Die Gesellschaft setzt sich aus nur zwei großen Klassen zusammen:

die einen haben mehr Mahlzeiten als Appetit,

die anderen weit mehr Appetit als Mahlzeiten.
Nicolas Chamfort (1741 – 1794)


Essen auf Rädern

 

Meine letzte Reise mit der Deutschen Bundesbahn liegt zwar schon einige Jahre zurück, und meine Erfahrungen mit der Bordgastronomie sind vielleicht veraltet. Ich erinnere mich - ungerne - an viel Verpackungsmaterial, an Pappbecher und Styropor, Plastik und Folien. Und an die überteuerten, faden Gerichte darin. Aber das Personal war meist freundlich.

 

Ganz anders meine Erfahrungen mit dem "Essen auf Rädern" in anderen Ländern. Gut, unsere Bahnreisen im Ausland fanden nicht gerade in der Holzklasse statt, und die Entfernungen waren meist auch größer als die in Deutschland zurückgelegten … aber diese kulinarischen Highlights auf Schienen hätte ich nie erwartet.

Ich denke da an:

 

Australien 2006

Wir sind mit dem legendären

"The Ghan" unterwegs von Alice Springs nach Adelaide, womit eine Strecke von 1.559 Kilometern vor uns liegt. Bei einer Durchschnitts-geschwindigkeit von 85km/h sind das etwa 20 Stunden. Aus meinem Reisebericht "Songlines":

 

Unser Zugbegleiter, der reizende Nathan, reißt mich aus meinen Erinnerungen an das Red Centre und bittet zum Sunset Dinner in den vornehmen Speisewagen, wo Getränke und Speisekarte vom Feinsten sind. Leider steht auf der Karte kein vegetarisches Gericht, aber ich bin ja ein pflegeleichter Vegetarier und bitte das Personal um einen Teller mit Beilagen. Woraufhin der Koch in seiner kleinen Bordküche extra für mich einen fantastischen Gemüseteller mit Süßkartoffeln zaubert: perfekt gegart, liebevoll arrangiert - und das beste vegetarische Essen, das ich in ganz Australien hatte.



Südafrika 2011

Rundreise mit Rovos Rail. Ein rollendes Fünfsternehotel ist unser Zug, die Reise vergleichbar einer Kreuzfahrt - mit Verpflegung fast rund um die Uhr.

 

Im Gegensatz zu einer Kreuzfahrt ist hier jedoch alles inklusive, auch sämtliche Getränke: von wunderbaren einheimischen Weinen zum Essen bis zu den exklusiven Spirituosen im Barwagen.

Beim fantastischen Frühstück, das keine Wünsche offen lässt, geht es unkompliziert zu, aber fürs Dinner darf man sich ruhig etwas aufbrezeln. Alles ist stilvoll und perfekt: blütenweißer Damast, teures Porzellan und Kristall, schweres Silberbesteck ... von den Speisen ganz zu schweigen. Schon arg dekadent, wenn man bedenkt, dass sich hinter den heruntergezogenen Rollos des Speisewagens ein Land befindet, in dem Mangel und Armut oft an der Tagesordnung sind.

 

Da ist es gut zu erfahren, dass die Reste der Mahlzeiten wenigstens nicht weggeworfen werden, sondern dass altes Brot, Salat und Obst an Scharen von vernachlässigten Tieren verfüttert werden, die von Familie Vos aufgenommen wurden: Gänse und Enten, ein Strauß, ein Pfau, ein Emu und einige Gazellen.

 

Kanada 2012

In zehn Stunden mit dem Zug von Québec nach Toronto; Umsteigen in Montreal.

Wunderbares Frühstück mit Cereals, Joghurt und frischem Obst, mit einem perfekten Rührei, Rosmarinkartoffeln, etwas Gemüse und Kaffee bis zum Abwinken.

Nach Montreal dann zum Mittagessen Tortellini mit Kürbis und Zucchini, total lecker und al dente. Dazu ein guter, ehrlicher Rotwein - und zum Nachtisch ein hervorragendes Stück Kuchen.

 

Da könnte sich die Deutsche Bundesbahn mal eine Scheibe von abschneiden. Die meisten Airlines sowieso!

 

Auf dieser Zugfahrt war ich so zufrieden und glücklich über die nicht erwarteten Köstlichkeiten, dass ich gar nicht mitbekommen habe, was man meinem nicht vegetarisch lebenden Mann servierte. Aber ich bin sicher, es war genauso gut! 

... das war mein Beitrag zur (Blog-)Parade Essen auf Reisen


Kommentare

Diskussion geschlossen
  • Tina (Sonntag, 20. Januar 2013 10:28)

    Absolut interessant, diese Erfahrungen! Man sollte nur noch in Kanada öffentliche Züge benutzen :-)
    Der Rovos Rail ist ja eine "Unterkunft" und kein Transportmittel...;-)
    Essen auf Rädern...der Titel ist auch gekonnt gewählt...Das einzige Essen, was schlimmer ist, als das der DB ist dann das, was tatsächlich unter Essen auf Rädern unterwegs ist zu alten,gebrechlichen
    Menschen, die sich nicht mehr wehren können gegen das, was man ihnen auftischt...

    Tina

  • Hedi (Sonntag, 20. Januar 2013 20:10)

    Das ist ein schöner Zug von dir, uns diese Menüs zu servieren!
    Solche Essen auf Rädern lasse ich mir gern gefallen. Möge es dir und uns allzeit gut schmecken!

  • Anni (Montag, 21. Januar 2013 11:29)

    Hallo Beate, beim Lesen kamen mir die Gedanken, dass ich in Zukunft auf keinen Fall mehr mit einem Flugzeug reisen sollte, denn diese tollen Speisen habe ich da noch nicht erlebt, erst recht nicht im
    eigenen Wohnmobil :-)!
    Deine Idee, Essen auf Rädern/Reisen so zu präsentieren, ist absolut Spitzenklasse! Dann mal weiterhin Guten Appetit Dir und allen Lesern! LG Anni

  • mamaildi (Montag, 21. Januar 2013 15:31)

    Mit dem Zug gereist (also gereist im wirklich engeren Sinne) bin ich noch nie, nur immer Bahn gefahren um von A nach B zu kommen. Wobei mir in jungen Jahren das nötige Kleingeld in der Urlaubskasse
    fehlte, um den Luxus Speisewagen goutieren zu können und später dann meine Ansprüche das Angebot überstiegen...

    Solches Reisen wie du es hier beschreibst ist völliges Neuland für mich, bin mir aber nicht sicher, ob mir das liegen würde. Bin ja auch nicht so der Kreuzfahrer, wäre einfach mal einen Versuch wert.
    Diese Art Essen auf Rädern klingt jedenfalls seeeeehr verlockend :-P

  • Andreas (Dienstag, 26. Februar 2013 19:05)

    Hallöchen Beate,
    nun habe ich zum wievielten male Deine exclusive HP angeklickt und komme aus dem "Klicken, Lesen und Staunen" nicht heraus! Nun bezieht sich mein Kommentar ausschließlich auf Deinen Beitrag zur
    (Blog-) Parade und bin von diesem in so fern begeistert, weil ich eine Bordgastronomie auf der Schiene noch nie in Anspruch nahm. Im fernen Land bewegte ich mich entweder zu Fuß, per Motorkraft, per
    Anhalter oder mit dem Flieger! Mit dem Zug hatte ich noch nichts am Hut! Umso interessanter Deine Erlebnisse, die zu lesen mir viel Freude bereiteten! Es ist wohl an der Zeit, hier mal einen
    Schnupperkurs zu absolvieren.
    Beste Grüße aus Sachsen von Andreas

Mein Koffer nach der Tour mit VIA Rail Canada