"Bei allem Respekt, Sir! Ich bin kein Neuling im All."

Commander Riker zu Captain Jean-Luc Picard



(Raumschiff Enterprise. Das nächste Jahrhundert)

Reisen bildet

Reisen bildet …? Quatsch!

Reisen bildet nur dann, wenn wir es zulassen. Sprich: Bildungs-fähig sind.

Schon Goethe hatte das genau durchschaut, als er in "Wilhelm Meisters Lehrjahre" meinte: "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen". Betonung auf "gescheiter Mensch".

 

Längst ist nicht alles gescheit, was da auf den Straßen und in den Wäldern dieser Welt unterwegs ist, sei es individuell mit Rucksack oder in der Gruppe auf einer geführten Rundreise.

 

Wenn man nicht gerade eine monatelange Expedition durch die Antarktis oder in den Regenwald antreten will, muss man sich nicht akribisch vorbereiten, aber etwas Hintergrundwissen wäre auch bei einer "normalen" Reise oft hilfreich.

 

Ich denke da an die jungen Frauen, die noch immer versuchen, im Minirock eine Moschee zu besichtigen, und denen es nicht zu peinlich ist, zwei der für solche Fälle bereitliegenden hellblauen Polyestertücher um sich zu wickeln, eins um die Beine und eins um den Kopf.



mehr zu "the climb": bitte Foto anklicken!

 

Ich denke an die unzähligen Touris, die stolz darauf sind, den heiligsten Berg der Aboriginals erklommen zu haben, den Uluru (Ayers Rock). Obwohl die Hüter des Landes inständig darum bitten, dies nicht zu tun.



mehr "Souvenirs aus der Natur": bitte Foto anklicken!

Ich denke an die Ignoranten, die auch im 21. Jahrhundert noch immer versuchen, Korallen- und Elfenbeinschmuck von ihren Fernreisen mitzubringen, Schlangenschnaps oder gar als Schirmständer präparierte Elefantenfüße. Motto: "Das Tier ist doch schon tot, dem helfe ich auch nicht, wenn ich das Produkt nicht kaufe."



Wenn Reisen wirklich bilden würde, dann müssten zumindest nach der Hauptreisezeit überall nur noch gebildete Menschen herumlaufen …

Wir müssen nicht reisen, um uns zu bilden

In unserer Zeit der Globalisierung muss niemand mehr weit reisen, um Fremdes kennenzulernen:

Schon lange bringt uns das Fernsehen die weite Welt ins heimische Wohnzimmer und oft so, wie wir es selbst kaum erleben könnten. Wir schwimmen mit Haien, gehen mit ehemaligen Kopfjägern auf die Jagd und leben in einem Gepardenrudel. Alles bequem vom Fernsehsessel aus und ohne uns in Gefahr zu begeben; die Chipstüte griffbereit.

Wenn wir Koalas beobachten wollen, müssen wir nicht nach Australien reisen, sondern können das auch im Duisburger Zoo. Der ist mittlerweile weltberühmt für die Züchtung dieser futtertechnisch so heiklen Tiere.

 

Wer einmal einen Hindutempel betreten möchte, braucht sich auch nur nach Nordrhein-Westfalen zu begeben. Der Sri Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm-Uentrop ist nach dem Neasden-Tempel in London der zweitgrößte hinduistische Tempel in Europa, zu dem Jahr für Jahr Tausende gläubiger Hindus pilgern.

Bei Moscheen ist es noch einfacher: um die 300 gibt es mittlerweile in Deutschland, dazu unzählige Bethäuser und sogenannte "Hinterhofmoscheen". Und wenn wir schon einmal in NRW sind: in Werl steht die Fatih-Moschee, die 1989 errichtet wurde und sogar über ein 16,5 Meter hohes Minarett verfügt.

 

Nach Südafrika oder Namibia um exotisches Wild zu probieren? Straußenfleisch, Springbock und Kudu habe ich bereits Anfang der 1980er Jahre im weit über die Grenzen Hessens hinaus bekannten "Farmerhaus" in Groß-Umstadt gegessen.

 

Nach Japan, um Sushi zu speisen …? Schon lange nicht mehr! Das gibt’s in hervorragender Qualität gleich um die Ecke. Oder ich mache es selber. Sogenanntes "Ethno-Food" ist in; jeder deutsche Supermarkt hat mittlerweile eine mehr oder weniger große internationale Abteilung. Nori aus Japan, Currypaste aus Indien, Tamarindensaft und Fischsauce aus Thailand, Couscous, Harissa und Bulgur aus der arabischen Küche, dazu unzählige Gewürze … das ist schon längst nicht mehr exotisch, sondern Alltag in vielen deutschen Küchen.

 

Und wem Palmzucker und Papadam, Wasabi und Wasserkastanien nicht exotisch genug sind, der bestellt im Internet beispielsweise Köstlichkeiten aus dem Regenwald Amazoniens:mit dem Fruchtmark der Cupuaçu-Frucht gefüllte Schokokugeln und biologisch abbaubaren Regenwald-Kaugummi.

 

Wunderbare Weine aus Südafrika, Australien und Chile … nur einen Mausklick entfernt, und bis vor die Haustüre werden sie auch noch geliefert. Wie die Maske für die Wand, der Salwar Kameez oder Sari aus Indien und der Thangka aus Nepal …

 

Nein, um unsere drei menschlichen Sinne Sehen, Schmecken und Shoppen zu befriedigen, dazu müssen wir heutzutage wirklich nicht mehr in einen Flieger steigen und damit auch noch die CO2-Bilanz verschlechtern.

Bei den restlichen drei Sinnen (Fühlen, Riechen, Hören) ist es ähnlich, denn dafür gibt es Drachenfrüchte und Cherimoya in der Obstabteilung, Kakteen in der Gärtnerei und Kelims im Teppichgeschäft. Es gibt Räucherstäbchen und Aromaöle und Duschgel mit Lotosblütenduft. Und es gibt Weltmusik aus allen Kontinenten. Zu kaufen auf CD oder noch einfacher: zum Downloaden im Internet.

Reisen kann nicht bilden

Reisen kann dann nicht bilden, wenn wir Angst vor dem Fremden haben und daher auch im Ausland nur nach dem Vertrauten suchen: bis auf eine nimmermüde Sonne soll alles möglichst so sein wie zu Hause, vom Essen bis zur Sprache.

 

 

ein Stück Heimat, der deutsche Supermarkt in Singapur:

 

 

Lassen wir uns jedoch auf das Abenteuer Reisen ein und gehen mit Verstand und Herz auf alles Neue zu, dann gilt auch für uns das

 

Sprichwort aus Vietnam:

Mit jedem Tag des Lebens kommt ein Stück Weisheit hinzu.



 

 

 

NACHTRAG:

 

Manjushri ist der Buddha des Wissens. Mit seinem Schwert durchtrennt er den Schleier der Ignoranz und der Unwissenheit.

 

Diese kleine Statue steht auf meinem Schreibtisch, und ich hoffe, dass Manjushri seine Fähigkeiten auch bei mir einsetzt.

Kommentare

Diskussion geschlossen
  • Patrick & Claudia (Montag, 20. Mai 2013 15:45)

    Beate es stimmt was Du geschrieben hast und deshalb
    " Bildet " Reisen Für uns immer erst dann, wenn wir die Menschen und deren Kultur in ihrem Land zu verstehen WISSEN.
    LG
    Patrick & Claudia

  • Tina (Samstag, 20. April 2013 17:17)

    Hallo Beate!
    Natürlich bildet Reisen und zwar den, der dazu bereit ist.Den, der reist, um Neues zu entdecken und die Begegnung/Auseinandersetzung mit dem Fremden sucht, seinen Horizont erweitern möchte.
    Aber es gibt nun auch Leute, die buchen eben einfach eine Woche auf einer Insel/in einer Region, nur um vom stressigen Alltag auszuspannen.Fertig....und wer kann es ihnen verdenken? Es gibt so viele
    Menschen, die in der heutigen Zeit einfach zu wenig Zeit haben, um aus jeder Reise einen Bildungstrip zu machen.Mein Bruder z.B. arbeitet in 3 Schichten. Wenn er Urlaub macht, will er seine Ruhe; ein
    bisschen schwimmen, eine Radtour, Sonne tanken,und abends mit Familie schön den Tag ausklingen lassen. Da stehen keine Museumsbesuche oder Kirchen/Moscheebesichtigungen etc. auf dem Plan.Und ich
    finde: warum auch? Die Frage könnte auch lauten: muss denn jede Reise unbedingt bilden?? Darf sie nicht einfach "nur" ein bisschen Abwechslung bringen und den Reisenden entspannen und erfüllt damit
    ihren Zweck??
    Natürlich sollte auch dieser "nur" Erholungsuchende die Gepflogenheiten seines Gastlandes respektieren.

    Vor Jahren nahm ich mal an einer Forendiskussion teil, in der es um die Unterscheidung zwischen Urlaub-Machen und Reisen ging.Da wurde den "Urlaubern" zugestanden, sich nur vom Alltag zu erholen.Und
    dem Reisenden wurde "unterstellt", dass er sich auch um die Kultur,Religion, die Menschen vor Ort, die Politik etc. interessiert und er aus jeder Reise ein Stück "gebildeter" zurück käme.Ich fand,
    dass da durchaus was Wahres dran ist...Alles zu seiner Zeit und jeder nach seinen Möglichkeiten.
    Tina

  • Anni (Samstag, 20. April 2013 15:04)

    Hallo Beate,
    tolle Idee, ein Thema auf diese Art und Weise anzugehen!
    Auch ich möchte kurz meine Gedanken dazu mitteilen.
    Während meiner Studienzeit (ist ja schon lange her) war für mich klar,
    Bildung bedeutete für mich zur damaligen Zeit menschliches Verhalten,
    aber ich wurde damals offiziell "umerzogen", nämlich Bildung sei Wissen!
    Nach diesem Prinzip habe ich lange meinen Beruf ausgeübt und Wissen gelehrt!
    Ohne Wissen ist man natürlich in unserer Gesellschaft erheblich benachteiligt.
    Aber ohne "Gewissen" ist man ein armer und einsamer Mensch!
    Dazu zählt aus meiner Sicht vor allem verantwortungsbewußtes Handeln.
    Inzwischen weiß ich, dass Bildung sehr komplex und vielschichtig ist.
    Ich weiß gar nicht, ob es in unserer Zeit eine offizielle Definition gibt.
    Doch ich denke und bin davon überzeugt, daß Bildung eine Menge umfaßt:
    Unter Humboldt liest man: Bildung muss im Menschen geweckt werden.
    Bei Comenius steht: Pädagogik soll zu menschlichem Verhalten anleiten.
    Klafki unterscheidet zwischen formaler und materialer Bildung.
    Und irgendwo steht: Bildung ist eine Harmonie von Herz, Geist und Hand.
    Und das sehe ich auch so und könnte es auch unterschreiben.
    Und zu Deiner gestellten Frage: Bildet Reisen wirklich?
    Deine Frage ist aus meiner Sicht nicht eindeutig zu beantworten.
    Als Individuum versuche ich auf meinen Reisen, nicht nur Wissen,
    allgemein immer als "Infos" verpackt, aufzunehmen, sondern
    auch vor Ort Hintergründe zu verstehen und Verständnis aufzubringen.
    Wer nur reist, um sagen zu können, ich war in/auf...,
    ... hat vielleicht auch eine gewisse Bildungsreise gemacht. Denn...
    unsere gegenwärtige, oft hektische Zeit läßt vielen keine andere Wahl.

  • Hedi (Samstag, 20. April 2013 14:58)

    Liebe Beate,
    reisen bildet nur die Leute, die diese Reise vorurteilsfrei angehen und sich zu neuen Einsichten und Erkenntnissen führen lassen wollen.
    Je länger ich in Chile lebte, desto weniger fiel es mir ein, Urteile über das Land abzugeben. Die Augen verdreht habe ich, wenn ich auf Leute traf, die mit einem klapprigen VW-Bulli herumreisten, auf
    dem "In 30 Tagen von Alaska bis Feuerland" stand, und die für alle Probleme der von ihnen "bereisten" Länder Lösungen parat hatten und auch noch meinten, uns anmaßend belehren zu müssen, wie wir denn
    nur in einer Diktatur leben konnten.
    Da war ich immer stinkesauer.
    Soviel zu "Reisen bildet" (?)aus eigener Erfahrung - es gab natürlich auch positive!
    LG Hedi

  • Zypresse (Samstag, 20. April 2013 12:33)

    Doch, doch - Reisen bildet schon. Vielleicht nicht jede(n) - aber ich möchte kaum eine meiner Reiseerfahrungen missen. Warum sonst gehören wir zu den Verrückten, die eigene Reiseseiten in das WWW
    füttern?

    Erinnerungen an fremde Sitten und Gebräuche, die Erkenntnis, auch mit viel Weniger und ganz Anderem als zu Haus gut und glücklich sein zu könne, fremde Religionen inbrünstig vor Ort praktiziert zu
    sehen, wilde Tiere in freier Wildbahn selbst suchen und dann mit viel Ruhe beobachten zu können, mit Menschen zu reden und zu leben, zu denen ich hier kaum Kontakt bekommen würde - das gehört zu den
    Erinnerungen und Erlebnissen, die ich um nichts in der Welt missen möchte (und wofür ich gern auf ein neues Auto, den modernsten Flachbildschirm, den letzten Mode-Schrei verzichte).

  • Doris (Samstag, 20. April 2013 12:18)

    Shopping sozusagen als sechster Sinn, das konnte ja auch nur Dir einfallen ;-)
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Doris

  • mamaildi (Samstag, 20. April 2013 12:03)

    Liebe Beate!
    HERZ und VERSTAND - die sind wahrhaftig nötig, um diese ganz besondere Bildung, die man (nur) auf Reisen erlangt, auch zu erkennen und damit zu verinnerlichen.
    Klar kann man wissenschaftliche Abhandlungen über das Aussterben von Arten studieren, kann man Spezialitäten aus aller Herren Länder im Supermarkt kaufen. Den KONTEXT aber, der diese Erfahrungen fürs
    Leben konserviert, den erhält man nur durch die Reise selber. Das macht sie dann doch unersetzlich - vorausgesetzt, man tritt sie mit offenen Sinnen an. Was für mich auch den entscheidenden
    Unterschied zwischen "Reise" und "Urlaub" ausmacht.
    Danke für deine Gedanken - liebe Grüße von Ildiko

    P.S. Gibts eigentlich irgendwo in Deutschland richtiges Biltong zu kaufen?

  • Ernst-Otto Sommerer (Samstag, 20. April 2013 10:06)

    Moin Beate,
    Die Antwort gibst du selber. Wer nur sein Logbuch mit Zielen und Km füttert, sowie den jeweiligen Sonnenuntergang mit Sternchen 1 - 5 versieht, wird keine wirkliche Weiterbildung an sich erfahren.
    Wessen Sehnsucht allerdings gesteigert und nicht nur befriedigt wurde, in dessen Herzen und Kopf wird sich ein Stückchen mehr Offenheit und Freiheit gebildet haben. Oder was ist Bildung sonst
    noch?

    Gruß eo