Wer einem Fremdling nicht sich freundlich mag erweisen,
der war wohl selber nie im fremden Land auf Reisen.

Friedrich Rückert (1788-1866)

 

Gastfreundschaft. Erlebnisse unterwegs und zu Hause

 

Der Brockhaus definiert Gastfreundschaft als "Sitte, Fremde aufzunehmen, zu beherbergen und ihnen Schutz zu gewähren." Und führt weiter aus: "Bei der früher herrschenden Rechtlosigkeit des Fremden war die Gastfreundschaft ein heilig gehaltener Brauch."

 

Die Gastfreundschaft wurzelt in der Religion und ist ein Jahrtausende altes Phänomen, das besonders in der Antike groß geschrieben wurde. Wer an fremde Türen klopfte, der bekam Bett und Brot, denn jeder Bürger musste Reisende von gleichem oder ähnlichem Stand in seinem privaten Haushalt unterbringen. Dieser Pflicht nicht nachzukommen war ein Frevel.

 

Ab dem 11. Jahrhundert veränderten Kreuzzüge und Pilgerreisen sowie der aufkommende Warenhandel die Gastgeber-Tradition. Tavernen entstanden, jene Gasthäuser, in denen Fremde gegen Bezahlung Unterkunft und oft auch Verpflegung erhalten konnten. Damit hatte die Zeit der kommerziellen Gastlichkeit begonnen.

 

Lunch mit Blick auf den Crocodile River; Krüger NP SÜDAFRIKA

 

Mit Gastfreundschaft verbindet sich seit jeher schon die Frage nach dem Verhältnis von Geben und Nehmen, wovon viele Reisende zu berichten wissen.

                                                                                                  

Ich erinnere mich zum Beispiel an den Autowerkstatt-Besitzer aus Kotor (Montenegro), auf dessen Hof wir 1977 mit unserem kaputten VW-Bus campieren durften, um auf die Ersatzteile aus Deutschland zu warten. Ivica lud uns sogar zu einer Jagd mit anschließendem Grillfest ein. Im Gegenzug besuchte er uns jeden Morgen im Bulli und fragte nach seiner Medizin, einem kräftigen Schluck aus unserer Slibowitz-Flasche. Und nach Zigaretten.

 

Ich erinnere mich an 1993 und an meine achtköpfige arabische Gastfamilie aus einem kleinen Dorf in Israel. Die Mutter bereitete meine arabischen Lieblingsspeisen zu und versorgte mich mit wärmenden Bettsocken, und mit den Mädchen der Familie übte ich unter viel Gelächter Englisch. Nur mit den Jungs hatte ich so gut wie keinen Kontakt.

Nach etwa sechs Jahren bekam ich dann eine eMail von Wasim (dem ältesten Sohn der Familie und mittlerweile 18): "Ich komme in einer Woche für einen Monat nach Deutschland. Kannst du mich am Flughafen in Frankfurt abholen?"

Und Wasim kam, seinen 19jährigen Freund Yacoub im Schlepp. Die beiden hatten von ihren stolzen Vätern jede Menge Geld mitbekommen, mieteten sich erst einmal ein dickes Auto, bretterten tagsüber damit über die deutschen Autobahnen und machten abends die Discos der Umgebung unsicher. Sie erwarteten täglich möglichst zwei warme Mahlzeiten, drückten mir ohne Zögern ihre schmutzige Wäsche in die Hand und benutzten wie zu Hause den kleinen Abfallbehälter im Gäste-WC als Eimer für ihr benutztes Toilettenpapier. Aber sie brachten mir von ihren Ausflügen Pralinen mit, Blumen und Parfüm ...

Und ich erinnere mich an den backpacker, den ich 1981 in Hikkaduwa (Sri Lanka) kennenlernte. Er schwärmte mir vor, wie gastfreundlich die einheimische Bevölkerung sei. Er würde nun schon seit fast drei Wochen bei einer einheimischen Familie wohnen und hätte noch keine Rupie dafür bezahlt.

Kein Kommentar.

 

Diese Gastfreundschaft in armen Ländern haben wir Reisenden wohl alle schon erlebt und waren vielleicht oft beschämt beim Gedanken daran, wie wir selbst mit Fremden umgehen.

Kritiker des Phänomens "Gastfreundschaft" sehen das nüchterner:

"Wenn der Gast um Vieles wohlhabender ist als der Gastgeber, so 'erzwingt' er sich auf subtile Weise mitunter eine zuvorkommende Behandlung, ohne dass dies ausgesprochen oder offen signalisiert werden muss. Die 'Freundlichkeit' des Gastgebers ist dann in Wirklichkeit nichts anderes als eine verborgene Furcht vor der Macht seines Gegenübers."

(Quelle: Wikipedia)

 

Da wird selbst ein Schlafzimmer schnell einmal zur Lounge umfunktioniert. INDIEN: "Der Gast ist ein Gott"

1. Sprichwörtliche Gastfreundschaft

Äthiopien:

Es ist ein Unterschied, ob man in einem Dorf nur kurz zu Gast ist oder immer dort lebt.

 

Armenien:

Übe nie Undank im Lande, das dich als Gast bewirtet und freundlich empfangen hat.

 

China:

Wer zu Hause keine Besucher empfängt, wird in der Fremde keinen Wirt haben.

 

Ghana:

Allein essen ist wie allein sterben.

 

Indien:

Ein Willkommen und freundliche Worte fehlen nie im Hause eines guten Menschen.

 

Der Gast ist ein Gott.

 

Irland:

Bedenke, dass jemand der an deine Tür klopft, vom Himmel geschickt sein könnte.

 

Möge der Mensch, der heute als erster deine Türschwelle betritt, dich mit einem Lächeln des Willkommens antreffen.

 

Ein Fremder ist ein Freund, den man nur noch nicht kennt.



Israel:

Drei Tage ist man Gast, später eine Last.

 

Ein fremder Bissen schmeckt süß.

 

Ist der Tisch erst mal gedeckt, finden sich auch Gäste.

 

 

Kenia:

Wer viele Freunde hat, wird auf der Straße nicht von der Dunkelheit überrascht.

 

Neuseeland (Maori):

Du bist eingeladen, deinen Ärger, deine Unzufriedenheit und deine Fragen mitzubringen,

aber wenn du gehst, nimm Frieden, Gutmütigkeit und Freundschaft mit.

 

Polen:

Wenn du beliebt sein willst, komme selten.

 

Sudan:

Das Haus stirbt nicht, das einen Gast willkommen heißt.

 

Südafrika:

Der Freund lehre den Freund die Sitten der fremden Stadt, in der er ihn besucht.

 

Tansania:

Behandle deinen Gast zwei Tage als Gast, am dritten aber gib ihm die Hacke.

2. Zum Weiterlesen:

Besonders im arabischen Kulturkreis spielen Gastfreundschaft und die Kunst des Gebens und Nehmens eine große Rolle, bei der man in viele Fettnäpfchen treten kann.

 

Wer die Spielregeln lernen will, dem empfehle ich einen ausgezeichneten Artikel der in Köln geborenen Islamwissenschaftlerin Dr. Gabi Kratochwil, die als Trainerin für interkulturelle Kommunikation arbeitet und führende deutsche Unternehmen berät.

Frau Dr. Gabi Kratochwil schrieb u. a. auch den "Business-Knigge: Arabische Welt", den ich allerdings (noch) nicht gelesen habe und daher auch nicht beurteilen kann.

 

Zum Artikel: bitte Foto der Autorin anklicken;

Wiedergabe von Foto und Text mit freundlicher Genehmigung

von Frau Dr. Kratochwil.

 

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