"noch'n Gedicht ..."

 

Bei vielen Menschen ist das Versemachen eine Entwicklungskrankheit des Geistes.

(Georg Christoph Lichtenberg, 1742 -1799)

 

 

Zur Einstimmung ein Schüttelreim meiner Freundin Hedi zum Thema

"Urlaubsfreuden":

 

Er schwamm gern zu den Haien raus -

nun steht es leer, das Reihenhaus 

 

 

Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Geleisen.
Man müsste sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen ...

Mascha Kaléko

 

Heinz Erhardt: Urlaub in Urwald

Ich geh im Urwald für mich hin ...
Wie schön, daß ich im Urwald bin:
Man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub.
Schön, daß man ihn hat!

 

Hilde Domin: Ziehende Landschaft

 

Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
und die fremde Luft um uns
zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zu Hause sind,
wo es auch sei ...

 

Heinrich Heine: Die letzte Ruhestätte

 

Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte sein?

Unter Palmen in dem Süden?

Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste

Eingescharrt von fremder Hand?

Oder ruh ich an der Küste

Eines Meeres in dem Sand?

 

Immerhin! Mich wird umgeben

Gotteshimmel, dort wie hier,

und als Totenlampen schweben

nachts die Sterne über mir.

Hermann Hesse: Reiselied

 

Sonne leuchte mir ins Herz hinein,
Wind verweh mir Sorgen und Beschwerden!
Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,
Als in Weiten unterwegs zu sein.

 

Nach der Ebne nehm ich meinen Lauf,
Sonne soll mich sengen, Meer mich kühlen;
Unserer Erde Leben mitzufühlen
Tu ich alle Sinne festlich auf.

 

Und so soll mir jeder neue Tag
Neue Freunde, neue Brüder weisen,
Bis ich leidlos alle Kräfte preisen,
Aller Sterne Gast und Freund sein mag.

 

am Wendekreis des Steinbocks, Namibia 2008

 

An besonders schönen Tagen

ist der Himmel sozusagen

wie aus blauem Porzellan.

Und die Federwolken gleichen

weißen, zart getuschten Zeichen

wie wir sie auf Schalen sah'n ...

Erich Kästner

Oh, höchstes Glück, zu reisen
Die Erde ist stets nah!
Das Fernsein will ich preisen!
Ubi bene - ibi patria!

Walter Mehring

Ich bin das Land.

Meine Augen sind der Himmel.

Meine Glieder die Bäume.

Ich bin der Fels, die Wassertiefe.

Ich bin nicht hier, um die Natur zu beherrschen

oder sie zu nutzen.

Ich bin selbst Natur.

 

altes Hopi-Gedicht

Du siehst,

ich lebe.

Du siehst,

ich bin mit der Erde

eng verbunden.

Du siehst,

ich bin mit den Göttern

eng verbunden.

Du siehst, 

ich bin mit allem Schönen

eng verbunden.

Du siehst,

ich bin mit Dir

eng verbunden.

Du siehst,

ich lebe, ich lebe.

 

Navajo-Lied

Und doch gibt es

Nur eine große Sache,

Die einzige:

Leben.

In der Hütte, auf Reisen

Zu sehen, wie der große Tag heraufzieht

Und das Licht, das die Welt erfüllt.

 

altes Inuit-Gedicht

Volker von Törne: Wege

 

Komm. Die versunkenen Jahre

Steigen herauf. Am Abend

Brennen wieder 

Die Feuer

Am Fluss.

 

Im Mondlicht glänzen die Tschakos

Der Gendarmen. Die Bauern

Lassen die Hunde los

Und verriegeln

Die Türen.

 

Wir liegen am Fluss und lauschen

Dem Lied des Zigeuners. Der singt:

Meine Geige hat zwei Gefährten

Liebe heißen sie

Und Tod.

 

Komm. Die Pferde scharren

schon mit den Hufen. Offen

Liegen vor uns

Die Wege

Ins Land.

Hermann Hesse: Stufen

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Viel zu spät begreifen viele

die versäumten Lebensziele,

Freunde, Schönheit der Natur,

Gesundheit, Reisen und Kultur.

Darum, Mensch, sei zeitig weise!

Höchste Zeit ist's! Reise, reise!

Wilhelm Busch

Mascha Kaléko: Sehnsucht nach dem Anderswo

 

Drinnen duften die Äpfel im Spind,

Prasselt der Kessel im Feuer.

Draußen pfeift Vagabundenwind

Und singt das Abenteuer.

 

Der Sehnsuch nach dem Anderswo

Kannst du wohl nie entrinnen:

Nach drinnen, wenn du draußen bist,

Nach draußen, bist du drinnen.

Am liebsten wären mir stille Sterne
Regengras    Sonnenzittern

Rolf Haufs

Mein lieber Bruder,

wann bauen wir uns ein Floß

und fahren den Himmel hinunter?

Mein lieber Bruder,

bald ist die Fracht zu groß

und wir gehen unter.

Ingeborg Bachmann

Hermann Hesse: Weiße Wolken

 

O schau, sie schweben wieder

wie leise Melodien

vergessener schöner Lieder

am blauen Himmel hin!

 

Kein Herz kann sie verstehen,

dem nicht auf langer Fahrt

ein Wissen von allen Wehen

und Freuden des Wanderns ward.

 

Ich liebe die Weißen, Losen

wie Sonne, Meer und Wind,

weil sie der Heimatlosen

Schwestern und Engel sind.

Kurt Tucholsky: Luftveränderung

 

Fahre mit der Eisenbahn,
fahre, Junge, fahre,
Auf dem Deck vom Wasserkahn
wehen deine Haare.

 

Tauch in fremde Städte ein,
lauf in fremden Gassen;
höre fremde Menschen schrein,
trink aus fremden Tassen.

 

Flieh Betrieb und Telefon,
grab in alten Schmökern,
sieh am Seinekai, mein Sohn,
Weisheit still verhökern.

 

Lauf in Afrika umher,
reite durch Oasen;
lausche auf ein blaues Meer,
hör den Mistral blasen!

 

Wie du auch die Welt durchflitzt
ohne Rast und Ruh -:
Hinten auf dem Puffer sitzt
du.

Wir sprachen von fernen Küsten,

Vom Süden und vom Nord,

Und von den seltsamen Völkern

Und seltsamen Sitten dort ...

Heinrich Heine

Wanderlied der Prager Studenten

 

Nach Süden nun sich lenken
Die Vöglein allzumal
Viel Wand'rer lustig schwenken
Die Hüt' im Morgenstrahl
Das sind die Herrn Studenten,
Zum Tor hinaus es geht
Auf ihren Instrumenten
Sie blasen zum Valet:
Ade in die Läng und Breite
O Prag, wir ziehn in die Weite:
Et habeat bonam pacem,
Qui sedet post fornacem!

 

Nachts wir durchs Städtlein schweifen
Die Fenster schimmern weit
Am Fenster drehn und schleifen
Viel schön geputzte Leut
Wir blasen vor den Türen
Und haben Durst genung
Das kommt vom Musizieren
Herr Wirt, einen frischen Trunk!
Und siehe über ein kleines
Mit einer Kanne Weines
Venit ex sua domo -
Beatus ille homo!

 

Nun weht schon durch die Wälder
Der kalte Boreas,
Wir streichen durch die Felder
Von Schnee und Regen naß
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh,
Da blasen wir geschwinde
Und singen noch dazu:
Beatus ille homo
Qui sedet in sua domo
Et sedet post fornacem
Et habet bonam pacem!

 

der Text stammt von Joseph von Eichendorff (vor 1826)
als Lied machten die beiden deutschen Folk-Sänger Hein & Oss Kröher das Gedicht in den 1970er Jahren bekannt