In Indien fühlt man sich ganz einfach menschlich - und sterblich;

man begreift, dass man auch nur Statist ist

in einem großen, absurden Schauspiel.

 

Tiziano Terzani (1938 - 2004)

Post aus Indien

"Affenversammlung in Jodhpur" © Karola B.-M.

März 2014

eMail von Freunden, die zum ersten Mal in Indien sind; Auszug:

 

Also zusammenfassend: es geht uns gut.

Indien ist nur noch staunenswert- wenn wir Touristen erst einmal die Sichtweise angepasst haben. No Problem - stimmt! Relax - stimmt auch! Warten ist eine anerkannte Beschäftigung, alles dauert etwas länger, und zwischendurch zaubert eine Wäscherei gewaschene und gebügelte Kleidung (man beachte die feine Formulierung: gewaschen, nicht notwendig nach europäischer Sichtweise sauber) oder ein Schneider ein maßgefertigtes Hemd in 6 Stunden.

 

Wir genießen den Luxus, jeden Tag auf einer Dachterrasse essen zu gehen bei grandiosen Aus-Blicken auf Burgen und Paläste, sogar einmal auf einen See.

Wir genießen die freundlichen Leute, die kindlich naiven Bitten um ein Foto mit uns (wir sind staunenswert groß und merkwürdig fit für Leute mit weißen Haaren - im Vergleich zu Indern), wir kommen meistens mit der Notwendigkeit, die Preise aushandeln zu müssen, zurecht.

Inzwischen lassen wir einen schlechten Masala Chai - Gewürzten Tee mit Milch zusammen aufgekocht- auch einmal stehen, was aber sehr selten vorgekommen ist. Immerhin haben wir uns an Tee mit Milch und Gewürzen als Universalgetränk und an die aus vielen Komponenten zusammengesetzten Speisen ohne Fleisch schnell gewöhnt.

Natürlich hat fast immer einer von drei Personen Verdauungsprobleme, mit Pausen, aber erträglich mit einem guten Medikament.

 

Nach 2 Wochen können wir auch mal einen Tempel auslassen. Obwohl wir in den immer wiederkehrenden Götterbildern, die identisch zu sein scheinen, langsam immer mehr Unterschiede erkennen. Mal abgesehen von den 24 Jain-Wegbereitern, die wirklich immer identisch dargestellt sind.

Schon nach wenigen Tagen in lauten, trockenen Städten stellte sich ein Bedarf nach Grün ein - ein Garten mit Bäumen wird zum Ereignis, eine Fahrt über die Aravalli-Berge zwischen Jaisalmer und Udaipur weckt Heimatgefühle.

 

Die Herrschenden zwischen 8. und 19. Jahrhundert haben einen derartigen Prunk entfaltet, dass es uns märchenhaft und dem Land völlig unangemessen vorkommt. Aber auch Händler haben für Wohnhäuser und Tempel riesige Vermögen ausgegeben - die ja von irgendwoher gekommen sein mussten. Aufgrund solcher Auftraggeber haben die Steinmetze wunderbare Werke in Granit, rotem und gelbem Sandstein und in Marmor geschaffen.

 

Verblüffend, dass selbst heute noch die Methoden und Formen der Miniaturmalerei des frühen Mittelalters gelehrt und praktiziert werden. Moderne Muster oder Kunstgegenstände oder Gemälde sind richtig selten.

 

 

 

Ich fand diese "elektronische Postkarte" so interessant, gut geschrieben und aussagekräftig, dass ich sie unbedingt und hier veröffentlichen wollte. Kopie mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde aus Frankfurt.

Danke, Karola und Christian!


"Goldener Tempel" von Amritsar © Christian B.