Ich habe keine Lust, Verse zu schreiben,

also zünde ich die Räucherpfanne an

mit Myrrhe, Jasmin und Weihrauch,

und die Verse wachsen in meinem Herzen

wie Blumen in einem Garten.

 

nach einem Schüler des persischen Dichters Hafis (14. Jh.)

Die Tränen Allahs. Auf den Spuren des Weihrauchs unterwegs im Dhofar

Vorbemerkung: alle Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern

Schon in der Antike war der Oman weltberühmt für seinen Weihrauch, und auch heute noch kommt die beste Qualität aus der  Provinz Dhofar im Süden des Landes. Hier im kargen Wüstenklima wächst der Weihrauchbaum (Boswellia sacra) in 300 bis 800 Metern Höhe, und hier nahm der Weihrauchhandel seinen Ausgang.

 

In der grandiosen Bergwelt kurz hinter Mughsayl finden wir die ersten Weihrauchbäume. Aber "finden" ist der falsche Ausdruck. Wenn uns unser Fahrer und der guide nicht darauf hingewiesen hätten, wären uns die ziemlich unspektakulär aussehenden, um diese Jahreszeit meist kahlen Bäume nie aufgefallen.  

"Tränen Allahs" wird der Weihrauch im Oman genannt, und man benutzt ihn für alles Mögliche: zum Reinigen der Raumluft, zum Ausräuchern von Kleidern,  als Kaugummi-Ersatz, Aphrodisiakum und als Glücksbringer für frisch vermählte Bräute. Die besten Weihrauchstücke werden nicht verbrannt, sondern in Wasser eingelegt. Die milchige Flüssigkeit, am frühen Morgen getrunken, soll gut gegen Krankheiten sein und für ein gutes Gedächtnis.  

Von den billigen, aromatisierten Kirchen- Weihrauchmischungen unserer Kindheit ist dieser Weihrauch so weit entfernt wie der Oman von Deutschland. Mindestens.

Weihrauch ist das Harz des Weihrauchbaums. Der Stamm wird auf eine ganz bestimmte Weise eingekerbt, und die daraus austretende milchige Flüssigkeit verfestigt sich schnell gummiartig. Sie bleibt ungefähr 14 Tage lang am Baum. Erst das Harz, das der Baum nach einer dritten Einkerbung liefert, ist qualitativ gut und wird vermarktet. Geerntet wird ab April etwa drei Monate lang, und die getrocknete Ernte wird ab Oktober verkauft. Je nach Alter liefert ein Baum bis zu 10 Kilogramm luban, wie das Weihrauchharz in Arabien genannt wird. 

Al Baleed im Osten von Salalah war wie auch das bekanntere Sumhuram eine der blühenden omanischen Hafenstädte, die im Mittelalter den Südostasienhandel betrieben und Weihrauch verschifften. 1995 begann ein deutsches Archäologenteam hier im Auftrag der UNESCO mit den Ausgrabungen.

Direkt neben der riesigen, als Archäologiepark konzipierten Ausgrabungsstätte finden wir das höchst informative "Museum of the Frankincense Land". Mit wertvollen Fotografien, alten Zeichnungen, historischen Dokumenten, beeindruckenden Ausgrabungsfunden und anschaulichen Modellen präsentiert es das Sultanat als historische Seefahrer-und Handelsnation. Hier erstaunt es uns nicht mehr, dass der Weihrauch damals so wertvoll wie Gold war.

 

Leider darf im Museum nicht fotografiert werden, aber dafür finden wir auf dem Parkplatz einige Weihrauchbäume, die gleichzeitig Blätter, Blüten und Früchte tragen.

Die Weihrauchstraße - eine der ältesten Handelsrouten der Welt - führte vom Dhofar über die wichtigen Handelsstationen Sanaa, Mekka und  Medina. Bei Petra teilte sie sich in einen nördlichen Weg  zum Mittelmeerhafen von Gaza und in einen östlichen, der nach Damaskus führte. Nach Berichten antiker Autoren benötigten Kamelkarawanen 100 Tagesmärsche für die 3.400 km lange Strecke zwischen dem Dhofar und Gaza.

 

Aber es lohnte sich, denn der Weihrauch war im Altertum hoch begehrt und verhalf Südarabien zu großem Reichtum. Von Herodot wissen wir, dass allein in Babylon zu Ehren des Gottes Baal pro Jahr mehrere Tonnen Weihrauch verbrannt wurden. Die Ägypter nutzten das getrocknete Harz als aromatisches Räucherwerk, für Salben und zur Wundbehandlung, und auch das römische Imperium war ein großer Abnehmer. Hippokrates und andere Ärzte setzten den Weihrauch zur Wundreinigung ein, gegen Krankheiten der Atemwege und bei Verdauungsproblemen. Auch die halluzinatorische Wirkung von Weihrauch war antiken Priestern durchaus gut bekannt.

Etwa 70 Kilometer östlich von Salalah liegt die Stadt Mirbat, mit 6000 Einwohnern einer der größeren Orte des Dhofar. In Mirbat legten im 17. Jahrhundert Schiffe aus Indien an, und Kamelkarawanen brachten die indischen Gewürze über die Weihrauchstraße ins Landesinnere. Erst nach dem Untergang anderer Hafenstädte an der arabischen Küste erreichte Mirbat seinen Höhepunkt, und im 18. Jahrhundert war die Stadt das letzte große Handelszentrum für den dhofarischen Weihrauch.

 

 

7000 Tonnen Weihrauch werden jährlich  in der Provinz Dhofar produziert, und in der Hauptstadt Salalah ist der einzige Weihrauchbasar Arabiens zu finden.

Der DuMont Reiseführer "Oman" (2., aktualisierte Auflage 2013) nennt als Preis für 1 Kilogramm des preiswertesten (braunen) Weihrauchs etwa 20 Euro. 1 Kilo heller Weihrauch kostet demnach etwa 42 Euro, und für die beste Qualität, den  selten erhältlichen, grünlich-klaren "Hojari frankincense" muss man angeblich um die 70 Euro auf die Theke des Basars legen.

Die Preise liegen jedoch höher, denn sowohl der Bestand an Boswellia-Bäumen als auch die Anzahl der Weihrauchernter nimmt ständig ab, und der Weihrauch erfährt zurzeit einen kräftigen Preisanstieg, vor allem bei den hochwertigsten Sorten. So kann ein grüner Weihrauch auch schon mal 200 Euro das Kilo kosten.

 

Handeln ist auf dem Weihrauchbasar erlaubt, findet aber offensichtlich nur in geringem Ausmaß statt. Die Händler wissen, was sie verkaufen, und ihre Kunden sind bereit, für gute Ware auch gutes Geld zu geben.

 

Zum Ausklang ein kleiner Spaziergang durch den Weihrauchbasar in Salalah. Hier raucht und duftet es an allen Ecken und Enden, wenn es auch nicht immer Weihrauch ist, der verbrannt wird, sondern oft Bakhoor. Aber das ist eine andere Geschichte …