Eine wahre Gastfreundschaft braucht nicht viele Worte.

Sprichwort der Arapaho (Indianer Nordamerikas)



7. Gastfreundschaft in der Natur

Erinnert sich noch jemand an die Geschichte von den Bienchen und den Blümchen? Ich meine die Original-Geschichte aus dem Biologie-Unterricht, nicht den Unsinn, der zum Thema im Netz kursiert.

 

Steinhummel; © Anne B.

 

Also: Bestäubung ist eine wichtige Voraussetzung zur Befruchtung und zur Samenbildung bei Pflanzen. Dabei werden die meisten Blütenpflanzen von Insekten wie Bienen, Hummeln und Schmetterlingen bestäubt.

 

Damit nun die Insekten auch kommen, werden sie von den Blüten mit leuchtenden Farben angelockt, mit Düften und mit Nektar, einer Art Zuckerwasser, das den Insekten als Nahrung dient. Den meisten Nektar bieten die Blüten schlauerweise dann, wenn ihre Staubgefäße und Stempel reif sind, denn so ganz uneigennützig sind die Gastgeber nicht: sie erwarten von ihren Besuchern, dass sie ihnen bei der Bestäubung helfen.

 

Machen wir es kurz: Insekt kommt, krabbelt in Blüte um Nektar zu trinken, und dabei bleiben Pollen (Blütenstaub) am meist haarigen Körper haften. Bienchen fliegt zum nächsten Blümchen, wo der mitgebrachte Blütenstaub an der klebrigen Narbe des Stempels hängenbleibt. Pollenkorn vereinigt sich mit Samenanlage (man nennt es Befruchtung), und es entwickelt sich ein Samen. Und aus diesem wachsen dann im nächsten Jahr neue Blumen.

 

Auch hier zeigt sich wie so oft die Natur als Vorbild und demonstriert das

Geben und Nehmen zwischen Gastgeber und Gast.

 

Gastfreundschaft in der Natur ...

dazu fielen mir spontan die großartigen Makro-Aufnahmen von ANNE ein, einer Freundin aus der GEO-Reisecommunity.

Danke Anne, dass ich hier einige Deiner Meisterfotos präsentieren darf!

 

 

Gastfreundschaft in Annes Garten:

zum Vergrößern bitte anklicken; alle Makros: © Anne B.

 

Mehr hervorragende Fotos (nicht nur Makroaufnahmen):

Annes private Homepage

und auf

Annes Seite bei der GEO-Reisecommunity

 

Gastfreundschaft in Südamerika und im Emsland

Meine Freundin Hedi lebte fünf Jahre lang mit ihrer Familie in Chile, wo sie als Lehrerin arbeitete. So lernte sie das Land und seine Menschen sehr gut kennen – aber auch andere südamerikanische Länder, die sie in der Ferienzeit bereiste.

 

Sie weiß Unmengen von interessanten und kurzweiligen Geschichten aus dem südamerikanischen Alltagsleben der 1970er Jahre zu erzählen, und man wird nicht müde, ihr zuzuhören. Was die Gastfreundschaft betrifft, so scheint sich in den vergangenen 30 Jahren nicht viel geändert zu haben.


Valparaíso, Chile: "mi casa es su casa"

 

Herzlichen Dank, liebe Hedi, dass Du für das Thema noch einmal in Deinen Erinnerungen gekramt und uns drei Geschichten aufgeschrieben hast. Ich bin stolz darauf, hier die Erstveröffentlichung präsentieren zu dürfen.

 

 

8. HEDI: Gastfreundschaft mit Hindernissen

Gast zu sein in Südamerika bedeutet: du bist König, bzw. Königin.

Du wirst mit Aufmerksamkeit überschüttet, die leckersten Köstlichkeiten werden ständig und in großer Menge serviert; dein Gastgeber sorgt nicht nur ununterbrochen für dein leibliches Wohl, nein, er hat etwas weit Kostbareres für dich: Zeit.

Chile

Ein ehemaliger Schüler, der – nebenbei bemerkt – seinerzeit in der Schule der größte Rabauke gewesen war, aber eine wundersame Wandlung durchlief, wenn man bei seinen Eltern zu Gast war und er mir dann aus dem Mantel half und Drinks reichte, also dieser ehemalige Schüler war im Jahre 2008 ein überaus erfolgreicher und beschäftigter Mann, nämlich Herr über ein großes Anwesen und Besitzer von 5000 Rindern und 400 Pferden. Der nahm sich nun einen ganzen Tag lang Zeit für seine ehemalige Lehrerin, fuhr mit ihr um den Lago Ranco, zeigte ihr seine ausgedehnten Besitzungen, sein Ferienhaus, lud sie zu sich nach Hause zum Mittagessen ein... Zeit. Das war ein großes Geschenk.

Ich wohnte bei seinen Eltern, die sich unglaublich um mich kümmerten; bei seinen Geschwistern war man auch ständig eingeladen und mit allem verwöhnt, was die chilenische Küche und der Weinkeller zu bieten hat. Mein besorgter Gastgeber tauchte dann meist noch mit einem Korb voll duftender empanadas – Teigtaschen mit leckerster Füllung – zusätzlich auf. Es hätte ja vielleicht nicht reichen können...

Dieser gut 10tägige Besuch in La Uniòn hat, so fürchte ich, den Grundstock zu einer tiefgreifenden Umgestaltung des Inhaltes meines Kleiderschranks gelegt. Adiòs, Kleidergröße 38.

Uruguay

Gastfreundschaft erfährt man allerdings nicht nur bei wohlsituierten Leuten, Gott bewahre.

So hatten wir in unserem VW-Bus am Rande eines Feldes in Uruguay genächtigt, um am nächsten Morgen ja nicht die Fähre nach Buenos Aires zu verpassen. Ich steckte also in der Frühe den Kopf aus dem Auto und zuckte zurück. Vor der Windschutzscheibe stand ein schmächtiger Mann in allerärmlichster Kleidung; barfuß und mit nur einem einzigen Träger, der seine Hose hielt.

Wir stünden, so sagte er, auf seinem Grund und Boden und seien daher seine Gäste. Seine Frau habe bereits ein Frühstück bereitet. „Mi casa es su casa.“ - Mein Haus ist ihr Haus. Es fehlen mir die Worte, um seine Würde und schlichten Stolz zu beschreiben.

Was tun? Wir durften die Fähre nicht verpassen. Deshalb bedankte ich mich mit blumigen Worten für die Einladung, versicherte ihm, dass wir ihr so gerne nachkommen würden, aber leider, leider usw. Mir war klar, dass seine Frau alle Vorräte zusammengekratzt haben musste, um uns das erwähnte Frühstück anbieten zu können. So bedankten wir uns mit ein paar Schachteln Zigaretten, die wir zu eben solchen Zwecken (und auch als mildes Bestechungsmittel) mit uns führten, und zogen unseres Weges. Alle waren glücklich.

Argentinien

Mir fällt auch noch der Morgen in der argentinischen Pampa ein, an dem wir schnöden Eltern noch eine Runde schliefen, obwohl die Kinder schon aus dem Bus gehüpft waren. Sieh an – über Nacht hatten sich Argentinier zu uns gesellt, die bereits eine große Frühstückstafel errichtet hatten, an der meine lieben Töchter saßen und eifrig schmausten, und zwar süße Brötchen mit manjar (streichbarem Karamell), die ein unverzichtbarer Bestandteil des argentinischen Frühstücks darstellten. Die Kinder wären bestimmt schon sehr hungrig gewesen, hieß es.

Ich könnte noch viele Beispiele anführen, möchte aber nur noch eines erwähnen, das fast unseren Glauben an die allumfassende Gastfreundschaft der Südamerikaner ins Wanken gerieten ließ. Aber nur fast.

Es begab sich ebenfalls in Argentinien, dass wir einen Platz am Rande eines Dorfes suchten und fanden, um dort die Nacht zu verbringen. Dann geschah das Ungeheuerliche: ein Mann lief auf uns zu, wedelte mit den Armen, und „Nein, nein nein!“, wir dürften dort nicht unser Auto hinstellen, das sei sein Land, und er würde das nicht gestatten. Wir schauten uns vollkommen verblüfft an. Das konnte doch nicht wahr sein!! Das gab es doch nicht! Nun ja, wir packten das Tischlein und die Campingstühle ein und wollten uns trollen, als plötzlich das halbe Dorf (gefühlt) auf uns zugelaufen kam. Die Leute überboten sich mit Einladungen, und vor allem mit Entschuldigungen. Dieser „ínfelíz“, also dieser Unglückliche, sei Polizist, und was könne man von so einem schon erwarten, aber er sei eine Schande für das ganze Dorf...

Und damit war unser Bild der überströmenden Gastfreundschaft wieder hergestellt.

 

© Copihue 2012

 

Seit vielen Jahren lebt Hedi nun schon im Emsland. Dort erlebte sie eine Gastfreundschaft der besonderen Art:

zum Vergrößern bitte anklicken; alle Gartenfotos: © Hedi G.

 



Gastfreundschaft im Garten

9. HEDI: Bei Anni Arns

Gärten gibt es viele im Emsland, aber ein ganz besonderer ist der von Anni Arns in Papenburg.
Anni ist Autodidaktin. „Ich kann eigentlich nichts“ sagt sie und lacht dabei.

Vor 6 Jahren begannen sie und ihr Mann, die Gärten der Nachbarn aufzukaufen. Heute findet sich auf den gut 2.500 qm ein riesengroßer Bauerngarten mit vielen kleinen Ruheinseln, sprich: Gartenhäuschen, in denen man ungestört in bereitgestellten Büchern lesen oder sich auch einen Tee zubereiten kann. „ Denn“, sagt Anni, „warum sollen nicht andere Menschen an unserer Freude am Garten teilhaben?“
Genau das tun dann auch viele. Ab Mai ist er während des Sommers an jedem zweiten Sonntag des Monats für Publikum geöffnet. Es gibt selbstgebackenen Kuchen und Kaffee oder Tee. Eintritt wird nicht erhoben, die Gäste geben freiwillig einen Obolus in den Spendentopf, auch wenn es ausgestellte Bilder und Skulpturen zu sehen gibt, wenn Lesungen oder Musikveranstaltungen anstehen. Letzteres findet in einer überdachten Remise statt, falls es tatsächlich mal regnen sollte...
Anni Arns pflegt diesen Garten inzwischen alleine – das ist ein Fulltimejob. Sie gehört einer grenzüberschreitenden Vereinigung von holländischen und deutschen Gartenfreunden an.
Auch wenn man außerhalb der öffentlichen Besuchszeiten kommt, ist einem ein freundlicher Empfang sicher. Am Eingang des Gartens, vor einer wohl ehemaligen Garage, steht ein festlich gedeckter Tisch! Der ist allerdings nur ein Blickfang, ebenso wie der alte Herd mit vielem Zubehör, der irgendwo mitten im Grün steht, und das Gedeck mit Suppenteller, in dem ein Keramik-Hühnchen hockt. Wenn es denn regnet, dann gibt es eben Hühnersuppe!
„Leben allein genügt nicht, man braucht Sonne, Freiheit und eine Blume, sagte der Schmetterling.“ Das ist ihr Motto, und so hat sie ständig ihren Garten vergrößert und verändert.
Die Fülle an Pflanzen und Blüten ist überwältigend. „Ich habe jede einzelne Pflanze in der Hand gehalten“, sagt sie.
„Annis Garten“ ist ein Genuss für jeden Gartenfreund, und für den Fotografen sowieso.
Wer sich hier in der Gegend aufhält, sollte ruhig mal vorbeischauen!

 

Nähere Info findet sich unter

arns-gartenidylle

 


Nachtrag I; aus einer mail von Hedi:

 

"Ich habe mich übrigens in der Zwischenzeit mit Anni gut angefreundet und schaue häufig einmal bei ihr vorbei. Dann wird Tee aufgesetzt, Kuchen ist sowieso immer da (auch von meinen besten Rezepten), und dann wird im Garten geklönt ..."
 

So muss Gastfreundschaft sein! Wer mehr von Hedi lesen und weitere Fotos bewundern will, dem empfehle ich

Hedis Seite bei GEO

 



NACHTRAG II

Seit November 2012 hat Hedi auch eine eigene, wunderbare Webseite: