Es war einmal ...

Märchen, Geschichten und Legenden aus aller Welt

 

Legenden und Märchen sind oft näher an der Wirklichkeit

als amtliche Verlautbarungen.
(Heinrich Albertz, 1915-1993)

 

AUSTRALIEN. Geschichten aus der Traumzeit

Wann immer es möglich ist, bringe ich von meinen Reisen Märchenbücher bzw. -hefte mit. Wobei ich die Erfahrung machte, dass die englischsprachigen Ausgaben meist viel verständlicher sind als die ins Deutsche übersetzten. Wie im vorliegenden Fall sind die übersetzten Geschichten oft kaum wiederzuerkennen, in einem sehr schlechten Deutsch geschrieben, dazu stark und sinnentstellend gekürzt und vor Übersetzungsfehlern strotzend. Und damit mehr ein Ärgernis denn ein Vergnügen.

 

Dabei sind die Schöpfungsgeschichten, wie sie die Anangu erzählen, hochinteressant.  

Die Geschichte von der Pythonfrau Kuniya hörte ich am Fuße des Uluru, und mit der Erzählung unseres Pitjantjatjara Guides Wally wurde sie auch für uns lebendig.

 

Für die ersten Australier versteinerte nach der Schöpfung (die wir die „Traumzeit" nennen) das ganze Epos, und Eingeweihte können noch heute die Spuren der Geschichten erkennen und lesen.


Wir sahen die Spur des Grabstocks, mit dem Kuniya sich gegen einen feindlichen Liru Mann wehrte und dessen Blut als Flecken auf dem Felsen. Wir sahen den gespaltenen Felsblock, der einst der Körper der Kuniya war, und die Grasbüschel, zu denen ihr Haar wurde. Wir sahen Pulari und ihr Kind als Steine vor einer Höhle und das Blut eines jungen Kriegers, aus dem ein Wasserloch entstand ...

 

NAMIBIA. Eine traditionelle Geschichte vom Volk der San

Das Leben im afrikanischen Busch war friedlich, und alle Tiere sprachen dieselbe Sprache bis die ersten menschlichen Lebewesen auftauchten. Der Löwe war Grasfresser, die Giraffe hatte einen kurzen Hals, und der Elefant beschützte das Königreich der Tiere vor Gefahren.

 

Die Tiere lebten in einem großen Krater, in dem das Gras und die Bäume das ganze Jahr hindurch grün waren. Die Regen waren sanft und ausreichend, und der Himmel war voller Vögel, die auf dem Wind dahinritten und herrliche Lieder sangen.

 

Dann kam eine Bedrohung aus dem Norden. Menschen holzten die Wälder ab und stauten die Flüsse. Der Regen kam nicht mehr, und das Gras wurde gelb. Die Bäume verloren ihre Blätter, und die Luft wurde staubig und trocken.

Die Götter wurden zornig, und der Elefant schaute besorgt auf sein Königreich, denn das Paradies wandelte sich. Auf der Suche nach Nahrung wurde der Löwe zum Jäger, die Hyäne zum Aasfresser, der Schakal zum Dieb, und die Giraffe ließ sich einen langen Hals wachsen, um die letzten Blätter hoch oben in den Bäumen erreichen zu können. Und als die Sonne verschwand, begann das Warzenschwein in Felslöchern und Höhlen zu leben.

 

Der Elefant war sehr traurig und verließ die Gegend, um Hilfe zu suchen. Als er ging, wanderten auch viele andere Tiere aus, um ein neues Paradies zu suchen.
Auf seinen Reisen traf der Elefant die Buschleute und freundete sich mit ihnen an. Er war beeindruckt von der Stärke und Intelligenz dieser Menschen und lud sie ein, mit ihm zu leben.

Der Friede wurde wieder hergestellt, und auch die Götter ließen sich wieder nieder. Die Regen kamen zurück, das Gras wurde grün, und die Tiere wurden fett.
Aber der Löwe blieb ein Jäger, die Hyäne ein Aasfresser und der Schakal ein Dieb.

 

LAOS. Der Tiger geht in Rente

Vor langer Zeit gab es einen wunderschönen Wald mit großen Bäumen, breiten Flüssen und dichtem Dschungel voller verschiedener Arten von Tieren. Es gab Krokodile und Bären und Hirsche und Kaninchen und Eichhörnchen und Vögel und Schlangen. Und der König dieser Tiere war - natürlich - der Tiger.

 

Eines Nachmittags rastete der Tiger im Schatten eines großen Baumes, als er plötzlich einen Hirsch vorbeilaufen sah.
Der Tiger lächelte. „Das ist mein Abendessen".
Der Tiger sprang auf und lief hinter dem Hirsch her.
Normalerweise können Tiger einen Hirsch fangen. Aber alte Tiger sind nicht so schnell. Alte Tiger verlieren an Geschwindigkeit. Und dieser Tiger war alt. Er rannte und rannte, aber der Hirsch rannte auch.
Der Tiger war müde. Er konnte den Hirsch nicht fangen. Der war zu schnell.
„Vergiss es", sagte der Tiger. „Ich geb's auf!" ...

 

So fängt das laotische Tiermärchen an. Der Tiger, der nicht mehr so gut rennen kann, und dessen Augen und Ohren schwächer werden, ruft seine Untertanen zusammen, um ihnen mitzuteilen, er werde sich jetzt im Alter in eine Höhle zurückziehen um zu meditieren. Da er geistig aber noch sehr fit sei, wäre er gerne bereit, weiter für sie als ein guter und gerechter Richter zu agieren.

 

Als erste besuchen ihn ein Vogel und ein Kaninchen in seiner Höhle, um ihn um Rat zu fragen. Und der alte, weise Tiger schlichtet ihre Streitigkeiten.
Indem er beide einfach auffrisst ...

 

INDIEN. Geschichten von Krishna

Der Hinduismus, die drittgrößte Religion der Welt, kennt Hunderte von Göttern, um die sich zahllose Legenden ranken.

indische Götter-Comics

 

Um diese Götter-Geschichten vor allem Kindern näher zu bringen, bedient man sich in Indien häufig der Darstellung als Comic. In diesen „Götter-Comics" werden die alten Geschichten sehr anschaulich und einfach wiedergegeben - informativ auch für uns Nicht-Hindus und darüber hinaus ein interessantes und ungewöhnliches Souvenir.

Krishna (Scan einer Postkarte)

 

Krishnas Jugend


Krishna, die achte und populärste avatara (Herabkunft, Inkarnation) des Gottes Vishnu ist der beliebteste Gott der Hindus, weil er im Gegensatz zu den extremen Kulten anderer Gottheiten (Magie, Okkultismus, Askese, Yoga, Sexual- und Blutriten) ein Gott der Gnade ist, dem die Gläubigen in hingebender Liebe (bhakti) zugetan sind.

 

Das Erdenleben Krishnas spielt im Hirtenmilieu um Mathura und am Fürstenhof von Dwarka in Gujarat. Schon als Krabbelkind war Krishna stets zu Streichen aufgelegt. Er hängte sich an den Schwanz eines Kalbes und ließ sich von ihm über die Wiese ziehen.
Etwas größer geworden, stibitzte er den Hirtinnen Milch und Quark um beides mit den Affen des Waldes zu teilen. Als seine Pflegemutter einmal abgelenkt war, zerschlug er mit einem Stein das Butterfass, den darin gefundenen Butterklumpen teilte er sich wieder mit den Affen.
In heiterem Spiel mit Hirten und Hirtinnen wuchsen Krishna und sein Bruder Balarama im Brinda-Wald (Vrindavana) auf, und Krishna wurde zu einer strahlenden Erscheinung, den die Hirtinnen zunehmend verliebter ansahen.
Auch Krishna veränderte sich, und seine Streiche wurden amouröser. Als er einmal am Ufer der Yamuna badende Frauen sah, stahl er unbemerkt deren Saris und kletterte mit dem Bündel auf einen Baum. Und rückte die Kleidungsstücke erst dann heraus, als jede einzelne der gopis (Hirtinnen) zu seinem Baum gekommen war, um ihn darum zu bitten.

 

Aber niemand konnte Krishna böse sein. Wenn er auf seiner Bambusflöte spielte, dann kamen sogar die scheuen Waldtiere heran, um in seiner Nähe zu sein. Und wenn er den Reigentanz anführte, dann glaubte jede Frau, er tanze allein mit ihr - so sehr waren alle in seinen Bann gezogen. Er tändelte mit 84000 Geliebten, aber seine Favoritin blieb stets die Hirtin Radha.

 

Krishnas Liebschaften schmälerten auch keineswegs seine Göttlichkeit und übernatürliche Kraft; Dutzende von Wundertaten werden ihm zugeschrieben.
So rettete er die Hirten von Mathura vor dem Untergang. Weil diese dem Gott Indra nicht genügend Ehre erwiesen, drohte er, sie samt ihren Herden durch Regenfluten zu vernichten. Da hob Krishna den Berg Govardhana sieben Tage lang mit dem kleinen Finger wie einen Schirm hoch, um darunter Menschen und Tiere vor den himmlischen Wassern zu schützen. Am Ende gab Indra sich besiegt und zog sein Wolkenheer zurück ...