Sagenhaftes Sizilien

 

Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,

wanderten wir umher und besahen wundernd das Eiland.

(Odyssee, Neunter Gesang, Vers 150)

 

 

Trinakria, das Symbol der Insel

Viele Kolonialherren sah Sizilien im Laufe seiner Geschichte kommen und gehen. Griechen und Römer, Araber, Normannen und Staufer, um nur einige zu nennen. Sie alle prägten das Gesicht der Insel und hinterließen ihre Spuren - in der Landwirtschaft, in Form von großartigen Gebäuden und in vielen Legenden, Sagen und Geschichten.

 



1. Hephaistos

Als Hephaistos, der Sohn von Zeus und Hera, auf die Welt kam, war er klein und hässlich und schrie so laut, dass seine Mutter ihn angewidert vom Olymp schleuderte. Der Knabe fiel ins Meer, wo er von Meernymphen gerettet und aufgezogen wurde. Von ihnen lernte Hephaistos die Schmiedekunst, und er bedankte sich bei Thetis und Eurynome, indem er viele wundervolle Schmuckstücke und Werkzeuge für sie fertigte.

 

Späterer Wohnsitz des Feuergottes wurde der Berg Ätna, unter dem er in seiner Werkstatt Waffen für die Götter schmiedete. Das muss Vater Zeus irgendwie nachdenklich gemacht haben, und quasi als Entschuldigung für seine schlechte Behandlung in der Kindheit gab er dem Sohn die schöne Aphrodite zur Frau. Diese hatte jedoch nichts Besseres zu tun, als Hephaistos ständig mit allen möglichen Sterblichen und Unsterblichen zu betrügen. Wobei es ihr auch ziemlich egal war, wenn sie (wie beispielsweise mit ihrem langjährigen Lover, dem Kriegsgott Ares) in flagranti erwischt wurde.

 

Und jedes Mal, wenn der eifersüchtige Hephaistos einen Seitensprung seiner Gattin auch nur vermutete, wurde er sehr, sehr wütend und schürte das Schmiedefeuer so heftig, dass der Vulkan Ätna ausbrach.

 

 

Der Ätna (italienisch Etna oder Mongibello, oft auch liebevoll Mamma Etna) ist mit etwa 3.323 Meter über dem Meeresspiegel der höchste und aktivste Vulkan Europas und dominiert weithin sichtbar die Ostküste Siziliens.

 

Er hat vier Gipfelkrater: den Hauptkrater, den direkt daneben liegenden Krater "Bocca Nuova" (neuer Schlund) von 1968 sowie den Nordostkrater von 1911 und den Südostkrater von 1979, die beide etwas abseits des Hauptkraters liegen. Der Ausstoß von Lava bei einem Ausbruch erfolgt jedoch meist nicht über die Gipfelkrater, sondern an den Flanken des Bergkegels, wo sich im Laufe der Jahrtausende etwa 400 Nebenkrater bildeten.

 

Der Ätna entstand vor etwa 600.000 Jahren, und immer wieder sorgt er für Dramatik: Erdbeben erschüttern die Region, Aschewolken verdunkeln den Himmel, und Lavaströme zerstören Häuser hoch oben am Vulkan. Seit Äonen lenkt der Ätna das Geschick der Menschen in seinem Wirkungskreis. So verwundert es auch nicht, dass er in der Antike als Wohnsitz verschiedener Götter galt und einen festen Platz in der Mythologie Siziliens hat.

 

2. Prometheus

Nachdem der Titan Prometheus die Menschen aus Ton erschaffen hatte, wurde er zu ihrem Lehrmeister und Freund. Unter diesen Umständen konnte er natürlich nicht zulassen, dass die Götter sich meldeten, um Anbetung und Opfer von "seinen" Menschen zu fordern, und so trickste er sie elegant aus.

 

Was wiederum Göttervater Zeus ärgerte, der zur Strafe den Sterblichen das Feuer versagte. Ohne Feuer wird das Leben aber ziemlich ungemütlich, also trat wieder Prometheus auf den Plan. Er begab sich schnurstracks zum Ätna, stahl dem Schmied Hephaistos das Feuer und brachte es in einem hohlen Stängel des Riesenfenchels zu den Menschen.

 

Wie die Geschichte weiter ging, ist bekannt: Zeus wurde jetzt erst richtig zornig und bestrafte die Menschen, indem er ihnen Pandora mit ihrer Büchse sandte - und damit Fieberkrankheiten, Leiden und plötzlichen Tod.

Auch Prometheus verschonte er nicht und verbannte ihn in den hintersten Kaukasus, wo er ihn an einen Felsen schmieden ließ. Ohne Schlaf, ohne Essen und Trinken musste der Titan dort ausharren, und zu allem Überfluss kam auch noch täglich ein Adler und fraß von seiner Leber. Viele Jahrhunderte dauerte diese Qual, denn da Prometheus unsterblich war, erneuerte sich natürlich auch seine Leber immer wieder. Erst Herakles, der sich unter anderem einen Namen als Heilgott gemacht hatte, erlöste von Mitleid erfüllt den so hart Bestraften ...

 

 

Der Riesenfenchel (Gemeines Rutenkraut; Ferula communis) ist eine Pflanzenart aus der Familie der Doldenblüter. Die mehrjährige krautige Pflanze, die im gesamten Mittelmeerraum verbreitet ist, blüht von April bis Juni. Sie erreicht Wuchshöhen zwischen ein und drei Metern, und ihr Stängel ist recht dünnwandig und größtenteils mit Mark gefüllt. Dieses leicht entzündliche Mark schwelt langsam und verbrennt, ohne die Rinde des Stängels völlig zu zerstören. So kam es als Zunder zum Einsatz und diente zum Transport von Glut – eine Technik, die bereits Prometheus anzuwenden wusste.

 

3. Polyphem

Bei seiner Schmiedearbeit wurde Hephaistos von Zyklopen, den Söhnen Poseidons, unterstützt. Einer dieser einäugigen Zyklopen mit Namen Polyphem ("der Vielgerühmte") wohnte abseits von den anderen in einer Höhle am Ätna und hütete Schafe und Ziegen.

 

Als Odysseus auf seiner Heimfahrt aus dem Trojanischen Krieg mit zwölf Gefährten auf der Insel der Zyklopen landete, betraten sie die Höhle von Polyphem, und Odysseus bat ihn um Bewirtung. Der Riese hatte jedoch ganz Anderes im Sinn, verspeiste erst einmal einige der Männer und sperrte die Übriggebliebenen dann als Reserve zusammen mit seinen Schafen in der Höhle ein, indem er einen schweren Felsblock vor den Eingang rollte.

 

Am nächsten Abend dasselbe. Wieder fraß Polyphem zwei der Griechen, aber Odysseus war inzwischen eine List eingefallen: er erzählte dem Zyklopen, dass er "Niemand" heiße und machte ihn dann mit starkem Wein betrunken. Als daraufhin Polyphem in Tiefschlaf fiel, stach er ihm unter Assistenz seiner noch verbliebenen Gefährten mit einem glühenden Pfahl das einzige Auge aus. Polyphem in seinem Schmerz schrie seine Kumpel herbei, aber als diese hörten, "Niemand" habe ihn geblendet und "Niemand" wolle ihn ermorden, dachten sie sich ihren Teil und kümmerten sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten.

 

Als der geblendete Riese am nächsten Morgen seine Schafe zum Weiden aus der Höhle hinauslassen musste, tastete er alle Tiere ab, um einen eventuellen Fluchtversuch der Männer zu vereiteln. Doch diese saßen nicht wie erwartet auf den Tieren, sondern hatten sich an deren Bauchfell festgeklammert und konnten so entkommen. Von seinem Schiff aus verhöhnte Odysseus den Zyklopen und verriet ihm seinen wahren Namen, was Polyphem zum Toben brachte. Er schleuderte riesige Steinbrocken in die Richtung der Griechen, aber es gelang ihm nicht, ihr Schiff zu treffen oder gar zu versenken.

Und was macht ein Riese, wenn er sich nicht mehr zu helfen weiß …? Er wendet sich an seinen Papa:

 

Gib, dass Odysseus, der Sohn des Laertes,

der Städteverwüster, der in Ithaka wohnt

nicht wiederkehre zur Heimat!

- und weiter:

Lass ihn spät, unglücklich und ohne Gefährten

zur Heimat kehren auf fremdem Schiff

und Elend finden im Hause.

(Odyssee, Neunter Gesang, Vers 530)

 

Papa Poseidon, der eh' nicht gut auf Odysseus zu sprechen war, machte diesem in den folgenden Jahren dann auch mit Freude jede Menge Scherereien.

Und so kam es, dass die Heimreise des Odysseus zu einer zehnjährigen Irrfahrt wurde …



Zyklopenküste

 

Auf dem Weg von Catania nach Taormina liegt das kleine Fischerdorf Aci Trezza und vor ihm die Isole dei Ciclopi, die Zyklopeninseln. Jene Felsbrocken also, die der Zyklop Polyphem auf das Schiff von Odysseus warf, ohne dieses jedoch zu treffen. Die Felsen ragen noch heute aus dem Meer und gaben der gesamten Küstenregion ihren heutigen Namen: "Riviera dei Ciclopi".

 

Und ehe die Sonne vor der sizilianischen Küste im Meer versinkt

möchte ich schnell noch Johann Wolfgang von Goethe zu Wort kommen lassen, der die Insel vor genau 225 Jahren bereiste, Homers "Odyssee" im Gepäck

- und mir aus der Seele spricht, wenn er schreibt:                   

 

Dass ich Sizilien gesehen habe,

ist mir ein unzerstörlicher Schatz

auf mein ganzes Leben.

 



s. a.