Unter Fahrten verstehe ich nicht zielloses Umherstreifen,

ich meine das Suchen einer Richtung auf erfreulichen Pfaden.

Robert Baden-Powell (1857 - 1941)

 

* * * * *

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857)

Unterwegs gesungen oder "Don't fence me in": Fahrtenlieder

 

Fahrtenlieder, das sind Lieder, die von Wandervögeln und Pfadfindern gesungen werden, von Jungenschaften, der Deutschen Waldjugend und anderen Angehörigen der Jugendbewegung. Im weitesten Sinne bezeichnet der Begriff alles, was auf Wanderungen und Radtouren gesungen wird.

 

In den 1960er Jahren war ich oft mit den Pfadfindern „auf Fahrt“ und erlebte viele abendliche Liederrunden am Lagerfeuer. Noch heute besitze ich „Die Mundorgel“ und "rundadinella", zwei Liederbücher, die auf keiner Fahrt fehlen durften. Und zwei dicke Vokabelhefte, in die ich die Texte meine Lieblingslieder schrieb.

 

Wie bei den Jahresringen eines Baumes kann man dabei an den Titeln (m)eine Entwicklung ersehen: waren es erst nur Volkslieder und die Lieder der bündischen Jugend, folgten ziemlich bald englische und französische Lieder sowie Songs, die durch die Bürgerrechts- und Folklorebewegung beeinflusst waren.

 

Kurz: vom „Wenn die bunten Fahnen wehen“ über „Don’t fence me in“ und „Une fleur au chapeau“ bis hin zu den Balladen von Joan Baez, von Donovan und Bob Dylan.

 

Hier einige Seiten aus meinen Liederbüchern und eine kleine Auswahl meiner Lieblingslieder, die ich vor allem in meinem jetzigen Alter manchmal wieder gerne singe; vielleicht möchte ja jemand mitsingen …

Wir wollten mal auf Großfahrt gehn

Trampen wir durchs Land

 

Trampen wir durchs Land

und rasen durch die Wälder hin.

Wer fragt dennoch, wer fragt dennoch

Nach des Lebens Sinn?

 

Lust und Traurigkeit

verweben wir ins Kleid der Zeit.

Dunkle Stunden, Becherrunden,

wir sind stets bereit.

 

Alles was uns bannt

verweht im Staub, verweht im Sand.

Alle Schätze dieser Erde

werden uns geraubt.

 

Feuer glimmt im Tal.

Wir schlafen aus zum letzten Mal.

Nächte, Morgen, Qual und Sorgen.

Letzter Trunk wird schal.

 

Halten wir ein Auto an,

es fährt vorbei so schnell es kann.

Fluchen wir ganz leise.

Ach, verdammte Sch … adet nichts,

der nächste nimmt uns mit!

 

Dieses Lied ist von Werner Helwig (1905-1985), einem bekannten Schriftsteller, Dichter und Liedschöpfer. Bei ausgedehnten Wanderungen durch Deutschland, Mittel- und Nordeuropa machte er um 1918 Bekanntschaft mit der Jugendbewegung und trat 1927 dem "Nerother Wandervogel" bei, der als einer der letzten bestehenden Bünde aus der historischen Jugendbewegung entstammt und seinen Sitz auf Burg Waldeck im Hunsrück hat.

Bekannt wurde Helwig vor allem durch seine Bücher "Raubfischer in Hellas" und "Die blaue Blume des Wandervogels".

Wenn die große Zeit begonnen

 

Wenn die große Zeit begonnen

lockt das unbekannte Land.

Graue Straßen, Meere, Strande

und der dunkle Wälder Rand.

 

Graue Straßen trampen auf und nieder

eine Schar von Norden her.

Weit ins Land erschallen ihre Lieder,

von den Felsen bis zum Meer.

 

Über abgrundtiefe Schluchten,

über schmalen Wildbach Steg,

ziehen braungebrannte Mädchen (!)

ihren endlos steilen Weg.

 

Graue Straßen ...

 

Einsam stehen graue Zelte

wildumstrahlt vom Licht der Nacht.

Bei dem Lagerfeuerscheine

halten uns're Mädchen Wacht.

 

Graue Straßen ...

 

aus dem "Nerother Liederschatz"; ein Lied der historischen Jugendbewegung

Wilde Gesellen

 

Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht,

Fürsten in Lumpen und Loden,

ziehn wir dahin, bis das Herze uns steht,

ehrlos bis unter den Boden.

Fiedel, Gewand in farbiger Pracht,

trefft keinen Zeisig ihr bunter!

Ob uns auch Speier und Spötter verlacht,

uns geht die Sonne nicht unter!

 

Ziehn wir dahin durch Braus oder Brand,

klopfen bei Veit oder Velten;

huldiges Herze und helfende Hand

sind ja so selten, so selten!

Weiter uns wirbelnd auf staubiger Straß,

immer nur hurtig und munter;

ob uns der eigene Bruder vergaß,

uns geht die Sonne nicht unter.

 

Aber da draußen am Wegesrand,

dort bei dem König der Dornen,

klingen die Fiedeln im weiten Gebreit,

klagen dem Herrn unser Carmen.

Und der Gekrönte sendet im Tau

tröstende Tränen herunter.

Fort geht die Fahrt durch den wilden Verhau,

uns geht die Sonne nicht unter.

 

Bleibt auch dereinst das Herz uns stehn
Niemand wird Tränen uns weinen.
Leis wird der Sturmwind sein Klagelied wehn
trüber die Sonne wird scheinen.
Aus ist ein Leben voll farbiger Pracht,
zügellos drüber und drunter.
Speier und Spötter, ihr habt uns verlacht,
Uns geht die Sonne nicht unter.

 

Dieses Lied stammt wie viele andere Fahrtenlieder aus der Zeit der bündischen Jugend und des "Wandervogel". Es wurde mündlich überliefert und 1924 von Fritz Sotke aufgezeichnet.

Bänder silbergrauer Straßen

 

Bänder silbergrauer Straßen

laufen lang und laufen weit,

und es liegt auf allen Straßen

Lockung der Unendlichkeit.

 

Aus dem hellgespannten Himmel

fällt ein Sang in meinen Sinn,

dass ich unter diesem Himmel

überall zu Hause bin.

 

In das Lied der langen Straße

weht ein milder, kühler Wind.

Sehnsucht liegt auf allen Straßen,

weil sie ohne Ende sind.

 

Melodie: Hans Kulla (1910-1956), ein deutscher Komponist, Musikpädagoge und Kirchenmusiker, der u. a. Fahrtenlieder vertonte.

Worte: Stephan Gräffshagen

Von dieser traditionellen Weise aus dem 19. Jahrhundert gibt es viele Versionen, Um- und Nachdichtungen. Wir sangen in den 1960er Jahren:

 

Was gehn Euch meine Lumpen an?

 

Was gehn euch meine Lumpen an,
da hängen Freud und Tränen dran.
Was kümmert euch denn mein Gesicht,
Ich brauche euer dummes Mitleid nicht.

Was kümmert euch, was mir gefällt,
ich liebe mich, nicht euch auf dieser Welt.
In euren Himmel will ich gar nicht rein,
viel lieber denn schon in der Hölle sein!

 

Text: B. Traven ("Das Totenschiff")

Melodie: Barthel und Schwiers; diese beiden Angaben jedoch ohne Gewähr!

Way down upon the Swanee River

Don't fence me in

 

Oh, give me land,
Lots of land under starry skies above,
Don't fence me in,
Let me ride through
The wide open country that I love,
Don't fence me in.
Let me be by myself
In the evening breeze,
Listen to the murmur
Of the cottonwood trees,
Send me off forever,
But I ask you please,
Don't fence me in.
 

Just turn me loose,
Let me straddle my old saddle
Underneath the western skies,
On my cay-use
Let me wander over yonder
Till I see the mountains rise.
I want to ride to the ridge
Where the West commences,
Gaze at the moon
Till I lose my senses;
Can't look at hobbles
And I can't stand fences,
Don't fence me in.

 

Der in Amerika sehr populäre Song mit der Musik von Cole Porter und dem Text von Robert Fletcher und Cole Porter datiert zurück in das Jahr 1934. Vor allem die erste Strophe wurde des öfteren als Filmmusik (z. B. in Western) benutzt, und es existieren Coverversionen u. a. von Bing Crosby und Ella Fitzgerald.

Carry me back to old Virginny

 

Carry me back to old Virginny.
There's where the ctton and corn and taters grow.
There's where the birds warble sweet in the spring-time.
There's where this old darkey's heart am long'd to go.

 

There's where I labored so hard for old Massa,
Day after day in the field of yellow corn;
No place on earth do I love more sincerely
Than old Virginny, the state where I was born.

 

Carry me back to old Virginny.
There's where the cotton and the corn and taters grow;
There's where the birds warble sweet in the spring-time.
There's where this old darkey's heart am long'd to go.

 

Carry me back to old Virginny,
There let me live till I wither and decay.
Long by the old Dismal Swamp have I wandered,
There's where this old darkey's life will pass away.

 

Massa and Missishave long since gone before me,
Soon we will meet on that bright and golden shore.
There we'll be happy and free from all sorrow,
There's where we'll meet and we'll never part no more.

 

Carry me back to old Virginny.
There's where the cotton and the corn and taters grow;
There's where the birds warble sweet in the spring-time.
There's where this old darkey's heart am long'd to go.

 

Diese Original-Version wurde kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im Jahr 1878 von dem Afro-Amerikaner James A. Bland (1854-1911) geschrieben. Später erschienen viele Coverversionen; die wohl bekannteste davon brachte Ray Charles im Jahr 1960 heraus.

Une fleur au chapeau

 

Une fleur au chapeau,
A la bouche une chanson,
Un coeur joyeux et sincère,
Et c'est tout ce qu'il faut
À nous filles et garçons;

Pour aller au bout de la terre.

 

Vous qui nous regardez passer
Sous le soleil ou sous l'orage,
Peut-être bien que vous pensez
Que nous avons bien du courage
Pour ainsi nous harrasser
A courir, le long des routes.
Vous ne savez ce que c'est,
Vous n'aurez jamais sans doute ...

 

Dieses Lied ist das bekannteste von zahlreichen Pfadfinderliedern, die William Lemit (1908-1966) verfasste. Lemit kam selbt mit 9 Jahren zum Pfadfindertum und schrieb das Lied um 1935.

Vieux Jo

Santiano

 

C'est un fameux trois mats fin comme un oiseau
Hisse et oh Santiano
Dix-huit nœuds quatre cent tonneaux
Je suis fier d'y être matelot

 

REFRAIN
Tiens bon la barre et tiens bon le vent
Hisse et oh Santiano
Si dieu veut toujours droit devant
Nous irons jusqu'à San Francisco

 

Je pars pour de longs mois en laissant Margot
Hisse et oh Santiano
D'y penser j'avais le cœur gros
En doublant les feux de St Malo

 

On prétend que là-bas l'argent coule à flot
Hisse et oh Santiano
On trouve l'or au fond des ruisseaux
J'en ramènerai plusieurs lingots

 

Un jour je reviendrai chargé de cadeaux

Hisse et oh Santiano
Au pays j'irai voir Margot
A son doigt je passerai l'anneau

 

Tiens bon le cap et tiens bon le flot
Hisse et oh Santiano
Sur la mer qui fait le gros dos
Nous irons jusqu'à San Francisco.

 

In französischer Sprache erschien dieses von Hugues Aufray aufgenommene Lied erstmalig im Jahr 1961. Sehr bald wurde es der in Frankreich bekannteste Shanty.

Blowin' in the wind

 

How many roads must a man walk down,
before you call him a man?
How many seas must a white dove fly,
before she sleeps in the sand?
And how many times must a cannon ball fly,
before they're forever banned?

The answer my friend is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind.

How many years can a mountain exist,
before it is washed to the sea?
How many years can some people exist,
before they're allowed to be free?
And how many times can a man turn his head,
and pretend that he just doesn't see?

The answer my friend is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind.

How many times must a man look up,
before he sees the sky?
And how many ears must one man have,
before he can hear people cry ?
And how many deaths will it take till we know,
that too many people have died?

The answer my friend is blowing in the wind,
the answer is blowing in the wind ...

 

Der Text dieses bekannten Folksongs wurde von Bob Dylan im April 1962 in einer New Yorker Folk-Kneipe geschrieben; die Melodie stammt von einem alten traditionellen Gospel.

Der Song ist eine der Hymnen der Folk-Rock-Bewegung und wurde unzählige Male gecovert, z. B. von Peter, Paul & Mary, von Marlene Dietrich, The Hollies, Elvis Presley, Chet Atkins, Sam Cooke, Neil Young und Stevie Wonder.

Auch als Filmmusik ist das Lied öfter zu hören; so wurde es z. B. 1994 in dem Film "Forrest Gump" von Joan Baez gesungen.