Camping ist der Zustand, in dem der Mensch

seine eigene Verwahrlosung als Erholung empfindet.
Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser (*16. 02. 1960)

 

Camperleben im Eigenheim

 

"Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung" …? Nicht bei uns, seit über einer Woche schon nicht mehr! Wenn es draußen noch dunkel ist (und das ist es im März um sechs Uhr noch), dann beginnt schon ein munteres Auf und Ab im Treppenhaus. Mittendrin unsere beiden Hunde, reichlich verwirrt ob der neuen Verhaltensweisen ihrer Herrchen.

 

Camper und Eigenheim oder Camperleben im Eigenheim?

 

Angefangen hatte alles mit einem Schimmelfleck im Wohnzimmer, der nach fachmännischer Inspektion verlangte. Fachmann kam und stellte fest, dass im darüberliegenden Bad die Wände leicht feucht sind. Aber noch kein Grund zur Besorgnis. Wir sollen ruhig in unseren geplanten Urlaub fliegen, in der Zeit unserer Abwesenheit aber vorsorglich den Haupthahn der Wasserleitung zudrehen. Nach dem Urlaub werde man dann weiter sehen.

 

So lange ließ uns das Haus aber keine Zeit: am darauffolgenden Wochenende schon (natürlich am Wochenende; so etwas passiert ja nie an Werktagen!) zeigte es uns den Stinkefinger, wie das eine Freundin sehr drastisch, aber passend ausdrückte. Der Keller stand unter Wasser, es tropfte von der Decke, und die Wand war nass.

Zum Glück hat der Installateur unseres Vertrauens einen Notdienst, der uns dann auch aus unserer Not half und die Leitungen, die Bad und Küche mit Frischwasser versorgen, absperrte. Der Meister sah sich noch einmal das Bad an, die Wanne, die Dusche – und schüttelte bedenklich den Kopf. Er könne jetzt auch nicht feststellen, woher genau das Wasser komme, und da müsse jetzt ein Leck-Orter ran.

 

"Leck-Orter", ich hatte richtig gehört! Dieser Beruf existiert tatsächlich und ist anscheinend sehr gefragt, denn es bedurfte einiger Telefonate, um den Kollegen für den übernächsten Tag auf den Plan zu rufen. Beeindruckend: von Thermographie und Suchgasverfahren bis hin zu Endoskopie, Nebelmaschine und der akustischen Ortung von Rohrbrüchen reicht das Spektrum der technischen Möglichkeiten der Firma. Einen Suchhund, der statt verschütteter Menschen oder geschmuggelter Drogen mit seiner feinen Nase verborgene Austrittsstellen von Wasser erschnüffeln kann, den gibt es laut Internetauftritt auch.

 

Ich mache es kurz: der Suchhund ist mittlerweile 11 Jahre alt und im wohlverdienten Ruhestand, und der Meister und sein Equipment sind bei Ankunft schon leicht im Feierabend-Modus: erst versagt die Thermokamera, dann ein kleiner Computer. Akku leer! Also fährt der Herr der Technik schärferes Geschütz auf und schleppt auf seinen breiten Schultern eine riesige Gasflasche in den ersten Stock. Absperrhähne im Keller wieder geöffnet, Flasche per Schlauch an einen Wasserhahn angeschlossen und die Fühler eines kleinen Gerätes unter die Badewanne geschoben. Es piepst, und auf dem Display tanzen grüne und gelbe Balken.

Der Meister zu mir: "Da, schauen Sie mal!" Ich schaue … und verstehe nur Bahnhof. "Salmei, Dalmei, Adomei" … endlich weiß ich, wie Catweazle sich gefühlt haben muss.

 

Für den Suchgas-Experten ist die Sache klar: unsere Leckage kommt von der Zirkulationsleitung. Toll! Wusste gar nicht, dass wir eine solche haben. Beziehungsweise hatten, denn die ist ja nun kaputt. Und so dreht der Meister wieder die Absperrventile im Keller zu, packt seine vier Handwerkskoffer und die Aktentasche zusammen, schultert die Gasflasche und macht sich auf den Nachhauseweg. Nicht, ohne sich vorher einen Bericht von mir unterschreiben zu lassen, den er am nächsten Tag an den Installateur schicken will. Damit dieser dann tätig werden und das Leck stopfen kann.

 

 

Glücklicherweise verfügen wir wegen der nur teilweisen Absperrung des Wassers noch über ein funktionierendes Gäste-WC im Parterre und über eine Not-Dusche im Keller. Da sich unsere Waschsachen und Klamotten im ersten Stock befinden, fügt sich das Ganze vor allem am frühen Morgen auf wunderbare Weise zusammen, um via Treppenhaus unsere Fitness zu steigern und die Haustiere zu verwirren.

 

Nun erleben wir täglich ein ganz besonderes Campingabenteuer, eine Herausforderung an Pioniergeist und Erfindungsgabe. Und langsam, aber sicher verändert unser Haus sein inneres Gesicht: an den Waschbecken stehen Plastikdosen mit Reinigungstüchern und Flaschen mit Wasser zum Zähneputzen, eine zweite Spülschüssel wurde gekauft und der Kellerraum um die Dusche herum aufgeräumt und anschließend "wohnlich" gestaltet.

 

Spülen …? Putzen …? Kein Problem! Da weder Wasserkocher noch Putzeimer unter den Hahn im kleinen Handwaschbecken des Gästeklos passen, steht hier jetzt ein hilfreicher kleiner "Schöpfkrug". Und nachdem ich gestern eine ganze Geschirrspüler-Ladung von Hand abgewaschen habe, sind wir seit heute Besitzer von Einweg-Geschirr; auf die Umwelt kann ich unter den momentanen Umständen leider keine Rücksicht mehr nehmen!

 

Ach ja: ausgerechnet der Chef der Leck-Ortungsfirma hatte den Absperrhahn der Zirkulationsleitung nicht wieder richtig zugedreht. Folge: eine ganze Nacht lang tropfte es wieder im Keller. Mittlerweile ist auch der Estrich feucht, und langsam lösen sich die Fußbodenfliesen. Und wir warten weiter auf den Installateur …

 

Das Leck in der Zirkulationsleitung befindet sich übrigens hinter einer großen Eckbadewanne, die raus muss; desgleichen die Dusche. Dabei werden beide mit größter Wahrscheinlichkeit kaputt gehen. Da zudem die Fliesen im Handel nicht mehr erhältlich sind, steht wohl eine komplette Badsanierung an. Auch der Fußboden im Keller muss nach Trocknung erneuert werden.

Wir richten uns also gedanklich darauf ein, für Monate auf einer Baustelle zu leben:

wenn wir etwas machen, dann richtig!

MEN AT WORK

 

Camper sind bekannterweise kontaktfreudige und gesellige Menschen, und auch wir machen da keine Ausnahme. In der vergangenen Woche begrüßten wir mehr Fremde in unserem Haus als sonst in einem halben Jahr: gleich mehrere Installateure, einen Leck-Orter und nacheinander zwei Vertreter unserer Gebäudeversicherung. Wobei der zweite einen ganz besonderen Eindruck hinterließ:

 

Herr T. kommt pünktlich und schiebt seinen Kugelbauch durch die Wohnungstür. Schwarzer Anorak, darunter eine Reporter-Weste in Khaki und ein weinrotes Hemd. Nicht mehr ganz taufrisch und mit zwei dicken Fettflecken drauf. Meine erste Idee: wenn die Versicherung so zahlt, wie ihre Mitarbeiter rumlaufen, dann bleiben die Rechnungen für die ganze Sanierung an uns hängen.

 

Auf Anhieb entdeckt Herr T. unsere Buddhastatue aus Java und fühlt sich dadurch ermutigt, mir schon im Flur seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen: seine Frau ließ sich von ihm scheiden, und er stürzte sich in die Arbeit. Überstunden selbst an Weihnachten. Burn Out, damit kurz vor der Einweisung in die Psychiatrie. Aber er hat rechtzeitig die Kurve gekriegt und sich einen Erholungsurlaub auf Sri Lanka verschrieben. 62 Jahre ist er jetzt alt und will dieses Jahr wieder auf die Insel ...

 

Nur mit Mühe und Not kann ich ihn davon überzeugen, dass er sich mal den Schaden ansehen soll, denn schließlich ist er deswegen ja gekommen. Er sieht, macht Fotos (das hat sein Kollege S. auch schon getan!) und füttert mich mit neuen Erzählungen aus seinem aufregenden Arbeitsleben als Versicherungsmann. Der immer dann ran muss, wenn die Kollegen keine Lust haben. Langsam beginne ich mich zu fragen, welcher Teufel uns vor Jahren geritten hat, uns ausgerechnet für diese Versicherung zu entscheiden.

 

Trotzdem unterhalte ich mich blendend mit Herrn T., der eifrig seinen Bericht ausfüllt, dabei dieselben Fragen wie sein Kollege S. vor drei Tagen stellt und anschließend empfiehlt, dass wir jetzt erst einmal einen Leck-Orter hinzuziehen.

WIE bitte …??? Hat ihm das der Herr S. nicht berichtet? Oder war etwa das Funktelefon (O-Ton Herr T.) vom Kollegen außer Betrieb?

 

Wie auch immer: ich scheine Herrn T. ausgesprochen sympathisch zu sein, denn jetzt läuft er zu Höchstform auf. Dies muss getan werden und jenes und alle Trockenbauwände raus. Die Mauern müssen abgeklopft, mit Fungizid behandelt und wieder beigeputzt werden. Dann muss der Maler kommen. Der Elektriker. Und das alles bezahlt natürlich die Versicherung, wenn Herr T. das so aufschreibt.

In letzter Sekunde kann ich den Übereifrigen gerade noch von der Notiz zurückhalten, dass das ganze Haus abgerissen und neu gebaut werden muss. Und jetzt hoffen wir, dass der Chef unseren Fall genauso sieht wie sein Außendienstler, dass die Versicherung den Schaden problemlos anerkennt und möglichst schnell die Kohle rüberwachsen lässt.

 

Zwei Wochen nach Beginn der Geschichte: die Bautrockner lärmen, und wir treten erst einmal unseren wohlverdienten Urlaub an:

REIF FÜR DIE INSEL!

Freitag, den 04. 04. 2014


Seit gestern zurück aus dem Urlaub auf Lanzarote, wo wir zwölf Tage lang in einem (größtenteils) funktionierenden Ferienhäuschen am Meer logierten, ergaben die heutigen Messungen der Leck-Ortungsfirma, dass in Bad und Wohnzimmer noch eine gewisse Restfeuchte vorhanden ist. Das bedeutet: zwar wurden einige Trockner abgebaut, aber der im Bad lärmt weiterhin, und auch die "Heizplatte" im Wohnzimmer versieht ihren Job ausgesprochen tüchtig.

 

Und so leben wir unser Camperleben im Eigenheim jetzt weiter, ab heute aber in einem Wüstencamp: die Luft ist staubtrocken, und in allen Räumen herrschen Temperaturen zwischen 26,5 und 27,3 Grad Celsius; so warm hatten wir es noch NIE in unserer Hütte! Und wir müssen Fenster und Türen geschlossen halten …

Sonntag, den 6. April

 

Morgen sollen trotz laufender Bautrockner Badewanne und Dusche rausgerissen werden, also hieß es heute, das Bad komplett ausräumen.

Dabei funktionierten wir unser Gästezimmer zum Lager für Toilettenpapier, Waschzeug und Kosmetika um;

als erfahrener Camper weiß man sich schließlich immer zu helfen. Irgendwie …

Dienstag, den 8. April

 

Ehe mein Lieblingsinstallateur (der junge Meister, der Oskar immer alle seine Handgriffe erklärt, manche von Euch erinnern sich vielleicht …!?) also, ehe der gestern in seinen wohlverdienten Feierabend entschwand, meinte er, er habe das Wasser jetzt wieder angestellt und gab die Parole aus: immer tüchtig Wasser zapfen und laufen lassen, um alles durchzuspülen und ein eventuelles drittes (richtig gelesen! bis jetzt sind es schon zwei!) Leck zu orten.

 

FREUDE!!! Ich muss nicht mehr in den Keller zum Duschen! Und brauche fürs Spülen nicht mühsam Wasser im Gäste-WC zapfen und per Wasserkocher erhitzen, sondern erhalte die heiße Flüssigkeit gleich aus dem Hahn!!! LUXUS PUR!!!

 

Voller Freude mache ich mich über das schmutzige Geschirr her (es ist übrigens ganz schön viel, weil wir am Wochenende fröhlich gekocht und dabei kein Plastikgeschirr benutzt haben), und was fällt mir ein, nachdem ich fast fertig bin ...? Dann funktioniert ja auch die Spülmaschine wieder!!!

Hab' sofort alles fallen lassen und die Reste in selbige gepackt. Und die spülte dann tatsächlich für mich; ich konnte es kaum fassen!


 

Damit ist unser Camperleben im Eigenheim zu Ende, denn was jetzt kommt, das sind nur noch Peanuts:

Fliesenleger, Wieder-Einbau von Dusche und WC (die große Wanne musste glücklicherweise nicht raus!), Elektriker, Maler … wir sind für alle(s) offen!