Es gibt keine größere Illusion als die Meinung,

Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen.
Elias Canetti (1905 - 1994)


Sag es in Hindi. Ein nicht ganz vollständiges Indien-ABC

Inhalt:

sati - tulsi - Upanishaden - vahana - wallah - X - yatra - zanana

S wie sati - die "wahre / treue Frau"

Während im englischen Sprachgebrauch mit “sati” die Handlung der Witwenverbrennung bezeichnet wird, versteht man in den indischen Sprachen unter „sati“ die Frau, die nach dem Tod ihres Mannes diesem in einer rituellen Selbstverbrennung folgt.

 

Der älteste, fundierte Bericht über eine Witwenverbrennung in Indien stammt bereits aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. In der Zeit von 700 bis 1100 wurden Witwenverbrennungen vor allem in Nordindien und in den dortigen adligen Familien immer üblicher, und das Ritual war im Hinduismus hoch angesehen.

 

Nach dem Glauben der Hindus vernichtet Feuer die Welt als Voraussetzung für ein neues Werden. Daher werden Leichen verbrannt. Starb nun ein Mann, so wurde der Leichnam innerhalb eines Tages verbrannt, und seine Witwe musste sich innerhalb dieses kurzen Zeitraums für die Witwenverbrennung entscheiden, damit sie in den Stand einer „sati“ kam. Die Zeremonie der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen wurde sehr aufwändig gestaltet: mit Priestern, Musikanten und Opfergaben. Und wenn sich die Witwe mit der Leiche ihres Mannes im Schoß auf den Scheiterhaufen gesetzt hatte, entzündete der älteste Sohn oder der nächste männliche Verwandte das Feuer …  

 

Im Jahre 1829/30 wurde das Verbot der Witwenverbrennung in Britisch-Indien durchgesetzt, selbst die beobachtende Teilnahme konnte strafbar sein. Trotzdem kam es immer wieder zu Witwenverbrennungen, besonders im indischen Bundesstaat Rajasthan.

Wie groß die gesellschaftliche Akzeptanz der Witwenverbrennung in Indien noch immer ist, zeigt der Fall Roop Kanwar, der 1987 durch alle Medien ging. Im kleinen Dorf Deorala in Rajasthan verbrannte die 18jährige Witwe auf dem Scheiterhaufen ihres Mannes, wobei unklar blieb ob freiwillig oder gezwungen. Die Verbrennung wurde von Tausenden von Anhängern der Witwenverbrennung verfolgt, der Ort des Geschehens später zu einer Art Pilgerort.

Dies führte zu einer weiteren Verschärfung des Verbots, aber ausgerottet werden konnte die Praxis der Witwenverbrennung nie ganz, und es muss von einer anteilmäßig hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, denn bis zum heutigen Tag werden immer wieder Einzelfälle bekannt.

 

Die Gründe für die Selbstverbrennung sind religiöser Natur (das Witwenopfer besänftigt die Götter und bringt z. B. dem Dorf Segen), aber auch der soziale Faktor spielt eine sehr große Rolle. Witwen werden oft durch gesellschaftlichen Druck oder gar mit Gewalt zum Suizid gezwungen. Wenn sie sich dem entziehen werden sie geächtet und sind damit letztendlich auch wirtschaftlich ruiniert. So gehören die Witwen zu den bemitleidenswertesten Geschöpfen in der indischen Gesellschaft.

 

T wie tulsi - heiliges Basilikum

Tulsi, auch Tulasi (Ocimum sanctum) aus der Familie der Lippenblütler kennen wir aus der thailändischen Küche als „indisches Basilikum“.

 

Für Hindus ist die Pflanze besonders heilig und spielt eine große Rolle in religiösen Zeremonien. So legt man die Blätter der Pflanze oft Sterbenden unter die Zunge und wirft sie ins Feuer des Scheiterhaufens, denn die Blätter haben nach dem Glauben der Hindus eine so stark reinigende Wirkung, dass sie selbst Sünden abwaschen können.

 

Als Heilpflanze spielt Tulsi schon seit mehreren Tausend Jahren eine Rolle im Ayurveda, der indischen Heilkunst. Hier setzt man das Kraut zum Beispiel ein zur Stärkung des Immunsystems und gegen Stress. Eines der bekanntesten indischen Hausmittel ist ein Tee aus Basilikumblättern und Ingwer gegen Bauchweh bei Kindern. Vermischt mit Honig nimmt man die zerdrückten Blätter, um Husten und Erkältungen zu heilen und als Fieber senkendes Mittel.

 

Der Strauch mit den zarten Blättern steht in Indien an unzähligen Hauseingängen oder in Höfen. Häufig fassen ihn dekorativ bemalte Steine ein, die den Platz mit der Pflanze zu einem Altar machen, zu einem Ort des Friedens und der Andacht.

Nach dem Einpflanzen wird Tulsi drei Monate lang aufgezogen und gilt dann als heilig.

 

Vor allem unter Frauen ist die tägliche Verehrung Vishnus oder seiner Gattin Lakshmi in der Tulsi-Pflanze verbreitet: vor ihr sprechen sie ihre Gebete, opfern Reis und Blumen und zünden eine kleine Öllampe an. Jungfrauen beten zu der Pflanze um einen Ehemann und verheiratete Frauen bitten um häuslichen Frieden und Wohlstand.

 

Auch die moderne Wissenschaft entdeckte, dass der aromatische Busch erstaunliche Fähigkeiten besitzt und z. B. in einem weiten Radius um sich herum die Luft reinigt. So erstaunt es uns auch nicht, dass in der Hindu-Mythologie selbst Yama, der Todesgott und die Personifizierung der Zeit dieser heiligen Pflanze Vorrang gewährt …

 

U wie Upanishaden - heilige Schriften des Hinduismus

Shiva (Postkarten-Scan)

„Auf dem Kailasha, im wilden Himalaya,  

sitzt unbeweglich auf einem Tigerfell

der allmächtige Gott Shiva, der große Yogi

und meditiert.

In seiner Hand den Dreizack,

zu seinen Füßen die treue Gattin Parvati,

die herrliche Tochter des Himalaya.

Mit seinem dritten Auge

blickt Shiva versunken

auf das Schicksal der Menschen und Götter …“

 

Diese Verse stammen aus der Chandogya-Upanishad, einer der heiligen Schriften der Hindus.

 

Grundlagen des Hinduismus sind die Schriften, wobei die ältesten die „veda“ (Veden) sind, eine Sammlung die zurückdatiert werden kann auf etwa 1200 – 900 v. Chr.

„Veda“ heißt Wissen, und dieses Wissen wurde Jahrhunderte lang mit großer Genauigkeit und nur an auserwählte Schüler mündlich weitergegeben. Erst um 500n. Chr. wurde das Wissen niedergeschrieben, und noch heute gibt es Brahmanen, die die Veden auswendig rezitieren können.

 

Den letzten Teil der Veden bilden die Upanishaden,  eine Sammlung philosophischer Schriften. Während die Veden sich mit dem Handeln befassen, sind die Upanishaden eher dem spirituellen, dem religiösen Leben zugewandt.

Das Wort „upanishad“ bedeutet „in der Nähe sitzen“; gemeint ist dabei in der Nähe des Gurus (Lehrers) zu sitzen, also geheimes Wissen zu erfahren. Wissen zu Themen wie der Sinn des Daseins, die Lehre von der Wiedergeburt (samsara) und verschiedene Arten der Meditation und der Gottesverehrung.

 

Und einer dieser zu verehrenden Götter ist Shiva, der Gott der Zerstörung und Erneuerung ...

 

V wie vahana - Fahrzeug

Mit vahana wird das „Fahrzeug“ (Vehikel, Reittier, Begleittier …) einer Gottheit bezeichnet. Allen figürlichen Götterdarstellungen sind diese Symboltiere zugeordnet und geben uns einen ersten Hinweis darauf, um wen es sich bei einer dargestellten Gottheit handeln könnte.

 

Die wichtigsten und uns immer wieder begegnenden Vahanas  und die dazugehörenden Götter sind:

 

Buckelstier (Nandi) ..........Shiva

Sonnenadler (Garuda) ......Vishnu, Lakshmi

Ratte ..............................Ganesh

Elefant ............................Indra

Löwe ..............................Uma, Parvati, Durga

Tiger ...............................Durga

Pfau ...............................Sarasvati, Karttikeya

Wildgans (Hamsa) ...........Brahma, Sarasvati

 

Allein aus dieser knappen Liste ist schon ersichtlich, dass sich die indische Götterwelt so einfach nicht erkennen lässt: ein Begleittier kann verschiedenen Göttern zugeordnet sein, oder eine Gottheit wird mit verschiedenen Begleittieren dargestellt.

Die Bildsprache des Hinduismus bietet jedoch noch mehr Möglichkeiten, eine Gottheit anhand von verschiedenen Merkmalen zu identifizieren. Dazu gehören z. B. Kleidung, Schmuck, Haartracht, Kopfbedeckung und nicht zuletzt Attribute, die die Gottheiten meist in Händen halten.

 

Man kann Vishnu erkennen an Rad, Keule, Lotos und Muschelhorn, Rama trägt Pfeil und Bogen, Krishna spielt Flöte und Lakshmi wird mit der Lotosblume dargestellt. Aber ganz eindeutig ist auch dies wieder nicht, denn beispielsweise Shivas Hauptembleme sind in Nordindien der Dreizack und die Schlange, in Südindien die Axt und die Gazelle.

So bleibt die Entschlüsselung des hinduistischen Pantheons nicht nur für den Fremden, sondern auch für viele Inder selbst eine spannende Sache.

 

W wie wallah - ein Mann für alle Fälle

Besitztum, das drücken Inder anders aus als wir. Statt z. B. „ich habe“ sagt der Inder „bei mir ist“ und macht dabei quasi aus einem Objekt das Subjekt. Also: nicht „Ich habe eine Riksha“, sondern „Bei mir ist eine Riksha.“

 

Eine andere Möglichkeit, den Besitz auszudrücken ist das Anhängen des Wortes „wallah“; die seltenere weibliche Form ist „wallieh“.

 

Der rikshaw-wallah ist demnach der Besitzer (und meist auch Fahrer) einer Riksha, der dukan-wallah jemand der ein Geschäft (dukan) besitzt und mit dudh-wallah wird der Milchmann bezeichnet, denn dudh ist das Hindiwort für Milch.

Das Wort wallah kommt in den ulkigsten Kombinationen vor. Wenn wir beispielsweise von einem „polish-wallah“ hören, dann ist der Schuhputzer gemeint (von engl. to polish = polieren).


Schier Unglaubliches vollbringen die auch bei uns bekannt gewordenen „Dabbawallahs“ von Mumbai. In „dabba“ genannten Metallbüchsen bringen sie das von Hausfrauen frisch gekochte Mittagessen zu deren Ehemännern auf Baustellen und in Büros der Millionen-Metropole.

 

Etwa 5000 Dabbawallahs arbeiten in Mumbai und liefern täglich um die 200.000 Essen aus. Die Logistik dieses Transportsystems ist wohl einmalig, zumal neun von zehn Wallahs Analphabeten sind. Aber die „Henkelmänner“ sind mit einem Code aus Farben, Ziffern und Buchstaben versehen, der es (trotz mehrfacher Übergabe auf dem Weg vom Sender zum Empfänger und zurück) ermöglicht, eine ausgesprochen hohe Liefergenauigkeit zu erzielen. Jüngste Untersuchungen ergaben, dass dabei in 16 Millionen Fällen nur einmal eine Dose verloren geht.

 

X ... ???

Das Hindi-Alphabet kennt kein X.

 

Quasi als Trost für den entgangenen Buchstaben möchte ich hier aus der Jugend von Krishna erzählen. Krishna, die achte und populärste avatara (Herabkunft, Inkarnation) des Gottes Vishnu ist der beliebteste Gott der Hindus, weil er im Gegensatz zu den extremen Kulten anderer Gottheiten (Magie, Okkultismus, Askese, Yoga, Sexual- und Blutriten) ein Gott der Gnade ist, dem die Gläubigen in hingebender Liebe (bhakti) zugetan sind.

 

Das Erdenleben Krishnas spielt im Hirtenmilieu um Mathura und am Fürstenhof von Dwarka in Gujarat. Schon als Krabbelkind war Krishna stets zu Streichen aufgelegt. Er hängte sich an den Schwanz eines Kalbes und ließ sich von ihm über die Wiese ziehen.

Etwas größer geworden, stibitzte er den Hirtinnen Milch und Quark um beides mit den Affen des Waldes zu teilen. Als seine Pflegemutter einmal abgelenkt war, zerschlug er mit einem Stein das Butterfass, den darin gefundenen Butterklumpen teilte er sich wieder mit den Affen.

In heiterem Spiel mit Hirten und Hirtinnen wuchsen Krishna und sein Bruder Balarama im Brinda-Wald (Vrindavana) auf, und Krishna wurde zu einer strahlenden Erscheinung, den die Hirtinnen zunehmend verliebter ansahen.

Auch Krishna veränderte sich, und seine Streiche wurden amouröser. Als er einmal am Ufer der Yamuna badende Frauen sah, stahl er unbemerkt deren Saris und kletterte mit dem Bündel auf einen Baum. Und rückte die Kleidungsstücke erst dann heraus, als jede einzelne der gopis (Hirtinnen) zu seinem Baum gekommen war, um ihn darum zu bitten.  

 

Aber niemand konnte Krishna böse sein. Wenn er auf seiner Bambusflöte spielte, dann kamen sogar die scheuen Waldtiere heran, um in seiner Nähe zu sein. Und wenn er den Reigentanz anführte, dann glaubte jede Frau, er tanze allein mit ihr - so sehr waren alle in seinen Bann gezogen. Er tändelte mit 84000 Geliebten, aber seine Favoritin blieb stets die Hirtin Radha.

 

Krishnas Liebschaften schmälerten auch keineswegs seine Göttlichkeit und übernatürliche Kraft; Dutzende von Wundertaten werden ihm zugeschrieben.

So rettete er die Hirten von Mathura vor dem Untergang. Weil diese dem Gott Indra nicht genügend Ehre erwiesen, drohte er, sie samt ihren Herden durch Regenfluten zu vernichten. Da hob Krishna den Berg Govardhana sieben Tage lang mit dem kleinen Finger wie einen Schirm hoch, um darunter Menschen und Tiere vor den himmlischen Wassern zu schützen. Am Ende gab Indra sich besiegt und zog sein Wolkenheer zurück.

 

Um die unzähligen Götter-Geschichten vor allem Kindern näher zu bringen, bedient man sich in Indien häufig der Darstellung als Comic. In diesen „Götter-Comics“ werden die alten Geschichten sehr anschaulich und einfach wiedergegeben – informativ auch für uns Nicht-Hindus und darüber hinaus ein interessantes und ungewöhnliches Souvenir.

Y wie yatra - Reise, Pilgerreise, Prozession

Khushwant Singh, der bekannte Autor und Journalist, schrieb in GEO über seine Landsleute: „Inder verbringen mehr Zeit im Gebet, mit Besuchen von Kultstätten und mit Pilgerfahrten als die Menschen aller anderen Nationen.“ Das kann jeder bestätigen, der schon einmal in Indien war.

 

Yatra, das bedeutet für Hindus hauptsächlich eine Pilgerreise zu einem heiligen Ort wie z. B. dem Zusammenfluss von heiligen Flüssen oder zu Orten, die mit den Hindu-Epen Mahabharata oder Ramayana assoziiert werden. Als Beispiel seien hier nur Pushkar genannt, Varanasi und Rameshwaram.

Es gibt auch „moderne“ Pilgerorte wie das Raj Ghat am Ufer des Yamuna in New Delhi. Hier fand 1948 die Kremation Mahatma Gandhis statt; zu diesem als Gedenkplatz gestalteten Ort werden Staatsoberhäupter geführt, und täglich umrunden Hindus und ausländische Besucher das Denkmal und legen ihre Blumen ab.

 

Obwohl nicht obligatorisch, ist die Pilgerfahrt ein wichtiger Bestandteil der religiösen Praxis, und die Zahl der Pilgerstätten geht in die Zehntausende. Für im Ausland lebende Hindus könnte selbst ein Besuch in Indien als Yatra gelten, denn für einen Hindu ist die Reise selbst ebenso wichtig wie das Ziel und die Unannehmlichkeiten der Reise schon eine Art Opfer.

Einen heiligen Platz besuchen, das bedeutet für den yatri (Pilger) darüber hinaus, sich von seinen Sünden zu reinigen und dem Göttlichen näher zu kommen.

 

Heutzutage sind yatras meist durchorganisierte Touren von auf Pilgerreisen spezialisierten Gesellschaften, und auch die Verwaltung der Pilgerorte ist häufig in die Organisation von jährlich stattfindenden yatras involviert indem sie Regeln festsetzt, die yatris registriert und sich um den gesamten Ablauf des Pilgerfestes kümmert.

Was überaus wichtig ist, wenn wir z. B. an Kumbh Mela denken, das größte religiöse Fest des Hinduismus und der Welt. In vier unterschiedlichen Städten wird es gefeiert, und bei der letzten Maha (großen) Kumbh Mela, die nur alle 12 Jahre in Allahabad stattfindet, zählte man 90 Millionen Besucher …

Wen solche Menschenmassen nicht abschrecken: die nächste Maha Kumbh Mela ist bereits im Jahr 2013.

 

Z wie zanana - ein indischer Harem?

Gayatri Devi, die Maharani von Jaipur, verstarb am 29. Juli 2009. Sie hinterließ unter anderem ihre lesenswerte Biographie „A Princess Remembers“.

 

1919 in der modern denkenden und weltoffenen Maharaja-Familie von Cooch Behar geboren und bei einer fortschrittlichen Mutter aufgewachsen hatte sie mehr Freiheiten als andere adelige Töchter Indiens. Aber sie lernte sehr wohl auch die strengen Gesetze bei Hofe kennen.

So erzählt sie von ihrer Großmutter, einer starken und selbstbewussten Frau, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts im Land umher reiste. Trotzdem lebte sie in ihrem Palast streng abgeschieden in der zanana (Zenana), den Frauengemächern.

 

Unter „Frauengemächern“ stellen wir uns meist eine Art Harem vor, wie wir ihn aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ oder von Malereien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kennen:

der Harem als Bordell, in dem viele junge Frauen teilweise nackt und mit eingeöltem Körper um einen Pool herum liegen und nur darauf warten, den mächtigsten Männern zu Gefallen zu sein.

 

Die Zenana in einem indischen Palast ist anders. Die Gemächer liegen meist im innersten oder entlegensten Teil des Palastes, und hier lebten die Frauen der Maharajas mit ihren Kindern hinter beschützenden Mauern und in Gemächern, deren schwere Messingtüren nachts geschlossen wurden. Fremde hatten keinen Zutritt zu diesem Wohnbereich, der als Rückzugsgebiet für Frauen angesehen wurde, und in dem man die adeligen Töchter erzog und auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitete.

 

Einen guten Einblick in die Bauweise eines indischen Palastes bietet uns der Man-Mandir-Palast in der Festung von Gwalior. Erbaut im späten 15. Jh. zählt er zu den ältesten vollständig erhaltenen Hindu-Palästen Indiens. Er ist - typisch für nordindische Palastbauten - um Innenhöfe herum angelegt und umfasst einen öffentlichen Bereich mit einer Audienzhalle und einen privaten Bereich mit den Gemächern der Fürstenfamilie.

In den oberen Stockwerken befinden sich die Frauengemächer. Sie sind uneinsehbar, aber Maßwerkartige Fenstergitter (jali) erlaubten es den Frauen, wenigstens mit den Augen am Leben auf den Innenhöfen teilzunehmen.

 

Im Zusammenhang mit der Zenana muss auch parda (Purdah) erwähnt werden. Das Wort bedeutet „Vorhang“ und bezeichnet die Verschleierung muslimischer und Hindu-Frauen in Indien. Purdah gebot aber nicht nur die Verschleierung mittels Kleidung, sondern darüber hinaus, sich komplett vom Außenleben abzuschotten. Frauen, die in Purdah lebten, erschienen nie in der Öffentlichkeit und privat nur vor anderen Frauen, engen männlichen Verwandten und ihrem Ehemann.

 

Selbst Anfang der 1940er Jahre gab es noch viele Palastbewohnerinnen, für die ihre Welt an den inneren Palastmauern aufhörte - ein Umstand, den Gayatri Devi wenigstens in Jaipur unbedingt ändern wollte. Ermuntert  von ihrem Mann begann sie dann auch, unter endlosen Problemen und Rückschlägen mit dem einige hundert Jahre alten Gesetz des Purdah zu brechen …