haben immer erfolgreich Pläne geschmiedet, haben am heiligen Feuer gesessen und diskutiert, wie die Weiden zu nutzen sind. Diese Fähigkeit, vorausschauend zu planen und gut zusammenzuarbeiten, wird sich auch in den regionalen Zusammenschlüssen der Dorfgemeinschaften bewähren. Mit ihrer intakten Gesellschaftsstruktur werden sie ihren eigenen Weg finden."

 

Wir alle wünschen es ihnen von Herzen.

 

 

 

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