Wirkliche Abenteuer stoßen dem nicht zu, der zu Hause bleibt.

James Joyce (1882-1941)


Seniorenrabatt und Seemannsgarn. Teil 2

6. April 2010: Panamakanal und Regenwald

Beim Aufwachen um 5.30 Uhr sehe ich durch das Bullauge am Kopfende unseres Bettes, wie wir an mindestens 20 Schiffen vorbeifahren, alle hell erleuchtet und aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Sie warten darauf, durch den Kanal mit seinen drei Schleusenanlagen fahren zu können, und ich gehe davon aus, dass wir hier Vorfahrt haben. Weil Kreuzfahrtschiffe mehr für die Durchfahrt zahlen als beispielsweise kleine Frachter.

 

Eine durchschnittliche Passage kostet um die 54 000 US-$.

Die bisher höchsten Kanalgebühren zahlte am 16. Mai 2008 das Kreuzfahrtschiff "Disney Magic" mit 331 200 US-$. Etwas billiger war das im April 1928 für den US-Amerikaner Richard Halliburton, der als erster Mensch den Panamakanal durchschwamm. Da nur einem Wasserfahrzeug die Durchfahrt gestattet werden konnte, stufte die Kanalbehörde Halliburton nach dem Schiffsmaß "Tonnage" ein, und er durfte für 36 US-Cent passieren. In acht Tagesetappen bewältigte er die Strecke inklusive aller Schleusen.

 

Regulär dauert die Durchfahrtszeit für ein Schiff acht bis zehn Stunden, wegen des starken Verkehrs heute aber durchschnittlich zwölf Stunden.

 

Wir sehen uns die Fahrt durch die Miraflores Locks von unserem Balkon aus an, haben so einen exklusiv-nahen Blick auf die "Muli" genannten Treidelloks, die unser Schiff durch die Schleuse ziehen und es in der Schleusenkammer gegen die Strömungen beim Wasserein- und -auslass stabilisieren.

 

Der Kapitän hat für einige Stunden den Hubschrauberlandeplatz am Bug der "Constellation" freigegeben, und das nützen wir, um die Fahrt durch die Pedro Miguel Locks hier quasi an vorderster Front mitzuerleben.

 

Auf die dritte Schleusenanlage, die Gatun Locks haben wir zugunsten eines Landganges in Panama verzichtet, daher werden wir auf dem Gatun See ausgetendert und fahren per Bus in den Regenwald von Gamboa, während unser schwimmendes Hotel seinen Weg zum Atlantik fortsetzt.

 

 

Gamboa wurde im Jahr 1911 gegründet, um nicht-weißen Arbeitern am Panamakanal Wohnstätten zur Verfügung zu stellen. Heute ist der Ort eine "sleepy town", in der selbst die Agutis ziemlich unbeweglich zwischen pastellfarbenen Holzhäusern sitzen. Hauptattraktion ist das "Gamboa Rainforest Resort", eine großzügige und gleichzeitig gemütliche Hotelanlage mitten im Dschungel. Hier besteigen wir die "Aereal Tram", eine Seilbahn durch den ersten Stock des Regenwaldes.

 

Der Ranger, der uns durch Gamboa führt, heißt Rosalita und ist eine liebenswerte, hübsche junge Frau. Ihre weißen Zähne blitzen, die Augen strahlen und die großen Ohrringe aus Kokosnussschalen tanzen, wenn sie uns voller Begeisterung von Schlangen erzählt, Termitennester zeigt und die Fruchtstände verschiedener Bäume erklärt. Bedingungslos kaufe ich ihr ab, dass wir alle heute sehr glücklich sind, weil wir viele Tiere sichten: Affen, Leguane und Tukane. Das sei nicht immer der Fall, meint Rosalita und freut sich, während sie uns in diese fremde, exotische Welt entführt: die orangefarbenen Blüten eines "Mayflower" genannten Baumes sind zum Greifen nah, riesengroße, saftig-grüne Blätter von Schlingpflanzen klettern in die Höhe ans Licht, Orchideen und Bromelien begleiten unseren luftigen Weg, und tief unter uns spiegelt sich eine Palme in einem kleinen, braunen Teich.

Hier möchte ich eine Woche lang bleiben und botanisieren dürfen, aber leider ist unsere Fahrt nach etwa einer Stunde schon vorbei, und nach Besichtigung der zur Anlage gehörenden Tiergehege und Orchideenzucht machen wir uns auf den Rückweg zu unserem Schiff, das in Colón auf uns wartet.

 

 

Hier am Cristobal Pier ist die Hölle los, das totale Kontrastprogramm zum Dschungel: es ist laut, es wird getanzt und gesungen und musiziert. An Hunderten von Ständen werden Hüte und Handarbeiten aus Panama verkauft, daneben aber auch jede Menge Kitsch und Krempel aus aller Herren Länder; schließlich sind wir hier in einer Freihandelszone. Und alle wollen nur unser Bestes: dinero.

Das geben wir nach unserer gelungenen Flucht aus diesem Hexenkessel jedoch lieber woanders aus, nämlich für einige eisgekühlte Martinis in der gleichnamigen Bar unserer "Constellation". Und die Welt ist wieder in Ordnung.

 

7. April 2010: Seetag mit einem Blick in die Kombüse

Mit 8 Knoten (Höchstgeschwindigkeit unseres Schiffchens sind 24!) unterwegs in Richtung Kolumbien. Mein Highlight heute: die Küchentour, zu der auf Einladung von Maître Pascal Mullier aus Frankreich etwa 70 Leute gekommen sind.

Ein Glas Champagner am Anfang, in Schokolade getauchte Erdbeeren sowie Pralinen am Schluss, dazwischen die Tour, die nach insgesamt zehn Minuten leider schon zu Ende ist.

Was hängengeblieben ist: eine riesige Küche im Bauch des Schiffes, enge Gänge. Laut, obwohl gegen 10 Uhr morgens definitiv kein Hochbetrieb herrscht. 120 Köche arbeiten hier, sind täglich 14 Stunden im Dienst. Ohne Pause, drei Wochen lang. Das Essen wird so weit wie möglich vorbereitet (gebacken wird nachts) und bei Bestellung durch die Kellner stets frisch zubereitet. Monitore halten die Bestellungen fest, damit bei Hunderten von Mittags- und Abendessen niemand den Überblick verliert und die Gäste nicht lange warten müssen. Oft erreichtes Ziel: 1000 Essen in 40 Minuten … Respekt!

 

8. April 2010: Überfall auf Cartagena

Cartagena de Indias ist die Stadt mit den meisten Touristen und die sicherste und bestbewachte Stadt in ganz Kolumbien. Das komplett ummauerte alte Stadtzentrum mit Festungsring wurde 1984 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und wir ahnen warum, als wir durch die engen Gassen laufen: dicke alte Mauern und Holzbalkone, überwuchert von Bougainvillea. Spanische Kirchen mit bunten Glasfenstern und schattigen Kreuzgängen, die Festung San Felipe …

sehen können wir von dem Ganzen allerdings nicht viel, denn wenn auch nur ein Kreuzfahrtschiff von der Größe der "Constellation" um die 2000 Touristen gleichzeitig ausspuckt und diese überfallartig den Ort besuchen, dann wird’s eng, und von Beschaulichkeit kann keine Rede mehr sein.

Folgerichtig ist auch unser Einkauf streng organisiert: in Las Bóvedas, dem ehemaligen Gefängnis, dessen Gewölbezellen zu Shops, Cafés und Galerien umgebaut wurden, wird den Fahrgästen unseres Buses die Zelle Nummer 18 zugewiesen. Nur hier sollen wir einkaufen, und viele halten sich tatsächlich daran.

Ein Kaltgetränk, fünf Minuten Folklore, ein Sammelhut … das Los aller Kreuzfahrer auf kurz bemessenen Landgängen mit Stadtbesichtigung. Zum Abschluss der Besuch eines auf die hiesigen Smaragde spezialisierten Schmuckgeschäftes. Aber da haben John und ich uns schon längst ausgeklinkt und unternehmen unser eigenes Programm ...

 

Cartagena de Indias: Blick von der Festung San Felipe. Mehr Bilder beim Klick aufs Foto

 

 

Später an Bord beobachten wir ein Schiff, das längsseits festgemacht hat und nun ganze Berge von Schrott und Müll aufnimmt. Ja, unseren Müll hinterlassen wir tatsächlich den Kolumbianern, und da soll sich jetzt bitte jeder mal selbst seine Gedanken zu machen!

 

17 Uhr, und unsere letzte Sail-Away Party. Am Pool auf Deck 11. Mit Gin Tonic und Reggae-Music in den Sonnenuntergang …

 

9. April 2010: Piraten der Karibik

Kapitän Pagonis gibt Gas, und mit mindestens 100 Knoten pflügen wir durch die Karibik, lassen die Bugwelle hoch aufschäumen und halten vergebens Ausschau nach Jack Sparrow und seinen Piraten. Aber wir sichten mehrere Kreuzfahrtschiffe und Tanker, einige Delfine, eine leere Ketchup-Flasche und einen Fußball. Ist doch auch was!

 

Abends wieder große Show im Theater, diesmal ein farbenfrohes Spektakel mit Tänzen und Liedern aus aller Welt. Davor und danach einige hervorragende Cocktails in der Champagner Bar. Komisch nur, dass unser Boot heute so schwankt - und das, obwohl der Kapitän sämtliche Stabilisatoren eingesetzt hat …

 

10. April 2010: Verwirrung an der Theke

Die Crew unseres Schiffes kommt aus 64 verschiedenen Ländern. Alle sind professionell, nett und freundlich, aber unser spezieller Freund ist Getränkesteward Colin. Colin kommt aus Jamaica, und wenn er mit seinem unvergleichlichen, leicht x-beinigen Gang über Deck 10 schlurft, uns mit seinem herzlichen, breiten Lächeln begrüßt oder meinen Mann grinsend fragt: "Hi Boss, where’s the Princess?", dann muss man ihn einfach gern haben.

Mit Cocktails kennt Colin sich aus, und er weiß sie auch gut an den Mann und die Frau zu bringen; schließlich verdient er 15% an jedem verkauften Getränk. Wollen wir jedoch ausnahmsweise einmal nüchtern bleiben, dann ist Colin auch nicht böse und hält stattdessen einen kleinen Schwatz mit uns. Um gleich darauf wieder mit seinem Getränketablett unterm Arm nach neuen Opfern Ausschau zu halten …

 

Abends im Selbstbedienungsrestaurant "Seaside" sorgt ein unbekanntes "Kükenerbsen-Curry" für Verständnislosigkeit bei den deutschen Gästen. Klärung bringt dann der englische Name des Gerichts, das da "Chickpea-Curry" heißt. Und chickpeas sind schlicht und ergreifend Kichererbsen.

 

11. April 2010: On The Road Again

Ausschiffung in Miami. Etwas mehr Engagement hatte ich mir da schon vorgestellt: eine Crew, die Spalier steht und uns mit Tränen in den Augen nachwinkt, ein Käpt’n, der zum Abschied das Schiffshorn ertönen lässt, dazu die Bordkapelle, die uns ein letztes Ständchen bringt … doch nichts von alledem!

Um Mitternacht schon hat man unser Gepäck abgeholt, und damit scheinen auch wir selbst nicht mehr existent zu sein. Time is money, deshalb wurden auch bereits gestern neue Bettwäsche in unserer Suite deponiert und frische Bademäntel für die nächsten Gäste. Aber wenigstens unsere alten Bademäntel hat man uns für die Morgendusche noch gelassen, und Bernard verteilte zum Trost eine doppelte Ration Betthupferl.

 

Ankunft in Miami; ein letzter Blick durch das Bullauge in unserem Schlafzimmer

 

Ab jetzt müssen wir ohne Personal leben und bestimmen auch unseren Kurs wieder selbst. Und das ist gut so!

 

 

 

 

 

mehr Fotos von unserer Kreuzfahrt

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