Weilt der Gast auch nur kurze Zeit,

so sieht er doch viel.

mongolisches Sprichwort

3. Nomadentum und Gastfreundschaft

 

Auch wenn sich das Leben vieler Nomadenvölker (seien es die Samen in Europa, die Massai in Ostafrika oder die Tuareg in der Sahara, um nur einige zu nennen) in den letzten Jahren rasant verändert hat, so gibt es sie immer noch, die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Nomaden.

 

Gastfreundschaft gehört zu den unumstößlichen Grundwerten aller Nomadenvölker und ist ihnen heilig. Freundlich öffnet man sein Zelt für den Fremden, bietet einen Platz am wärmenden Feuer und Nahrung.

Aber man erwartet auch als Gegenleistung einen Nutzen. Der größte Nutzen: ein Gast bringt Abwechslung in das einsame Leben der Familie in der Steppe. Und vor allem mit dem immer stärker wachsenden Tourismus bringen Gäste auch Geschenke oder gar etwas Geld.

 

Die Mongolen, seien sie noch Nomaden oder schon sesshaft, gelten als eines der gastfreundlichsten Völker der Welt. Selbst bei den urban lebenden Erben Dschingis Khans ist die Tradition, einen Fremden freundlich willkommen zu heißen, noch weitgehend lebendig.

Auf einer dreiwöchigen Rundreise durch die Mongolei lernten GUIDO, mein Schweizer Freund aus der GEO-RC, und seine Frau Bernadette die Gastfreundschaft der Bevölkerung kennen. Guido erlaubte mir großzügig, Auszüge und Fotos seines Reiseberichtes hier zu veröffentlichen.

4. GUIDO: mongolische Gastfreundschaft

Melken der Stuten

Besuch bei einer Nomadenfamilie

 

Ogi kam mit einer Einladung von einer Nomadenfamilie zurück die uns mit vergorener Stutenmilch, Airag, überrascht. Airag ist das traditionelle Nationalgetränk der Mongolen. Die wichtigsten Tiere der Mongolen sind die Pferde. Sie dienen nicht nur als Reittiere, auch die Stutenmilch hat einen besonderen Stellenwert.

 

Herstellung: Die durch ein Tuch gesiebte Milch wird in einen fassgroßen, offenen Sack aus Rindsleder (Khukhuur) gegeben, welcher normalerweise neben dem Eingang der Jurte hängt. Alternativ wird ein Fass aus Lärchenholz (Gan) oder heutzutage auch eine Kunststofftonne verwendet. Darin wird die Milch mit einem hölzernen Stampfer (Buluur) einige Zeit kräftig umgerührt. Dieser Vorgang wird anschließend regelmäßig wiederholt. Es ist Tradition, dass jeder, der die Jurte betritt, kurz den Airag in seinem Gefäß umrührt. Wie beim Kefir erfolgt die Gärung aufgrund einer Kombination von Milchsäurebakterien und Hefepilzen. Durch das Umrühren wird eine gleichmäßige Fermentation sichergestellt. 

 

Airag erfrischt und prickelt auf der Zunge. Er enthält etwas Kohlensäure und bis zu 2% Alkohol. Der Geschmack ist leicht säuerlich, aber nach etwas Gewöhnung durchaus angenehm. Im einzelnen hängt er vom Futter der Tiere ebenso ab wie von der genauen Herstellungsmethode. Das Getränk ist für die Nomaden eine reichhaltige Quelle an Vitaminen und Spurenelementen. 

 

Die Gastfreundschaft gebietet, jedem Besucher eine Schale mit Airag darzureichen. Ein Mongole wird diese normalerweise austrinken, es ist aber auch in Ordnung, nur symbolisch daran zu nippen, und sie dann wieder zurückzugeben. Die Gabe ganz abzulehnen wäre aber grob unhöflich!

Das Hangai Gebirge

 

Heute bieten sich uns landschaftlich reizvolle Aussichten, trotz dem Regen. Stellen mit Lärchen und Birkenwäldern sowie vielen Wildblumen gibt es hier sowie erloschene Vulkane. Das Hangai Gebirge erstreckt sich 800 Km vom Westen nach Osten in die Zentralmongolei, und die meisten Berge sind etwa 2500m hoch über dem Meeresspiegel. Wir wandern zum ersten von acht Seen im Naiman Nuur N.P. im Boorgo Tal. Naiman Nuur bedeutet soviel wie acht Seen. Diese Seen sind vor Millionen von Jahren durch die Eruption von Vulkanen entstanden und bilden heute einen Teil eines Naturschutzgebietes.

gastfreundliche Nomadenfamilie

Zu Gast

 

Durchnässt und schmutzig kommen wir zu unserem Fahrzeug zurück. Wir werden von einer Nomadenfamilie eingeladen, unsere nassen und schmutzigen Kleider bei Ihnen in der Jurte zu trocknen, und bei ihnen zu übernachten. Sie kochen dann für uns mit unserem Proviant einen traditionellen mongolischen Nudeleintopf. Diese Familie wohnt nur im Sommer hier und führt noch einen kleinen Supermarkt. Während der übrigen Zeit kocht die Hausherrin in Bat Olzii in der Schulküche 1000 Mittagessen zusammen mit 4 anderen Frauen, und zusätzlich hundert Nachtessen für die Internatsschüler. In der Mongolei hat jeder Schüler das Anrecht auf ein warmes Mittagessen in der Schule. Etwa hundert Meter entfernt wohnen in einer anderen Jurte andere Familienmitglieder, die im Winterhalbjahr mit ihren Tieren dann wieder in ihr Winterquartier umziehen werden.

Yakkuh mit Kalb

Yaks

 

Den Nachmittag nutzen wir für einen Spaziergang und beobachten anschließend das Melken der Yaks. Die Milchgewinnung ist beim Yak gleichfalls deutlich aufwändiger als bei der Milchkuh. In der Regel muss die Kuh durch ein Kalb angerüstet werden. Der Melkvorgang macht dabei meist zwei Personen notwendig. In den meisten Haltungsgebieten werden Yaks nur einmal am Tag gemolken. Durch ein zweimaliges Melken kann zwar der Milchertrag gesteigert werden, der zusätzliche Arbeitsaufwand steht jedoch in keinem Verhältnis zur zusätzlich gewonnenen Milch.

eine Jurte entsteht

Fleißige Familie

 

Wir sind bei einer sehr fleißigen Familie zu Gast und dürfen dabei zuschauen, wie alle Familienmitglieder sehr flink und geschickt Scherengitter herstellen. 
Die Konstruktion der Jurte ist ebenso einfach wie genial. Aus biegsamem Holz gefertigte Scherengitter, deren einzelne Streben nicht mit Nägeln, sondern mit Lederstreifen zusammengehalten werden, bilden die Jurtenwand, die in jüngster Zeit oft auf einem Holzfußboden sitzt. Die Latten lassen sich scherenartig zusammendrücken und nehmen beim Transport nur wenig Platz ein. Stellt man eine Jurte auf, so zieht man die Gitter kreisförmig auseinander und lässt nur für den Türrahmen Platz. Man befestigt die stehenden Lattengitter mit Schnüren. Der Durchmesser der Jurte richtet sich nach der Zahl der verwendeten Scherengitter. Die einfach gehaltene, alltägliche mongolische Jurte besteht aus vier Scherengittern.
Das deutsche Wort Jurte stammt aus dem türkischen jurt, was soviel wie Zelt, Lagerplatz, Land, Heimat oder Wohnort bedeutet. Die Jurte ist die übliche Unterkunft nomadisierender Völker, sie ist gleichzeitig Haus und Heimat. Wie in der deutschen Sprache die Wörter Heim und Heimat untrennbar miteinander verbunden sind, so bedeutet auch Jurte beides für die Nomaden. Im Mongolischen heißt Jurte "Ger".

 

Feucht-fröhliche Nacht


Ein feucht-fröhliche und ziemlich laute Nacht steht uns bevor. Der Hausherr lädt noch drei Kollegen ein, und wir mit unserem Begleiter sind die Ehrengäste. Jetzt wird kräftig Mongol Arkhi getrunken. Dieses Getränk ist in der Mongolei besonders unter Männern sehr angesehen, da es traditionell den härtesten "Stoff" darstellt. Mongol Arkhi wird unverdünnt getrunken, normalerweise "auf ex".

Nachts um 02.00 Uhr ist dann Schluss.

Unglücklicherweise stolpert der Hausherr über unser Zelt und bleibt dort liegen und schläft. Da er ununterbrochen im Schlaf spricht, ist für uns das Schlafen nicht möglich. Ich hole dann Ogi aus der Jurte, doch er ist fast nicht wach zu kriegen. Doch am Ende gelingt es mir, und er kann den Hausherrn dazu bewegen aufzustehen. Am Morgen wurden wir dann gefragt was in der Nacht los war, denn niemand wusste mehr so genau, was letzte Nacht alles passiert ist. Als wir die Geschichte erzählten und wir erklärten, dass wir es lustig finden, brach ein Gelächter los. Die Verabschiedung fiel da sehr herzlich aus.

herzlicher Abschied

Freundlichkeit zu jeder Zeit kostet nicht viel.

mongolisches Sprichwort

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Guido für diesen interessanten Einblick in die Lebensweise der Mongolen.

 >>> alle Fotos aus der Mongolei: (c) Guido M.

 

Wer jetzt mehr von Guidos Erlebnissen lesen und weitere Fotos bewundern möchte, dem empfehle ich seinen

 

Reisebericht bei GEO

und

Guidos private Homepage

5. Gastfreundschaft im Zitat

 

Gastfreundschaft ist die Tugend,
welche uns veranlasst,
gewissen Menschen Nahrung und Obdach zu geben,
die beides nicht nötig haben.

Ambrose Bierce

 

Jemanden einzuladen heißt, sich um seine Fröhlichkeit zu kümmern

- und das jedes Mal, wenn er unter deinem Dach ist.

Jean Anthelme Brillat-Savarin

 

Alle Häuser würden nur Gräber sein, wären sie nicht für Gäste.

Khalil Gibran

 

Wenn die Gäste sich zu Hause fühlen, benehmen sie sich auch leider so.
Danny Kaye

 

Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn:
dass einer dem anderen Rast gebe
auf dem Weg
nach dem ewigen Zuhause
Romano Guardini

 

Der Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft ist:

das Feindliche im Fremden zu lähmen.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Als Gast bei einer Einladung sollte man vernünftig, aber nicht zu gut essen

- und man sollte gut, aber nicht zu vernünftig reden.

Sir Peter Ustinov

 

Wer mich besucht, erweist mir eine Ehre,
wer mich nicht besucht, macht mir eine Freude.

Henry de Montherlant

6. Gastfreundschaft im Gedicht

das Schloss von Cabrières, Südfrankreich

Während eines Unwetters sucht ein Kurier des Königs von Frankreich Schutz in einem Schloss und wird als Gast aufgenommen. Mit Schrecken erkennt der Gast die Räumlichkeiten wieder: er befindet sich bei einer Hugenottenfamilie, die von seinem katholischen König verfolgt worden war. Noch schlimmer: in diesem Schloss folterte er selbst vor einigen Jahren die Hausherrin zu Tode, weil sie sich weigerte, den Aufenthaltsort ihres Mannes zu verraten.

 

Der Kurier begibt sich in die Schlafkammer und verriegelt die Tür. Das Bild der damaligen Begebenheit "zwei Füße zucken in der Glut …" geht ihm jedoch nicht aus dem Kopf, und er steht Todesängste aus, weil er zu Recht vermutet, die Kinder des Schlossherrn hätten ihn erkannt.

 

Am nächsten Morgen betritt der Schlossherr das Schlafgemach des Kuriers durch eine geheime Tür und weckt ihn. Er begleitet ihn noch ein Stück auf seinem Weiterritt, bleibt dabei aber bedrohlich stumm und gibt ihm so zu verstehen, dass er ihn erkannt hat. Beim Abschied gesteht er dann, wie schwer es ihm fiel, den Gast als Mörder seiner Frau zu verschonen …

Hier das Original, eine großartige Ballade des Schweizer Dichters

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898):

 

Die Füße im Feuer

 

Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell,
und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann.

 

"Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!"
"Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich?

Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!"
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
droht hier ein Hugenott  im Harnisch, dort ein Weib,
ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild.
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft ...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal.
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

 

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt.
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.


"Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind's ... Auf einer Hugenottenjagd …
Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!'
Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt.
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf ...
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
tief mitten in die Glut. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt ...
Sie windet sich ... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich."
Ein tritt der Edelmann. "Du träumst! Zu Tische, Gast!"

 

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet;
ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an.

Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
springt auf: "Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!" Ein Diener leuchtet ihm,
doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr.

Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

 

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht. Dröhnt hier ein Tritt? Schleicht dort ein Schritt?
Ihn täuscht das Ohr. Vorüber wandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.


Er träumt. "Gesteh!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt ...


"Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!"
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

 

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedselge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
als kehrten Engel heim von einer nächtgen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräftgen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: "Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!" Der andre spricht:
"Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward
sein Dienst mir schwer ... Gemordet hast du teuflisch mir
mein Weib! Und lebst! ... Mein ist die Rache, redet Gott." 

                                           
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