Überall Gletscher und Schnee und Eis zwischen den Gipfeln, und mächtige Moränen nach dem Fjord. Das sind die Urkräfte selbst in ihrer Entfaltung, Wasser und Stein, Schwere und Frost.

Fridtjof Nansen (1861-1930) in "Spitzbergen"

 

Eine Frau erlebt den Polartag. In sieben Tagen um Spitzbergen

01.32 Uhr: Anflug auf Spitzbergen

24. Juli 2014: EIN SCHIFF WIRD KOMMEN

Ankunft in Longyearbyen um 2 Uhr morgens. Es ist taghell, und daran wird sich auch in den nächsten Tagen nichts ändern. Der Polartag dauert hier vom 20. April bis 22. August, und die knapp 2000 Einwohner der Inselhauptstadt haben gelernt, damit umzugehen. Viele Fenster sind mit Alufolie verhängt, den sogenannten "Svalbard-Gardinen".

Svalbard ("kühle Küste"), so nennen die Norweger seit 1920 die Inselgruppe, die aus den Hauptinseln Spitsbergen, Nordaustlandet, Barentsøya, Edgeøya und Prins Karls Forland besteht.

 

Die Gardinen in unserem gemütlichen, historischen "Spitsbergen Hotel" sind zum Glück nicht aus Alufolie, sondern aus einem dicken, schön gemusterten Stoff in blau-grünen Tönen. Auf Socken schlurfen wir durchs Haus, denn die Schuhe mussten wir im Eingangsbereich ausziehen. Seit den Zeiten der Bergarbeiter ist dies so üblich hier auf Spitzbergen, und auch beim Besuch des Svalbard Museums und der Galerie müssen unsere Schuhe draußen bleiben.

 

Als wir um 16 Uhr mit 197 anderen Passagieren auf der "MS Fram" einschiffen, kommt zum ersten Mal die Sonne heraus. Ich sehe es als ein gutes Omen für die Umrundung Spitzbergens, denn nicht immer ist diese Tour möglich. Auch jetzt im arktischen Hochsommer kann uns das Eis noch einen Strich durch die Rechnung machen. Aber wir sind sicher, dass Arild Hårvik, unser Kapitän, das schaffen wird; schließlich ist die 2007 in Dienst gestellte Fram als jüngstes Schiff der Hurtigrutenflotte speziell für Entdecker-Seereisen in der Arktis und Antarktis konzipiert, hat Eisklasse 1B und ist mit den modernsten technischen Standards ausgerüstet.

 

Erster Stopp ist in Barentsburg, der 1932 gegründeten russischen Bergarbeitersiedlung. Auch heute noch wird hier der Kohlebergbau betrieben, aber er wird immer unrentabler. Und so versprüht der Ort denn auch einen ziemlich morbiden Charme mit seinem baulichen Verfall, mit zugenagelten Fenstern und den unebenen Wegen aus Betonplatten.

Aber die Siedlung, die seit über einem Jahr ein ziemlich starkes Bevölkerungswachstum erlebt, will in Zukunft auf Tourismus und Forschung setzen. Die ersten Gebäude sind schon renoviert und frisch angemalt, der Souvenirladen im Kulturzentrum verkauft grellbunte Matrioschka-Figuren, Modell-Samoware, Uniform-Mützen mit rotem Stern und ähnlichen Kram, und die hölzerne Kapelle aus dem Jahr 1996 quillt über vor liebevoll drapiertem, aber billigem religiösen Kitsch.

 

Nach dem Abendessen an Bord rundet ein Schlummertrunk auf dem Aussichtsdeck diesen interessanten ersten Tag ab.

 

25. Juli 2014: ALLER ANFANG IST SCHWER

Erster Tagebucheintrag heute: "Fühle mich leicht überfordert von dem heutigen Programm mit Sicherheitsübung und Instruktionen, mit Jacken- und Gummistiefel-Anprobe, zwei Anlandungen und dem ganzen Drumherum. Warum hört sich das alles so kompliziert an?"

 

Letzter Tagebucheintrag heute: "Was für ein großartiger Tag!!!"

 

Ny Ålesund liegt auf 78°55´ nördlicher Breite und ist damit eine der nördlichsten Siedlungen der Welt. Auch die Geschichte dieses Ortes begann mit dem Steinkohlebergbau, der jedoch nach einem Grubenunglück 1963 eingestellt wurde. Bald entstand die Idee, die vorhandenen Gebäude für eine Polarforschungsstation zu nutzen, und nach 1968 entwickelte sich Ny Ålesund zu einem internationalen Forschungszentrum, in dem auch das deutsche Alfred Wegener-Institut vertreten ist.

Bekannt ist der Ort zudem für die Nordpol-Expedition von Amundsen, Ellsworth und Nobile, die hier 1926 mit einem Luftschiff starteten. Der Hangar existiert nicht mehr, aber man kann zu dem Mast wandern, an dem das Luftschiff festgemacht wurde. Wobei man sich immer bewusst sein sollte, dass in der nächsten Minute ein Bär daherkommen könnte. Ohne ein Gewehr oder einen bewaffneten Begleitschutz sollte man sich nicht auf den Weg begeben.

 

Das Interessanteste für die meisten Besucher ist aber offensichtlich das nördlichste Postamt der Welt. Nachdem man im Souvenirshop (Schuhe ausziehen, bitte!) Ansichtskarten und Briefmarken gekauft hat, kann man im alten Postamt einen Souvenirstempel auf die Karte drücken, ehe man diese in den Briefkasten einwirft. Nur 7 Tage brauchten unsere Karten von hier nach Deutschland … meiner Meinung nach ziemlich rekordverdächtig!

 

Am späten Nachmittag (Zeit spielt hier keine Rolle; es ist ja rund um die Uhr hell) erleben wir unsere erste "nasse Anlandung". Das bedeutet: auf Durchsage der Expeditionsleiterin Karin runter auf Deck 2 in den Schiffsbauch, wo die ganzen Ausrüstungsgegenstände lagern, von Thermoanzügen bis hin zu Kajaks. Gummistiefel und Schwimmweste anziehen und dann in ein bereitstehendes Polarcirkelboot steigen. An der Anlandungsstelle hat das 12köpfige Expeditionsteam schon alles vorbereitet: eine Aussteigehilfe aufgestellt, Fähnchen für den Weg gesteckt und Eisbärwachen mit Gewehr postiert. Dass alle erst vor kurzem Schießübungen gemacht und mit Bravour bestanden haben, versteht sich von selbst.

Wir haben Glück und können bei strahlendem Sonnenschein im Magdalenefjord an der geplanten Stelle bei Gravneset landen. Von majestätischen Bergen und großen Gletschern gesäumt, ist er einer der schönsten Fjorde Svalbards. Ein Walfängerfriedhof mit 130 Gräbern, deren älteste in das frühe 17. Jahrhundert zurückdatieren, ist hier zu finden und die Reste von vier Blubberöfen, in denen die getöteten Wale verarbeitet wurden.

Wir wandern am Ufer längs, fotografieren bis die Speicherkarte glüht und lauschen den Erzählungen der aufgestellten Bären-Wachposten. Andere (unter ihnen John) haben sich per Kajak aufs Wasser getraut, und selbst von dem Angebot, ein Bad im Fjord zu nehmen, machen einige Gebrauch und stürzen sich mutig ins eiskalte Nass.

Zurück an Bord gibt’s für die Fotografin und den Kajakfahrer erst einmal Kaffee und Tee zum Aufwärmen, dazu ein Stück köstlichen Marmorkuchen.

 

Nach einem späten Dinner wollen wir kurz vor Mitternacht gerade in die Kojen kriechen, als Karins Stimme aus dem Bordlautsprecher ertönt: „Ladies and gentleman, we have the honour to tell you …“, und dann erzählt uns die Norwegerin von einer Herde von Walrossen, die wir Steuerbord voraus sehen können.

Also wieder in die Jacken und Schuhe und auf das Aussichtsdeck. Vor uns liegt die Insel Moffen, und auf dieser eine Anzahl von winzig kleinen Walrossen. Zum Glück haben wir ein gutes Fernglas dabei, so dass wir die Tiere beobachten können, denn näher ran dürfen wir nicht. Die flache Insel ist Naturschutzgebiet und den Tieren vorbehalten.

 

Trotz Mitternachtssonne schlafen wir dann irgendwann ein, um von unserem ersten Eisbären zu träumen …

 

Ny Ålesund am Kongsfjord

26. Juli 2014: WHAT A WONDERFUL WORLD

"Das wird ein richtiger Entdeckertag heute" hat Karin uns versprochen. Bereits kurz vor 6 Uhr stehe ich dick eingepackt mit zwei anderen Frühaufsteherinnen am Bug der Fram, und bei 2 Grad Celsius fahren wir durch eine Zauberwelt aus Wasser und Eis. Die umliegenden Berge mit ihren Schneefeldern haben sich mit einem weißen Wolkenband geschmückt, während wir uns im Liefdefjord langsam der fünf Kilometer langen Front des Monacogletschers nähern. Stille. Ab und zu eine Dreizehenmöwe. Eisschollen treiben auf uns zu. Dann … ein Schuss. Noch einer. Es ist der Gletscher, der diese Töne von sich gibt. Einen Abbruch (das sogenannte "Kalben") des Gletschers können wir heute zwar noch nicht verfolgen, aber dafür entdecken wir zwei Bartrobben auf treibenden Eisschollen. Glücksgefühle pur; so muss Arktis sein!

 

Nach dem Frühstück, während wir im NUNAMI Bistro ein bisschen Rummikub spielen, plötzlich die Durchsage über Lautsprecher: "Eisbär voraus!" John und ich agieren automatisch und wie ein lange eingespieltes Team: während ich mit Kamera und Teleobjektiv auf das Aussichtsdeck eile und einen Platz in der vorderen Reihe belege, geht er schnell in die Kabine zurück, um Mützen, Jacken, Handschuhe und das Fernglas zu holen.

Tagebucheintrag: "10.30 Uhr: erste Eisbärsichtung!!!"

 

© Morten Hilmer

 

Das Tier läuft langsam am Strand entlang und erschreckt eine Schar Gänse, hat jedoch kein Jagdglück und entfernt sich anschließend langsam über einen Hügel. Nach etwa einer Stunde gerade wieder in der Kabine die nächste Durchsage: eine Eisbärmutter mit Kind … WOW!!!

 

Kurze Zeit später haben wir die riesige Freude, zwei der seltenen Blauwale beobachten zu können, die ungewöhnlich nahe an unser Schiff herankommen. Selbst die Biologen aus unserem Expeditionsteam sind begeistert, weil sie so etwas selten gesehen haben. Dass der Akku meiner Kamera sich verabschiedete, als die Tiere uns am nächsten waren, das schreibe ich jetzt aber nicht.

 

Und noch einmal haben wir Glück:

genau um 18 Uhr erreichen wir den 80. Breitengrad und damit auch die Packeisgrenze, die im Gegensatz zu den vergangenen Jahren wieder weiter südlich zu finden ist. Großes Dankeschön an Kapitän Arild Hårvik, der uns mit seinem Wissen und Können dieses Erlebnis ermöglichte!

Unsere genaue Position: N 80°27´  E 015°56´.

 

Aber damit noch immer nicht genug: das Expeditionsteam vertagt die für den Abend geplante Modenschau der Bordboutique und bietet spontan ein neues Highlight an: wir werden in dicke, warme Thermoanzüge gepackt, die uns wie ein Michelin-Männchen aussehen lassen, steigen in die Polarcirkelboote und fahren zum Rande des Packeises. Ein großartiges Erlebnis, in einem kleinen Boot zwischen riesigen Eisschollen hindurch zu manövrieren. Wir beobachten Dickschnabellummen mit ihrem Nachwuchs und Eissturmvögel, die sich hier offensichtlich wohlfühlen. In der Ferne einige Robben. Und wir staunen wie Kinder über die unwahrscheinlichen Formen und Farben des Eises, das da selbst bei bewölktem Himmel  durchsichtig glitzert, schneeweiß leuchtet oder in einem hellen Türkisblau schimmert.

 

Blau schimmern tut dann auch der "Blue Russian", den ich mir zur Feier dieses fantastischen Tages in der Observation Lounge QILAK (grönländisch für "Himmel") auf Deck 7 gönne.

 

27. Juli 2014: VON FORSCHERN UND WILDEN TIEREN

Soll nur ja niemand unsere Expeditions-Seereise mit einer Kreuzfahrt verwechseln! Auf der Umrundung Spitzbergens gibt es keine (Faulenzer-) Seetage, und Wetter-, Wind- und Eisbedingungen bestimmen das Tagesprogramm. Dabei hat die Sicherheit oberste Priorität, und der Kapitän legt den endgültigen Kurs während der Reise fest.

 

Heute geht es südwärts durch die Hinlopenstraße, eine Meerenge  zwischen den Inseln Spitzbergen und Nordostland, und zwei Anlandungen sind geplant.

 

Erste Anlandung in Kinnvika, einer erfolgreichen schwedisch-finnischen Forschungsstation im Murchisonfjord, die im Internationalen Geophysischen Jahr von 1957-58 errichtet wurde, um Phänomene wie Magnetismus und Polarlichter zu messen und zu beobachten. Die 11 Häuser der Station stehen aus Brandschutzgründen recht weit auseinander, so dass man den Eindruck einer kleinen Siedlung hat und sind in einem bemerkenswert guten Zustand.

Einige der Gebäude stehen offen, und rostige Heizungskörper, einige Stühle, alte Zeitschriften, sowie ein Nachttopf, eine leere Bierflasche und ein bisschen Geschirr auf einem Bord lassen uns ahnen, wie man hier lebte. Die Sauna soll das erste Gebäude gewesen sein, das errichtet wurde.

Zwischen den Hütten ein verrostetes, ausgeschlachtetes Kettenfahrzeug, einfache Schlitten und einige ungewöhnliche Gerätschaften, die uns Rätsel aufgeben.

 

Auch hier gelten für uns Besucher der Arktis die Richtlinien der AECO ("Association of Arctic Expedition Cruise Operators"), einem internationalen Zusammenschluss von Veranstaltern von Kreuzfahrten in arktische Gebiete. Die Grundregeln besagen: 

 

1. Hinterlassen sie keine bleibenden Spuren ihres Besuches (z. B. Abfall aller Art wie Zigarettenkippen, aber auch auf Steine oder Gebäude geschriebene Botschaften oder die Errichtung von Steinpyramiden)

2. Nehmen sie bitte nichts mit (also auch keine Steine, kein Treibholz o. ä. sammeln)

3. Stören sie bitte keine Tiere

4. Pflücken sie keine Blumen

5. Verändern sie keine Kulturdenkmäler (kulturelle Hinterlassenschaften wie Hütten oder Lagerplätze sind gesetzlich geschützt; nichts darf mitgenommen, berührt oder verändert werden)

6. Vorsicht vor den Eisbären (Eisbären sind gefährliche, aber auch empfindliche Tiere. Den Anweisungen des Reiseleiters ist unbedingt Folge zu leisten)

7. Respektieren sie die örtliche Kultur und Bevölkerung

8. Sicherheit (sich nie von der Gruppe entfernen. Als Hauptregel gilt auch hier: Anweisungen des Expeditionsleiters oder Reiseleiters unbedingt befolgen)

 

Alles kein Problem … nur fällt es mir arg schwer, Grundregel Nummer Zwei zu befolgen. Spitzbergen ist damit der einzige von mir besuchte Ort der Welt, von dem ich weder Steine noch Sand oder Pflanzenteile u. ä. mitbringen werde. Nicht einmal das winzigste Steinchen in den Profilsohlen meiner Gummistiefel fällt für mich als Souvenir ab, denn diese müssen nach jedem Landgang kräftig geschrubbt und desinfiziert werden. Die Fotos jedoch (sowohl die tatsächlich gemachten als auch die Bilder in meinem Kopf), die kann mir niemand nehmen.

 

Wie beispielsweise die Bilder vom Alkefjellet (Lummenberg), einem über 100 Meter hohen Vogelfelsen, an dem wir vorbeifahren. Vor allem Dickschnabellummen sind auf den steilen Basaltklippen zu finden, aber auch Eismöwen und Dreizehenmöwen. Schätzungen gehen von 60.000 Brutpaaren aus, und es herrscht ein lautstarkes und hektisches Treiben, ein stetiges Kommen und Gehen in der Kolonie.

 

Die zweite Anlandung des Tages findet in Torellneset statt. Grund: hier am steinigen Strand einer Landspitze im Südwesten von Nordaustlandet hält sich eine Herde von Walross-Bullen auf.

Wieder hat unser Expeditionsteam alles perfekt vorbereitet und im Abstand von etwa 50 Metern eine Reihe roter Fähnchen gesteckt; näher sollte man den Tieren nicht kommen, um sie nicht zu stören.

Als wir mit einem der letzten Boote anlanden, sehen wir schon die Linie der (Hurtigruten-) Blaujacken, die den Tieren gegenübersteht, sämtliche Fotoapparate gezückt. Um ordentliche Fotos zu machen ist für die meisten der Kameras die Entfernung zu groß, aber wir haben ja Morten Hilmer dabei, einen bekannten dänischen Naturfotografen. In seiner roten Expeditionsteam-Jacke liegt er bäuchlings auf dem Kies, sein ("Bazooka"-) Tele im Anschlag. Die DVD mit seinen besten Fotos dieser Reise ist am letzten Tag käuflich zu erwerben, das Interesse daran groß.

Mehr Informationen zu Morten auf seiner Homepage (Namen anklicken!) und auf seiner facebook-Seite.

 

Tagebuchnotiz:

"22.30 Uhr: unser vierter Bär in Sicht! Und wir schon im Nachtmodus. So schnell war Beate noch nie in den Klamotten: Jeans über den Schlafanzug, Socken an und Schuhe, dazu das Fleece, der Buff und die Regenjacke, Kamera in die Hand, cruise card um den Hals … und draußen ist sie auf Deck 5. John direkt dahinter, das Fernglas schon am Auge. 'Good reaction' meint Morten nur trocken, als er uns kurz nach ihm an der Reling stehen sieht. Und wir den Bären an Land …"

28. Juli 2014: WHAT DOES THE FOX SAY?

Um ein Uhr morgens weckt mich eine strahlende Sonne auf, die mir genau ins Gesicht scheint. Die Gardinen zuziehen kommt aber nicht in Frage; wir könnten ja etwas von dieser großartigen Landschaft verpassen, die da am Fenster unserer Kabine vorüberzieht.

 

Heute geht es durch den Freemansund zwischen Barentsøya und Edgeøya. Die Anlandung soll bei Kapp Lee auf Edgeøya stattfinden, und das Expeditionsteam verspricht eine "very wet landing". Die geplanten Wanderungen hören sich sehr anstrengend an, aber nur ein bisschen am Strand rumlaufen, das wollen wir auch nicht und beschließen, unseren day off zu nehmen: lesen, spielen, träumen oder einfach nur rumhängen … dazu hatten wir in den letzten Tagen eh' kaum Zeit.

Um 10.10 Uhr begeben wir uns bewaffnet mit Lektüre, Schreibkram und Fernglas auf das Aussichtsdeck und müssen feststellen, dass schätzungsweise die Hälfte der Passagiere auf dieselbe Idee gekommen ist, und die besten Plätze schon belegt sind. Dumm gelaufen.

 

Den Polarfuchs auf Kapp Lee haben wir damit auch nicht gesehen. Und schon gar nicht gehört, was er gesagt hat. Aber Morten brachte Fotos mit.

29. Juli 2014: FIRE AND ICE

Tagebucheintrag: "Burgerbukta im Hornsund. Was für ein großartiger Start in den Tag! Frühstück, und dann als erste Gruppe anlanden. Steine, Geröll, kleiner Möwenfelsen. Arktische Blümchen, Sonnenschein. Ein bisschen gewandert und bei der Rückfahrt mit dem Polarcirkelboot noch mal einen Umweg zum Gletscher gemacht. Wahnsinn! Wir fahren durch eine dickflüssige Eis-Suppe. Plötzlich ein Geräusch: der Gletscher hat gekalbt. Aber nur John hat es auch gesehen!"

 

Relaxen auf den Deckchairs unseres Balkons: das Treibeis ist richtig geschwätzig, es flüstert und raunt, es knistert und knackt. Wenn die kleinen Eisschollen von einer Bootswelle getroffen werden und das Wasser über sie hinweg schwappt, dann plätschert es wie in einem Bergbach. Atemberaubend, dieser Fjord!

 

Anstatt Mittagessen im Restaurant IMAQ (grönländisch für "Ozean") gibt es ein zünftiges Barbecue auf dem Aussichtsdeck. Die Sonne scheint, die Crew ist besonders gut drauf, auf dem Grill brutzeln Steaks und Würste … und wir sitzen am Heck der Fram, lassen uns die Köstlichkeiten des Buffets schmecken und sind verzaubert von der Atmosphäre um uns herum: majestätische Gipfel wie der Hornsundtind mit seinen stolzen 1429 Metern Höhe, Gletscher, Wasser und Eis.

 

Für 22.15 Uhr ist die "berühmt-berüchtigte Mannschaftsshow" in der Observation Lounge angekündigt, aber die muss verschoben werden, denn genau um diese Zeit kommen mehrere Seiwale in Sicht. Alles stürzt zu den Panoramafenstern, Ferngläser werden gezückt, Kameras klicken …

 

Die auf ihren Auftritt wartende Crew sieht es gelassen. Das ist sie gewohnt; schließlich sind wir auf einer Expedition und nicht auf einer Vergnügungs-Kreuzfahrt.

Schätzungsweise 90% der Mannschaft kommen aus den Philippinen. Die Mädels und Jungs haben alle mehrere Jobs zu erledigen, arbeiten gleichzeitig als Kellnerin und als Zimmermädchen, als Bootsführer und in der Küche. 12 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche, 6 bis 9 Monate am Stück. Dass sie daneben noch Zeit haben, für ihre Show zu trainieren und Choreos einzustudieren grenzt für mich an ein Wunder.

 

Gesungene Oldies, Gitarrenspiel, traditionelle philippinische und moderne Tänze … das Programm ist erstaunlich abwechslungsreich. Höhepunkt, die Performance zum electronic dance song des norwegischen Duos Ylvis "What does the fox say?" Und endlich weiß ich auch, was der Fuchs sagt, nämlich

 

Ring-ding-ding-ding-dingeringeding!
Gering-ding-ding-ding-dingeringeding!
Gering-ding-ding-ding-dingeringeding!

 

30. Juli 2014: SPITZBERGEN IN EINER NUSSSCHALE

Die Fram liegt in der Nähe des Alkhornet im kleinen Fjord Trygghamna ("sicherer Hafen") am nördlichen Eingang zum Isfjord auf Reede. Rolf Stange, der Spitzbergen-Experte, bezeichnet den Trygghamna treffenderweise als "Spitzbergen in einer Nussschale", denn hier konzentriert sich nahezu alles das, was ein Arktisbesucher sehen möchte: Berge und Gletscher, weite Tundra mit Rentieren und Eisfüchsen, ein Vogelfelsen und kulturelle Überreste aus den verschiedenen Epochen der Insel.     

 

Während meine bessere Hälfte heute wieder eine Kajaktour macht, habe ich mich entschlossen, die arktische Tundra zu erwandern. Einen Fuchs sehe ich zwar wieder nicht, aber dafür Rentiere und eine großartige Landschaft mit viel Grün und viel Wasser, mit Moosen, Flechten und Pilzen. Dazwischen jede Menge blühender Pflanzen: Hornkraut und Leimkraut, Hahnenfuß, Löffelkraut, Polarschaumkraut und die verschiedensten Steinbrecharten. Alle natürlich in arktischer Größe von etwa 1 bis 8 cm Höhe, so dass ich mich zum Fotografieren ständig vor der Vegetation auf die Knie werfen muss. Und wiederholt feststelle wie weise es von mir war, heute Morgen die Regenhose anzuziehen.

Das einzig Negative: die zwei Stunden Landgang waren viel zu kurz für diesen eindrucksvollen Teil des "Nationalparks Nördlicher Isfjord".

 

Unsere Reise nähert sich langsam dem Ende, und nachdem sich am späten Nachmittag die Besatzung der Fram schon offiziell von uns verabschiedet hat, kreuzt Kapitän Hårvik noch einmal durch die überwältigende Berg- und Gletscherwelt von Sassenfjord und Tempelfjord.

Vor der imposanten Kulisse des Tempelfjell nehmen wir dann auch unser Abendessen ein, um anschließend langsam nach Longyearbyen zurückzuschippern.

 

Um 1 Uhr morgen früh werden wir die MS Fram verlassen müssen, denn auf dem Airport wartet schon eine Maschine der Air Berlin nach Düsseldorf  …  

Umrundung Spitzbergens; 24. - 30. Juli 2014

Strecke: 1022 NM = 1892,74 Kilometer

© Hurtigruten

 

Last not least, ein großes Lob auf unser internationales Expeditionsteam:

WELL DONE! THANK YOU!!!

© Morten Hilmer (Dänemark); von links: Manuel (Chile) ... ? ... Karin (Norwegen), Kristian (Grönland), Tomasz (Polen), Thomas (Norwegen), Friederike (Deutschland), Atle (Spitzbergen), Ina (Norwegen), Andrew (Kanada). Liegend: Ralf (Deutschland)

... und ein Film von Hurtigruten über die Spitzbergen-Umrundung:

Quellen; zum Weiterlesen:

 

 

Hurtigwiki

 

Spitzbergen-Seite von Rolf Stange

© travelmaus.de

 

"Spitzbergen ... das größte Labor der Welt?" nennen die Travelmäuse Anni und Dagmar ihren Bericht, den sie voller Begeisterung für unsere Reise geschrieben haben.

 

Vielen Dank für diese interessante Ergänzung ... und für das nette Bild!

 

 

 

 

Buch von R. Stange

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Buch von Christiane Ritter

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Buch von Marie Tièche

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Nachtrag:

Elke Lindner und Kay Meister:

Die kleine Spitzbergenflora. Porträts interessanter Pflanzen des Archipels

 

Das Buch beschreibt informativ und auch für botanische Laien verständlich die arktische Flora und ihre Lebensräume. Mit vielen Abbildungen, Glossar, Index und Literaturverzeichnis ziemlich konkurrenzlos; allerdings im Hinblick auf Klebebindung und Hersteller/Verlag ("Books on Demand") mit 20 Euro kein Schnäppchen.

Manfred Hausmann: Bis nördlich von Jan Mayen. Geschichten zwischen Kopenhagen und dem Packeis

 

Der Autor (1898-1986), der ein umfangreiches Werk hinterließ, ist ziemlich aus der Mode gekommen. Auch die 13 Geschichten des vorliegenden Bandes wirken 36 Jahre nach Erscheinen teilweise leicht angestaubt, vermitteln aber ganz gut die (damalige) Atmosphäre vor allem auf Spitzbergen. Und die reduzierten Zeichnungen von Eva Kausche-Kongsbak sind eh' zeitlos gut.

 

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis

 

Das Drama der "Payer-Weyprecht-Expedition".

 

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