SÜDAFRIKA 2011: Schienenstrang und Schotterpiste

1. Golf-Safari. eine nostalgische Zugreise mit dem "Pride Of Africa"

Eine Fahrt mit der Eisenbahn kann ich beim besten Willen nicht als Reise bezeichnen. Man wird ja lediglich von einem Ort zum anderen befördert und unterscheidet sich damit nur sehr wenig von einem Paket.

John Ruskin (1819 - 1900)

Pretoria: Lok "Anthea" und der "Pride Of Africa" in der Capital Park Station

Nostalgie und Luxus pur ist eine Fahrt mit Rovos Rail durch Südafrika, mit einem Zug, für den das chinesische Sprichwort wie geschaffen scheint:

„Der Weg ist das Ziel“.

 

 

Der Chef kommt persönlich, um uns zu verabschieden und auf die Reise zu schicken. Im stilvollen Wartesaal des Hauptquartiers “Capital Park“ in Pretoria schüttelt Rohan Vos jedem die Hand, scherzt mit Stammgästen und hält eine launische, kleine Rede.



Wir sind in Südafrika, aber alles wirkt sehr britisch und viktorianisch-gemütlich hier im Privatbahnhof von Rovos Rail, von der Einrichtung des Wartesaals bis hin zu den zierlichen Gurken- und Lachssandwiches, den Scones und dem Tee. Mit einem Begrüßungschampagner in der Hand lassen wir erst einmal alles auf uns wirken: die historische Dampflok, die Geigenspielerin, die Mitreisenden.

34 Gäste sind wir, die in den nächsten Tagen von fast ebenso vielen Menschen betreut werden, von Lokführern und Zugbegleitern, von der Mannschaft in Küche und Wäscherei und vom Servicepersonal. Sie alle verstehen sich als Mitglied der großen Familie von Herrn Vos, und die jungen Südafrikaner in allen Hautfarben werden uns in den nächsten Tagen deutlich zeigen, wie gerne sie hier und zusammen arbeiten.     



Ein rollendes Fünfsternehotel ist unser Zug, die Reise vergleichbar einer Kreuzfahrt - mit Verpflegung fast rund um die Uhr. Aber im Gegensatz zu einer Kreuzfahrt ist hier alles inklusive, auch sämtliche Getränke: von wunderbaren einheimischen Weinen zum Essen bis zu den exklusiven Spirituosen im Barwagen. Und unsere Kabine, die zusammen mit dem Badezimmer einen halben Waggon an Platz beansprucht, ist größer als manche Kabine auf einem Schiff.



Den Early Morning Tea kann man sich jeden Morgen in seinem Abteil selbst zubereiten; die Utensilien dazu werden am Vorabend liebevoll auf dem kleinen Tisch aufgebaut. Selbst gefriergetrockneter Kaffee ist zu haben, wird allerdings wohl so gut wie nie verlangt. Und so plündern zwei wohlbekannte deutsche Mitreisende dann auch schon in den ersten drei Tagen die gesamten Bestände. Aber kein Problem für Rovos Rail: mit den hier in Südafrika ziemlich häufigen unvorhergesehenen Ereignissen hat man gelernt umzugehen, die Kunst des Organisierens stetig perfektioniert. Bei einem der nächsten Stopps wird einfach ein junger Angestellter in den Ort geschickt, um für uns ein Glas Nescafé zu besorgen.



Auch sonst geht es unkompliziert zu auf dem südafrikanischen Streckennetz, wo Zugbegleiter Joe auch schon mal mitten im Gelände anhalten und die Reisenden aussteigen lässt, weil er ihnen ein im hohen Gras verstecktes Denkmal aus dem zweiten Burenkrieg zeigen will.   



Zurück zum Organisieren: ohne dieses Talent wäre Rohan Vos niemals so weit gekommen. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass er seinen ersten alten Eisenbahnwaggon renovierte. Aus Spaß  und für den eigenen Gebrauch. Aber dabei blieb es nicht, denn die Idee verselbständigte sich und nahm immer größere Dimensionen an. In den folgenden Jahren wurden immer mehr alte Waggons und Loks gekauft und wieder instand gesetzt.



Soweit noch vorhanden, benutzte man dabei Original-Materialien, so sind z. B. die Innenwände der Waggons und die Möbel aus aufgearbeitetem Mahagoniholz. Die zahlreichen Sofas und Sessel sind entweder aus Leder oder mit teuren Stoffen bezogen, und an den Fenstern hängen schwere Vorhänge, stilsicher zusammengerafft von goldenen Troddeln.

 Kein Fernseher oder Radio stört die romantische Umgebung; selbst auf die Einrichtung einer Sprechanlage hat man verzichtet. Wenn wichtige Durchsagen zu machen sind, dann geht das Zugpersonal durch die Wagen und informiert die Gäste persönlich, und zum Dinner wird per Glockenspiel geladen.    

Viel harte Arbeit und Herzblut steckte der Visionär Vos in sein Unternehmen, mit dem er durchaus auch schon mal am Rande des Bankrotts stand. Aber heute kann er mit Recht und voller Stolz sagen, dass sein „Pride of Africa“ der luxuriöseste Zug der Welt ist.

 

Bei allem Luxus ist die Familie Vos und damit das ganze Unternehmen doch recht bodenständig geblieben, „politisch korrekt“ und umweltbewusst. Der Chef legt auch selbst Hand mit an wenn es nötig ist, die lukrativsten Posten bekleiden farbige Südafrikaner, und auch die Reste der Mahlzeiten werden nicht etwa weggeworfen, sondern altes Brot, Salat und Obst werden an die Schar von vernachlässigten Tieren verfüttert, die von Familie Vos aufgenommen wurden und sich frei auf dem Gelände von Capital Park bewegen dürfen: Gänse und Enten, ein Strauß, ein Pfau, ein Emu und einige Gazellen.



Wir haben uns eine besondere Fahrt mit dem „Pride of Africa“ herausgesucht, eine neuntägige Golf-Safari. „Golf-Safari“, das bedeutet eine Rundreise mit dem Zug, während der man an verschiedenen Haltestellen Golf spielen kann (Südafrika hat mit die besten Plätze der Welt!), während die Nicht-Golfer auf Safari geschickt werden oder zu Stadtbesichtigungen. Auch hier sind die Politik und die Mitarbeiterführung von Rohan Vos zu spüren: jedes Mal sind auch einige der jungen Angestellten dabei, die „Ausgang“ bekommen haben, sich wie kleine Kinder auf die Tagestour freuen und endlich einmal ohne irgendwelche Pflichten einfach nur zwanglos herumalbern können.



Giraffen im Hluhluwe Imfolozi Park
Golfplatz in Sun City

Je nach Programm trifft man sich dann bereits mittags zum Lunch im Golfclub oder abends zum Viergänge-Dinner im Zug, und immer wieder ist es wie ein Nach-Hause-Kommen:

Verstaubt, glücklich und etwas müde von Golfspiel oder Exkursion nimmt man dann gerne die auf dem Bahnsteig gereichten Erfrischungstücher und ein Glas Champagner aus der Hand des herzlich lächelnden Personals entgegen, um dann zu duschen und sich fein zu machen für einen schönen Abend mit kulinarischen Köstlichkeiten, mit feinsten Getränken und langen Gesprächen mit interessanten Mitreisenden.

Sie kommen aus England und Australien, aus Kanada, Schweden und Neuseeland. Kein sogenannter „Neureicher“ ist dabei; jede/r in diesem Zug hat entweder ein arbeitsreiches Leben hinter sich oder steckt noch mittendrin in einem aufreibenden Job. Aber alle sind froh und dankbar, sich wenigstens einmal im Leben diese Luxus-Reise leisten zu können. Auch unsere beiden wohlbekannten Mitreisenden aus Deutschland.



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